Die Jakobsmuschel als Wegzeichen
(León, Spanien) - Bild: merlin
"El camino comienza en su casa", sagt man in Spanien, "Der Weg beginnt in Ihrem Haus". Und das ist nicht nur als tiefsinnige Lebensweisheit zu verstehen, sondern bezieht sich ursprünglich auf einen ganz bestimmten Weg. Der Weg schlechthin – das war im Mittelalter der Jakobsweg, die Wallfahrtsstraße nach Santiago de Compostela. Seit ein paar Jahrzehnten erlebt diese große Reise des christlichen Mittelalters eine Art Renaissance. Zum Fest des heiligen Jakobus am 25. Juli ziehen Jahr für Jahr etwa 75.000 Menschen in die Nordwestecke Spaniens. Und darin sind nur jene mitgezählt, die durch Stempel in ihrem Pilgerausweis belegen können, dass sie die letzten 100 Kilometer zu Fuß, ersatzweise die letzten 200 Kilometer zu Pferd oder auf dem Fahrrad zurückgelegt haben. In "heiligen Jahren" – immer dann, wenn, wie in diesem Jahr, der Festtag auf einen Sonntag fällt – sind es mindestens einhunderttausend mehr.
Da geraten die 95.000 Einwohner der galicischen Stadt dann leicht in die Minderheit. Ziel der Sehnsüchte ist das Grab des Apostels Jakobus, das seit dem 9. Jahrhundert in Santiago verehrt wird. Viele Pilger verbringen die Nacht vor dem Festtag wachend und betend in der Kathedrale; man kann sich vorstellen, dass der "Botafumeiro", das riesige Weihrauchfass, das durch das Querschiff geschwenkt wird, nicht nur eine liturgische Funktion hat, sondern auch dazu dient, Ausdünstungen zu neutralisieren. Die Reliquien seien echt, beteuert die Erzdiözese von Santiago und verweist auf eine alte Inschrift, in der ein Schüler des Apostels genannt sein soll. Freilich – die Kathedrale steht in Konkurrenz zur armenischen Jakobskirche in Jerusalem, die ebenfalls beansprucht, den Schädel des Heiligen in ihren Mauern zu bergen.
Historisch ist über Jakobus – Jakobus den Älteren, wie er genannt wird, um ihn von einem anderen Apostel gleichen Namens zu unterscheiden – nur wenig bekannt. Den Evangelien zufolge war er einer der erstberufenen Jünger Jesu; die Apostelgeschichte berichtet, er sei in den 40er Jahren unter König Herodes Agrippa hingerichtet worden. Irgendwann um 600 kam die Legende auf, er habe in Spanien gepredigt, Das war in der katholischen Kirche lange umstritten. Im 17. Jahrhundert konnte nur durch eine Intervention des spanischen Botschafters beim Heiligen Stuhl verhindert werden, dass diese Missionsreise aus den Heiligengeschichten gestrichen wurde.
Viel weniger Widerspruch fand die andere Nachricht, der Leichnam des Apostels sei nach Spanien gelangt. Ob nun auf wunderbare Weise unmittelbar nach seiner Hinrichtung oder viel später, weil fromme Mönche ihn vor den Muslimen in Sicherheit bringen wollten, da war die Überlieferung sich nicht einig. Seine Begräbnisstätte in "Santiago" – übersetzt: "heiliger Jakobus" – wurde später allerdings ebenfalls von den Muslimen erobert. Eine Legendenversion schrieb Karl dem Großen das Verdienst zu, das Apostelgrab und den Weg dort hin befreit zu haben. Historisch gesichert ist nur, dass um das Jahr 830 der spanische Bischof Theodemir erklärte, ein soeben gefundenes Grab enthalte die Gebeine des Apostels Jakobus. König Alfons II. von Asturien ließ eine Kirche errichten, an eben der Stelle, wo sich heute die gewaltige Kathedrale erhebt.
Die Kathedrale in Santiago de Com- postela - Bild: Vasco Roxo
Vom Wallfahrtsort des Mittelalters gewinnen Pilger und Touristen heute kaum noch einen Eindruck. Der Barockstil beherrscht die Kathedrale und die Stadt in atemberaubender Prachtentfaltung. Aber in der Kirchenvorhalle ist die alte romanische Fassade erhalten geblieben, der sogenannte Pórtico de la Gloria, eines der eindrucksvollsten Werke des gesamten Mittelalters. Hoch oben am Mittelpfeiler, gleich unter dem Weltenrichter Christus, thront er selbst, der Apostel. In Innern der Kirche findet man ihn noch einige Male: auf dem Hochaltar als lebensgroße Steinfigur, der sich die Pilger in langen Schlangen ehrfürchtig nähern, um ihn auf die Schulter zu küssen. Und darüber nochmals, hoch zu Ross und mit dem Schwert in der Hand, als "Matamoros", als Maurentöter.
Denn die Verehrung des heiligen Jakobus hatte nicht nur religiöse Dimensionen. Die Könige von Asturien wie jene der späteren spanischen Reiche schrieben ihre Siege dem Eingreifen des Heiligen zu, zumal wenn die Kämpfe sich gegen die muslimischen Mauren richteten. Nachdem die Reconquista abgeschlossen war, setzte sich diese Tradition dennoch fort. Jakobus wurde Schlachtenhelfer auch gegen die Türken und gegen die Indios in Amerika, im Unabhängigkeitskrieg der lateinamerikanischen Kolonien gegen das Mutterland Spanien dann sogar auf beiden Seiten. Noch Franco versuchte bei seinem Putsch gegen die spanische Republik den Heiligen einzuspannen. 1937 erklärte er den 25. Juli zum Nationalfeiertag.
Echtheit oder Unechtheit des Grabes – Zweifler scheint es schon immer gegeben zu haben. 1496 wurde der rheinische Ritter Arnold von Harff gewarnt, wenn er sich dergleichen nicht aus dem Kopf schlage, könne er unverzüglich verrückt werden wie ein tollwütiger Hund. Aber die Reliquien sind sogar später noch einmal verschwunden. 1589, als die Freibeuter der englischen Königin Elisabeth I. vor der galicischen Küste auftauchten, versteckten die Domherren sie, scheinen ihren Nachfolgern den genauen Ort jedoch nicht überliefert zu haben. Erst 1879 wurden sie wieder aufgefunden. 1884 empfahl Papst Leo XIII. die Verehrung des Grabes allen Gläubigen.
Für Millionen frommer Pilger hat die Frage der Echtheit keine Rolle gespielt. Die Reliquien bewiesen ihre Kraft, indem sie wirkten, vor allem: Wunder bewirkten, manchmal auf sehr handgreifliche Weise. Ein Verbrecher, wurde erzählt, der sein Strafregister mitführte, um sich in Santiago seine Sühnefahrt bestätigen zu lassen, fand bereits bei der Ankunft ein weißes Papier vor – der Heilige selbst hatte die Sünden gelöscht. Einem Richter, der einen Pilger unschuldig hatte hängen lassen, wurde bei der Mahlzeit gemeldet, der Delinquent lebe noch. Er wollte es nicht glauben und meinte, der Bursche sei so tot wie die gebratenen Hühner auf seinem Teller. Da wurden die Vögel plötzlich lebendig und flogen davon.
Statue eines Jakobspilgers (Santiago de Compostela) Bild: Yearofthedragon
Bereits kurz nach seiner Entdeckung galt das Grab als authentisches Zeichen der biblischen Geschichte – neben den Apostelgräbern in Rom das einzige im christlichen Abendland. Bereits 844 notierte ein arabischer Kaufmann verwundert die Anwesenheit von Pilgern aus der Normandie in Spanien. Santiago wurde neben Jerusalem und Rom zum attraktivsten Wallfahrtsort des Mittelalters, im Ergebnis vermutlich sogar vor Jerusalem: Bei aller Beschwerlichkeit war der Weg nach Galicien doch eher zu realisieren als jener ins Heilige Land.
Seit ein paar Jahrzehnten sind diese Wallfahrtswege wieder populär geworden. Die UNESCO, die bereits 1985 die Altstadt von Santiago zum Weltkulturerbe erklärte, deklarierte einige Jahre später den gesamten "Camino Francés" in Spanien zum europäischen Kulturweg, den "Frankenweg", also jene Straße, die von den Pyrenäen über Pamplona, Burgos und León nach Santiago führt. Im strengen Wortsinn kann nur diese Strecke durch das nördliche Spanien als "Jakobsweg" bezeichnet werden; aber in der Umgangssprache hat sich das Wort auch für jene Pilgerwege eingebürgert, die damals auf den Pyrenäenübergang zuführten. Das sogenannte Jakobsbuch, ein Pilgerführer des 12. Jahrhunderts, beschreibt für Frankreich vier solcher Routen. Auch im deutschen Sprachraum werden die Pilgerstraßen des Mittelalters heute gern "Jakobswege" genannt.
Tatsächlich werden sich die Streckenführungen bis weit hinein in die Neuzeit kaum verändert haben. Entlang den Pilgerstraßen war eine umfangreiche Infrastruktur aufgebaut, mit Kirchen und Klöstern, Herbergen, Gasthäusern und Hospitälern. Pilgerführer gaben ausführliche Informationen über Wegführung und Entfernungen, nannten Heiligtümer und Sehenswürdigkeiten am Wegesrand, wiesen auf günstige oder auch weniger günstige Möglichkeiten zu essen und zu schlafen hin. Aufrechterhalten wurde diese Infrastruktur von Bruderschaften, die unter dem Patronat des heiligen Jakobus standen. Vielleicht geht sogar das Wort "Köbes", mit dem im kölnischen Raum die Bedienung herbeigerufen wird, darauf zurück: jemand, der sich im Auftrag einer solchen Bruderschaft um das leibliche Wohl der Pilger oder Gäste zu kümmern hatte.
Auf der Rückreise war das Kennzeichen der Pilger die sogenannte Jakobsmuschel, eine Muschelart, die vor der spanischen Atlantikküste vorkommt. Gleich vor der Kathedrale konnte man die Schalen erwerben. "Die Pilger heften sie bei der Rückkehr vom Grab des heiligen Jakobus an ihre Mäntel und bringen sie als Zeichen der langen Reise mit großer Freude nach Hause", heißt es im "Jakobsbuch". Ganz profan ließen sich die Schalen auch zum Wasserschöpfen benutzen. Vielen Pilgern wurden sie nach dem Tod mit ins Grab gelegt.
Jakobspilger, von Jost Amman und Hans Sachs, 1568 Bild: Universität Köln
Heute ist die Jakobsmuschel das Firmenzeichen des Mineralölunternehmens Royal Dutch Shell – ein Symbol allgemeiner, nicht unbedingt religiös motivierter Mobilität. Und wie viel an der aktuellen Wiederbelebung der Wallfahrt nach Santiago religiös, christlich oder katholisch sein mag, ist natürlich eine offene Frage. In den Pilgerlisten finden sich prominente Namen: Papst Johannes Paul II., der Chef des österreichischen Kaiserhauses, Otto von Habsburg, die Schriftsteller Cees Nooteboom, David Lodge, Henrik Stangerup und Paulo Coelho, die Schauspielerin Shirley MacLaine. Und natürlich der Entertainer Hape Kerkeling, der den "Weg" 2006 mit seinem Buch "Ich bin dann mal weg" in weiteren, auch religiös desinteressierten Kreisen populär machte. Viele fromme Spanier glauben sogar, ihr Land verdanke den Gewinn der Fußball-Europameisterschaft 2008 dem heiligen Jakobus. Der Trainer der Nationalmannschaft, Luis Aragonés, hatte vor dem Turnier eine Wallfahrt gelobt. Wie Fußballfreunde wissen, ließ der Heilige "seine" Spanier nicht im Stich.
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"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr