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07.10.2010 - GESCHICHTE

Vor dem Zeitalter der Arroganz

Europa und Asien im 18. Jahrhundert

von Josef Tutsch

 
 

Kaiser Kangxi (1654-1722)
Bild: Wikipedia

"Asien", schrieb 1909 der österreichische Nationalökonom Friedrich von Wieser, "Asien, die Wiege des Menschengeschlechts, ist mit dem Schutt entkräfteter, unwürdiger Völker bedeckt, die von den Möglichkeiten des Auftriebes keinen Gebrauch mehr machen können, welche ihnen die technischen Fortschritte der Gegenwart bieten." Die europäischen Staaten standen in diesen Jahren auf dem Höhepunkt ihrer kolonialen Weltherrschaft. In Wiesers Satz mischte sich ein wenig Respekt vor Asiens großer Vergangenheit mit viel Herablassung, was die Gegenwart betraf. "Die Geschichte schien im Begriff zu sein, über Asien und die Asiaten hinwegzugehen", fasst der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel die Situation zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen.

Tempi passati, wie wir heute angesichts der rasanten Entwicklung mancher asiatischer Staaten wissen. Um die Wende vom zwanzigsten zum einundzwanzigsten Jahrhundert müsse die Welt "manche der Ergebnisse des 19. Jahrhunderts zurücknehmen", stellte Osterhammel 1998 in seinem Buch über "Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert" fest. "Eines der Ergebnisse eines historisch beispiellosen Prozesses globaler Überwältigung von vier Kontinenten durch die Europäer war eine Haltung arroganter Herablassung gegenüber all jenen Zivilisationen, die durch militärische Niederlagen, wirtschaftliche Ausbeutbarkeit und technologischen Rückstand ihre Unterlegenheit, gar ihre Minderwertigkeit zu beweisen schienen."

Vor zwei Jahren ließ Osterhammel unter dem Titel "Die Verwandlung der Welt" eine Geschichte des 19. Jahrhunderts folgen, in der die Hegemonie der "westlichen" Staaten natürlich ebenfalls eine zentrale Rolle einnahm. Jetzt haben Autor und Verlag das Buch von 1998 neu herausgebracht. Osterhammel verschweigt nicht, dass er sich von seinen Forschungen auch so etwas wie einen Lerneffekt erhofft: "Die Anerkennung der Gleichrangigkeit Asiens sollte Europäern nicht schwer fallen. Sie waren schon einmal so weit."

Tatsächlich fehlt der europäischen Asienliteratur des 18. Jahrhunderts, wie Osterhammel zeigt, weitgehend jene herrschaftliche, oft vielleicht auch fürsorgliche Herablassung, die man später so oft findet. Das Buch bietet einen langen Streifzug vor allem durch die Berichtet von Reisenden etwa zwischen 1680 und 1830, aber auch durch die Reflexionen, die sie bei den Daheimgebliebenen auslösten. "Wir kennen nun beinahe alle Nationen, die zivilisierten und die wilden", schrieb ein gewisser Jean-Nicholas Demeunier 1776 in der Einleitung zu seiner ethnographischen Enzyklopädie, die das Wissen über Sitten und Bräuche aller Völker systematisch zusammenstellte. "Die Zeit ist gekommen, sie zu vergleichen."

Phantasiedarstellung einer
Audienz beim Großmogul,
1683 - Bild: Wikipedia
Vergleichen, aber: "Kaum jemand vor 1790", schreibt Osterhammel, "sah einen schroffen Gegensatz zwischen den kulturellen Sphären Orient und Okzident, noch weniger eine sich ausschließende Unvereinbarkeit oder gar einen Zusammenprall der Kulturen." Eine Aussage, bei der dem Leser spontan der Verdacht kommt, hier hätte der Autor vielleicht doch allzu sehr harmonisiert und idealisiert. Aber die Quellen sprechen dafür, dass eine solche Haltung im 18. Jahrhundert tatsächlich möglich war. Die christliche Dogmatik war nach den Religionskriegen in ihrem Alleingültigkeitsanspruch zurückgetreten, Europa hatte sein neues Identitätsmuster, geprägt durch die industrielle und die politische Revolution, noch nicht ausgebildet.

Es werden die technischen und militärtechnischen Fortschritte, vor allem der sich herausbildende Kapitalismus mit seinen Bedürfnissen der Kapitalverwertung, gewesen sein, die um 1800 den großen Wandel ermöglichten. Zuvor Bis um 1800 waren die europäischen Kolonien kleine Niederlassungen an den asiatischen Küsten gewesen, nun gingen die Kolonialmächte daran, sich das Binnenland untertan zu machen. Und während dieses Aneignungsprozesses wurde der Orient zugleich zu einer anderen, grundsätzlich fremden Welt. Bezeichnend scheint eine Äußerung des englischen Schriftstellers Edmund Burke von 1791. In einer früheren Schrift hatte Burke das die Türkei vorbehaltlos als Faktor imn europäischen Mächtesystem angesehen; nun schrieb er, wegen seiner anderen religiös-zivilisatorischen Gesittung sei das Osmanische Reich ein Teil Asiens.

In dieser neuen Perspektive war das europäische Staatensystem nicht mehr nur ein Mechanismus des Machtausgleichs, sondern eine Wertegemeinschaft mit einzigartigen historischen Wurzeln. Damals am Ende des 18. Jahrhunderts fand Europa für sich selbst eine neue ideelle – oder, wenn man so will, ideologische – Grundlage. Osterhammels Interesse gilt jedoch mehr der anderen Seite des Prozesses, der "Entzauberung Asiens". Ergebnis des Vergleichs- und Erkenntnisprojektes, von dem zum Beispiel Demeunier gesprochen hatte, war im Ergebnis ein Verlust des sinnlichen Zugangs, der bei der Lektüre der frühen Reiseberichte noch heute den Reiz ausmacht, die Auflösung in abstrakte Begriffe.

Eine Aufnahme der orientalischen Sprachen und Kulturen in den europäischen Bildungskanon hätte schon rein quantitativ eine Überforderung bedeutet. "Persisch, Sanskrit oder Chinesisch vermochten die Herrschaft des klassischen Altertums und seiner Sprachen nicht zu brechen", schreibt Osterhammel. Paradoxe Folge: Während die Länder und Völker mehr und mehr zum Aufgabenfeld von "durchsetzungsfähigen" Militärs und Administratoren wurden, überließ man die Beschäftigung mit den asiatischen Kulturen in Europa philologischen Spezialisten, die intellektuelle Öffentlichkeit konnte sich davon entlasten. "Mit der Professionalisierung der Asienkenntnisse als Fachwissen verband sich ihre Marginalisierung als Bildungswissen." Jedenfalls in der Regel. Manche Außenseiter versuchten, in den heiligen Büchern des Ostens zeitlose Weisheit zu lernen.

Japanisches Bild des Hollän-
drs Hendrik Doeff, Anfang
19. Jh. - Bild Wikipedia
Osterhammel geht auch den Ursprüngen jenes Klischees nach, das seit mehr als zwei Jahrhunderten unser Bild vom Orient vielleicht mehr als alles andere bestimmt: der orientalischen Despotie. Seine klassische Fassung erhielt dieser Topos durch Montesquieu, der den französischen Absolutismus verabscheute und in Asien einen darüber noch hinausgehenden Herrschaftstypus vorfand: mit einem Monarchen, der über Recht und Gesetz stand, nicht mit einschränkenden Gegenkräften wie Kirche oder Aristokratie rechnen musste und seine Untertanen als Sklaven behandeln konnte. "Die Freiheit stand der Knechtschaft gegenüber", resümiert Osterhammel.

Natürlich könnte man die Ursprünge dieses Klischees bis in die Antike zurückverfolgen, bis hin zu Herodots Ausführungen über das Perserreich, und wie sich die politischen Systeme Asiens vom modernen europäischen Verfassungsstaat unterscheiden, wäre erst recht eine andere Frage. Jedenfalls kann Osterhammel aufzeigen, dass Montesquieu im 18. Jahrhundert eher eine Einzelstimme war. Der Engländer John Chardin wagte die Behauptung, die Lebensumstände des Großteils der Bevölkerung seien von diesem Despotismus gar nicht berührt, und wenn doch, dann vielleicht nicht einmal nachteilig, über den "Despotismus" würden in der Hauptsache die Bessergestellten klagen – eine Aussage, die ja auch über den Absolutismus in Europa immer wieder getroffen wurde.

Und Montesquieus Landsmann Abraham-Hyacinthe Anquetil-Duperron, so Osterhammel, "jagte die Thesen der Theorie durch die Mühle einer kommentierten Zitatencollage", so dass nichts mehr übrig blieb. Der Gedanke von der orientalischen Despotie hatte dennoch eine große Zukunft, er war das geeignete Gegenbild zur Ausbildung des liberalen Verfassungsstaates im 19. Jahrhundert. "Der Orient wusste und weiß nur, dass einer frei ist", sagte Hegel in den 1820er Jahren in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte, das Abendland, "dass alle frei sind". Eine welthistorische Bedeutung wurde den asiatischen Kulturen nur für die Vergangenheit zugestanden. Eine Generation später bei Leopold von Ranke war "Weltgeschichte" nur noch die Geschichte des klassischen Altertums und der romanischen und germanischen Völker Europas.

Im 18. Jahrhundert, betont Osterhammel, hatten zum Beispiel die Göttinger Historiker August Ludwig Schlözer und Johann Christoph Gatterer die asiatischen Völker noch in aller Selbstverständlichkeit einbezogen. Wie es scheint, gab dieses neue Selbstbewusstsein Europas auch den christlichen Kirchen neuen Auftrieb. Während die Jesuiten des 17. und 18. Jahrhunderts – nicht unbedingt zur Begeisterung des Vatikans – sich bruchlos in die konfuzianische Gelehrtenkaste am chinesischen Kaiserhof eingefügt hatten, agierten die Missionare des 19. Jahrhunderts als "abendländische Heilsanbieter inmitten umnachteten Heidentums".

Audienz des französischen Gesandten
am Sultanshof 1724, Gemälde von
J.-B. van Mour - Bild: K. Kapidagli
Dieses europäische "Sonderbewusstsein" beruhte, so Osterhammel, "auf frühen antiken und christlichen Grundlagen, kristallisierte sich im Zeitalter der Aufklärung zu einer säkularen, auf religiösen Erwählungsglauben verzichtenden Weltanschauung, bestimmte im 19. Jahrhundert, mit rassistischen Beimischungen versehen, das Auftreten von Europäern in Übersee und milderte sich im Zeitalter der Dekolonisation zu besserwisserischer Herablassung milderte". Eine ideologiekritische Entlarvung, die zweifellos ihr Recht hat. Aber hier beginnen auch die Fragen an Osterhammels Buch. Zur europäischen Aufklärung gehört zum Beispiel die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1791, heute ein zentraler Bestandteil europäischen Selbstverständnisses. Haben die asiatischen Kulturen etwas Vergleichbares hervorgebracht?

Dass die Europäer der Kolonialzeit seit Ende des 18. Jahrhunderts nur selten bereit waren, ihre Grundsätze auch in Übersee anzuwenden, ist eine andere Sache. Schon Burke kritisierte an englischen Indienpolitikern, sie huldigten der Vorstellung, man dürfe den Indern bedenkenlos zumuten, was in Europa als Tyrannei und Verbrechen geächtet war. Auch der Versuch, europäische Maßstäbe zu exportieren, hat freilich seine Ambivalenz. 1823 sagte der britische Indologe Henry Thomas Coolebrooke anlässlich der Gründung der Royal Asiatic Society, die europäische Zivilisation stamme letztlich aus Asien. Nun habe das moderne Europa die Pflicht, seine Schuld zurückzuerstatten und die Zivilisierung Asiens in die Hand zu nehmen.

Zivilisation als Exportartikel, notfalls auch mit militärischen Mitteln ... Inzwischen, stellt Osterhammel fest, haben sich die Rangordnungen verschoben, sie "nähern sich in mancher Hinsicht an die Verhältnisse vor dem Zeitalter der europäisch-westlichen Arroganz und Vorherrschaft an", der Glaube an eine "natürliche Vorrangstellung Europas von anderen Zivilisationen ist erschüttert". Zur aktuellen Politik hält sich der Historiker zurück, macht jedoch klar, dass der Abschied von einer illusionären Vorrangstellung kein Aufgeben von Traditionen bedeuten müsse: Die Europäer hätten "keinen Grund, die Werte ihrer moralischen, juristischen und politischen Traditionen einem indifferenten kulturellen Relativismus zu opfern".

Genau da liegt natürlich das Problem: Wie ist ein friedliches Miteinander verschiedener Traditionen in einer enger gewordenen Welt zu organisieren? Das westliche Verständnis der Menschenrechte ist ja auch nicht bloß eine "Tradition", es beansprucht universelle Geltung. Wie sich die Kontexte der Diskussion seit der ersten Fassung seines Buches verschoben hätten, fragt der Autor in einem Schlusskapitel. Wer erwartet, hier etwas über die islamistischen Angriffe auf den Westen einerseits, die Kriege in Afghanistan und im Irak andererseits zu erfahren, wird aber enttäuscht. Osterhammels Aufmerksamkeit gilt weit mehr dem Fernen Osten als dem Islam: aktuell also dem Wiederaufstieg Chinas zu einer erstrangigen Position in Weltwirtschaft und Weltpolitik, der aus chinesischer Perspektive keineswegs als Wunder verstanden wird, sondern als Rückkehr zur historischen Normalität des 18. Jahrhunderts.


Neu auf dem Büchermarkt:
Jürgen Osterhammel: Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reichen im 18. Jahrhundert,
Verlag C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-59897-5, 19,95 €


Mehr im Internet:
scienzz Artikel Dialog der Kulturen



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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