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12.07.2010 - GESCHICHTE

Als eine europäische Großmacht geboren wurde

Tannenberg 1410 - Vor 600 Jahren besiegten Polen und Litauer den Deutschen Ritterorden

von Josef Tutsch

 
 

Der Sieger: Wladyslaw Jagiello
von Polen, posthumes Gemälde
um 1478 - Bild: Wikipedia

Die Zeitgenossen scheinen sich bewusst gewesen zu sein, dass sie eine historische Entscheidung miterlebten. In der Nacht zuvor, so erzählte man sich im Volke, war am Himmel über Masuren das Schauspiel zu sehen, wie die riesigen Schatten eines Königs und eines Mönchs einander erbittert bekämpften, bis der Mönch am Ende unterlag.

Es war am 15. Juli des Jahres 1410, dass südlich der Stadt Allenstein oder Olsztyn, zwischen den Orten Tannenberg (Stebark) und Grünfelde (Grunwald), zwei große Heere aufeinander trafen. Auf der einen Seite standen die Ritter des Deutschen Ordens unter Hochmeister Ulrich von Jungingen mit ihren Hilfstruppen, auf der anderen eine gemeinsame Streitmacht des Königs von Polen, Wladyslaw II. Jagiello, und des Großfürsten von Litauen, Vytautas. Der Orden, der fast zwei Jahrhunderte lang als nahezu unbesiegbar gegolten hatte, erlitt eine vernichtende Niederlage. Für Polen-Litauen bedeutete die Schlacht den Aufstieg zur europäischen Großmacht. Der Sieg begründete einen nationalen Mythos, der Jahrhunderte später auch die Zeit der Polnischen Teilungen zu überbrücken half.

Die "Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem“, wie der Deutsche Orden sich offiziell nannte, hatten im Heiligen Land gegen die Muslime gekämpft; als die Territorien der Kreuzritter dort jedoch nach und nach verloren gingen, verlagerten sie ihre Aktivitäten nach Europa. Der Versuch, in Siebenbürgen eine unabhängige Herrschaft aufzubauen, scheiterte. Aber 1226 ergab sich eine neue Gelegenheit. Herzog Konrad I. von Masowien rief die bewaffneten Mönche auf, ihm im Kampf gegen die heidnischen Prußen im Kulmerland beizustehen. Der Orden kam, ließ sich seine Hilfe jedoch teuer bezahlen. Durch die Unterschrift von Kaiser und Papst wurde garantiert, dass alle eroberten Länder keinem weltlichen Lehnsherrn untertan sein würden.

Es war der Anfang eines halb weltlichen, halb geistlichen Herrschaftsgebiets, das bald nicht nur Ostpreußen, sondern auch das Baltikum umfasste. Ihr Ende fand die Expansion erst dort, wo heute noch die Grenze zwischen Estland und Russland verläuft: Auf dem vereisten Peipussee schlug 1242 ein Heer unter Führung des Fürsten von Nowgorod, Alexander Newski, das Ordensheer zurück. Im Innern jedoch wurde ein Staatswesen aufgebaut, das in seiner ökonomischen Effizienz unter den Flächenstaaten im nördlichen Europa damals seinesgleichen suchte. Dass die legitimierende Grundlage dieses Staates – die Heidenmission – sich mehr und mehr erübrigte und nur noch als Fassade diente, die einheimische Bevölkerung auszubeuten, werden die Ritter selbst vielleicht gar nicht zur Kenntnis genommen haben.

Darstellung in der "Berner Chronik" von
Diebold Schilling dem Älteren, um 1483
Bild: Wikipedia
Das Ende zog herauf, als 1386 der litauische Großfürst Jagiello die polnische Königin Hedwig heiratete und unter dem Namen Władysław II. Jagiełło den polnischen Thron bestieg; die Herrschaft über Litauen überließ er nun seinem Vetter Vytautas. Die beiden mächtigsten Rivalen des Ordensstaates, das längst christianisierte Polen und das immer noch halb und halb heidnische Litauen, hatten sich zusammengetan. Im Winter 1409/10 wurde in Brest-Litowsk ein gemeinsamer polnisch-litauischer Kriegsplan beschlossen. Das Ziel war sehr ehrgeizig gesteckt: die Marienburg, die Zentrale der Ordensverwaltung, zu erobern.

Moderne Historiker schätzen, dass sich im Juli 1410 im südlichen Masuren auf der Seite des Ordens 20.000 bis 30.000, auf polnisch-litauischer Seite etwa 30.000 bis 40.000 Kämpfer versammelten. Wie es heißt, ließ Hochmeister Ulrich von Jungingen vor der Schlacht sowohl dem polnischen König als auch dem litauischen Großfürsten jeweils ein blankes Schwert überbringen. Eine Aufforderung, unverzüglich den Kampf aufzunehmen – wie es scheint, hatte der König gezögert. Ob er, im Gegensatz zu seinem Vetter, ganz einfach ängstlich war oder die Gelegenheit nicht für günstig hielt, wird aus den Quellen nicht klar. Vielleicht schreckte er in diesem Augenblick ja doch davor zurück, die Waffen gegen ein Heer zu führen, das immerhin unter dem Patronat der Heiligen Jungfrau und Gottesmutter stand.

Tatsächlich ist denkbar, dass die polnischen Truppen an dem Sieg damals geringeren Anteil hatten als ihre litauischen Verbündeten. Sollte es diese fromme Scheu wirklich gegeben haben – die folgende Niederlage zerstörte den religiösen Nimbus des Ordens gründlich. Die siegreichen Polen konnten den Ausgang als Gottesurteil auffassen. Wie der Chronist Jan Dlugosz berichtet, sangen sie noch auf dem Schlachtfeld jenes Muttergotteslied, das schon bald als eine Art polnischer Nationalhymne galt. Es gab auch allen Anlass, den Ordensrittern unchristlichen Hochmut vorzuwerfen. Teile des litauischen Kontingents hatten sich während der Schlacht zeitweise vom Feld zurückgezogen. Ob das nun als Kriegslist geschah oder schlicht als Flucht – jedenfalls gewannen die Ordensritter zeitweise die Oberhand, konnten sogar das gegnerische Reichsbanner erbeuten und stimmten voreilig triumphierend den Choral "Christ ist erstanden“ an.

Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit, den die Gegner zum vernichtenden Schlag nutzten. Als der Hochmeister den Tod fand, löste sich das Ordensheer in wilder Flucht auf. "Die feindlichen Lager mit großen Vorräten und Reichtümern, die Wagen und der gesamte Tross des Hochmeisters und der preußischen Ritterschaft fielen in die Hände der polnischen Soldaten“, schreibt Dlugosz. "Man fand im Lager der Kreuzritter einige Wagen, die nur mit Ketten und Banden beladen waren. Ihres Sieges gewiss und nicht Gott um diesen bittend, mehr mit dem künftigen Triumph als mit der Schlacht beschäftigt, hatten sie diese für die Fesselung der Polen vorbereitet. Es gab auch andere Wagen voll mit Kienholz, auch mit Talg und Pech getränktem Werg, mit dem sie die geschlagenen und fliehenden Polen vor sich her jagen wollten.“ Sätze, die wohl eine realistische Vorstellung geben, wie die Ritter mit der einheimischen Bevölkerung unter ihrer Herrschaft umzugehen pflegten.  "Zu früh freuten sie sich ihres Sieges, stolz auf sich selbst vertrauend und nicht bedenkend, dass der Sieg in Gottes Hand lag. So hat Gott ihren Hochmut gerecht bestraft, denn die Polen banden sie mit eben diesen Eisen und Fesseln.“

Das Grunwald-Denkmal auf dem
Matejko-Platz in Krakau, einge-
weiht 1902 - Bild: Iwona Grabska
Nach der Schlacht machte sich das polnisch-litauische Heer auf den Weg Richtung Marienburg. Die Belagerung musste im September abgebrochen werden. Dennoch – für den Ordensstaat war es der Anfang vom Ende. Große Landesteile mussten abgetreten werden, die hohen Kontributionen belasteten die Landstände derart stark, dass es zum Aufstand gegen die Herrschaft der Ritter kam. 1454 brach der Krieg erneut aus, 1466 musste der Orden den westlichen Teil seines Staates, im Gebiet des heutigen Ostpreußen, von der polnischen Krone zum Lehen nehmen. 1525 nutzte der amtierende Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach die Reformation, um die geistliche Herrschaft über Ostpreußen in ein weltliches Herzogtum unter polnischer Oberhoheit umzuwandeln.

Auf dem Konzil in Konstanz einige Jahre nach der Schlacht von Tannenberg oder Grunwald konnte Polen dem militärischen Triumph noch einen diplomatischen hinzufügen. Der Orden scheiterte mit dem Versuch, seine Gegner als Feinde des christlichen Glaubens verurteilen zu lassen. Tatsächlich war Litauen noch weitgehend heidnisch; selbst bei den Häuptern der Fürstenfamilie, Jagiello und Vytautas, lag es kaum zwanzig Jahre zurück, dass sie sich hatten taufen lassen. Aber offenbar kamen die Konzilsväter in Konstanz zu der Meinung, die Zwangsbekehrung der letzten Heiden im Nordosten Europas sei nicht mehr zeitgemäß. Und damit hatte im Grunde auch der Ordensstaat seine Legitimation verloren.

Von den erbeuteten Ordensbannern wurden einige noch im 17. und 18. Jahrhundert in der Kathedrale von Krakau gezeigt. Ihre große Karriere in der polnischen Erinnerungskultur nahm die Schlacht jedoch erst, als die nationale Identität durch die Teilungsmächte Russland, Preußen und Österreich bedroht war. In den 1870er Jahren schuf der Historienmaler Jan Matejko sein Monumentalbild der Schlacht, "mit Wut“ auf die Politik der Besatzer, wie er selbst erklärte; 1900 veröffentlichte der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz den Roman "Die Kreuzritter“. Unter der Maske des späten Mittelalters prangerte Sienkiewicz die aktuellen Zustände im geteilten Polen der vorletzten Jahrhundertwende an, in einer recht plakativen Schwarz-Weiß-Darstellung, wie Kritiker bemängelt haben.

Zur Fünfhundertjahrfeier 1910 wurde das erste polnische Denkmal der Schlacht enthüllt – nicht auf dem Schlachtfeld, das zu Preußen gehörte, sondern weit entfernt in Krakau, unter dem Schutz der relativ nachsichtigen österreichischen Kulturpolitik. Es steht heute noch, freilich als Kopie; das Original wurde während der deutschen Besetzung 1940 eingeschmolzen und musste später durch einen Neuguss ersetzt werden. Denn inzwischen hatte die Schlacht von Tannenberg auch in der deutschen Erinnerungskultur ihre Stelle eingenommen. 1862 hatte der Historiker Heinrich von Treitschke das "deutsche Ordensland Preußen“ als einen "festen Hafendamm“ gepriesen, "verwegen hinausgebaut vom deutschen Ufer in die wilde See der östlichen Völker“. Eine bemerkenswerte Akzentverschiebung gegenüber der mittelalterlichen Sicht der Dinge: Statt Christen gegen Heiden hieß es nun Deutschtum gegen Slawentum. 
 

Fliegeraufnahme des deutschen Tannen-
berg-Denkmals zur Schlacht im 1. Welt-
krieg (1945 gesprengt) - Bild: Sendker

1901 setzten deutsch-nationale Kreise auf dem Schlachtfeld einen Gedenkstein für den gefallen Hochmeister: "Im Kampf für deutsches Wesen, deutsches Recht starb hier der Hochmeister Ulrich von Jungingen am 15. Juli 1410 den Heldentod“. Da war es nur konsequent, dass 1914, als in der Gegend südlich von Allenstein wiederum eine große Schlacht stattfand, die Gelegenheit gekommen schien, die Erinnerung an die "Schmach“ von 1410 zu überdecken. Ende August, gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, hatte das deutsche Militär unter Paul von Hindenburg Teile der russischen Armee zerschlagen. "Wird der Deutsche es je wieder zulassen“, schrieb Hindenburgs Stellvertreter Erich Ludendorff später in seinen "Kriegserinnerungen“, "dass Litauer und namentlich der Pole aus unserer Ohnmacht Nutzen ziehen und uns vergewaltigen? Soll Jahrhunderte alte deutsche Kultur verloren gehen?“

Dass die Schlacht von 1914 sich nicht gegen Polen und Litauen, sondern gegen Russland gerichtet hatte, machte in dieser Sicht offenbar keinen Unterschied. 1925 nutzen antirepublikanische Kräfte den Namen des Schlachtortes, um unter der Bezeichnung "Tannenberg-Bund“ eine Sammlung "völkischer Frontkrieger- und Jugendverbände“ ins Leben zu rufen. Aber die Erinnerung an Tannenberg war kein Monopol der Rechtsextremen. 1924 wurde auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs ein monumentales Denkmal errichtet, das in seiner Form entfernt an eine mittelalterliche Ordensburg erinnerte. 1927 konnte Hindenburg, inzwischen Reichspräsident, das Denkmal einweihen. Es wurde zu einem nationalen Wallfahrtsort, erst recht nachdem das nationalsozialistische Regime den "Helden von Tannenberg“ 1934 dort hatte aufbahren und beisetzen lassen. 1945, als die Rote Armee anrückte, wurde das Denkmal von der deutschen Wehrmacht gesprengt.

Tannenberg – wahrscheinlich würde eine Meinungsumfrage ergeben, dass in Deutschland unter diesem Namen nur noch die Schlacht von 1914 bekannt ist. Im polnischen Geschichtsbewusstsein dagegen ist “Grunwald 1410“ allgegenwärtig, als der Tag, an dem Polen im Kreis der europäischen Völker seine Gleichberechtigung erstritt. Eine vergleichbare Rolle spielt die Schlacht von Zalgiris, wie der Ort litauisch genannt wird, im nationalen Selbstverständnis Litauens: Es war das Datum, mit dem das baltische Volk als Akteur in die Geschichte Europas eintrat So gut wie jede Stadt in Polen hat heute eine "ulica Grunwaldzka“ oder einen "plac Grunwaldzki“.

Und natürlich werden auf dem Schlachtfeld von damals auch in diesem Jubiläumsjahr wieder farbenprächtige Spiele abgehalten. 6.000 Mitwirkende in mittelalterlich nachempfundenen Kostümen versprechen die Veranstalter, mehrere hunderttausend Zuschauer werden erwartet.  Auch die katholische Kirche wird an der historischen Rekonstruktion mitwirken: Die Heiligen Messen sollen genau in der Form abgehalten werden, wie sie im späten Mittelalter üblich war. Und dann wird aus hunderttausend Kehlen die "Bogurodzica“ erklingen, jenes Lied an die Muttergottes, das bereits 1410 als Siegeshymne diente.


Ausstellung:
"Die Schlacht von Tannenberg 1410“, Kunsthistorisches Museum Wien, in der Hofjagd- und Rüstkammer der Neuen Burg, bis 10. Oktober 2010


Mehr im Internet:
Tannenbrg 1410 - Wikipedia
Europa und der Ausbruch des Westens, scienzz 02.08.2006 
Träumer von einem freien Vaterland, scienzz 26.11.2005





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation 



 

 

 

 

 

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