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21.06.2010 - LITERATURWISSENSCHAFT

Fußball als Lebenschiffre

Sport und Literatur - zwei keineswegs unvereinbare Welten

von Josef Tutsch

 
 

Peter Handke
Bild: Peter Stojanovic

"Der Tormann überlegt, in welche Richtung der andere schießen wird. Wenn er den Schützen kennt, weiß er, welche Ecke er sich in der Regel aussucht." Ja, das sind Gedanken, wie sie vor dem Elfmeterschießen nicht nur dem Tormann, sondern auch jedem Fußballfan im Stadion und vor den Bildschirmen durch den Kopf gehen; Grund genug also, sich mit einem "Spickzettel" auf den Fall der Fälle vorzubereiten. "Möglicherweise rechnet aber auch der Elfmeterschütze damit, dass der Tormann sich das überlegt. Also überlegt sich der Tormann weiter, dass der Ball heute einmal in die andere Ecke kommt. Wie aber, wenn der Schütze noch immer mit dem Tormann mitdenkt und nun doch in die übliche Ecke schießen will?"

Literaturfreunde werden es längst bemerkt haben: Diese Sätze stammen nicht aus irgendeiner Fußballreportage, sondern aus einem der Erfolgsbücher der deutschen Nachkriegsliteratur, aus Peter Handkes Erzählung "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", 1970. Eines der nicht allzu zahlreichen Beispiele dafür, dass "große" Literatur sich des Themas Fußball angenommen hat und diese Themenwahl bereits im Titel signalisiert. Fußball und Literatur, Fußball und Kunst, Fußball und Kultur ganz allgemein – zwei unvereinbare Welten? "Die Literatur und die Kunst überhaupt haben sich schwer getan, vom Fußball zu erzählen", klagte in den 1990er Jahren der Journalist Dirk Schümer, und bereits in den 1950ern konstatierte der Anthropologe Helmuth Plessner generell "eine Sportfremdheit unter den Intellektuellen alten Schlags". Andererseits unterstellte der Philosoph Konrad Paul Liessmann kategorisch die "Literaturunfähigkeit des runden Leders"; der aggressive Einsatz des Fußes sei primitiv und kulturlos.

Eine These, die in dieser Radikalität durch Handkes Erzählung und durch Wim Wenders’ Film gleichen Titels, ein Jahr später, bereits widerlegt wird. Handke ist kein Einzelfall. Auch die deutsche Literatur, stellt Oliver Lubrich, Rhetorikprofessor an der Freien Universität Berlin, in seiner Studie über die "Fußballfähigkeit von Literatur" fest "ist durchaus voll von Texten, die vom Fußball handeln von Karl Valentin und Friedrich Torberg über Ödon von Horvath, Heinrich Böll und Günter Grass, Franz Mon, Ror Wolf und Eckhard Henscheid bis zu Thomas Brussig und Elfriede Jellinek". Dennoch wird gerade in Deutschland geklagt – vielleicht ja auch nur, weil Theodor Fontane und Thomas Mann und Robert Musil nun einmal keinen Fußballroman geschrieben haben. "Der bürgerliche Intellektuelle und das Volk stehen sich fremd gegenüber", schrieb 2006 der Essaist Helmut Böttiger: "Fußball und Literatur, das waren in Deutschland immer größtmögliche Gegensätze."

Sollte es diesen Gegensatz wirklich geben, dann ist er keine deutsche Besonderheit, meint Lubrich. In "Fever Pitch" von dem britischen Schriftsteller Nick Hornby, dem international wohl erfolgreichsten aller Fußballromane, will eine Freundin dem Erzähler keinesfalls abnehmen, dass er sich nach der offenbar doch recht gutwilligen Lektüre eines feministischen Buches immer noch für den Mannschaftssport begeistern kann. Lubrich: "Der Widerspruch zwischen Intellektualität und Fußball war sogar in dessen ‚Mutterland’ zu haben."

Nick Hornby - Bild: Joe Mabel
Der – wirkliche oder vermeintliche – Gegensatz ist auch keine Erfindung der Moderne oder des bürgerlichen Zeitalters. Lubrich zitiert den Theologen Tertullian, der um das 200 nach Christus argumentierte, der Besuch der "heidnischen" Schauspiele sei mit dem christlichen Glauben unvereinbar, und zwar nicht nur, weil sie mit dem Götzendienst zusammenhingen, sondern vielmehr, weil in der Zuschauermasse eine ungezügelte Begeisterung hervorgerufen werde. Der Anblick der Spiele mache rasend und lenke die Gedanken von den göttlichen Dingen ab. Zwei Jahrhunderte später malte der Kirchenvater Augustinus die moralische Gefahr, die von den Zirkusspielen auf den Zuschauer ausgehen könne, in aller Drastik aus: "Sobald er das Blut sah, durchdrang ihn wilde Gier, konnte er sich nicht mehr abwenden. Er schaute, schrie, glühte und nahm seinen Wahnsinn mit nach Hause."

Verglichen mit den blutigen, ja tödlichen Spielen damals ist Fußball heute mit seinem strengen Regelwerk ein ausgesprochen kultivierter und humaner Sport, "Symptom einer relativ hohen Zivilisationsstufe", wie der Soziologie Norbert Elias analysiert hat. Dass er manchmal ins Zwielicht gerät, indem er sich zum Beispiel als Propagandainstrument vorzüglich eignet, teilt er mit anderen sozialen Phänomenen, selbst mit der Religion. "Der Fußball hatte einen schweren Stand", schrieb 1994 der spanische Schriftsteller Javier Marías im Rückblick auf die Francozeit, "er galt als rechts, wenn nicht gar franquistisch, als eine Art weltliches Opium für das Volk." Und in seiner berühmten Reportage über den "Fußballkrieg" zwischen Honduras und El Salvador stellte der polnische Essayist Ryszard Kapuscinski 1969 fest: "In ganz Lateinamerika erfüllen die Stadien eine doppelte Rolle: In Friedenszeiten werden dort Spiele ausgetragen, in Krisenzeiten verwandeln sie sich in Konzentrationslager."

Ist es ein Zufall, dass das Thema Fußball gerade in der lateinamerikanischen Literatur der letzten Jahrzehnte eine zentrale Rolle einnimmt? Lubrich nennt den Chilenen Antonio Skármeta. In dessen Erzählung "Der Schulaufsatz" träumt ein Junge davon, einen richtigen Lederfußball zu besitzen. Die Handlung spielt unter der Diktatur Augusto Pinochets. Gerade die Möglichkeit, dass dieser Traum wirklich werden könnte, versetzt die Eltern des Jungen deshalb in Angst. In der Schule wurde ein Aufsatzwettbewerb ausgeschrieben, Thema: was die Eltern nach der Arbeit tun, worüber sie sprechen, welche Radiosender sie einschalten ... Indem der Text vom Fußball handelt, resümiert Lubrich, "setzt er sich mit dem Terror in Chile auseinander".

Die Geschichte geht übrigens gut aus. In dem Aufsatz, den der kleine Pedro abliefert, ist wirklich nur vom fußballerischen Alltag im Viertel die Rede. Natürlich handelt es sich bei Skármetas Erzählung nicht eigentlich um Fußballliteratur, die ihren Ehrgeiz darauf lenken würde, das Spiel selbst abzubilden. Andererseits, so Lubrich, ist der Fußball auch nicht "austauschbares Detail, verschiebbare Kulisse, folkloristisches Kolorit". Es verhalte sich ähnlich wie zum Beispiel bei "Moby Dick": Der klassische Roman von Herman Melville sei "nicht nur ein Buch über den Walfang, aber auch keines, in dem dieser eine beliebige Zutat wäre". Der Fußball verweist auf etwas anderes; darin nehmen immer wiederkehrende Themen wie "Kampf, Sieg und Niederlage, Aufstieg, Überhebung und Untergang, Verfolgung, Angst und Erinnerung" zeitgenössische Gestalt an.

Antonio Skármeta
Bild: Eduardo Frei Ruiz Tagle

Im Falle Skármetas: die Verfolgung unter einer Diktatur. Die Reihe lässt sich fortsetzen. Der Mexikaner Juan Villoro thematisiert in seiner Erzählung "Das Außengespenst" die Mechanismen der Korruption; in der Kurzgeschichte "Der Rasen" von dem Urugayer Mario Benedetti steht der Fehler eines Torwarts für das Missgeschick, das eine Karriere zerstören kann; der "Rasen" des Spielfelds verwandelt sich am Ende in das Gras des Armenfriedhofs, auf dem der Unglückliche bestattet wird. Oder, um noch auf ein deutschsprachiges Beispiel zu kommen: "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" von Friedrich Christian Delius reflektiert anhand des Fußballs nicht nur einen individuellen Lebenslauf, sondern die deutsche Geschichte, von der Wiederbewaffnung bis zur Wiedervereinigung.
 
À propos Wiedervereinigung: Der Kulturwissenschaftler Klaus Theleweit hat die These aufgestellt, durch den Zusammenbruch des Sowjetblocks sei die Begeisterung für den Fußball auch unter Intellektuellen angestiegen. Der Sport habe sozusagen den "Wegfall der Utopien" ausgleichen müssen. Ein zweifelhaftes Kompliment, sowohl für den Fußball als auch für die intellektuellen Eliten, denen eine reichlich unkritische Vorliebe für den "real existierenden Sozialismus" der Ostblockstaaten unterstellt wird; aber wahrscheinlich greift Theleweits These zu kurz. Lubrich verweist zu Recht darauf, dass sich der Kulturbegriff in den letzten Jahrzehnten auch zum Beispiel in den Geisteswissenschaften zur Alltagskultur hin geöffnet hat. Der Literaturunterricht in den Schulen war dem bereits vorangegangen, als – zum Schrecken traditionsbewusster Eltern – neben oder auch anstelle von Goethes "Faust" Zeitungstexte auf den Lehrplan gesetzt wurden.

Der Journalist Jürg Altwegg hat denn auch bereits für das Ende der 1960er Jahre einen kulturellen Umbruch festgestellt, jedenfalls im "Kulturjournalismus"; die "hohe" Literatur dagegen haben sich weiterhin gegen den Massensport gesperrt, aus einem fundamentalen Unvermögen heraus, "Fußball als Epos, Schauspiel, Poesie zu gestalten". Ob das eigentlich richtig ist, kann man mit Blick zum Beispiel auf Peter Handke natürlich bezweifeln. Oder doch nicht? Gerade von fußballverständigen Kritikern wurde Handke nach dem Erscheinen seiner Erzählung heftig angegriffen. Ein typisches Beispiel fußballferner Schriftstellerei, schrieb Rainer Moritz, und Liessmann verallgemeinerte: "Solches Missverständnis markiert das Verhältnis von Literatur und Fußball allgemein."

Lassen wir die Frage beiseite, wie viel Handke wirklich vom Spiel verstanden hat. In einem hatte der Kritiker Helmut Böttiger Recht: Die Handlung dreht sich "um alles andere als Fußball". Die Erzählung ist das Protokoll eines Verfolgungswahns, eines alptraumhaften und selbstzerstörerischen Reflexionszwangs. "Der Tormann überlegt, in welche Richtung der andere schießen wird ..." Josef Bloch, wie Handke seinen Helden benannt hat, ist immer auf der Flucht; der Nachname Bloch bezeichnet im Polnischen, darauf weist Lubrich hin, einen aus Frankreich vertriebenen Juden.

Ist es willkürlich, wenn man bei dem Vornamen Josef an Franz Kafkas Roman "Der Prozess" denkt, in Handkes Erzählung vom "Tormann" eine moderne Variation der Parabel vom "Türhüter" sieht? "’Die Angst des Tormanns beim Elfmeter’", resümiert Lubrich, hat mit Fußball zugleich weniger und mehr zu tun, als man auf den ersten Blick annehmen möchte." Die Elfmetersituation wird als Lebenschiffre ausgedeutet, wie bei Kafka der Prozess oder bei Melville der Walfang. Mehr lässt sich von Literatur, wenn sie sich mit Fußball befasst, kaum verlangen.


Mehr im Internet:
Oliver Lubrich: Poetik der Besessenheit. Zur Fußballfähigkeit der Literatur
Fußball mit weißen Handschuhen, scienzz 09.05.2010 
Im schwarz-rot-goldenen Meer, scienzz 05.06.2008



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

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