Im oberpfälzischen Sulzbach erinnern Festspiele an das goldene Zeitalter der Stadt
von Josef Tutsch
Christian Knorr von Rosenroth
(1636-1689) - Bild: Festspiele
Der Dreißigjährige Krieg war gerade zu Ende gegangen. Prinz Christian August aus einer Nebenlinie des Hauses Wittelsbach befand sich auf Reisen durch Europa, und natürlich interessierte er sich nicht nur für Politik und Wirtschaft, sondern auch für die Religion – schließlich galt der "richtige" Glaube der Untertanen als wichtigste Voraussetzung für das Wohlergehen eines Landes. Aber welcher Glaube war denn nun der richtige?
Christian August zog aus dem Streit der Konfessionen eine Konsequenz, die damals sehr ungewöhnlich war: Solange man sich nicht einigen könne, sei es am besten, tolerant miteinander umzugehen. 1652 verkündete er das sogenannte "Simultaneum": In seinem Territorium Pfalz-Sulzbach sollten die beiden großen christlichen Konfessionen gleichberechtigt sein. 1666 weitete er dieses Toleranzprinzip noch einmal aus: Auch die Juden durften ihre Religion frei ausüben.
Ein Modell, das in Europa damals seinesgleichen suchte. Bislang war es üblich gewesen, dass die Untertanen der persönlichen Überzeugung ihres Fürsten folgen mussten; auch unter Christian Augusts Vorfahren, haben die Historiker gezählt, war es auf diese Weise siebenmal zum Konfessionswechsel des gesamten Landes gekommen. Was der Herzog einführte, war zwar keine Religionsfreiheit in unserem modernen Sinn; das Staatskirchentum blieb auch in Pfalz-Sulzbach voll erhalten. Aber unter Christian August und seinen Nachfolgern war in diesem kleinen Land ein religiöser Pluralismus in Geltung, wie er in den meisten anderen Ländern erst im Laufe von Aufklärung und Revolution ganz allmählich in Gang kam.
Freilich – es war ein obrigkeitlich verordneter Pluralismus. Vor Ort wurde das Simultaneum so gelebt, dass beide christlichen Konfessionen die Gemeindekirchen gleichermaßen nutzen durften; das führte immer wieder zu Reibereien, sogar noch im 19. Jahrhundert. In der Kirche von Sulzbach selbst kam es einmal dazu, dass Katholiken und Protestanten einander das Recht am Taufstein streitig machten und ihr "Recht" mit Schlössern durchsetzten – Jahre lang konnten weder die einen noch die anderen an diesem Ort Taufen durchführen.
Toleranz, dennoch, und zwar nicht nur für Christen, sondern auch für ein drittes, nicht-christliches Bekenntnis, die Juden. Davon profitierte auch die Wirtschaft. Vor allem Druckereien und Verlage, die sowohl der lutherischen Zensur in der Reichsstadt Nürnberg als auch der katholischen im bayerischen Amberg ausweichen wollten, siedelten sich in Sulzbach an. Als Verlagsort für jüdisches Schrifttum war die Stadt derart angesehen, dass außerhalb Bücher mit der falschen Angabe "Sulzbach" gedruckt wurden, um von diesem Glanz zu profitieren.
Christian Augusts Residenz in Sulzbach - Bild: Brian Snelson
Ein goldenes Zeitalter; kein Wunder, dass die kleine Stadt in der Oberpfalz (zusammen mit dem alten Industriestandort Rosenberg zählt sie heute gerade einmal 20.000 Einwohner) sich gern darauf beruft. Vor drei Jahren wurden Festspiele ins Leben gerufen, die an den Musenhof unter Christian August erinnern; benannt sind sie nach dem Hof- und Kanzleirat des Herzogs, Christian Knorr von Rosenroth. Der schlesische Pfarrerssohn, der 1668 seine Stelle in Sulzbach antrat, muss – mitten in der oberpfälzischen Provinz – ein Universalgenie gewesen sein: Politiker, Dichter und Wissenschaftler in einem breiten Spektrum von Alchemie und Naturwissenschaften über Recht und Geschichte bis zu orientalischen Sprachen und zur Religionsphilosophie.
Der Herzog, der 1655 zum Katholizismus übergetreten war, und sein lutherischer Kanzleirat waren sich darin einig, dass sie die konfessionelle Spaltung überwinden wollten. Wenigstens mit einer seiner Dichtungen hatte Knorr auch tatsächlich überkonfessionellen Erfolg: Sein Lied "Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte ..." findet sich bis heute sowohl in evangelischen als auch in katholischen Gesangbüchern. Der Großteil seiner poetischen Arbeit war jedoch eher weltlicher Art. 2007 wurde ein Stück aufgeführt, das für die Hochzeit einer Prinzessin aus dem verwandten Hause Pfalz-Neuburg mit Kaiser Leopold I. bestimmt war, eine mythologisch-allegorische Dichtung, wie das Publikum der Barockzeit sie liebte.
Was in diesem Jahr auf dem Programm steht, kommt dem Geschmack von heute aber doch vielleicht mehr entgegen: ein komisches Singspiel mit dem vielversprechenden Titel "Theseus unter seinen Liebhaberinnen", nach einer italienischen Vorlage 1692 bei der Hochzeit des Erbprinzen in Sulzbach uraufgeführt. Ein "Barock-Musical" verheißt die Werbung; auf der Bühne wird es vermutlich recht bunt her gehen: Pünktlich zur Hochzeit des Sagenhelden Theseus finden sich all seine Verflossenen, denen er ebenfalls die Ehe versprochen hat, in Athen ein.
Aber das tiefste Interesse des Hof- und Kanzleirats galt wohl doch der Religionsphilosophie. Und darin liegt auch der Grund, dass die ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, die Schirmherrschaft über die Knorr-von-Rosenroth-Festspiele übernommen hat. Nicht nur dass sich Sulzbach durch die Freiheit der Religionsausübung unter der Herrschaft von Christian August Sulzbach einen Platz in der Geschichte des Judentums gesichert hat; Knorrs wissenschaftliche Arbeiten gaben der Stadt auch einen Platz in der Geschichte der Judaistik.
1677 brachte Knorr das umfangreiche Werk "Kabbala denudata" heraus, "Die entschleierte Kabbala", eine Übersetzung mystischer Schriften des Judentums ins Lateinische. Im Zentrum stand der Sohar, das "Buch vom Glanze" (gemeint ist der Glanz des Himmels), in dem der spanisch-jüdische Schriftsteller Mosche de León um 1300 die Traditionen der jüdischen Mystik, der "Kabbala", zusammengefasst hatte.
Christian August v. Pfalz-Sulzbach (1622-1708) - Bild: Wikipedia
Der Sulzbacher Kanzleirat war keineswegs der erste Christ, der sich für diese Schriften interessierte. Bereits die Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts hatten darin uralte Weisheiten gesucht, mit denen sich die christliche Dogmatik neu deuten ließ, mit denen vielleicht aber auch magische Rezepte wiederzugewinnen waren. Knorr machte nun durch seine Übersetzung ins Lateinische erstmals den Text einem breiteren Gelehrtenkreis zugänglich. Kurz darauf folgte ein Druck des hebräisch-aramäischen Originals, mit dem Sulzbach seinen Ruf als führender Verlagsort jüdischen Schrifttums in Deutschland begründete.
Was Knorr sich von seiner "Kabbala denudata" versprach, lässt das Bild auf dem Titel ahnen: Unter der göttlichen Sonne, die das Wolkengebirge vertreibt, eilt ein Mädchen in den Palast der Geheimnisse. In der rechten Hand hält sie die brennende Fackel der Erleuchtung, in der linken eine Schriftrolle mit den Anfängen der Genesis und des Johannesevangeliums; an ihrem Arm hängt ein Schlüsselbund, um die Rätsel des Alten wie des Neuen Testaments aufzuschließen.
Die Wahrheit also der ganzen Bibel – Ziel war eine geeinte christliche Kirche, in der auch das Judentum seinen Platz finden würde. Als der Herzog das Buch an mehrere seiner fürstlichen Kollegen verschickte, schrieb er denn auch, hierin solle "sehr viel enthalten sein, welches mit den heiligen Schriften unseres Neuen Testaments übereinstimmt"; aus diesem Werk könnten die Juden von der Wahrheit des christlichen Glaubens überzeugt werden.
Es wird vor allem die kabbalistische Lehre von der Schöpfung gewesen sein, die den gläubigen Lutheraner Knorr (und vermutlich auch Herzog Christian August) dazu brachte, Verwandtes wiedererkennen zu wollen und im Sohar so etwas wie eine "Uroffenbarung" zu sehen. Die Entäußerung Gottes hat sich diesen mystischen Schriften zufolge in zehn sogenannten "Sefirot" oder Emanationen vollzogen, die in Dreierschritten geordnet sind – eine innere Differenzierung der Gottheit, die das Schöpfungswerk verständlich machen sollte, aber eben auch an die Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit erinnerte, also an jenen Punkt, in dem jüdische und christliche Theologie allgemeinem Urteil zufolge grundsätzlich auseinander gehen.
Kein Wunder, dass auch Christian August in seinem Begleitschreiben diesen Punkt aufgriff: Die christliche Lehre von den Personen der Gottheit und vom Messias sei in dem jüdischen Buche vorformuliert. Die Forschung von heute sieht solche Ähnlichkeiten natürlich nüchterner: Im Hintergrund der Kabbala wie des Christentums steht eine gemeinsame historische Voraussetzung, die Religionswelt der Spätantike, in der solche Spekulationen weit verbreitet waren.
Titelblatt von Knorrs "Kabbala denudata" 1677 - Bild: Univ. of Pennsylvania
Knorr selbst dachte eher religiös als bloß religionshistorisch; er suchte in den alten Schriften die Wahrheit, die das gemeinsame Fundament der streitenden Religionsparteien sein musste. Ziel war eine in dieser Wahrheit geeinte christliche Kirche, in der – auf der Grundlage ihrer eigenen religiösen Traditionen – auch die Juden ihren Platz finden würden. Und auf dem Weg dorthin war Toleranz das Gebot.
Träume von einer Ökumene, die bei religiös denkenden Menschen lebendig geblieben sind, wenngleich die Umstände sich zweifellos gewandelt haben. Das Interesse an metaphysischer Spekulation, wie es bei Knorr und vielen seiner Zeitgenossen so intensiv vorhanden war, ist heute auch unter Theologen selten geworden. Und auf politischer Ebene haben wir uns ohnehin mit dem Gedanken angefreundet, dass der religiöse Pluralismus – und zwar einschließlich entschieden areligiöser Positionen – ein Zustand auf Dauer ist. Da keine Aussicht besteht, dass wir uns über die "Wahrheit" jemals werden verständigen können, da die Wahrheiten über das Jenseits unserem begrenzten menschlichen Verstand womöglich prinzipiell unzugänglich sind, bleibt nur, dass wir hier auf Erden friedlich, in Freiheit und Gleichberechtigung, miteinander auskommen – der Staat hat sich aus den religiösen Überzeugungen seiner Bürger herauszuhalten.
Trotz dieses Unterschieds zwischen damals und heute – im 17. Jahrhundert, also lange vor dem Zeitalter der Aufklärung, war Sulzbach eine Insel relativer Freiheit im anhaltenden Kampf zwischen Reformation und Gegenreformation. Das friedliche Miteinander galt bis hinauf in die Staatsspitze mit ihrem lutherischen Kanzleirat und ihrem zum Katholizismus konvertierten Herzog. Wie es scheint, ging Christian August davon aus, auf der Grundlage der katholischen Theologie mit ihrer Betonung der Tradition sei eine interkonfessionelle Verständigung, die auch außerbiblische Quellen einbezog, eher möglich als von der lutherischen Orthodoxie her, die starr darauf beharrte, in der Heiligen Schrift die einzige Quelle religiöser Wahrheit zu sehen.
Die Hoffnungen, die sowohl die katholische Kirche als auch manche seiner Standesgenossen auf diesen Schritt gesetzt hatten, blieben jedoch unerfüllt. 1659 verließen die Jesuiten- und Kapuzinerpatres, die in Sulzbach die Gegenreformation hatten betreiben wollen, resigniert das Herzogtum. Christian August hatte keinerlei Druck auf seine Untertanen ausgeübt, der eigenen Konversion zu folgen.
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.
Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.
Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.
scienzz-partner
... LEUTE in scienzz
03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
wissenswert
17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr