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29.08.2010 - KULTURGESCHICHTE

Von Adam und Eva zu den Gartenzwergen

Eine Kulturgeschichte der Träume von Arkadien und vom Paradies

von Josef Tutsch

 
 

Wie schön doch alles sein könnte, wenn ... ja wenn unsere Ureltern Adam und Eva sich nicht durch die Schlange hätten verführen lassen und weiter im Paradies hätten leben dürfen. So oder so ähnlich klagt die Menschheit seit Jahrtausenden. Nur gelegentlich sind Zweifel an dieser Logik aufgekommen. Wenn Adam und Eva im Paradies geblieben wären, vermerkte Immanuel Kant ironisch, würden sie nichts getan haben als "zusammenzusitzen, arkadische Lieder zu singen und die Schönheit der Natur zu betrachten". Kurzum: "Die Langeweile würde sie gewiss ebenso gut als andere Menschen in einer ähnlichen Lage gemartert haben."

Vielleicht ist es ja wirklich nicht so erfreulich, auf Dauer in idealen Zuständen zu leben. Aber man wird ja noch träumen dürfen ... Nämlich vom Paradies träumen, biblisch gesprochen, oder von Arkadien, wie der römische Dichter Vergil den idealen Ort benannte, nach einer griechischen Landschaft, die in der Realität allerdings ganz und gar nicht idyllisch war. Vergil und das Alte Testament haben jedenfalls diesen einen Punkt gemeinsam, dass sie sich das Land der Sehnsucht als einen fruchtbaren Garten vorstellten. Eine Tradition, die sich auch in Zeiten der Desillusionierung gehalten hat. In Voltaires "Candide" ist es das höchste erreichbare Glück, dass die Romanfiguren sich daran gewöhnt haben, ihren Garten bestellen zu müssen. Die Kulturwissenschaftler der Freien Universität Berlin haben einen Kreis von Forschern versammelt, um die Wandlungen dieser Idee des Gartens aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

Bereits mehrere Stellen im Alten Testament priesen den Garten mit seiner üppigen Bewässerung als Gegenbild zur Wüste; vor allem die erotische Metaphorik des Hohenliedes hat die Phantasie beflügelt: "Ein verschlossener Garten ist meine Schwester-Braut, ein verschlossener Brunnen, eine versiegelte Quelle." Die christliche Kirche, erläutert Martin Leutzsch, Theologe an der Universität Paderborn, deutete das Bild wahlweise auf Christus, Maria, die Kirche, geistliche Gemeinschaften und die Seele des einzelnen Menschen. Dass auch das Gottesreich der Zukunft als "Garten" aufgefasst wurde, war durch mehrere Stellen im Neuen Testament vorgegeben. "Heute wirst du mit im Paradiese sein", sagt Jesus am Kreuz zu dem reuigen Schächer. Und in der Geheimen Offenbarung wurde den Auserwählten verheißen, sie dürften dereinst im Paradies die Früchte vom "Holz des Lebens" kosten, in Umkehrung jenes Verbots, dessen Verletzung am Beginn der Menschheitsgeschichte stand.

Den maßgeblichen Text der griechisch-römischen Antike über den Garten schrieb der Dichter Vergil: nur zwei Dutzend Verse, die in ein umfassenderes Werk über den Landbau eingelegt sind. Die beiden Altphilologinnen Henriette Harich-Schwarzbauer und Judith Hindermann von der Universität Basel referieren in dem Sammelband der Berliner Kulturwissenschaftler: "Der Garten ist ein Ort, der in der bäuerlichen Kultur keinen Platz hat. Er ist vielmehr am Rande der Stadt angesiedelt." Ein Ort auf der Grenze zwischen Natur und Kultur: Arbeit ist erforderlich, um ihn fruchtbar zu halten, das unterscheidet diesen Garten von jenem des biblischen Paradieses, aber eine Arbeit in Grenzen, irgendwie doch erfreulich.

Der Sündenfall, spanische
Buchmalerei, um 950 (Escorial,
Real Bibloteca di San Lorenze
Bild: Wikipedia
 
Wichtiger noch als Vergils Gartenexkurs in seinem Landbaugedicht wurden für die abendländische Tradition seine Hirtengedichte. Vergil hatte sie in "Arkadien" angesiedelt; diese karge Region auf der Peloponnes gab ihren Namen für eine Phantasiewelt, die durch immerwährenden Frühling und eine sich selbst erneuernde und reichlich spendende Natur charakterisiert war. Noch die empfindsame Dichtung des 18. Jahrhunderts schwärmte nach altrömischem Vorbild vom einfachen Landleben: "von nichts wissen als von Essen und Trinken", spottete später Hegel in seinen "Vorlesungen über die Ästhetik", "und zwar von sehr einfachen Speisen und Getränken, zum Exempel von Ziegenmilch, Schafmilch und zur Not höchstens von Kuhmilch, von Kräutern, Wurzeln, Eicheln, Obst, Käse aus Milch – Brot, glaube ich, ist schon nicht mehr recht idyllisch."

Arkadien ... die ideale Landschaft, sozusagen das irdische Paradies, wovon der eigene Garten eine leise Ahnung vermitteln mochte. In den Palastgärten der Renaissance, berichtet Christine Holste, Kultursoziologin an der Freien Universität Berlin, wurde gern eine künstliche Grotte angelegt. "Von der Erdverbundenheit der Grotten und der in ihrer Dunkelheit sprudelnden Quellen versprach man sich regenerierende Wirkungen", "die sinnliche Feier der unendlichen Metamorphose des Lebendigen" – eben bevor man wieder in die Hektik des Alltags zurückkehren musste.

Also ein Paradies nur im Vorübergehen, für den Urlaub, sozusagen. Barockmaler wie Guercino und Poussin setzten auf die Gräber in ihren idyllischen Landschaften den Spruch: "Et in Arcadia ego". Der lateinische Satz wird gern mit "Auch ich war in Arkadien" übersetzt. Doch eigentlich sollte er wohl bedeuten "Auch ich bin in Arkadien", und als Sprecher war der Tod gedacht. Inwieweit mag dieser Gedanke noch bewusst gewesen sein, als im 18. Jahrhundert die englischen Landschaftsgärten in Mode kamen? Die Zeitgenossen damals fassten sie gern als "natürlich" auf; aber wie der Berliner Kultursoziologe Richard Faber erläutert, waren sie im Grunde begehbare Bilder, nach dem Vorbild jener Gemälde, die Poussin und Lorrain – idealisierend, wie sich versteht – von der römischen Campagna gemalt hatten.

1761 machte sich Jean-Jacques Rousseau in seinem Roman "Nouvelle Heloise" Gedanken darüber, wie ein Arkadien unter den Bedingungen der Gegenwart möglich wäre. Für heutige Leser wirkt manches in diesem Roman beinahe unheimlich. Das Leben in der idealen Welt, berichten die Germanisten Claudia Albert (Berlin) und Andreas Disselnkötter (Hagen), muss streng, beinahe möchte man sagen totalitär, reglementiert werden, von der Liebe bis zur Ernährung (für die Frauen unter den Dienstboten gibt es Milch und Zucker, für die schwer arbeitenden Männer Alkohol und kräftige Speisen). Und unvermeidlich mündet dann alles doch in Melancholie und Langeweile.

Brunnen im Garten der Villa d'Este in
Tivoli - Bild: TomAlt

Daneben macht sich das Gartenbild, mit dem Voltaire seinen Roman "Candide" schloss, bescheiden und pragmatisch. Die Gartenarbeit sichert schlicht das physische Überleben, freilich mit ein wenig Luxus: Zedernfrüchten und Pistazien. Zwei Jahrzehnte zuvor bereits hatte Voltaire in einer Versdichtung unter dem Titel "Der Kultivierte" die Geschichte von Adam und Eva aller Illusionen entkleidet: Selbst die Liebe im Paradies sei mangels Hygiene vermutlich doch nicht der reine Genuss gewesen. War damit das Ende der Träume vom Paradies und von Arkadien eingeläutet? Nicht doch. Zwar verblasste in der Aufklärung das Bild von einer idealen, für immer verlorenen Heimat in ferner Vorzeit; aber an dessen Stelle trat die Vorstellung von einem Himmel auf Erden in der Zukunft.

Friedrich Schiller stellte 1796 in seiner Schrift "Über naive und sentimentalische Dichtung" dem Arkadien der Vergangenheit ein "Gefilde der Hinkunft" gegenüber. Die Idee hat sich gehalten: "Glück ist Stillung und Ankunft", zitiert Wokart den Denker der konkreten Utopie im 20. Jahrhundert, Ernst Bloch. Die Frage, "ob der verwirklichte Himmel nicht vielleicht die Hölle sei", scheine Bloch sich nicht gestellt zu haben. Noch erstaunlicher: Angesichts der Utopie hat Bloch sogar die Zweifel Kants und Hegels am Paradies beharrlich übersehen. Der Schmerz sei "der Stachel der Tätigkeit, und in dieser fühlen wir allererst unser Leben", schrieb Kant, und Hegel stellte fest, der Mensch sei nur tätig, "insofern er etwas nicht erreicht hat". Sei der Mangel behoben, "verschwindet die Tätigkeit und Lebendigkeit".

Ganz im Sinne dieser Vorstellungen beließ es schon die späte Aufklärung nicht bei theoretischen Konzepten. Ende des 18. Jahrhunderts, berichtet der Berliner Germanist Michael Niedermeyer, wurde das kleine Fürstentum Anhalt-Dessau von den Zeitgenossen mit Worten wie Paradies und Goldenes Zeitalter, Utopia und Arkadien gepriesen. Fürst Leopold III. Friedrich Franz wollte ein Musterland der Nützlichkeit und der Vernunft schaffen, mit einer Erziehungsanstalt, in der – vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte – der Grundsatz aufgestellt wurde, auf körperliche Züchtigung zu verzichten.

Und im Zentrum des kleinen Reiches stand ein großer Garten, ein Idealbild kultivierter Natur: der Park von Wörlitz. Aber so sehr die anhaltische Aufklärung im Rückblick als ein Aufgang der Moderne erscheinen mag – ästhetisch stand der Wörlitzer Park eher am Ende einer Entwicklung. Es waren die Alpen mit ihren "erhabenen" Gipfeln, die nun als Muster idealer Landschaft galten.  Der Germanist Wolfgang Reif aus Saarbücken zitiert einen Brief Goethes von 1797: "Wenn man einen rechten Park sehen will, so  muss man nur vier Wochen in der Schweiz umherziehen ... Was wir in Deutschland der Natur und der Kunst abgewinnen wollen, sind alles vergebliche Bemühungen." 1787 notierte die Schriftstellerin Sophie von La Roche in ihrem Reisetagebuch aus der Schweiz, dort erscheine "eine Landschaft, welche den prächtigsten, mit dem größten Aufwand angelegten englischen Garten in allem übertrifft ..."

Nicolas Poussin: Et in Arcadia ego, um
1639 (Louvre, Paris) - Bild: Wikipedia
Auf menschliche Eingriffe wollte La Roche dennoch keinesfalls verzichten, das macht der Fortgang des Satzes deutlich: "... und für ein an die Kunst gewöhntes Auge nichts als einen griechischen Tempel und einige Bildsäulen". Oder auch für künstliche Ruinen, wie sie damals Mode waren. Für solche Architekturfragmente ist in den viel kleineren Gärten moderner Vorstädte natürlich kein Platz. Schwer zu sagen, ob sich aus der gängigen Staffage mit Gartenzwergen Rückschlüsse auf die Träume ihrer Besitzer von Arkadien oder vom Paradies ziehen lassen. Die Gartenzwerge – von ihnen ließe sich eine ganze Kunstgeschichte schreiben. Während ihre Gestalten früher, so die Kulturwissenschaftlerin Esther Gajek von der Universität Regensburg, von Arbeit und Alter gezeichnet waren, hat sich heute das Kindchenschema durchgesetzt: mit großen Augen, großem Kopf und dicken Backen.

Vielleicht eine halb oder ganz unbewusste Absetzung von der industriell vorgefertigten Konsumwelt, die uns Wunscherfüllung in künstlichen Paradiese vorgaukelt? Jedenfalls hat die Massenproduktion die Gartenzwerge längst eingeholt, von der individuellen Differenzierung, wie sie um 1900 üblich war, ist nicht mehr viel übrig geblieben, und die unkonventionellen Zwerge im Gefolge der 68er, irgendwo zwischen Rebellion und Pornographie, hatten wohl nur vorübergehend Konjunktur. Gartenzwerge von heute sind in der Regel wieder "brav". Vermutlich sind sie ja – oder vielmehr manche ihrer Besitzer – die einzige Bevölkerungsgruppe, auf welche die Feststellung des Tübinger Philosophen Norbert Wokart nicht zutrifft: "Niemand setzt sich gern dem Vorwurf aus, er halte es mit der Parole von der heilen Welt."


Neu auf dem Büchermarkt:
Arkadische Kulturlandschaft und Gartenkunst. Eine Tour d’Horizon,
Herausgegeben von Richard Faber und Christine Holste,
Königshausen & Neumann, Würzburg 2010, ISBN 978-3-8260-4335-2, 38.- €


Mehr im Internet:
Arkadien - Wikipedia
Paradies - Wikipedia
scienzz Artikel Lebensträume



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitetüber Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

 

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