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kultur

13.08.2010 - TOURISMUS

"Wer ist der Bürgermeister von Oberwesel?"

Die Entstehung des Massentourismus am Mittelrhein

von Josef Tutsch

 
 

Liederbuch des Kölner Männer-
gesangvereins 1870
Bild: Wikipedia

"Auf der Fahrt durch den Rheingau", schrieb der Naturforscher Georg Forster im März 1790, "hab ich eine Reise nach Borneo gelesen." Anderthalb Jahrzehnte zuvor hatte Forster an James Cooks zweiter Südseereise teilgenommen; offenbar fühlte er sich durch die Landschaft am Rhein etwas gelangweilt: "Die Hügel zu beiden Seiten haben nicht jene stolze, imposante Höhe, die den Betrachter mit einem mächtigen Eindruck verstummen heißt, ihre Eintönigkeit ermüdet endlich." Manche der Städte und Dörfer fand er "melancholisch" und "schauderhaft", und selbst der Anblick der Burgruinen konnte ihn nicht völlig begeistern: "Das Gemäuer verfallener Ritterfelsen ist eine prachtvolle Verzierung dieser Szene; allein es liegt im Geschmack ihrer Bauart eine gewisse Ähnlichkeit mit den verwitterten Felsspitzen, wobei man den so unentbehrlichen Kontrast der Formen sehr vermisst."

Die Begeisterung für die Rheinlandschaft ist eben keineswegs so selbstverständlich, wie man meinen könnte – schließlich sind wir seit Jahrzehnten gewöhnt, dass Touristen aus Übersee in großer Zahl an die Loreley strömen und dort ihr "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" schmettern. Manche Anwohner werden sogar der Meinung sein, dass diese ästhetische Wertschätzung der Wirtschaft nachteilig sei: Der Bau einer Rheinbrücke zwischen Mainz und Koblenz scheiterte bislang nicht zuletzt an der Frage, wie sich ein solcher Bau verwirklichen ließe, ohne den Blick auf die Landschaft zu beeinträchtigen. Der Historiker Benedikt Bock hat in seiner Dissertationsschrift an der Universität Mainz die Entstehung des Tourismus am Mittelrhein und seine Entwicklung zum Massenphänomen nachgezeichnet. Seinen formellen Höhepunkt fand das Phänomen "Rheintourismus" erst 2002, als die UNESCO das gesamte obere Mittelrheintal von Bingen bis Koblenz in die Liste des Weltkulturerbes aufnahm.

Es waren Engländer, die zuerst den Reiz der Rheinlandschaft entdecken. Ziel der "Grand Tour", mit der junge Adlige in die Gesellschaft eingeführt wurden, war eigentlich Italien, der Rhein zunächst also bloß eine Durchgangsstrecke, alternativ zur Route über Paris. Es wird mit dem kulturellen Geschmackswandel zusammenhängen, der ganz Europa nach der Mitte des 18. Jahrhunderts erfasste, dass viele der Reiseroute selbst nun etwas abgewinnen konnten. Der Rhein bot sozusagen von Natur aus jene schroffen Felsen und mittelalterlichen Ruinen, die man sich damals gern künstlich in die Schlossparks platzieren ließ. Die Bergketten an beiden Seiten des Flusses waren wild und rau genug, um die Phantasie zu beflügeln, andererseits nicht so schwer zugänglich wie die Alpengipfel.

"The river of beauty" bürgerte sich im Englischen als Bezeichnung für den Rhein ein, in einem Reisebericht wurde die Gegend um den Drachenfels als "terrestrial paradise" gepriesen. Ästhetische Wertungen, die wie das Zitat von Forster zeigt, nicht jedermann nachvollziehen konnte.  Geradezu hymnisch äußerte sich dagegen ein gewisser Josef Gregor Lang in seiner "Reise auf dem Rhein" 1789. Im Rheingau sah er sich "in ein Paradies versetzt", Weiter flussabwärts glaubte er sich "aus dieser reizenden Gegend in dunkle Heckengänge geführt, wo sich die Szene so schnell abänderte, dass mich dabei fast Schrecken und Grauen überfielen". Wie aus dem Zusammenhang hervorgeht, meinte Lang das keineswegs negativ. Es war die Zeit der Schauerromantik. "Die Lage von Bacharach ist, wie der Ort selbst, finster und schauerlich schön", notiert 1783 Johann Kaspar Riesbeck. Die Lage der Städte am Mittelrhein "hätte die erhabenste Phantasie nicht romantischer und malerischer angeben können". Und Lang nannte das Mittelrheintal eine "Zeichenschule" und einen "göttlichen Lehrmeister" für junge Landschaftsmaler

Schloss Stolzenfels um 1860
Bild: Alexander Duncker
Auf dem Buchmarkt des frühen 19. Jahrhunderts nahmen Rheinsagen und Rheinlieder einen breiten Raum einnahmen. Und sie wurden nicht bloß zu Hause gelesen: Die "Rheinsagen aus dem Munde des Volkes und deutscher Dichter" von Karl Simrock, 1837, waren in einem relativ kleinen Format gehalten, konnten also auf der Reise mitgeführt und bei den zugehörigen Sehenswürdigkeiten nachgelesen werden, um sich in die gehörige Stimmung zu versetzen.

Die romantische Begeisterung für den Rhein veränderte auch das reale Erscheinungsbild. Nachdem große Teile des Mittelrheins durch den Wiener Kongress an Preußen gefallen waren, erwarben die Prinzen des Hauses Hohenzollern mehrere Burgruinen und bauten sie zu repräsentativen Fürstensitzen aus. In den Reiseberichten und Reiseführern traten diese neuen Sehenswürdigkeiten neben die alten, "echt" mittelalterlichen. "Die Besichtigung ist jedermann gestattet", schrieb der "Baedeker" von 1852 über Schloss Stolzenfels bei Koblenz, den Sitz des späteren Königs Friedrich Wilhelms IV. "Der Andrang ist aber gewöhnlich so groß, dass man nicht selten im Vorhof warten muss; man kann jedoch während dieser Zeit die prachtvolle Aussicht von dem südlichen Eckturm genießen."

Bereits 1812 war von dem badischen Hofrat Aloys Schreiber eine praxisorientierte Anleitung mit allerlei nützlichen Informationen über Topographie und Gasthöfe sowie Münz-, Post- und Zollverhältnisse erschienen, der erste auf die Rheingegenden spezialisierte Reiseführer. Der "Klassiker" wurde die "Rheinreise von Mainz bis Köln. Ein Handbuch für Schnellreisende" von Johann Baptist August Klein, später um eine Karte des Rheinlaufs erweitert; ab 1832 erschien der Band im Verlag Karl Baedeker und ist deshalb bis heute schlicht als "der Baedeker" bekannt. In der Abfolge der vielen Auflagen stellt Bock einen klaren Trend fest: Die bildlichen Illustrationen traten zurück und verschwanden am Ende ganz, dagegen nahm die Zahl der Karten und Pläne zu.

Eine Versachlichung und "Vernützlichung", wenn man so will. Es wäre zu fragen, ob sich dieser Trend in unserer Zeit der Bilderflut nicht wieder umgekehrt hat; aber Bock hat sich auf die Jahrzehnte bis zum Ersten Weltkrieg geschränkt. Den Reisenden ermöglichten die vielen "Tipps", seine Reise langfristig und kostensparend zu planen – ein Bedürfnis, das wohl erst mit der Verbürgerlichung des Reisens aufgekommen ist. Und diese Entwicklung wiederum hängt auch mit dem Wandel der Verkehrsverhältnisse zusammen, die das Reisen schneller, bequemer und billiger machte. 1816 fuhr das erste Dampfschiff auf dem Rhein, in den 1850er und 60er Jahren wurden die Eisenbahnstrecken links und rechts des Flusses in Betrieb genommen. Und das Reisen wurde auch sicherer: Anfang des 19. Jahrhunderts gelang es den Regierungen, die Räuberhorden, die den Verkehr mit der Postkutsche bedrohten, aus dem Weg zu räumen.

Stollwerck-Tempel mit Germa-
nia vom Niederwaldenkmal in
Schokolade, Chicago 1893
Bild: Wikipedia

Wie die englischen Adligen des 18. Jahrhunderts die Begeisterung für den Rhein eingeleitet hatten, so war auch der Vater des modernen Massentourismus ein Engländer: Thomas Cook. Cooks Erfolgsrezept, berichtet Bock, bestand darin, dass er zwei Angebote miteinander kombinierte: "Zum einen erwarb er günstige Tickets, indem er als Agent beispielsweise zwischen den Eisenbahngesellschaften und seinen Kunden agierte; daneben brachte er spezielle, für die jeweiligen Reisen bestimmte Reisehandbücher heraus, um den Teilnehmern zielgerichtetes Informationsmaterial an die Hand zu geben." 1855 organisierte Cook erstmals eine Reise auf den Kontinent, auf der auch die Strecke zwischen Köln und Heidelberg abgefahren wurde.

Aus der Broschüre über das Reiseprogramm von 1868 ist zu ersehen, dass am Mittelrhein keine längeren Zwischenaufenthalte vorgesehen waren; offenbar fand eine "Besichtigung" in der Regel bloß von Bord des Schiffes aus statt. Die Reise galt eben dem Rhein als Strom, nicht einzelnen Stationen oder gar dem Hinterland. Nach der Jahrhundertwende wurden dagegen an einzelnen Orten auch Tagesausflüge an einzelnen Orten angeboten. Vielleicht eine Reaktion auf Wünsche aus dem Publikum: Die Urlauber wollten das Panorama auch von den Anhöhen aus genießen, und in den Badeorten wuchs die Zahl der Kurgäste. Um den Aufstieg auf die Höhen am Rheinufer zu erleichtern, wurden in den 1880er Jahren Zahnradbahnen etwa zum Niederwalddenkmal und auf den Drachenfels angelegt.

In einer Hinsicht hatte Cook bereits sehr früh dem Wunsch der Reisenden nach Ruhepunkten Rechnung getragen: Immer wieder wurde darauf hingewiesen, an diesem oder jenem Ort gebe es die Möglichkeit, einen "English Church Service" zu besuchen. Trotz der Erleichterung durch die modernen Verkehrsmittel war das Reisen anstrengend geblieben. Eine Erfindung des englischen Verlegers John Murray, die dann auch von Baedeker übernommen wurde, machte sie sogar noch anstrengender: Die Hauptsehenswürdigkeiten wurden mit Sternchen ausgezeichnet; das schuf einen moralischen Druck auf die Reisenden, sie der Reihe nach abzuarbeiten. Andererseits scheint gerade die Beschleunigung durch die Eisenbahnen auch Muße für anderes gebracht zu haben. Das Panorama stand nicht mehr wie bei der Fahrt mit dem Schiff fortwährend vor Augen; die wechselnden Eindrücke auf dem Wege traten zurück gegenüber dem Ziel.

Die Landschaftsbetrachtung, stellt Bock fest, wurde durch die Reiselektüre ersetzt; parallel zur realen Fahrt beanspruchte eine Reise durch imaginäre Landschaften die Aufmerksamkeit – Georg Forster hatte es bereits 1790 vorgemacht. Ein Leben in zwei Welten, wie es ja auch heute noch zu beobachten ist: Wenn sich bei der Zugfahrt das linke Rheinufer entlang der Blick zur Loreley öffnet, blicken viele Reisende, die zuvor in Buch oder Computer vertieft waren, hastig zum Fenster hinaus.

Rheinpanorama bei Sinzig, aus Fried-
rich W. Delkeskamps "Panorama des
Rheins".
1825 - Bild: Wikipedia
Die Loreley ... Der Rheintourismus habe sie "entzaubert", schreibt Bock, genauer: Der Verkehrslärm und dann die Sprengungen für den Eisenbahntunnel raubten ihr eine Hauptattraktion. Karl Simrock 1840: "Bei der Loreley pflegen die Dampfschiffe innezuhalten, damit der Reisende ihre Stimme vernehme." Vom Schiff aus wurden Böllerschüsse abgegeben, um das Echo hervorzurufen; eine der Schifffahrtsgesellschaften hatte auf dem Felsen gegenüber einen Angestellten postiert, der den Effekt mit Pistolenschüssen und Waldhornblasen erzeugte. 1844 beschrieb der englische Reisende Bayard Taylor noch eine andere, weniger aufwendige Methode: "The German students have a witty trick with this echo: they call out, "Who is the Burgomaster of Oberwesel?’ a town just above. The echo answers with the last syllable ‘Esel!” which is the German of ass.”


Neu auf dem Büchermarkt:
Benedikt Bock: Baedeker & Cook – Tourismus am Mittelrhein 1756 bis ca. 1914,
Peter Lang, ISBN 978-3-631-59581-7, Frankfurt am Main 2010,
74,80 €



Mehr im Internet:
Rheinromantik - Wikipedia 



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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