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kultur

01.09.2010 - RELIGIONSGESCHICHTE

Eine Insel der Wahrheit im Meere des Irrtums

Vor 100 Jahren führte die katholische Kirche den Antimodernisteneid ein

von Josef Tutsch

 
 

Pabst Pius X. (1903-1914)
Bild: Wikipedia

Im Januar 2009 rückte sie wieder einmal in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, die sogenannte "Piusbruderschaft", als Papst Benedikt XVI. ihre vier irregulär geweihten Bischöfe von der Exkommunikation befreite, also wieder zum Empfang der Sakramente zuließ. Eine Gruppierung am Rande der katholischen Kirche, die nicht nur zur alten lateinischen Messliturgie zurück strebt, sondern das Zweite Vatikanische Konzil insgesamt ablehnt und jede Annäherung an andere Konfessionen und Religionen verhindern will.

Das könnte man als eine innerkirchliche Angelegenheit abtun; aber von den Repräsentanten dieser Bruderschaft sind gelegentlich Stellungnahmen zu vernehmen, die sich gegen die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die religiöse Neutralität des Staates und die Gleichberechtigung der Frauen richten. Aufsehen erregte die Zurücknahme der Exkommunikation vor allem durch einen Umstand, der mit Kirchenrecht gar nichts zu tun hatte: Einer der Bischöfe tat sich in der Presse als Holocaust-Leugner hervor. Über diesen Umständen wird dann leicht vergessen, was diese "Priesterbruderschaft St. Pius X.", die 1970 von Erzbischof Marcel Lefèbvre 1970 gegründet wurde, eigentlich will. "Wir bleiben dem Antimodernisteneid treu, den abzulegen der hl. Pius X. von uns verlangt", heißt es in einer Grundsatzerklärung der Bruderschaft von 1974.

Der Antimodernisteneid – das ist genau einhundert Jahre her. Am 1. September 1910 verkündete Papst Pius X., von allen Klerikern der katholischen Kirche sei nunmehr ein Eid zu verlangen: "Ich nehme an alles und jedes Einzelne, was vom irrtumslosen Lehramt der Kirche bestimmt, aufgestellt und erklärt ist, besonders die Hauptstücke ihrer Lehre, die unmittelbar den Irrtümern der Gegenwart entgegen sind." "Modernismus", so der Münchner Theologieprofessor Peter Neuner im historischen Rückblick, war damals in der katholischen Kirche der Inbegriff aller Phänomene des modernen Denkens, die – zu Recht oder zu Unrecht – als Bedrohung des Glaubens wahrgenommen wurden: von der kritisch-historischen Bibelwissenschaft über die zeitgenössische Philosophie und die darwinistische Entwicklungslehre bis zum weltanschaulichen Pluralismus und zur liberalen Demokratie.

Und im Gegenzug versuchten weite Kreise der Kirche, eine geschlossene Gegenkultur aufzurichten, die mit der modernen Welt nicht mehr kommunizieren wollte. Priester, die dieser Linie nicht folgten, wurden exkommuniziert. Bereits 1909 war – vom Papst ausdrücklich ermuntert – eine Art Geheimdienst gegründet worden, das "Sodalitium Pianum", das mit Spitzeleien, Denunziationen und Pressekampagnen gegen Abweichler vorging. Neuner zitiert einen Professor am Seminarium Romanum, der in allem Ernst zu einem Bekannten gesagt haben soll: "Mein lieber Freund, glaubst du wirklich, die Menschen seien zu irgend etwas Gutem in der Welt fähig? Das einzige, was die Menschheit dringend benötigt, ist die Inquisition."

Benedikt XV. (1914-1922)
Bild: University of Texas
Begreiflich, dass Kirchenskeptiker den päpstlichen Erlass von 1910 achselzuckend zur Kenntnis nahmen: Von Rom sei nun einmal nichts anderes zu erwarten gewesen. Das Schlagwort vom katholischen Irrationalismus war leicht zur Hand. Neuner stellt jedoch klar, dass die Frontenstellung, von der Kurie aus betrachtet, gerade umgekehrt ausschaute: Den "modernistisch" denkenden Theologen wurde nicht "Rationalismus" vorgehalten, sondern im Gegenteil "Irrationalismus". "Ich bekenne, dass Gott mit dem natürlichen Licht der Vernunft durch die sichtbaren Werke der Schöpfung, als Ursache mittels der Wirkung, mit Sicherheit erkannt und auch bewiesen werden kann", hieß es gleich im ersten Satz der Eidesformel. Der Glaube, folgte einige Sätze später, sei "kein blindes Gefühl für Religion, sondern die wahrhafte Zustimmung unseres Verstandes zu einer Wahrheit".

Stein des Anstoßes war vor allem die Exegese des Bibeltextes. Im Lichte der historischen und philologischen Analyse, die protestantische Theologen seit zwei oder zweieinhalb Jahrhunderten betrieben,  hatte sich herausgestellt, dass viele, sehr viele Textstellen ein völlig anderes Gesicht annahmen, als die Kirche es fast zwei Jahrtausende lang gelehrt hatte. Das Ergebnis der historischen Kritik war also, dass die Kirchenlehre aus dem Bereich der historischen Beweisbarkeit ins religiöse Gefühl abgedrängt zu werden drohte. Das kirchliche Dogma ließ sich nicht aus der Lehre Jesu ableiten, resümierte 1906 Albert Schweitzer und würdigte dieses schmerzliche Eingeständnis als Wahrhaftigkeitstat der protestantischen Theologie. Im katholischen Bereich hatte der französische Theologe Alfred Loisy bereits 1902 diesen Gedanken aufgenommen und in die provokante Formulierung gebracht: "Jesus hat das Reich Gottes angekündigt, und dafür ist die Kirche gekommen."

Das war nicht einmal so abfällig gemeint, wie es gern zitiert wird. "Die Kirche", erläuterte Loisy im folgenden Satz, "erweiterte die Form des Evangeliums, die unmöglich erhalten werden konnte, wie sie war, seitdem Jesu Aufgabe mit dem Leiden abgeschlossen war." Aber viele Leser interpretierten es eben doch so, dass die Botschaft Jesu und die Gründung der Kirche als Widerspruch erschienen. Und dieses Missverständnis, so Neuner, war in Loisys Buch "L’Évangile et l’Église" auch tatsächlich angelegt: Der Forscher hatte "kein Kriterium, zwischen einer legitimen Entfaltung und einer Fehlentwicklung zu unterscheiden"; das Entwicklungsschema taugte also nicht dazu, "eine historische Apologie der katholischen Kirche zu geben".

Das Problem, "wie historisch zufällige Ereignisse eine für alle Zeiten und alle Menschen gültige Wahrheit offenbaren und vermitteln könne, ist geblieben", stellt der Münchner Dogmatikprofessor unumwunden fest. Übrigens nicht nur für die katholische Kirche – in der islamischen Theologie hat eine solche Modernismusdebatte, wie es scheint, noch kaum begonnen. Lässt sich das Problem überhaupt lösen? Man dürfe dem Teufel – will sagen: der bloß historischen, potentiell also ungläubigen Analyse des offenbarten Textes – eben nicht einmal den kleinen Finger reichen, würden Antimodernisten heute wie vor hundert Jahren dazu argumentieren; er nehme dann nicht nur den ganzen Arm, sondern den ganzen Menschen.

Pius XII. (1939-1958)
Bild: ambrosius007
Zurück zum Antimodernisteneid von 1910. Konsequent durchführen konnte die Kurie ihr Programm, die gesamte Geistlichkeit zu verpflichten, nicht. Ausgerechnet die Theologieprofessoren an staatlichen Universitäten in Deutschland mussten von der Eidespflicht ausgenommen werden; sonst hätte man – Stichwort Wissenschaftsfreiheit – einen Konflikt um den Fortbestand der theologischen Fakultäten riskiert. Aber offenbar hatte sich, wie Neuner schreibt, im Umkreis des Papstes der Eindruck einer "Weltverschwörung" breit gemacht. Die Politik der Geheimhaltung trieb manchmal kuriose Blüten. 1927 erfuhren Herausgeber, Autoren und Leser der katholischen Zeitschrift "Hochland" eher zufällig aus einer Notiz im "Osservatore Romano", dass ihr Blatt seit mehr als fünfzehn Jahren auf dem Index stand, kirchlich also im Grunde verboten war.

Auch der eine oder andere Papst fand manche Konsequenzen dieses Antimodernismus inakzeptabel. Bereits 1914 soll Benedikt XV. unmittelbar nach seiner Wahl gegenüber Vertrauten erklärt haben, die Zeit der Denunziationen sei nun zu Ende. Der Eid blieb jedoch unangetastet. 1943 wurde die Freiheit der exegetischen Forschung von Papst Pius XII. in einer Enzyklika wenigstens prinzipiell anerkannt; die Frage, ob das mit dem Antimodernisteneid vereinbar sei, wurde gar nicht erst angeschnitten. Johannes XXIII. soll, als er in den Akten des Sanctum Officium zufällig eine Notiz über einen Freund fand, der als Modernist exkommuniziert worden war, zornig hinzugeschrieben haben: "Ich, Johannes XXIII., Papst, erkläre hiermit, dass ich niemals Modernist war!"

Abgeschafft hat dieser Papst den Eid dann doch nicht. Das tat erst Paul VI. 1967. Vorangegangen war das Zweite Vatikanische Konzil, und das hatte, so Neuner im historischen Rückblick, "Positionen aufgegriffen, die im Pontifikat Papst Pius’ X. als modernistisch gebrandmarkt worden waren". Eine Fortentwicklung, die Konservative im Umkreis der Piusbruderschaft bis heute nicht akzeptieren wollen. Zum Beispiel wurde in der "Dogmatischen Konstitution über die Offenbarung" die Vorstellung von der Inspiration der Bibel als einem wörtlichen Diktat durch den Heiligen Geist zurückgewiesen. Die Behauptung einer Irrtumslosigkeit der Bibel in allen ihren Aussagen war verabschiedet.

Die Konzilsväter werden sich bewusst gewesen sein, dass damit auch die Eidesformel vom "irrtumslosen Lehramt" kaum noch aufrecht zu erhalten war. Neuner kommt aus der Analyse der Beratungsdokumente zu dem Schluss, dass diese "modernistische" Wende nicht zuletzt durch die Argumentation des damaligen Konzilstheologen Joseph Ratzinger herbeigeführt wurde. Heute hält Ratzinger, inzwischen als Benedikt XVI. auf den Papstthron gelangt, es offenbar für vordringlich, die Abspaltung auf der konservativen Seite zu bereinigen. 2007 wurde die alte Form der Messfeier wieder zugelassen – in der Kurie war man sich wohl bewusst geworden, mit der Radikalität der Liturgiereform durchaus unnötig Gräben aufgerissen zu haben.

Paul VI. (1963-1978)
Bild: Okamoto Yoichi

Die inhaltlichen Differenzen sind weiterhin nicht ausgeräumt. Als Lefèbvre 1970 die Piusbruderschaft gründete, behauptete er, aufgrund eines Komplotts vor allem der deutschen, österreichischen und holländischen Bischöfe habe die Kirche des Konzils aufgehört, die Kirche Jesu Christi zu sein. Ein Vorwurf, der bis heute nicht zurückgenommen wurde. Die Bruderschaft sieht sich selbst streng in der Tradition: "Wir sind bereit, mit unserem Blut den Antimodernisteneid zu unterzeichnen", schrieb 2008 der amtierende Leiter, Bernard Fellay, an den zuständigen Kardinal in Rom, Darío Castrillón Hoyos.

Die römische Kurie, stellt Neuner fest, hat den Vorwurf des "Modernismus" immer entschieden zurückgewiesen. "Man verwies auf die veränderte gesellschaftliche und kulturelle Situation, auf die Notwendigkeit, sich den philosophischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Herausforderungen der Zeit zu stellen." Aber es wird genau diese Bereitschaft zum Dialog gewesen sein, zum argumentativen sich Einlassen auf die Welt, die vor einhundert Jahren Papst Pius X. und seinen Beratern als "modernistische" Gefahr erschien. Für einige Jahrzehnte versuchte die katholische Kirche, sich als Kontrastgesellschaft zur neuzeitlichen Welt zu konstituieren, eine befestigte Insel im Meere des Irrtums.


Auf dem Büchermarkt:
Peter Neuner: Der Streit um den katholischen Modernismus, Frankfurt am Main und Leipzig 2009


Mehr im Internet:
Modernismus - Wikipedia
"Für die Bekehrung der Juden", scienzz 22.08.2008
"Ein kluger Affe, der furchtbar viel redet", scienzz 05.03.2008




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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