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22.10.2010 - RELIGIONSGESCHICHTE

Feinde des Reiches oder Feinde der Wahrheit?

Religiöser Fundamentalismus in der römischen Kaiserzeit

von Josef Tutsch

 
 

Hypatia - Opfer des Fundamenta-
lismus der Spätantike? (Raffael,
Schule von Athen)
Bild: Wikipedia

Als 2001 die afghanischen Taliban die weltberühmten Buddhastatuen von Bamiyan sprengten, wollten sie ein Zeichen setzen: Die Welt sollte begreifen, dass der Islam – als Religion, als Kultur, als Gesellschaftsordnung – den "Heiden" überlegen sei. Kein Einzelfall in der Religionsgeschichte. 1992 machten Hindu-Nationalisten eine Moschee im nordindischen Ayodhya dem Erdboden gleich und errichteten auf der Ruinenstätte einen Schrein des Gottes Ram. Im 16. Jahrhundert stürzten calvinistische Eiferer die Heiligenstatuen in den Kirchen von ihren Sockeln – erst nach dieser Reinigungsaktion war das Gotteshaus für den reformierten Kultus tauglich. 392 nach Christus zerstörten die Christen, die kaum drei Generationen zuvor selbst verfolgt worden waren, den berühmten Serapistempel von Alexandria. Viele der Götterstatuen wurden zerstört, andere sozusagen zwangsbekehrt. Die Quellen berichten, dass Figuren der Siegesgöttin Nike in christlichen Kirchen als "Engel" eine neue Aufgabe fanden.

Alles Fälle, wo die Akteure überzeugt waren und sind, in göttlichem Auftrag zu handeln. Haben wir es hier mit einer Konstante der Religionsgeschichte zu tun, die es immer schon gegeben hat? Oder sind manche Religionen sozusagen von Natur aus tolerant, andere eher intolerant ? Eine Tagung an der Universität Potsdam hat sich vor zwei Jahren mit einem Ausschnitt der Religionsgeschichte befasst, der späten Antike, einer Epoche, die unter diesem Gesichtspunkt besonderes Interesse beanspruchen darf: Damals erstritten die frühen Christen zunächst im Martyrium die Duldung ihrer Religion und setzten sie dann in weniger als einem Jahrhundert – und keineswegs ohne Gewalt – seine Alleinherrschaft durch. Die Beiträge sind jetzt als Sammelband erschienen.

"Religiöser Fundamentalismus in der römischen Kaiserzeit" haben die Veranstalter die Tagung überschrieben. Ein schillernder Begriff, der im Sprachgebrauch heute mit religiösem Dogmatismus einerseits, politischem Fanatismus andererseits verschwimmt.  "Fundamentalismus" nannten amerikanische Protestanten im frühen 20. Jahrhundert ihr Festhalten an christlichen Dogmen, die ihnen durch die moderne Wissenschaft bedroht schienen. Inzwischen wird das Wort vor allem auf Islamisten angewandt, die sich, oft  mit Gewalt, gegen Verwestlichung, Säkularisierung, Aufklärung zur Wehr setzen.

Aber gerade unhistorische Begriffe können ja helfen, Zusammenhänge oder Ähnlichkeiten aufzudecken, die man zunächst einmal nicht vermutet hätte. Schon der Titel der Schriftenreihe, die um 1910 oder 1920 in den USA den Fundamentalismus begründete, gibt einen Hinweis: "The Fundamentals. A Testimony of Truth". "Wahrheit" ... Die Althistorikerin Babett Edelmann von der Universität Regensburg, wirft in ihrem Beitrag zum Sammelband die Frage auf, ob es diese Berufung auf eine religiöse Wahrheit eigentlich auch in der vorchristlichen römischen Religion gegeben hat. Das ist keineswegs so selbstverständlich, wie es von einem modernen Standpunkt, der bei Religion zunächst an Christentum oder Islam oder Judentum denkt, scheinen könnte. Die Religionen der alten Mittelmeerwelt waren durch ihren Kultus definiert; komplexe Gedankengebäude vergleichbar der christlichen Theologie wurden nicht ausgearbeitet.

Tempel des vergöttlichten Kaisers
Augustus in Ankara - Bild: Wikipedia
 
Aber es hat, darauf macht Edelmann aufmerksam, im alten Rom Fälle von heidnischem Martyrium gegeben. 66 nach Christus wurde unter Kaiser Nero der Senator Publius Clodius Thrasea Paetus hingerichtet. Anklagepunkt: Thrasea glaube nicht an die Göttlichkeit der Poppaea, der Gemahlin des Kaisers. Offenbar hatte Thrasea es vermieden, an den vorgeschriebenen Kulthandlungen teilzunehmen. In der Regel deuten die Historiker dieses Verhalten als politische Opposition, wie überhaupt die Apotheose der Kaiser und ihrer Angehörigen gern als bloß formelle Loyalitätsbekundung gesehen wird, beinahe vergleichbar dem Abgeben einer Steuererklärung. Edelmann widerspricht: "Es wurde mehr als eine passive Teilnahme am Kaiserkult erwartet, nämlich das aktive Glaubensbekenntnis."

War der Kaiserkult, der den Konflikt der frühen Christen mit dem römischen Staat provozierte, tatsächlich so etwas wie "Religion"? Handelt es sich bei der Christenverfolgung also nicht nur um den Zusammenstoß eines Glaubens mit einer politischen und militärischen Macht, sondern auch um eine Konkurrenz zweier verschiedener Glaubensrichtungen, zweier einander ausschließender Wahrheitsansprüche? Wenn wir beim Verständnis moderner Weltreligionen unsere Schwierigkeiten haben, greifen wir in der Regel zu den heiligen Schriften oder auch zu den Katechismen. Dergleichen hatten die alten Römer nicht. "Im Bereich der Religion gab es in der vorchristlichen Antike keine dogmatisch geschlossenen Systeme, die universale Geltung beanspruchten und ‚Wahrheit’ von ‚Irrtum’ kanonisch unterschieden", schreibt der Archäologe Manfred Clauss aus Hennef. 

Es ist nicht einmal sicher, ob man für die Kaiserzeit von einer römischen Religion, im Singular, oder besser von einem Neben- und Miteinander mehrerer Religionen sprechen sollte. Der Veranstalter der Tagung, der Potsdamer Althistoriker Pedro Barcelò, hält den Plural für sachgerecht, sein Kollege Jaime Alvar aus Madrid sieht in der römischen Religion dagegen eine "einheitliche Realität", die durch die Aufnahme neuer Götter immer wieder "weiterentwickelt" wurde. Alvar: "Der Gläubige richtete seine Gebete an das göttliche Wesen, das ihm aufgrund seines Vermögens am besten geeignet schien, das persönliche Anliegen zu erfüllen." Tendenzen zu einem Monotheismus – im Sinne der Ablehnung anderer Götter – habe es in der römischen Religion nicht gegeben.

In der heidnisch-antiken Welt hätte sich das christliche Verständnis von theologischer Wahrheit allenfalls auf den philosophischen Diskurs hätte berufen können, der jedoch nicht religiös, sondern vernunftgeleitet war. Und wenn die Philosophen von "Gott" im Singular sprachen, wurde damit niemals die kultische Verehrung der vielen Götter in Frage gestellt. Der Ausschließlichkeitsanspruch der christlichen Wahrheit dagegen, so Clauss, "führte dazu, alle Feinde dieser Wahrheit auszugrenzen, alle Häretiker, Juden und Heiden."

Kaiser Diokletian - Bild: cng
Im populären Geschichtsbild wird diese Entwicklung gern mit Kaiser Konstantin in Verbindung gebracht, der das Christentum von Staats wegen begünstigte, oder mit seinem Nachfolger Theodosius, der es zur Staatsreligion erklärte. Aber die Ursprünge liegen offenbar tiefer. Der afrikanische Bischof Cyprian argumentierte im 3. Jahrhundert, also noch mitten in der Zeit der Christenverfolgung, wenn "falsche" Christen, also "Ketzer", verbrannt oder den Tieren vorgeworfen würden, sei dies das passende Schicksal für ihren falschen Glauben. Bertram Blum, Leiter der katholischen Erwachsenenbildung in der Diözese Eichstätt, zieht aus den biblischen Aussagen gerade die entgegengesetzte Konsequenz. "Die Wahrheit wird euch befreien", heißt es im Johannesevangelium. "Das Christentum ist seinem Wesen nach eine Befreiungsbotschaft. Fundamentalistische Tendenzen sind damit grundsätzlich ausgeschlossen."

Dieser theologische Standpunkt schließt natürlich nicht aus, dass sich das historische Christentum auch ganz anders verhalten konnte. Der Potsdamer Religionswissenschaftler Johann Evangelist Hafner sieht die entscheidende Weggabelung in der Mitte des 2. Jahrhunderts. Um 150 lehrte in Rom der christliche Philosoph Justin, der sich – in friedlicher Konkurrenz mit Kollegen anderer Richtungen – bemühte, das Christentum in die Kontinuität der Geistesgeschichte hineinzustellen. Bloß eine Generation später wandte sich der Lyoner Bischof Irenaeus im kämpferischem Ton gegen alle Abweichungen. Hafner: "Justin hielt noch jeden Menschen gleichermaßen für häresie- und orthodoxiefähig, Irenaeus dagegen hielt die Häretiker auf eine für ihn unverständliche Weise für verbohrt."

Jedenfalls ging es nach dem Ende der Christenverfolgungen sehr schnell, dass die "Heiden" ihrerseits verfolgt wurden. Bereits Konstantins Söhne, so der Althistoriker Johannes Hahn, Universität Münster, wurden von christlichen Theologen aufgefordert, die "heidnischen" Kulte auszurotten, ihre Tempel niederzubrennen und – ein willkommener Nebeneffekt – ihre Schätze zu enteignen. Und wenn die Obrigkeit nicht mitspielen wollte, griff man eben auch zur Selbsthilfe, so 392 bei der Zerstörung des Serapisheiligtums in Alexandria oder 415 bei der Ermordung der neuplatonischen Philosophin Hypatia. Natürlich spielten dabei auch politische und ökonomische Motive ihre Rolle, in welcher Vermischung, vermag selbst eine gründliche Quellenanalyse kaum zu klären.

"Ob fundamentalistische Gruppen in Gewaltbereitschaft legitime Mittel zur Durchsetzung ihrer Glaubenssätze sehen oder nicht, hängt davon ab, in welchem Umfang sie den sozialen Frieden Vorrang gegenüber individuellen Überzeugungen einräumen", stellt die Althistorikerin Almuth Lotz, Universität Potsdam, sachlich fest.  Sicher ist, so der Potsdamer Philologe Peter Eich, dass die systematischen Christenverfolgungen unter Kaiser Valerian in den 250er Jahren eine neue Qualität bedeuteten. Barcelò: "Nach Valerians Ansicht war die ständig wachsende Gemeinschaft der Christen ein Unsicherheitsfaktor und ein Hindernis für die Einheit des Reiches. Deshalb ließ er sie verfolgen." Eine Linie, der später Kaiser Diocletian mit seinen Edikten gegen die Manichäer 295 und gegen die Christen 303 folgte. "Abweichungen wurden kriminalisiert, weil sie aus der Sicht der Regierung das religiös legitimierte Fundament des Staates zersetzten."

Kaiser Julian - Bild: Class. Num. Group
Das Edikt von Serdica 311, mit dem Kaiser Galerius die Verfolgungen einstellte, zeigt, dass sich in der Argumentation gar nichts geändert hatte: "Daher wird es entsprechend unserem Entgegenkommen die Pflicht der Christen sein, zu ihrem Gott zu beten für unser Wohl, für das Wohl des Staates und für ihr eigenes, damit der Staat nach allen Richtungen hin vor Schaden bewahrt bleibe und sicher in ihren Wohnsitzen leben können." Galerius bekräftigte ausdrücklich, er halte das Christentum weiterhin für eine "Torheit"; aber er hatte eingesehen, dass die Verfolgung gescheitert war. Und wenn die ungeliebte Religion nicht zu unterbinden war, sollte ihr Gottesdienst – wie der anderer Religionen auch – politisch genutzt werden.

"Ein unwirsches und unwillig abgerungenes Zugeständnis", so Barcelò. Galerius’ Kollege und Konkurrent Konstantin ging, nachdem er 314 sein berühmtes "Toleranzedikt" verkündet hatte, einen Schritt weiter: Er stellte den christlichen Bischöfen den Staatsapparat zur Verfügung, um Abweichler in den eigenen Reihen zu disziplinieren. Offenbar galten auch diese inneren Auseinandersetzungen um die "richtige" Lehre als Gefahr für die Einheit des Staates. Nun unterlagen nicht mehr nur die Anhänger anderer Religionen, sondern auch die "Häretiker" – ein Begriff, den die römische Religionswelt zuvor nicht gekannt hatten – der staatlichen Verfolgung.

Es würde jedoch zu kurz greifen, wollte man darin eine Eigenart bloß des Christentums sehen. Es muss sich um eine allgemeine Entwicklung in der spätantiken Welt gehandelt haben. Ausgerechnet bei dem größten Gegner des Christentums im 4. Jahrhundert, Kaiser Julian Apostata, hat Barcelò eine genaue Parallele gefunden: "Julian verachtete die ihm nicht völlig treu ergebenen Kultgenossen weit mehr als seine christlichen Widersacher." Und offenbar handelte Julian viel weniger aus politischem Kalkül als aus religiöser Überzeugung, er war, so Barcelò, ein "religiöser Eiferer", wenn man es unhistorisch ausdrücken will: ein Fundamentalist.


Neu auf dem Büchermarkt:
Religiöser Fundamentalismus in der römischen Kaiserzeit,
herausgegeben von Peter Barceló,
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-515-09444-3, 53,- €


Mehr im Internet:
Fundamentalismus - Wikipedia 
scienzz Artikel Religion in der Antike 
scienzz Artikel Religiöse Ethik  

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

 

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