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17.09.2010 - BRAUCHTUM

O'zapft is!

Seit 200 Jahren wird auf der Münchner Wiesn das Oktoberfest gefeiert

von Josef Tutsch

 
 

Bavaria über der Theresien-
wiese - Bild: scienzz

Es ist ein Fest der Superlative. Jahr für Jahr kommen etwa 6 Millionen Besucher, verzehren fast 500.000 Brathendl und über 100 Ochsen und trinken rund 6,5 Millionen Liter Bier. Vor und hinter den Tresen arbeiten etwa 12.000 Menschen, darunter 1.600 Kellnerinnen. Jeweils am zweiten Sonntag findet zu diesem vielleicht größten Volksfest der Welt auch das größte Blasmusikkonzert statt, mit 300 Musikern. Und wenn die zwei bis drei Wochen vorbei sind, haben die Gäste nicht nur für 800 Millionen € Umsatz gemacht, sondern auch 1.000 Tonnen Müll hinterlassen.

Zum 177. Mal findet heuer das Münchner Oktoberfest statt. Ob Kronprinz Ludwig und seine Braut, Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen, ahnten, was sie da in Gang setzten, als sie am 17. Oktober 1810, vor zweihundert Jahren, zur Feier ihrer Hochzeit auf dem Freigelände, das nun den Namen "Theresienwiese" erhielt, das erste "Oktoberfest" eröffneten? Es handelte sich um ein Pferderennen. Der Kronprinz, der sich für das antike Griechenland begeisterte, träumte – Jahrzehnte vor Coubertin – davon, die Olympischen Spiele wieder aufleben zu lassen.

Natürlich diente das "Event" nicht zuletzt dazu, das Königreich Bayern, das erst fünf Jahre zuvor begründet worden war, glanzvoll zu präsentieren. Der große Anklang, den das Spektakel bei der Bevölkerung fand, veranlasste den Hof, für das folgende Jahr eine Wiederholung anzusetzen. Eine Tradition war geboren, die sich verselbständigte. Bald wurden neben der Pferderennbahn Kegelbahnen, Karussells und Schaukeln aufgebaut; an Losständen gab es Porzellan, Silber und Schmuck zu gewinnen.

Das "Oans, zwoa, g’suffa", das wir heute so selbstverständlich mit dem Oktoberfest verbinden, geht jedoch nicht weiter als auf das späte 19. Jahrhundert zurück. Erst 1880 genehmigte die Münchner Stadtverwaltung den Bierausschank auf "d’Wiesn", ab 1881 wurden auch Hendl verkauft. In einer Zeit, die sich erst allmählich an die elektrische Beleuchtung gewöhnte, müssen die Zelten und Buden damals den Eindruck eines Lichtermeeres geboten haben. Angeblich war auch der junge Albert Einstein als Lehrling einer Elektrofirma damit beschäftigt, in einem der Festzelte Glühbirnen einzudrehen.

Oktoberfeste waren im alten Bayern gar nicht so selten. Dahinter stand der Brauch, das eingelagerte Bier vom letzten Jahr zu vertilgen, schon um für die neue Brausaison Lagerkapazitäten frei zu räumen. Inzwischen ist der Ausdruck für das Münchner Fest allerdings etwas verwirrend geworden. Wegen der herbstlichen Witterung wurde der Termin vorverlegt; das Fest beginnt am Samstag nach dem 15. September und endet in der Regel am ersten Sonntag im Oktober, in diesem Jahr, weil der Sonntag auf einen Feiertag fällt, erst am Montag.

Oktoberfest 2007 - Bild: hullbr3ach
Was die Ausschankzeiten angeht, kennen die Aufsichtsbehörden kein Pardon. Außer am Eröffnungstag darf es morgens um 10 Uhr losgehen, Punkt 22 Uhr 30 ist Schluss. Für die Sicherheitsbeamten freilich kommen gerade dann erst die schweißtreibenden Augenblicke. Viele tausend Menschen strömen gleichzeitig zum U-Bahnhof Theresienwiese und wollen in die Innenstadt fahren – sei es, um erst einmal auszuschlafen, sei es, um in der "After Wiesn", wie sich das inzwischen nennt, weiterzufeiern. Die U-Bahn fährt alle zwei Minuten; oft muss der Bahnhof trotzdem wegen Überfüllung geschlossen werden.

Beinahe ein Wunder, dass es noch niemals eine Panik gegeben hat. Aber das Oktoberfest erlebte bereits einen Terroranschlag: 1980 fanden durch eine Bombenexplosion dreizehn Menschen den Tod, über 200 wurden verletzt. Die Ermittlungen führten zu dem Ergebnis, hier habe ein Einzeltäter gehandelt; Gerüchte, die von einem rechtsextremistischen Netzwerk wissen wollten, sind jedoch niemals verstummt. Im letzten Jahr kam es zu umfangreichen Absperrungen und Zufahrtskontrollen. Niemand weiß, wie begründet die Furcht vor islamistischen Anschlägen wirklich war.

Die formelle Eröffnung am ersten Samstag gehört selbstverständlich – wenigstens daran hat sich seit Ludwig und Therese nichts geändert – der Prominenz. Und die Abläufe sind streng ritualisiert. Ab 11 Uhr ziehen die Wirte und die Schausteller mitsamt den Musikkapellen auf prachtvoll geschmückten Pferdegespannen und Festwagen auf d’Wiesn ein. An der Spitze der amtierende Oberbürgermeister und das "Münchner Kindl", eine junge Frau, die den Mönch im Münchner Stadtwappen vertritt. Ursprünglich war es tatsächlich ein Mönch, der freilich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr verkindlicht wurde und irgendwann weibliches Geschlecht annahm.

Punkt 12 Uhr kommt der große Augenblick: Der Oberbürgermeister sticht das erste Bierfass an und reicht dem Ministerpräsidenten die erste Maß. Wehe, wenn zuviel Hammerschläge nötig sind, dann könnte das folgende Jahr unter einem unguten Stern stehen! Leicht vorstellbar, dass die Kunst des Fassanstechens in München zu den Qualifikationskriterien einer OB-Bewerbung gehört. Zur Zeit hat die Stadt in dieser Hinsicht Glück. Letztes Jahr kam Christian Ude mit zwei Schlägen aus, ein Rekord, der schwer zu unterbieten sein wird. Einer seiner Vorgänger benötigte volle neunzehn Schläge, bis er rufen konnte: "O’zapft is!"

Anschließend werden auf der Treppe der Bavaria zwölf Böllerschüsse abgegeben, zum Zeichen für die Wirte, dass sie mit dem Ausschank beginnen dürfen. Die Bavaria – seit 1850 wacht die neunzehn Meter hohe Personifikation des bayerischen Staates mit dem Löwen an der Seite über die Festwiese. Inwieweit sie wirklich wacht und nicht bloß dasteht, ist aber nicht ganz sicher. Vor einigen Jahren machte die Nachricht die Runde, ein Schankkellner habe das Kunststück zustande gebracht, aus einem 200-Liter-Fass nicht weniger als 289 Maß Bier à 1 Liter herauszuholen ...

Im Löwenbräu-Festzelt 2003
Bild: Michael Christalla
Ein "Verein gegen betrügerisches Einschenken" will jedoch gewährleisten, dass die Maß allerhöchstens 0,1 Liter unter der vollen Menge bleiben darf. Um die Kontrolle zu ermöglichen, nahm man sogar Abschied von einer uralten Tradition: Die Maßkrüge sind heute nicht mehr aus Ton, sondern aus Glas, eine Umstellung, die allerdings auch hygienische Vorteile hat; durch das Glas ist eher zu sagen, was da im Krug schwimmt. Nostalgiker trauern dennoch den alten Tonkrügen nach: Das Bier blieb darin länger kühl.

Das Bier ist speziell für das Oktoberfest gebraut worden, das "Wiesn Märzen", mit mehr Stammwürze und daher auch höherem Alkoholgehalt als sonst, aber selbstverständlich dem Reinheitsgebot von 1487 entsprechend. Nur eineinhalb Sekunden, verkündet die Internetseite der Festveranstalter nicht ohne Stolz, benötigen geübte Schankkellner im Schnitt zum Füllen eines Maßkrugs. Um aber auch gleich die meistdiskutierte aller Fragen zu beantworten: Heuer wird der Bierpreis, je nach Zelt, zwischen 8,30 € und 8,90 € liegen.

Das sind stolze 942 Prozent mehr als 1950; aber die Münchner Tourismuswerber machen noch eine andere Rechnung auf: 1950 musste ein Durchschnittsverdiener für eine Maß gut 82 Minuten arbeiten, heute nur noch gut 28 Minuten. Immerhin wieder fünf Minuten mehr als im Jahr 1992. Umgekehrt haben auch die Wirte Anlass, ihren Gästen auf die Finger zu schauen. Das Mitnehmen der Krüge als Souvenir ist zum Volkssport geworden. Die Festwirtevereinigung stellt zwar regelmäßig Strafantrag, aber bei diesen Menschenmassen bleibt vermutlich dennoch so mancher Diebstahl ungeahndet. Natürlich kann man Maßkrüge auch ganz legal erwerben, sie sind zur Unterscheidung mit einer farbigen Plakette markiert. Flohmarkthändler wissen längst: Nur die ohne Plakette sind die "echten" – echt geklauten..

Traditionsbewusste Bayern gehen natürlich in Tracht auf die Wiesn, Lederhosen oder Dirndl. Am besten in authentischer alter Tracht, so wie am Sonntag nach Eröffnung 8.000 Menschen in historischen Kostümen die sieben Kilometer vom Maximilianeum bis zur Festwiese entlang ziehen, an der Spitze wieder die Häupter von Stadt und Freistaat und selbstverständlich das Münchner Kindl. Ja, die Traditionen ... Die alten Wiesnlieder seien kaum noch bekannt, wird geklagt. Man versucht abzuhelfen, indem man eine "Wiesn-Singfibel"  herausgibt – sicherlich auch mit dem Nebeneffekt, dass Touristen sich in bayerischer Sangeskunst versuchen und bei den Einheimischen schenkelklopfende Heiterkeit hervorrufen. Die Musikkapellen sind angehalten, bis 18.00 nur traditionelle Blasmusik zu spielen. Aber die Abende gehören dann eben doch den allbekannten Schlagern.

Es ist wohl unvermeidlich, dass die Stimmung sich immer mehr jener auf anderen Volksfesten angleicht, und das gilt ebenso für die Attraktionen der Schausteller. Aber es ist manche Berühmtheit darunter, mit der München einst Furore machte. Außer dem Riesenrad mit 48 Metern Höhe gibt es da zum Beispiel den Tobbogan von 1933, eine Rolltreppe, bei der sich der Handlauf nicht mitbewegt – wenn man versucht, sich festzuhalten, werden einem die Füße weggezogen. Oder die Hexenschaukel aus dem Jahr 1894, die ihren Insassen die Illusion vermittelt, sie würden sich dauernd überschlagen. Oder den "Schichtl", ein Gerät aus dem Jahr 1869, mit dem zum Gruseln der Zuschauer eine Enthauptung simuliert werden kann.

"Oans, zwoa, g'suffa!" - Oktober-
fest 2006 - Bild: senator86

Und für Kinder hat das Oktoberfest etwas zu bieten, was bei anderen Volksfesten sehr selten geworden ist, einen Flohzirkus mit nicht weniger als 60 Akteuren. Zum Jubiläum greifen die Veranstalter in diesem Jahr ausnahmsweise sogar auf jenen Sport zurück, mit dem das Fest vor 200 Jahren seinen Anfang nahm: Es werden Pferderennen abgehalten, und das über die ganze Dauer der Veranstaltung, zweimal täglich. 

Wie begreiflich, hat das Münchner Oktoberfest inzwischen allerlei Nachahmungen gefunden. Die größte ist jene in Hannover, mit jährlich einer Million Besuchern. In Übersee ist "Oktoberfest" längst zu einem Synonym für deutsche Populärkultur geworden. Fleißige Brauchtumsforscher haben weltweit nicht weniger als 3.000 solcher "Oktoberfeste" gezählt, darunter das in Kitchener bei Toronto mit rund 700.000 und das in Blumenau im südlichen Brasilien mit 600.000 Besuchern.
 
Aber das Flair der bayerischen Landeshauptstadt ist nun einmal nicht zu imitieren. Besucher, die nicht nur zum Bierkonsum auf die Theresienwiese gekommen sind oder in den Zelten wegen Überfüllung gerade keinen Platz finden, besteigen gern die Wendeltreppe, die in den Kopf der Bavaria hinaufführt – die Kolossalstatue aus Bronze, die Ludwig und Therese 1850, vier Jahrzehnte nach ihrer Hochzeit und zwei Jahre nach der Abdankung des Königs einweihen konnten, gilt schon rein technisch als Weltwunder. Durch die Sichtluken lässt sich das Festtreiben von oben beobachten.

Wer sich ein paar Stufen mehr zutraut, kann den 97 Meter hohen Turm der Paulskirche besteigen – von hier aus sind die weltweit verbreiteten Postkartenbilder aufgenommen. Und wenn man wieder hinuntergestiegen ist und endlich in einem der Festzelte einen freien Platz ergattert hat, darf man natürlich nicht vergessen, einen Gruß an die daheim Gebliebenen zu schreiben. Sendungen, die in die Briefkästen auf der Theresienwiese gesteckt werden, erhalten einen Sonderstempel. Man kann sich darauf verlassen: Ein paar Jahre oder Jahrzehnte später sind sie begehrte Sammlerstücke.


Mehr im Internet:
scienzz artikel Feste und Bräuche
Oktoberfest - Wikipedia 





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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