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Wissenschaft

15.09.2010 - GESCHICHTE

Living history - zwischen Belehrung und Spektakel

von Josef Tutsch

 
 

Mittelalter-Festival 2004
in Dortmund
Bild: Pacifier

Manchmal machen die "Living-History-Museen", die in den letzten Jahrzehnten in den USA gegründet wurden, ihrem Namen alle Ehre. Im Museum von Colonial Williamsburg, Virginia, sollten im Oktober 1994 die Feierlichkeiten vorgeführt werden, die es in amerikanischen Städten 1760 zur Krönung Georgs III. gegeben hatte, jenes britischen Königs, dessen Regierung einige Jahre später die Unabhängigkeitserklärung provozierte. Wie aus den historischen Quellen hervorgeht, wurden damals auch große Märkte mit Waren aller Art abgehalten. Die Historiker des Museums nahmen dieses "aller Art" wörtlich und organisierten – im Herbst des Jahres 1994 – eine Versteigerung von vier schwarzen Sklaven.

Nicht auszudenken, wie die Reaktionen hier in Mitteleuropa wären, wollte man ähnlich dunkle Umstände der deutschen Geschichte derart in Spielform der Öffentlichkeit präsentieren, irgendwo zwischen Geschichtsdidaktik und unterhaltsamem Spektakel. Auch in Amerika ist es bei dieser einmaligen Aktion geblieben; die Proteste waren zu deutlich. Andererseits – Sklaverei und Sklavenhandel waren im 18. Jahrhundert ein nicht ganz unwesentlicher Teil der amerikanischen Realität. Werden derartige Aspekte aus Living-History-Darstellungen ausgeklammert, dementiert sich das Konzept am Ende selbst.

Zwei Historiker der Berliner Humboldt-Universität haben einen Kreis von Kollegen aus Hochschulen und Medien versammelt, um den populären Umgang mit Geschichte von verschiedenen Seiten aus zu beleuchten. Bereits der Titel des Sammelbandes, "History Sells!", weist darauf hin, dass es sich nicht zuletzt um eine ökonomische Frage handelt. Geschichte ist – unter anderem – ein Wirtschaftsfaktor; die Herausgeber, Wolfgang Hardtwig und Alexander Schug, zitieren eine Statistik, dass der Stellenwert der History für das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland nur knapp unter jenem der Automobilindustrie liege.

Und demzufolge darf Geschichte alles sein, nur eins nicht: langweilig. "Geschichte war langweilig", plakatierte vor einigen Jahren das Museum der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, um sich selbst provokant von jenen Erinnerungen abzuheben, die vom Schulunterricht geblieben sein mögen. Wobei natürlich immer noch die Frage offen bleibt, warum jemand die Strickjacke sehen will, die Helmut Kohl 1990 bei seinen Gesprächen mit Gorbatschow 1990 im Kaukasus trug. Egal, der Publikumserfolg gibt dem Bonner Museum Recht. Jahr für Jahr werden fast eine Million Besucher angelockt.

Living History im Archäologischen Frei-
lichtmuseum Oerlinghausen
Bild: Bullenwächter

In Fernsehmagazinen und sogenannten "Dokudramen", in Computerspielen und historisch verkleideten Events kommt der Trend zum "Infotainment", wie der amerikanische Soziologe das bereits vor einem Vierteljahrhundert genannt hat, noch viel deutlicher zum Ausdruck; speziell für den Bereich der Geschichte hat sich inzwischen das Kunstwort "Histotainment" eingebürgert. Der Medienwissenschaftler Neil Postman  befürchtete vor einigen Jahren, bei dem Versuch, Information über Unterhaltung zu vermitteln, komme womöglich doch nur Scheinwissen heraus, und bis heute sehen akademische Historiker auf dergleichen gern hochmütig herab – was, wie Hardtwig und Schug spitz bemerken, viele Kollegen nicht davon abhält, als "Experten" irgendeinen mehr oder weniger belangvollen 10- bis 30-Sekunden-Satz in die Mikrophone zu sprechen.

Die akademische, wissenschaftliche und die populäre, sozusagen angewandte Geschichte – das seien keine unterschiedlichen Wahrheiten, stellt der Historiker Daniel Schläppi von der Universität Bern fest, sondern vielmehr unterschiedliche Weisen, mit dem Material umzugehen. Auch Boulevardjournalisten können durchaus den "richtigen Riecher" haben, um an die einschlägigen Informationen heran zu kommen. Das Bemühen, den trockenen Lehrstoff einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, ist nicht einmal ganz neu. Bis vor etwa einhundert Jahren allerdings, so Martin Nissen von der Berliner Humboldt-Universität, ordneten sich Populärhistoriker – bis heute bekanntes Beispiel: Gustav Freytag – bedingungslos der Fachhistorie unter.

Hängt der Wandel vielleicht damit zusammen, dass gerade damals mit dem Film die visuellen Medien ihren Siegeszug antraten? Die Fachhistorie jedenfalls bewegt sich immer noch, und vermutlich auch weiterhin, vor allem im Bereich des geschriebenen Wortes. Dabei wissen die Didaktiker doch längst, dass "das nur Angelesene gegenüber dem Gesehenen und erst recht gegenüber dem selbst Mitgemachten" schlechtere Lerneffekte erzielt, schreibt der Freiburger Nordamerikanistik-Professor Wolfgang Hochbruck. Im Gegenzug boomt die "Kostüm-Geschichte", von den Mittelaltermärkten bis zu den Computerspielen. Vom Standpunkt des Historikers liegt das Problem darin, dass sich anders als im akademischen Betrieb hier keine Qualitätsstandards ausgebildet haben. Keine Standards, um genau zu sein, im Sinne der historischen "Wahrheit". Für das Publikum ist "Geschichtstheater" unvermeidlich vor allem Theater, wird also nicht an der Wahrheitsfrage, sondern mit ästhetischen und emotionalen Kriterien gemessen.

Was haben Computerspiele, die in der Antike oder im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit angesiedelt sind, mit der Wirklichkeit dieser Epochen zu tun? "Am Bildschirm gewinnt der jenige Spieler, der am besten die marktwirtschaftlichen Mechanismen anwendet", schreibt der Paderborner Historiker Rainer Pöppinghege,  Dass die Wirtschaftsformen damals entscheidend auf Sklaverei oder Leibeigenschaft beruhten, fällt unter den Tisch. Und, vielleicht noch schlimmer: "Die Spiele bieten das Modell einer regelhaft organisierten Welt", sie geben vor, "die geschichtlichen Abläufe ließen sich in einem Ausmaß planen, das selbst Planungsfetischisten Freudentränen in die Augen treiben würde". Kurzum: Solche "Computerspiele haben ebenso wenig mit Geschichte zu tun, wie ‚King-Kong’ ein Film über Zoologie ist."

Landshuter Hochzeit 2005
Bild: Alexander Z.

Nun mögen die Computerspiele einen Extremfall abgeben. Allgemein gilt wohl doch der ethische Grundsatz, den Schläppi formuliert: Beide Sparten, die Geschichtswissenschaft und die "angewandte" Geschichte, sind "den Fakten verpflichtet. Wo seriös gearbeitet wird, darf mit den Fakten nicht geschummelt werden." Ob das mit den "Fakten" aber so einfach ist? Geschichte entstehe immer nur durch die Brille der Gegenwart, formuliert die Fernsehjournalistin Viktoria Urmersbach prägnant und legitimiert aus dieser wissenschaftstheoretischen Prämisse die beliebten Doku-Dramen im Fernsehen: "Geschichte bleibt Konstruktion, ob im Fernsehen oder an der Universität. Ohne den objektiven Standpunkt ist mangelnde Objektivität ein unfairer Einwand."

Eine Aussage, die sich zu gefährlichen Konsequenzen radikalisieren ließe: Sind alle Konstruktionen, da ohnehin nicht "objektiv", unter historischem Gesichtspunkt etwa gleichwertig? Da wäre der Weg zur Manipulation nicht mehr weit, und das kann Urmersbach ja wohl nicht gemeint haben. Wenn das Wort "Geschichte" einen Sinn behalten soll, ist wohl doch voraus zu setzen, dass diese Konstruktionen ihre Grundlage in einem irgendwie objektiven "Geschehen" haben müssen, unabhängig von der Frage, inwieweit wir hiervon wissen können.

Konstruktionen, Manipulationen ... Auch dem 19. Jahrhundert hat diese Falle nicht fern gelegen. Lisa Niemeyer von der Universität Cambridge erinnert an die Fülle historischer Romane, die damals, zur Zeit der deutschen Nationalbewegung, in Friedrich dem Großen das Urbild deutscher Identität suchten. "Während der Akademiker Distanz schuf zwischen Gegenwart und Vergangenheit, versuchte der belletristische Autor eben jene zu verringern", bringt Niemeyer das Verfahren der historischen Romane auf den Punkt. Es sei unwichtig, rechtfertigte die Romanschreiberin Louise Mühlbach eines ihrer Werke, "ob die handelnden historischen Personen dieses oder jene Wort gesprochen, diese oder jene nebensächliche Handlung so getan"; es komme nur darauf an, "dass diese Worte und Handlungen in dem Geist und Charakter jener historischen Personen gehalten sind und dass man ihnen nichts andichtet, was sie nicht gesprochen oder getan haben könnten".

Zweifellos hat Geschichte, ob nun in akademischer oder in populärer Form, immer auch mit Erinnerungskultur zu tun, und zwar mehr, als manche Universitätsprofessoren der Vergangenheit sich das gern eingestehen mochten – einige der vorgeblich "objektiv" arbeitenden Herren propagierten  in aller Selbstverständlichkeit ihre politischen, in der Regel nationalistischen Wertungen. Solche Erinnerungskultur "muss Legitimationsleistungen erbringen", sie "sorgt für die Rechtfertigung kollektiver Identitätstypen", formuliert es Mathias Berek von der Universität Leipzig und bringt als Beispiele "In unserer Familie lügt man nicht" oder "Deutsche sind gute Ingenieure".

Historisches Spektakel in Grunwald
(Tannenberg), 2003 - Bild: sojsyl
Klar, dass man sich von der Geschichte oft lieber die kritische Auflösung solcher Identitäten wünschen möchte. Aber kritische Reflexion ist wohl doch eher in sprachlich formulierten Texten als in Spielen, Filmen, und Events zu leisten. Langweilig muss das deshalb nicht sein. Achim Saupe vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam verweist auf die beliebte Vorstellung vom Historiker als Detektiv oder auch Untersuchungsrichter.

Dass es mit Geschichte als Identitätsstiftung nicht getan sein kann, macht auch Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, deutlich: "Aus der Geschichte lernen heißt in Deutschland in der Regel zu lernen, es anders zu machen als in der Vergangenheit". Geschichte als Förderung von demokratischem Bewusstsein und demokratischem Handeln ... Lässt sich aus der Geschichte lernen? Diese Erwartung war viele Generationen lang selbstverständlich; mit ihrer Verwissenschaftlichung hat die Geschichtsschreibung sich davon verabschiedet.

Vielleicht liegt hier ja eine Aufgabe, an der sich die populäre Erinnerungskultur verdient machen könnte. Sie versucht es längst; entsprechende Fernsehserien haben ein Millionenpublikum, in den USA gibt es sogar einen eigenen Fernsehkanal mit dem Titel "History". Wie sonst auch besteht natürlich die Gefahr, dass gerade das – vom modernen, demokratischen Gesichtspunkt aus betrachtet – Falsche gelernt wird. Die Göttinger Kulturanthropologin Michaela Fenske: "Das vermeintlich einfachere, weil eindeutig geordnete Oben und Unten, die klare Trennung von Männern und Frauen" – womöglich sind es gerade solche Aspekte vergangener Epochen, die einen nicht geringen Teil der Faszination von Geschichte ausmachen.


Neu auf dem Büchermarkt:
History Sells! Angewandte Geschichte als Wissenschaft und Markt,
herausgegeben von Wolfgang Hardtwig und Alexander Schug,
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-515-0936-1, € 44,00 / €(A) 45,30 / sFr 74,80


Mehr im Internet:
HU Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften
scienzz Artikel Umgang mit Geschichte  



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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