Alarich, Phantasieportrait aus:
C. Strahlheim, Das Welttheater,
1836 - Bild: Wikimedia
"Nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza, dumpfe Lieder ..." Den Älteren unter uns wird dieser Vers noch im Ohr klingen; viele Millionen deutscher Schüler mussten August von Platens Ballade über das Begräbnis des Westgotenkönigs Alarich auswendig lernen. "Und den Fluss hinauf, hinunter ziehn die Schatten tapfrer Goten, die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten."
Südlich der Alpen ist Alarich in weniger guter Erinnerung. Am 24. August 410, vor 1.600 Jahren, besetzten seine Truppen Rom und plünderten die Stadt drei Tage lang. Das "Haupt der Welt" sei abgeschlagen, klagte der Kirchenvater Hieronymus in einem Brief. Ein Weltuntergang – in den Augen der Zeitgenossen viel sinnfälliger als die Absetzung des letzten Kaisers Romulus Augustulus zwei Generationen später, die in den Geschichtsbüchern bis heute gern als Epochengrenze angenommen wird. Traditionsbewusste Römer fragten sich, ob die Stadt mit dem Abfall von den alten Göttern die Katastrophe nicht selbst herbeigeführt habe; auch fromme Christen konnten nicht verstehen, dass die Apostel und die Märtyrer, die in Rom begraben lagen, dieses Unglück nicht verhindert hatten.
Heutige Historiker vermuten, dass hinter der Völkerwanderung, die das Römische Reich zum Einsturz brachte, am Ende Klimaveränderungen standen. Völkerschaften aus Zentralasien drängten aus ihren öde gewordenen Weideflächen nach Westen und setzten die osteuropäischen Bauernvölker unter Druck, die nach Süd- und Westeuropa auswichen. Rom war dieser "Barbarenwelle" militärisch nicht gewachsen. 395 hatte Kaiser Theodosius das Reich unter seine Söhne Arcaadius und Honorius aufgeteilt; die beiden Kaiser, untereinander uneins, versuchten sich zu behelfen, indem sie die verschiedenen Germanenstämme gegeneinander ausspielten.
Und indem sie die Barbarenströme, die nun einmal nicht zu vermeiden waren, in andere Reichsteile ableiteten. Ende des 4. Jahrhunderts hatten die Westgoten Griechenland verwüstet. Man darf annehmen, schreibt der Historiker William Seston, dass Alarich "im Einverständnis mit der Regierung des Ostens handelte, als er auf der Suche nach besserem Land nach dem Westen aufbrach". Beinahe hätte Alarich sich des weströmischen Kaisers Honorius, der damals in Mailand residierte, bemächtigen können; aber dem kaiserlichen General Stilicho, selbst Vandale, gelang es für erste, die Westgoten wieder aus Italien zu vertreiben. Im Herbst 403 feierten Honorius und Stilicho in Rom ihren Triumph.
Eroberung Roms 410 durch die West- goten, französische Miniatur aus dem 15. Jahrhundert - Bild: Wikipedia
Aber außer durch sein Prestige wurde Westrom beinahe nur noch durch die militärischen und diplomatischen Künste Stilichos aufrechterhalten. Während die Germanen Gallien, Britannien und Spanien überrannten, verlegte Honorius seine Residenz sicherheitshalber nach Ravenna, wohl in der Hoffnung, notfalls von dort zu Schiff nach Konstantinopel entweichen zu können. Durch sein Jonglieren hatte Stilicho jedoch bei den geborenen Römern viel an Prestige eingebüßt. Die germanenfeindliche Partei am Hofe flüsterte dem Kaiser ein, er werde von seinem General hintergangen. Am 22. August 408 wurde Stilicho als Verräter hingerichtet.
Wenige Wochen später stand Alarich – große Teile der barbarischen Hilfstruppen waren inzwischen zu ihm übergelaufen – vor den Toren von Rom und blockierte die Getreidelieferungen aus Afrika. Von Hunger gequält, sagte ihm die Bürgerschaft ein enormes Lösegeld zu: angeblich fünftausend Pfund Gold, dreißigtausend Pfund Silber, viertausend Seidentuniken, dreitausend purpurgefärbte Häute, dreitausend Pfund Gewürze. Gold und Silber – die Westgoten waren mit der antiken Kultur kaum erst in Berührung geraten; für sie kam von den Kunstschätzen der Metropole nur der pure Materialwert in Betracht Aber die übrigen Gaben lassen ahnen, dass das feine Leben der Römer bereits seine Faszination ausübte.
Über Alarichs politische Absichten haben die Historiker viel gerätselt. In neuen Verhandlungen mit Ravenna forderte er Siedlungsland für seine Goten in Venetien, Istrien und Dalmatien. Und, wie es heißt, für sich die Stellung eines Oberbefehlshabers der römischen Armee – sozusagen die Nachfolge Stilichos. Ein Ansinnen, das der kaiserliche Hof natürlich nicht akzeptieren wollte. Wahrscheinlich war es als Druckmittel gegenüber Ravenna gedacht, dass Alarich im belagerten Rom einen Marionettenkaiser einsetzen ließ. Die Folge war allerdings, dass die Provinz Afrika nun ihrerseits die Getreidelieferungen nach Italien einstellte.
Was am 24. August geschah, kann man kaum eine Eroberung nennen. Die Stadt lag seit Monaten schutzlos da; der Senat war gar nicht in der Lage, militärischen Widerstand zu leisten. Andererseits konnten die Goten ihre Besetzung des römischen Umlands, dessen Lebensmittelvorräte sich erschöpften, nicht aufrecht erhalten. Wahrscheinlich wurde Alarich von seinen Truppen gedrängt: Bevor sie weiterzogen, wollten sie wenigstens noch reiche Beute machen. "Unter den Römern wurde ein grausames Gemetzel angerichtet", schrieb um 1780 der Historiker Edward Gibbon in seiner klassischen "Geschichte des Verfalls und Untergang des Römischen Reiches", "die verheirateten Frauen und Jungfrauen waren bezüglich ihrer Keuschheit noch schrecklicheren Unbilden als selbst dem Tode ausgesetzt", "die ausgesuchtesten Kunstwerke wurden roh umhergeworfen oder mutwillig vernichtet", "der Rachedurst von vierzigtausend Sklaven wurde ohne Milde und Reue befriedigt".
Eroberung Roms durch die Westgoten, Miniatur aus einer französischen Augusti- nushandscrift, um 1475 - Bild: Wikiepdia
Der Vorgang sollte sich wiederholen. 455 eroberten und plünderten die Vandalen unter König Geiserich Rom. Ausgerechnet diese Plünderung, die als "Vandalismus" sprichwörtlich geworden ist, scheint jedoch relativ milde abgelaufen zu sein. Diese "Barbaren" waren bereits halb und halb in die antike Welt integriert, sie wollten weniger zerstören als ihre nordafrikanischen Wohnsitze mit den Kostbarkeiten aus Rom schmücken. Alles Vorgänge, die man natürlich in den historischen Dimensionen sehen muss. Die Verwüstungen durch die Westgoten, meinte Gibbon, seien kleiner gewesen "als jene, die 1527 durch die Truppen Karls V., eines katholischen Fürsten, der sich Römischer Kaiser nannte, angerichtet worden sind".
Lieblingsvergnügen der deutschen Landsknechte 1527, so Gibbon weiter, war es, "die geweihten Gegenstände des katholischen Glaubens zu verunehren oder zu vernichten". Alarich dagegen, selbst arianischer Christ, soll die Kirchen der Apostel Petrus und Paulus unter seinen persönlichen Schutz gestellt haben. Aber seine Rolle in der Geschichte war mit dieser Plünderung Roms ausgespielt. Alarichs Plan war, die reiche Provinz Afrika zu erobern; noch vor Ende des Jahres 410 starb er in Kalabrien. Spätere Geschichtsschreiber behaupteten, man habe ihn im Bett des Flusses Busento beigesetzt,
Das literarische Echo, das die Plünderung Roms 410 in der antiken Welt fand, wurde für die folgenden Jahrhunderte wirkungsmächtiger als alle realen Ereignisse. Wenige Jahre später schrieb der Historiker Orosius einen Abriss der Weltgeschichte, in dem er alle ihm bekannten Katastrophen auflistete. Der Eindruck sollte widerlegt werden, mit der Bekehrung zum Christentum hätte die Welt sich irgendwie zum Schlechteren gewendet. Orosius’ Chronik, die schon im Titel ihre Absicht wiedergab – "Geschichte gegen die Heiden" – war ein volles Jahrtausend lang das kanonische Geschichtsbuch des Abendlandes.
Noch gründlicher machte sich damals der afrikanische Bischof Augustinus an eine Verteidigung des christlichen Glaubens. Die Verehrer der vielen und falschen Götter würden versuchen, den Fall Roms auf die christliche Religion zurückführen. "Daher entbrannte ich leidenschaftlich im Eifer für das Haus Gottes und habe beschlossen, Bücher vom Gottesstaat gegen deren Lästerungen und Irrtümer zu schreiben."
Kirchenvater Augustinus, Darstel- lung aus dem 6. Jh. in der Lateran- basilika, Rom - Bild: Wikipedia
Augustinus räumte mit der Meinung auf, die Größe Roms sei irgendwie auf das Wirken der heidnischer Götter zurückzuführen. Dem römischen Staat wie allen irdischen Ordnungen fehlte das Wichtigste, die Tugend der Gerechtigkeit, und damit hatte er in Gottes Schöpfungsplan zwar die Aufgabe, für Ordnung zu sorgen, war aber dennoch im Grunde bloß eine Räuberhorde. Ein Einerseits – Andererseits, mit dem die Interpreten sich von jeher schwer getan haben; Augustinus musste seine theologische Position mit den Lebensnotwendigkeiten versöhnen. Aber ideengeschichtlich darf man darin auch einen Ursprung jenes Auseinandertretens von Theologie und Politik sehen, das ein Kennzeichen unserer modernen Welt geworden ist.
Eine solche, wenngleich bloß irdische, vorübergehende Ordnung konnten die Westgoten bei ihrem Zug durch Italien nicht aufbauen; das gelang ihnen erst unter Alarichs Nachfolgern in Südfrankreich und Spanien. So hat denn auch Alarich in der mittelalterlichen Dichtung kein Echo gefunden – ganz anders als etwa der Ostgotenkönig Theoderich ein Jahrhundert später, der im Nibelungenlied als "Dietrich von Bern" auftritt. Das 19. Jahrhundert entdeckte Alarich wieder. Im Zeitalter der Nationalbewegungen wurden Identifikationsfiguren aus grauer Vorzeit gesucht, in Deutschland mit seiner ungelösten nationalen Frage wohl noch intensiver als anderswo.
Und natürlich projizierte ein Dichter wie August von Platen auch seine eigene Sehnsucht nach dem Süden in die Germanen der Völkerwanderung. Ob er sich über den Unterschied zwischen den Bildungsreisen à la Goethe und den von materieller Not und natürlich auch Beutegier getriebenen Zügen der Germanenvölker viele Gedanken gemacht hat? Was diese Raubzüge für die Bewohner Italiens bedeutet haben, blieb in der Ballade jedenfalls ausgeblendet. "Schlaf in deinen Heldenehren, keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!". Ein recht merkwürdiger Vers, wenn man bedenkt, dass dieses Grab im Busento, wenn man die Legende einmal für historisch nehmen will, doch zweifellos mit der Beute aus Rom gefüllt war ... In Platens Dichtung erscheint das Idealbild eines jugendlichen Helden, durch den Tod vor jeder Trübung durch die Realität bewahrt: "Allzu früh und fern der Heimat mussten sie ihn hier begraben, während noch die Jugendlocken seine Schulter blond umgaben."
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