Konzilsgebäude in Konstanz 1415, Chronik
des Ulrich Richental - Bild: Wikipedia
"Mehrheit ist Mehrheit", sagen Politiker gern, wenn sie sich in der Abstimmung knapp durchgesetzt haben. Und dem fügen sich dann in aller Regel auch die Unterlegenen, schimpfen allenfalls, dass die anderen zwar die Dümmeren, aber leider auch die "Mehreren" seien. Eine Vorgehensweise, die jedoch keineswegs selbstverständlich ist. Viele Jahrhunderte haben es anders gehalten. So findet sich in der Mönchsregel des Benediktinerordens aus dem 6. Jahrhundert der rätselhafte Satz, wenn es bei der Wahl des Abtes zu keiner Einigung unter den Brüdern komme, solle die Partei unterstützt werden, die "saniore consilio" – nach besserem, heilsamerem Rat – entschieden habe, möge sie auch zahlenmäßig noch so klein sein. Woran der "heilsamere Rat" zu erkennen sei, wird allerdings nicht erläutert. Am ehesten scheint plausibel, dass an die Weisheit älterer, ehrwürdiger Brüder gedacht war.
Der Passus ist typisch für Wahlen in vormoderner Zeit, ob es dabei nun um geistliche oder um weltliche Ämter ging. Nicht dass man sich für die Zahlenverhältnisse gar nicht interessiert hätte; aber der uns so selbstverständliche Grundsatz, dass aus der bloßen Mehrheit – und eben aus nichts anderem als aus der ordnungsgemäß festgestellten Mehrheit – Legitimität folgen soll, war unbekannt. Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme" an der Universität Münster haben jetzt einen Sammelband mit Beiträgen zu Wahlverfahren in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit vorgelegt, also zu den Verfahren, Päpste, Bischöfe und Äbte, Kaiser, Könige und Stadträte zu bestimmen, in all jenen Fällen, wo kein Automatismus – etwa durch Erbfolge in der Familie – vorgeschrieben war.
Dass es großenteils um Wahlen für kirchliche Ämter geht, wird weder Zufall noch Willkür sein. Weltliche Machthaber hatten viel eher die Möglichkeit, eine Entscheidung im Zweifelsfall, wenn Wahlen nichts fruchteten, mit Gewalt herbeizuführen. Bis ins 12. Jahrhundert, stellt der Linzer Kirchenhistoriker Günther Wassilowsky fest, war der einmütige Konsens "die einzige legitime Beschlussform in der Kirche überhaupt"; die "unanimitas" galt als untrügliches Zeichen, das Gott selbst das Resultat einer Wahl inspiriert hatte. Wenn die Meinungen auseinander gingen, sei Gott nicht anwesend, hatte bereits Papst Gregor der Große um 600 nach Christus gewarnt.
In der Praxis sah das dann so aus, dass in einer ersten Phase das Ergebnis ausgehandelt wurde, oft sicherlich auch mit Mehrheit gegen Minderheit, und in einer zweiten Phase dieser Beschluss "einmütig" akklamiert wurde; die unterlegene Seite trat dabei nicht mehr in Erscheinung. Eine Verfahrensform, auf die in jüngerer Zeit totalitäre Einheitsparteien gern zurückgegriffen haben. Ein Ausgang etwa mit 53 gegen 47 Prozent bei diesem Schlussakt, stellt der Münsteraner Mediävist Hagen Keller fest, "wäre im frühen Mittelalter das Indiz für eine gescheiterte Wahl gewesen und hätte eine bewaffnete Auseinandersetzung ausgelöst".
Seite aus einer Prunkhandschrift der "Goldenen Bulle", 1400 (Öster- reichische Nationalbibliothek, Wien) Bild: Wikipedia
In vielen Fällen, erläutert der Münsteraner Kirchenhistoriker Klaus Unterburger, war dieses Ergebnis dem Gremium bereits vorgegeben, wenn eine übermächtige Instanz einen Kandidaten begünstigte; die "freie Wahl" hatte dann jedenfalls nicht mehr den Charakter einer Auswahl. So versucht die römische Kurie bis in die Gegenwart, bei Bischofswahlen die örtlichen Kirchen durch zwingende Kandidatenvorschläge in ihrem Sinne zu lenken – sofern sie sich das Recht zur Ernennung nicht generell selbst vorbehält. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf zitiert den ehemaligen Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, der einmal drastisch bemerkte: "Auf der Dreierliste stehen ein Neger, ein Chinese und der, der es werden soll." Und den dürfen die Kapitel dann frei wählen.
Zurück ins Mittelalter. Keller unterstellt, dass das Mehrheitsprinzip sich nicht zuletzt deshalb langsam durchsetzte, weil man die Einmischung einer äußeren Macht abwehren wollte: die des Kaisers im Fall einer zwiespältigen Papstwahl, die des Papstes bei einer umstrittenen Königswahl. Das Papstwahldekret von 1179 sprach, in Anlehnung an die Benediktinerregel, von der "maior et sanior pars", vom "größeren und heilsameren Teil" der Wähler und forderte eine Zweidrittelmehrheit. Vielleicht darf man in diesem Dekret die Geburtsstunde des Majoritätsprinzips sehen: Die schwer nachprüfbare "Heilsamkeit" wurde in ein quantitatives Kriterium überführt, so hoch angesetzt, dass diese qualifizierte Mehrheit sich einigermaßen plausibel für das Ganze erklären konnte.
Heute genügt bei den allermeisten Wahlen spätestens in einem dritten Wahlgang die einfache Mehrheit. Und niemand nimmt Anstoß, wenn der Dissens auch in der Schlussabstimmung offen zu Tage tritt. Ein Effekt, der im Mittelalter, wie der Historiker Christoph Dartmann beobachtet hat, in aller Regel vermieden wurde. Nur sehr ungern mutete man jemandem zu, "dass sein Unterliegen bei einer Personalentscheidung öffentlich bekannt wurde, sei es als Kandidat, sei es als Wählender". Allzu leicht konnte eine gescheiterte Kandidatur dazu führen, dass die Waffen sprachen.
Sehr merkwürdig für unser modernes Verständnis: Wie viele der Wahlberechtigten sich beteiligten, scheint keine Rolle gespielt zu haben. Bei den Volksversammlungen in der späten römischen Republik, im 1. Jahrhundert vor Christus, hatten auf dem Marsfeld kaum 30.000 Menschen Platz, weniger als ein Prozent aller Bürger, von den Unbequemlichkeiten einer Anreise aus entfernteren Regionen Italiens zu schweigen. In den Quellen findet sich kein einziger Beleg, dass dieser Punkt jemanden gestört hätte. Der Dresdner Historiker Martin Jehne: "Die anwesenden Bürger verkörperten den Populus Romanus; absolute Zahlen und Prozentquoten waren dabei gleichgültig."
Papst Gregor XV., Urheber des Papstwahldekrets von 1622 Bild: Wikipedia
Noch befremdlicher waren die Prozeduren. Zwar galt das Mehrheitsprinzip; aber wenn die nötige Mehrheit bereits durch die Stimmen in den höheren Einkommensgruppen erreicht war, wurden die niederen womöglich gar nicht mehr abgefragt. Offenkundig wurde die Teilnahme an den Versammlungen dadurch jedoch in keiner Weise gemindert. Man wird unterstellen müssen, meint Jehne, dass diese Wahlen oft mehr eine symbolische Bedeutung hatten: als Rituale, in denen die Beteiligten sich in das Gemeinwesen integrierten. "Es dürfte für arme Schlucker in Rom kaum andere Gelegenheiten gegeben haben, sich bedeutsam und wichtig zu fühlen und gleichzeitig so etwas wie eine Gemeinschaft auch mit den Angehörigen der Oberschichten zu spüren."
Ein sehr unmodernes Verständnis von Repräsentation zeigt sich auch bei den spanischen "cortes", in denen vom 15. bis zum 17. Jahrhundert achtzehn Städte vertreten waren. Dass der Kreis sich auf diese achtzehn beschränkte, schien unerheblich, ebenso dass die Auswahl oft durch Los erfolgte. Die bei den cortes versammelten Vertreter der Städte, schreibt der Mainzer Historiker Thomas Weller, "verkörperten pars pro toto den gesamten Herrschaftsverband, das Reich, das auf diese Weise überhaupt erst politische Handlungsfähigkeit erlangte".
Der Losentscheid hatte jedenfalls den Vorteil, dass sich eine Diskussion über Mehrheiten erübrigte und keiner der Unterliegenden sich blamiert fühlen musste. Das deutsche Reich des späten Mittelalters hatte bereits große Schwierigkeiten, den Kreis der zur Königswahl Berechtigten genau zu definieren. Der "Sachsenspiegel" um 1230 sprach dem König von Böhmen das Wahlrecht ab, der "Schwabenspiegel" ein halbes Jahrhundert später nannte den Herzog von Bayern als siebenten Kurfürsten, und einige Male konkurrierten mehrere Teillinien einer Dynastie um die Stimme. Kein Wunder, dass es öfters zu Doppelwahlen kam. Der Weg zur kanonischen Zahl der sieben Kurfürsten in der "Goldenen Bulle" von 1356 war, wie die Münsteraner Historikerin Stefanie Rüther darstellt, lang und mühselig.
Dabei war das Problem zum Beispiel dem Verfasser des "Schwabenspiegels" wohl bewusst. Er begründete die ungerade Zahl damit, "wenn drei einen Kandidaten wählen und vier einen anderen, dann sollen die drei dem Ratschluss der vier folgen, denn die Minderheit soll der Mehrheit folgen". Da ist der Weg in die Moderne bereits abzusehen, ebenso wie bei der Papstwahl. 1179 war das Wählerkollegium der Kardinäle erstmals klar definiert worden und dann auch gleich das Erfordernis der Zweidrittelmehrheit. Wassilowsky warnt jedoch vor der Vorstellung, dass die Praxis präzise nach den schriftlich niedergelegten Wahlordnungen abgelaufen wäre. In ziemlich vielen Fällen wurde ein neuer Papst derart ins Amt gehoben, dass eine besonders starke Fraktion ihren Kandidaten auf den Thron setzte und dann weitere Kardinäle in hinreichend großer Zahl dazu brachte, ihm zu huldigen.
Briefmarke 2006 zu 650 Jahre "Goldene Bulle" - Bild: Deutsche Post
Sozusagen eine Wahl per Akklamation. "Pietas" nennt Wassilowsky mit einem kaum übersetzbaren lateinischen Wort diesen Mechanismus, eine emotionale, oft natürlich auch durch materielle Gaben begründete Verbundenheit innerhalb des Kardinalskollegiums. Etwa um 1600 freilich, im Gefolge des Tridentinischen Konzils, mehrte sich die Kritik an diesem "Nepotismus". Wassilowsky: "Dem pietas-Ethos wurde ein eklatant anderer Wertekomplex entgegengesetzt. Anstatt des Handelns nach partikulärem Eigennutz wurde strikte Gemeinwohlorientierung eingeklagt." 1622 verkündete Papst Gregor XV. seine Konklavereform, in der – vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte in dieser Rigorosität – absolute Geheimhaltung vorgeschrieben war. "Die Wähler sollten sich von ihren horizontalen Bindungen emanzipieren und gleichsam vertikal auf göttliche Transzendenz ausrichten können."
Oder in säkularer Sprache: Der innere Gewissensspruch sollte den Ausschlag geben. An die Stelle des früheren Bestrebens, die Vernünftigkeit, "Heilsamkeit" der Stimmen zu wägen – vergleichbar einer Sammlung medizinischer Diagnose- und Therapievorschläge –, trat das Vertrauen auf die eigenverantwortliche Entscheidung des auf sich allein gestellten Individuums. Dass im Umfeld jedes Wahlaktes allerlei soziale Zwänge wirken, ist eine andere Sache. Wie der Sammelband aus Münster zeigt, ist die Geschichte der Wahlverfahren nicht zuletzt eine Geschichte der Versuche, wenigstens offene Gewalt abzuwenden. So legte die "Goldene Bulle" fest, dass zur Königswahl in Frankfurt am Main keiner der Kurfürsten mit mehr als 200 Berittenen einziehen durfte, die Zahl der Bewaffneten war auf 50 begrenzt.
Bereits in der römischen Republik, berichtet Jehne, war es gelegentlich vorgekommen, dass Schlägertrupps unliebsame Bürger daran hinderten, den Versammlungsplatz zu betreten. Man braucht nicht in die Dritte Welt zu gehen, um festzustellen, dass solche Probleme uns erhalten geblieben sind. Gleich nebenan, in Weißrussland, sind Wahlen in den letzten Jahren unter vergleichbaren Umständen abgelaufen.
Neu auf dem Büchermarkt: Technik und Symbolik vormoderner Wahlverfahren, herausgegeben von Christoph Dartmann, Günther Wassilowsky und Thomas Weller, R. Oldenbourg Verlag, München 2010, ISBN 978-3-486-59654-0. 44,80 €
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.
Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.
Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.
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03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
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17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr