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10.11.2010 - RELIGIONSGESCHICHTE

Der Kontext einer heiligen Schrift

Zum religiösen und kulturellen Umfeld des Korans

von Josef Tutsch

 
 

Der Prophet Mohammed,
Herat 1436 (BNF Paris)
Bild: Wikipedia

Der Islam sei keine eigenständige Religion, sondern bloß eine ketzerische Abart des Christentums, so haben es Jahrhunderte lang christliche Dogmatiker gelehrt. Anscheinend kam dieser Verdacht bereits zu Lebzeiten des Propheten auf. In Sure 16 des Korans findet sich der etwas rätselhafte Vers: "Wir wissen wohl, dass sie (die Ungläubigen) sagen: ‚Es lehrt ihn (Mohammed) ein Mensch (nämlich das, was er als göttliche Offenbarung vortragen soll).’" In einer Abhandlung des christlichen Theologen Johannes von Damaskus im 8. Jahrhundert wurde aus diesem mysteriösen Informanten ein Mönch, der dem Irrglauben der Arianer angehangen habe, also jener Richtung, die die Gottheit Christi bestritt. Spätere christliche Schriftsteller verdächtigten gern die nestorianischen Kirchen des Orients, die Grundlagen für Mohammeds Lehre gelegt zu haben.

Für gläubige Muslime ist die Antwort auf solche Polemiken einfach: Der Koran enthält das Wort Gottes, die Frage nach "Einflüssen" stellt sich nicht. Eigentlich nicht: Da Mohammed seine Offenbarung nicht als etwas Neues verstand, sondern als Wiederherstellung der Religion des Urvaters Abraham, ist der Text des Korans dennoch voll von Anspielungen auf das Alte und das Neue Testament. Die Frage jedoch, "wie ganz konkret diese (jüdischen oder christlichen) Stoffe an Mohammed gelangt sein könnten", sei auch in der westlichen, nicht theologisch, sondern historisch und philologisch orientierten Islamwissenschaft offen, stellt Tilman Nagel, Professor für Arabistik an der Universität Göttingen, fest.

Nagel hat einen Kreis von Kollegen zusammengebracht, um das religiöse und kulturelle Umfeld des Korans wenigstens in einigen seiner Aspekte aufzuklären, dem Korantext sozusagen seinen "Kontext" zurückzugeben; die Beiträge sind jetzt als Sammelband herausgekommen. Arabien um 600 nach Christus – im Grunde auch heute noch ein Buch mit sieben Siegeln. Bis heute gilt der Koran selbst als beinahe einzige Quelle für diese Epoche. Nagel macht jedoch darauf aufmerksam, dass sich in der späteren muslimischen Überlieferungen Spuren finden, die auf jüdische oder christliche Einflüsse bereits in der Zeit vor Mohammed schließen lassen. Unter dem Namen des Dichters Umaija, der zwei Generationen vor Mohammed lebte, sind einige hundert Verse überliefert, "in denen im weitesten Sinne jüdisches und christliches Erzählgut überliefert wird", darunter poetische Spekulationen über die Gestalt der Engel.

Viele Forscher haben angenommen, diese Verse seien erst unter dem Einfluss des Korans entstanden und später fälschlich einem vormuslimischen Autor zugeschrieben worden. Ein unbegründeter Verdacht, meint Nagel; immerhin wird berichtet, Mohammed habe seinen Vorgänger mit dem Kompliment bedacht, er sei "beinahe ein Muslim" gewesen. Auch die Darstellung der höllischen Strafen im Koran, berichtet der Bonner Islamwissenschaftler Matthias Radscheit hat ihre Entsprechung in jüdischen und christlichen Höllenvisionen. Ein Detail immerhin scheint ohne Vergleich dazustehen, der verfluchte Baum, dessen Früchte Satansköpfen gleichen und von dem die Verfluchten zu ihrer Qual essen müssen.

Koranhandschrift des
Kaligraphen Hattat Aziz
Efendi, 20. Jh.
Bild: Wikipedia

Radscheit macht jedoch wahrscheinlich, dass der Baum des Paradieses dahinter stehen könnte, von dem die Stammeltern Adam und Eva entgegen Gottes Gebot gegessen hatten. Die islamische Tradition hat ihn sich als Feigenbaum vorgestellt. Radscheit: "Die Feige als der böse Baum steht nicht nur am Beginn der Menschheitsgeschichte, als Höllenbaum markiert sie auch deren Ende." Liegt hier womöglich sogar eine Anspielung auf eine viel umrätselte Stelle im Neuen Testament vor? Jesus verflucht einen Feigenbaum: "Für alle Zeit soll niemand eine Frucht von dir essen." Die christliche Theologie hat darin eine Ankündigung gesehen, dass Israel seine Rolle als auserwähltes Volk verloren habe.  Ähnlich ist auch die muslimische Hölle nicht zuletzt als Strafort für die Ungläubigen zu verstehen.

Aber die Frage, inwieweit die Texte des Alten und des Neuen Testaments um 600 nach Christus auf der arabischen Halbinsel präsent waren, kann vorläufig nur spekulativ beantwortet werden. Mit den biblischen Erzählstoffen müssen Mohammeds Hörer in der Tat vertraut gewesen sein, darauf deutet auch der Korantext selbst hin. Oft werden aus einer biblischen Erzählung nur jene Details aufgegriffen, die gerade zur Verdeutlichung der eigenen Botschaft angemessen erscheinen. Ein stimmiges Bild kann sich daraus nur dann ergeben haben, wenn der Zusammenhang bereits bekannt war.

Wie heikel eine solche Diskussion sein kann, wenn sie aus dem akademischen Elfenbeinturm an die Öffentlichkeit tritt, hat sich vor einigen Jahren gezeigt. Ein Koranforscher, der sich vorsichtshalber das Pseudonym "Christoph Luxenberg" gab, erregte mit der These Aufsehen, die vielen unklaren Stellen im Koran seien durch Lese- und Übertragungsfehler, möglicherweise auch durch beabsichtigte Veränderungen und "Verbesserungen" in den frühesten Textausgaben entstanden. Bei vielen Muslimen löste Luxenberg wütende Proteste aus. Das Dogma, der Koran sei "in klarer arabischer Sprache" eine unverfälschte Wiedergabe der von Allah selbst aufbewahrten Urschrift, schien in Frage gestellt.

Nagel und seine Mitarbeiter gehen nun nicht textkritisch, sondern eher ideenhistorisch vor. Aber mit welchen Ideen jüdischer oder christlicher Herkunft können Mohammed und seine ersten Anhänger vertraut gewesen sein? Und in welcher – schriftlichen oder mündlichen – Form könnten diese Ideen überliefert worden sein? Mehrere Beiträge in dem Sammelband verfolgen eine Spur, die von der auf theologische Traktate fixierten Wissenschaft lange vernachlässigt wurde: Es kämen ja auch gesungene Hymnen und Lieder in Frage, die im Gottesdienst verwendet wurden. Und sicherlich auch außerhalb der Kirchenmauern, etwa bei Begräbniszügen. Es gab auf der arabischen Halbinsel christliche Gemeinden verschiedener Richtungen, in denen sicherlich auch in der Bibel gelesen wurde; aber mündlich vorgetragene Texte werden für das Gemeindeleben wichtiger gewesen sein.

Prophet Mohammed, ottomanische
Illustration, 17. Jh. BNF, Paris,
Bild: Wikipedia

Der Kirchenhistoriker Martin Tamcke, Göttingen, verweist auf den syrischen Dichter Ephraem im 4. Jahrhundert, der Byzantinist Johannes Koder auf den ebenfalls syrischen Dichter Romanos Melodos, einen Zeitgenossen Mohammeds. Ephraems Wiedergabe der Josephserzählung aus dem Alten Testament oder Romanos’ Paraphrase der Geschichte von Jonas und dem Wal zeigen frappante Übereinstimmungen mit den Versionen im Koran. Wie solche Überlieferungen ihren Weg in den Koran gefunden haben könnten, ist kaum zu klären. "Mögliche Informanten waren die Koptin Maria", schreibt der Islamwissenschaftler Harald Suermann von der Universität Bonn, "eine von Mohammeds Frauen, und der Christ Waraka ibn Nawfalk, der Cousin von Mohammes erster Frau Khadidja."

Handelsreisende werden oft auch Informationen über religiöse Fragen vermittelt haben, und wenn Mohammed, vermutet Suermann, "bei Handelsreisen in den byzantinischen, syrisch-palästinensischen Raum gekommen ist, dann mögen christliche Gottesdienste Orte gewesen sein, an denen er der christlichen Überlieferung begegnet ist." In einer Form, die nicht unbedingt in jedem Detail dem Bibeltext entsprach, das würde abweichende Darstellungen im Koran erklären. Aber natürlich ist ebenso damit zu rechnen, dass Mohammed für seine Abweichungen theologische Gründe hatte. Voraussetzung des Korans war, dass jene Offenbarung, die Allah einst an Abraham verkündet hatte, von Juden und Christen verfälscht worden sei.

Da bleibt vorläufig vieles noch Spekulation. Als "Text ohne Kontext", wie Tilman Nagel es ausdrückt, steht die Heilige Schrift des Islams heute wohl nicht mehr da. Dass ein solcher Kontext nicht dazu führen kann, den Islam für eine Spielart des Christentums zu halten, versteht sich von selbst. Von einer befriedigenden Rekonstruktion der Entstehung des Korans ist die Islamwissenschaft aber offenbar noch weit entfernt. Die westliche Islamwissenschaft, wird man wohl sagen müssen. Der Leser vermisst in Nagels Sammelband eine Darstellung, wie dieser Kontext in der muslimischen Welt heute gesehen wird. Dort befassen sich zwar seit Jahrhunderten die Kommentatoren mit den Schwierigkeiten der Koranexegese; aber den Schritt zu einer streng philologischen und historischen Analyse – Albert Schweitzer hat die parallelen Arbeiten zur Bibel eine "Wahrhaftigkeitstat des protestantischen Christentums" genannt – hat der Islam wohl noch vor sich.


Neu auf dem Büchermarkt:
Der Koran und sein religiöses und kulturelles Umfeld,
herausgegeben von Tilman Nagel unter Mitarbeit von Elisabeth Müller-Luckner,
R. Oldenbourg Verlag, München 2010, ISBN 978-4-486-59052-4, 59,80 €


Mehr im Internet:
scienzz Artikel Der Islam




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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