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20.06.2017 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Jenseits des Brotstudiums

Vor 250 Jahren wurde Wilhelm von Humboldt geboren

von Josef Tutsch

 
 

Wilhelm von Humboldt (1767-
1835) - Wikipedia

„Es kann niemand unvorbereiteter in einen Posten kommen als ich in den meinen“, schrieb Wilhelm von Humboldt an einen zukünftigen Mitarbeiter, als er sich Anfang April 1809 auf den Weg nach Königsberg machte, um im preußischen Innenministerium die Sektion für Kultus und Unterricht zu übernehmen. Anscheinend wusste der 42-jährige Gelehrte und Diplomat selbst nicht so recht, wie Staatsminister Freiherr vom Stein und König Friedrich Wilhelm III. eigentlich auf die Idee gekommen waren, ausgerechnet er könnte der geeignete Mann für diesen Posten sein.

In der Tat, es gab wenig, was Humboldt für diesen Posten qualifizierte. Am 22. Juni 1767, vor 250 Jahren, wurde er in Potsdam geboren. In seinem Studium widmete er sich nicht so sehr seinem Fach, den Rechtswissenschaften,  als vielmehr der Philosophie, der Geschichte und den alten Sprachen. Nach dem Examen trat er in den Staatsdienst ein, schied jedoch bald wieder aus; er spürte: Das Beamtendasein war nichts für ihn.

Welch ein Glück für seine spätere Karriere im Staatsdienst, dass ein Essay, den er bereits 1792 geschrieben hatte, als 25-jähriger, unveröffentlicht geblieben war. Erst nach dem Tod des Verfassers kam er an die Öffentlichkeit. Bereits der Titel: „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ ... Zur Bildung des Menschen sei Freiheit „die erste und unerlässliche Bedingung“, hieß es im Text. Konnte das die Grundlage für Regierungsarbeit im Staate Preußen abgeben?

Dass dem Privatgelehrten 1802 dennoch eine einträgliche Stellung im Dienst der preußischen Krone zufiel, lag vor allem am mangelnden Interesse möglicher Konkurrenten. Humboldt wurde Gesandter beim Heiligen Stuhl in Rom. Es war ein ruhiger Posten, der Humboldt reichlich Zeit für seine wissenschaftlichen Interessen ließ, während im fernen Berlin die Politik unschlüssig zwischen Anbiederung an Napoleon und Krieg gegen Frankreich schwankte. Humboldt scheint sich ein bisschen geniert zu haben. „Ich habe weder gesucht noch gewünscht, in eine andere Lage zu kommen“, schrieb er im April 1807, ein halbes Jahr nach der Niederlage Preußens bei Jena und Auerstädt, an Staatsminister von Hardenberg, „aber jetzt ist es mir peinlich, hier müßig zu sein und nichts für das bedrängte Vaterland tun zu können.“

Im Februar 1808 besetzten französische Truppen Rom; im Oktober reiste Humboldt nach Berlin ab. Er wollte sich um sein elterliches Gut in Tegel kümmern, das von französischen Truppen geplündert worden war. Aber dort erreichte ihn der Ruf nach Königsberg, ins Ministerium. Es wurde ein recht kurzes Gastspiel, kaum anderthalb Jahre nach seiner Ernennung reichte er dem König seinen Rücktritt ein. Doch in diese Zeit fiel ein Ereignis, das Geschichte machen sollte. Nachdem Humboldt eine Denkschrift zur Organisation und Finanzierung „höherer wissenschaftlicher Anstalten“ vorgelegt hatte, unterzeichnete König Friedrich Wilhelm III. am 16. August 1809 die Stiftungsurkunde für die Berliner Universität. Sie wurde zum Vorbild für das gesamte deutsche Universitätswesen in den letzten 200 Jahren. Bis heute gibt es keine akademische Festrede, die ohne den Namen „Humboldt“ auskäme.

Friedrich Wilhelm III: (1770-
1840) - Bild: Wikipedia

Beyme wollte diese Ausbildungsaufgabe, das „Brotstudium“, wie man damals sagte, ursprünglich den schon bestehenden oder noch zu gründenden Einrichtungen in den preußischen Provinzen zuweisen, höheren Berufsschulen, wenn man so sagen darf. Für die Residenzstadt Berlin dachte er an eine „von allem Zunftzwang befreite wissenschaftliche Bildungsanstalt“, also an ein Kolleg ohne Examina, rein der Allgemeinbildung verpflichtet. Bereits in den letzten Monaten des Jahres 1808 begannen der Jurist Anton Schmalz, der Philosoph Johann Gottlieb Fichte und der Theologe Friedrich Schleiermacher mit Vorlesungen.

Aber es gab auch ein Gegenkonzept. Im August 1807 erschien eine Abordnung der Universität Halle, die Napoleon aufgelöst hatte, vor dem König in Memel. Die Professoren baten darum, ihre Universität nach Berlin zu verlegen. In diesem Zusammenhang soll Friedrich Wilhelm jenen Satz gesagt haben, der bald zum Leitmotiv der preußischen Erneuerung wurde: Der Staat müsse jetzt an innerer Kraft gewinnen, was er an äußerer verloren habe. Es war Humboldt, der die beiden Konzepte zusammenfügte. Der König genehmigte „die Errichtung einer allgemeinen Lehranstalt für höhere Geistesbildung“ und stattete sie „mit dem alten hergebrachten Namen einer Universität und mit dem Rechte zur Erteilung akademischer Würden“ aus.

Man wird Humboldts Absichten nicht verfälschen, wenn man ihm unterstellt, dass ihn die „Bildung“ sehr viel mehr interessierte als die „Ausbildung“ für einen Beruf - wie er ja auch in seinem eigenen Studium die Juristerei eher lustlos absolviert hatte, bloß auf Wunsch seiner Mutter. In den 1780er Jahren hatte Immanuel Kant eine neue Theorie vorgelegt, wie Wissenschaft dem endlichen, in seinen Erkenntnisfähigkeiten beschränkten Menschen überhaupt möglich sein könnte. Humboldt als eifriger Kantleser verschob die Perspektive. Er fragte, wie sich der einzelne Mensch zum Träger wissenschaftlicher Erkenntnis bilden könne. Das historische Vorbild glaubte er, im antiken Hellas finden zu können: Dort habe eine vollkommene Harmonie zwischen den Anforderungen des Staates an seine Bürger einerseits, einer vielseitigen Ausbildung des Individuums andererseits bestanden.

Ein Traum, der viel Spott hervorgerufen hat. Zwei Generationen nach Humboldt seufzte der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt, kein moderner Mensch hätte es im Altertum lange ausgehalten. Vielleicht glaubte auch Humboldt selbst nicht im vollen Ernst an die historische Wirklichkeit seines Traumbildes. Die Antike diente ihm als utopisches Korrektiv zur Gegenwart, da konnte es nicht auf die peniblen Fakten ankommen. An Goethe schrieb er einmal, mit den Fakten der archäologischen Forschung könne lediglich „ein Gewinn für die Gelehrsamkeit auf Kosten der Phantasie“ erzielt werden.

Wie konnte die ersehnte „vollkommene Harmonie“ in der Gegenwart realisiert werden? Humboldt entwickelte ein Konzept, das die alte Universität vom Kopf auf die Füße stellte. Oder von den Füßen auf den Kopf, wie auch immer. Traditionell galt die Theologie als die höchste der vier Fakultären, dann folgten Jurisprudenz und Medizin, die beiden Fächer, die für die Ordnung des Gemeinwesens und für die Aufrechterhaltung der Gesundheit sorgten. Der vierten Fakultät, der Philosophischen, fiel eine dienende Rolle zu: ein wenig Allgemeinbildung und vor allem die Aneignung der Wissenschaftssprache Latein.


Die Humboldt-Universität zu Berlin
Bild: Josef Tutsch

Humboldt kehrte die traditionelle Rangordnung um und stellte die Philosophie an die erste Stelle. Wie revolutionär das war, wird aus einer Schrift von Immanuel Kant deutlich, die ein Jahrzehnt vor Humboldts Universitätsgründung entstanden war. In seinem „Streit der Fakultäten“ hatte Kant dem Staat zugestanden, von Medizin, Juristerei und Theologie dürfe er erwarten, dass in diesen Fächern nützliches Wissen vermittelt werde.  Die vierte Fakultät, die der „Philosophie“ (heute würden wir sagen: Geisteswissenschaften und „reine“, nicht angewandte Naturwissenschaften), meinte Kant in aller Unschuld, könne auf staatsrelevantes Wissen keinen Anspruch erheben. Daher könne – nein, müsse sie aber auch völlig frei sein, einzig und allein der Wahrheit verpflichtet.

Man wüsste zu gern, inwieweit Humboldt versucht hat, seinem König solche Gedanken nahezubringen. Zweifellos hoffte er, dieses „freie“ Selbstverständnis der Philosophie würde in Zukunft die gesamte Universität prägen. Als „seine“ Universität im Oktober 1810 eröffnet wurde, war er jedoch bereits wieder Privatgelehrter und befasste sich mit Vergleichender Sprachwissenschaft. Sein Bruder Alexander hatte einige Jahre lang Amerika bereist, Wilhelms „Reisen“ führten ihn in die Literatur der verschiedensten Völker und Sprachen – vom Baskischen bis zum Sanskrit, von den Mayas bis zum Koptischen.

Dass gerade seine, die Philosophische Fakultät, sich in den folgenden 200 Jahren so tiefgreifend verändern würde, konnte Humboldt nicht ahnen. Den Naturwissenschaften wuchs eine enorme technisch-ökonomische Verwertbarkeit zu; die Geisteswissenschaften, von den kleinen „Orchideenfächern“ einmal abgesehen, dienen heute vor allem der Lehrerausbildung. Doch geblieben ist der kritische Stachel, den seine Idee akademischer Freiheit den Realitäten des Universitätslebens mitgegeben hat, das Bewusstsein, dass Bildung mehr sein kann, vielleicht auch mehr sein muss als bloß Berufsausbildung.


Mehr im Internet:
Wilhelm von Humboldt - Wikipedia 
scienzz artikel Wissenschaftsgeschichte

 

 

 

 

 

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