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02.02.2011 - GESCHICHTE

"Mit Gott als unserem Beschützer"

Vor 150 Jahren gründeten die Sklavenhalter-Staaten der USA die "Konföderation"

von Josef Tutsch

 
 

Jefferson Davis, Präsident der Kon-
föderierten Staaten von Amerika
Bild: Wikipedia

"Einige Menschen", schrieb 1864 der Jurist George Fitzbugh aus Virginia, "sind mit einem Sattel auf dem Rücken geboren, und andere sind gestiefelt und gespornt, um sie zu reiten. Und es tut ihnen gut!" 1864 – der amerikanische Bürgerkrieg neigte sich bereits seinem Ende zu; aber Fitzbugh wollte die Sache der "Konföderierten Staaten von Amerika" noch einmal mit aller Kraft moralisch verteidigen. Und hierzu griff er tief in die europäische Ideengeschichte zurück. Ein Teil der Menschen, hatte bereits im 4. Jahrhundert vor Christus der griechische Philosoph Aristoteles gelehrt, sei "durch die Natur selbst zu freien Leuten und ein anderer zu Sklaven bestimmt". Und für die letzteren sei es "gerecht und zuträglich, auch wirklich Sklaven zu sein". Natürlich kannte sich Fitzbugh auch in der Bibel aus. Dort war zu lesen, wie der fromme Noah seinen Sohn Ham verfluchte: "Als niedrigster Sklave soll er seinen Brüdern dienen." Und bei vielen bibeltreuen Christen galt Ham als Ahnvater aller Schwarzen.

Am 4. Februar des Jahres 1861, vor 150 Jahren, hatten sich die vier Staaten South Carolina, Mississippi, Georgia und Louisiana, die zuvor aus der "Union" der Vereinigten Staaten von Amerika ausgetreten waren, zu einem neuen Bundesstaat zusammengeschlossen. "Deo vindice", schrieben sie in ihr Staatssiegel, "Mit Gott als unserem Beschützer". Im Laufe der nächsten Monate traten noch sieben weitere Staaten bei. Im Wappen der Konföderation waren sogar dreizehn Sterne zu sehen – für zwei Staaten an der Grenze zwischen Nord und Süd hatten zweifelhaft legitimierte Gegenregierungen den Beitritt erklärt.

Anlass der Sezession war die Wahl des republikanischen Kandidaten Abraham Lincoln zum Präsidenten der USA. Lincoln hatte keinen Zweifel gelassen, dass er die Sklaverei ablehnte. Wie energisch er als Präsident dieses Ziel verfolgen würde, blieb freilich offen; jedenfalls schreckte er davor zurück, eine Spaltung der Union in Kauf zu nehmen. Die Politiker der Südstaaten, in denen die Sklaverei erlaubt war, wollten die Entwicklung aber gar nicht erst abwarten. Noch bevor Lincoln sein Amt antreten konnte, vollzogen sieben Staaten, voran South Carolina, die "Sezession".

In den drei Generationen seit der Unabhängigkeitserklärung hatten sich die nördlichen und die südlichen Staaten der USA sehr unterschiedlich entwickelt. Im Norden, der sich zunehmend industrialisierte, war die Zahl der Sklaven langsam zurückgegangen, im Süden mit seinen ausgedehnten Baumwoll-, Zuckerrohr-, Erdnuss- und Tabakplantagen hatte sie dagegen noch zugenommen. Einer Volkszählung von 1860er zufolge waren von den gut 9 Millionen Einwohner der Südstaaten mehr als ein Drittel schwarze Sklaven. Die Wirtschaftshistoriker haben noch konkretere Konfliktpunkte gefunden. Die Industrieunternehmer im Norden waren daran interessiert, ihre Fertigprodukte in den südlichen Staaten abzusetzen; dort bevorzugte man aber englische Fertigprodukte, denn es wäre unprofitabel gewesen, die Schiffe, die England mit Baumwolle belieferten, leer zurückkehren zu lassen.

Das "Weiße Haus" der Konföderierten
Staaten in Montgomery, Alabama
Bild: Nils Fretwurst
Aber im Selbstverständnis der Zeitgenossen damals stand die eine Frage im Vordergrund – die Illegitimität jeder Form von Sklaverei aufgrund ethischer Normen oder gerade umgekehrt ihre Legitimität, begründet aus uralten religiösen und philosophischen Traditionen, und dann auch ihre Nützlichkeit oder Unentbehrlichkeit für die Plantagenwirtschaft. Die Sklavenhaltergesellschaften des amerikanischen Südens konnten sich im Einklang fühlen mit dem größeren Teil der Weltgeschichte, vom alten Israel bis zum alten Rom.

Nur das nordwestliche Europa hatte seit dem hohen Mittelalter einen Sonderweg eingeschlagen. Die Territorialfürsten wandelten die Sklaverei in die Leibeigenschaft um, in den Städten wurde auch diese mildere Form der Unfreiheit außer Kraft gesetzt, sicherlich begünstigt durch die Zunahme qualifizierter Arbeit, die von unfreien, in der Regel schlecht ausgebildeten Menschen nicht rentabel geleistet werden konnte. Als die europäischen Mächte daran gingen, in Amerika Kolonien einzurichten, wurden diese Grundsätze freilich nicht angewendet. Nicht nur Portugal und Spanien, ebenso Frankreich, Holland und England beteiligten sich eifrig an dem Geschäft, aus Afrika schwarze Sklaven in die Neue Welt zu verschiffen. Und, nicht zu vergessen, in seiner kurzen Phase kolonialer Aktivität um 1700 auch das Kurfürstentum Brandenburg.

In der Regel brauchten die Europäer nicht selbst auf Sklavenjagd zu gehen; lokale Fürsten besorgten die begehrte "Ware" bei ihren Nachbarstämmen. Dass gerade Schwarzafrika zum Reservoire für den Sklavennachschub wurde, hat die ältere Forschung gern auf die Hautfarbe zurückgeführt. Aber offenbar hat sich das Vorurteil gegen die Farbe Schwarz erst im Zusammenhang mit der Institution Sklavenhaltung durchgesetzt. Bibeltreuen Christen gab die Erzählung von Noah und Ham eine Rechtfertigung der Sklaverei, die mit dem Grundsatz der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen doch kaum vereinbar war.
 
Es waren vor allem die radikalen protestantischen Sekten Neuenglands im Umkreis der Quäker und der Methodisten, die mit dem Grundsatz, dass alle Menschen gleich und frei geboren sein, ernst machen wollten. Parallel dazu entwickelte sich die öffentliche Meinung in Großbritannien. 1807 wurde der Sklavenhandel auf britischen Schiffen verboten, 1833/34 wurden alle Sklaven im britischen Kolonialreich für frei erklärt. Aber die Südstaaten der USA kamen inzwischen ohne Sklavennachschub aus Afrika aus. 1860 lag die Zahl der Plantagensklaven bei 3,5 Millionen.

Misshandelter Sklave in Loui-
siana, 1863 - Bild: Wikipedia

Der Konflikt hatte sich bereits Jahrzehnte zuvor angedeutet – immer wieder dann, wenn es um die Aufnahme neuer Staaten ging; von denen manche ein Verbot der Sklaverei in ihrer Verfassung hatten und andere nicht. Jahrzehnte lang bemühten sich die Politiker, im Senat ein Gleichgewicht zwischen den beiden Seiten aufrecht zu erhalten. Ganz kurios war die Regelung für die Wahlen zum Repräsentantenhaus. Bei der Berechnung der Vertreterzahlen wurden jedem Staat seine Sklaven zu drei Fünfteln angerechnet, obwohl die selbst ja gar kein Stimmrecht besaßen.

1820 hatte der sogenannte Missouri-Kompromiss festgelegt, in allen neuen Staaten nördlich etwa der Breite 36 Grad 30 Minuten, mit Ausnahme von Missouri, solle die Sklaverei verboten sein. Aber 1856 gab es  im neuen Territorium Kansas blutige Kämpfe zwischen Befürwortern und Gegnern der Sklaverei. 1857 erklärte der Oberste Gerichtshof den Missouri-Kompromiss für verfassungswidrig: Wenn ein Sklave durch seinen Wechsel aus einem Staat in den anderen seine Freiheit erhalte, könne darin eine unzulässige Enteignung der Sklavenhalter ohne ordentliches Gerichtsverfahren liegen. Ein Sieg für die Befürworter der Sklaverei; aber beide Seiten sahen sich nun in der Notwendigkeit bestärkt, die Frage  grundsätzlich zu klären. "Ein in sich gespaltenes Haus kann keinen Bestand haben", sagte Abraham Lincoln 1858 bei einer Rede im Parlament von Illinois. "Ich glaube, diese Regierungsform kann keinen Bestand haben, wenn sie auf Dauer halb für die Sklaverei, halb frei ist."

Am Ende des Krieges, der nun ausbrach, stand nach einigen Anfangserfolgen der Südstaaten bekanntlich der Sieg des Nordens und die Wiederherstellung der Union – und damit auch die Abschaffung der Sklaverei auf dem gesamten Gebiet der Vereinigten Staaten. Dieser Erfolg lag nicht nur an der logistischen Unterlegenheit der Konföderierten, vor allem einem wenig ausgebauten Eisenbahnnetz, das den Transport von Soldaten und Gütern über weite Entfernungen schwer bewältigen konnte. Wichtig wurde auch, dass es gelungen war, vier sklavenhaltende Staaten an der Grenze zum Süden zum Verbleib in der Union zu bewegen – halb durch politische Überzeugung, halb durch militärischen Druck. Von Lincoln ist in diesem Zusammenhang der Ausspruch überliefert: "Gott hoffe ich auf meiner Seite zu haben, Kentucky muss ich auf meiner Seite haben."

Lincoln wird sich bewusst gewesen sein, dass auch seine Gegner im Süden Gott – oder, vorsichtiger gesagt, das göttliche und menschliche Recht – auf ihrer Seite zu haben hofften. Dass ihm gerade Kentucky so wichtig war, hatte über das Militärstrategische hinaus auch eine symbolische Bedeutung: Es war der Heimatstaat seines Präsidenten-"kollegen" bei den Konföderierten, Jefferson Davis. Als 1863, mitten im Krieg, die USA eine Proklamation verkündeten, die alle Sklaven auf dem Gebiet der abgefallenen Südstaaten befreite, hatte diese Grenzziehung eine merkwürdige Konsequenz: Nach dem Recht der Union gab es Sklaven jetzt nur noch im Norden, nämlich in den "Frontier states", wo die Rechte der Sklavenhalter bis 1865 unangetastet blieben.

Die Flagge der Konföderation
Bild: Wikipedia
Aber Lincoln wollte die Sklavenfrage eben nicht isoliert betrachten. Seine Vorstellung war gewesen, diese doch weithin sozial anerkannte Institution in einem allmählichen Prozess abzuschaffen und die Sklavenhalter zu entschädigen. Indem die Südstaaten aus der Union ausgetreten waren, so sah es Lincoln, hatten sie selbst den Weg des Rechts verlassen. Nur das gab die Grundlage, mit dem "Eigentum" ihrer Sklavenhalter anders zu verfahren.

Den Sieg erlebte der Präsident nicht mehr. Am Karfreitag 1865 wurde er von einem Anhänger der Südstaaten erschossen. Am 18. Dezember dieses Jahres trat der 13. Verfassungszusatz in Kraft: "Weder Sklaverei noch Zwangsarbeit, ausgenommen als Strafe für ein Verbrechen aufgrund eines rechtmäßigen Urteils, sollen in den Vereinigten Staaten von Amerika und allen Orten, die ihrer Rechtsprechung unterliegen, existieren." Lincoln ging als eine der großen Befreierfiguren in die Geschichte ein; der Dichter Walt Whitman verglich ihn mit Jesus Christus. Die historische Gerechtigkeit gebietet jedoch klarzustellen, dass die indianischen Ureinwohner des Kontinents mit seiner Präsidentschaft weniger Glück hatten. 1862 unterzeichnete er ein Gesetz, das es jedem Erwachsenen erlaubte, sich "unbesiedeltes" Land anzueignen. In aller Naivität wurde unterstellt, Ländereien, auf denen nur Nomaden lebten, seien schlechthin unbewirtschaftet. Die Indianer wurden in die Reservate verbannt.

Aber was die ehemaligen Sklaven betraf, gaben Regierung und Parlament in Washington sich zunächst alle Mühe, ihre tatsächliche Gleichstellung zu fördern. 1868 trat ein 14. Zusatz über die Gleichbehandlung aller Bürger, unabhängig von ihrer "Rasse", vor Gericht in Kraft, 1870 erklärte es der 15. Zusatz für unzulässig, irgendjemandem wegen seiner Hautfarbe das Wahlrecht zu verweigern. Ob die Parlamentarier damals geahnt haben, wie lange es dauern würde, diesen Verfassungszusätzen ihre Wirksamkeit zu verschaffen? Nachdem die Bundesregierung den ehemals abtrünnigen Staaten ihre Selbstverwaltung zurückgegeben hatte, wurden die Bestimmungen über das Wahlrecht und die Gleichbehandlung vor Gericht systematisch sabotiert, bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein. Soziale Einstellungen und Verhaltensformen sind eben viel schwerer zu ändern als Gesetzesparagraphen, das hatte der französische Schriftsteller Alexis de Tocqueville bereits Jahrzehnte vor der Sklavenbefreiung vorausgesagt.

Und immer wieder gab das Oberste Gericht den Einzelstaaten Recht. Da standen zwei Prinzipien, die das Verfassungssystem der USA gleichermaßen geprägt haben, gegeneinander: der Gleichheitsgrundsatz und der Respekt vor der Autonomie der Einzelstaaten gegenüber der Zentrale. Das Bild vom Sezessionskrieg war im historische Gedächtnis der Südstaaten denn auch lange Zeit mehr vom Stichwort "Autonomie" geprägt als von der Frage der Sklaverei. Der Krieg erschien als die militärische Seite eines umfassenden politischen, ökonomischen und kulturellen Angriffs auf den "southern way of life" – in Margaret Mitchells Roman "Vom Winde verweht" lebt die Legende vom "alten Süden" und seiner noblen Kultur fort. Die Fahne der Konföderation – ein blaues Andreaskreuz auf rotem Grund, mit dreizehn weißen Sternen auf den Kreuzarmen – ist bei vielen Traditionalisten in den Südstaaten bis heute Symbol ihrer kulturellen Identität. Der Staat Mississippi hat sie in sein Wappen übernommen. Rassistischen Gruppen wie dem Ku-Klux-Klan dient sie als Erkennungszeichen.

Der siegreiche Gegner: Präsident
Abraham Lincoln - Bild: Wikipedia

Aber mit dem Sezessionskrieg war ein Damm gebrochen. 1880 folgte Kuba dem nordamerikanischen Vorbild und schaffte die Sklaverei ab, 1888 als letztes Land des westlichen Kulturkreises Brasilien. Gibt es heute auf der Welt noch ein Land, in dem das Rechtssystem es billigen würde, dass Menschen andere Menschen zum Eigentum haben oder gar mit ihrem Verkauf Handel treiben? Zumindest finden sich im islamischen Kulturkreis noch Regierungen, die gegen Sklaverei auf ihrem Territorium nicht vorgehen. Aus dem Sudan wird immer wieder berichtet, dass einige Stämme die uralte Gewohnheit, bei ihren Nachbarn Sklavenjagden durchzuführen, beibehalten haben. Und in Mauretanien sollen Sklavenkinder bei Hochzeiten in begüterten Kreisen nach wie vor ein beliebtes Geschenk sein.

Dergleichen Umstände hinderten einen Justizminister des Sudan jedoch nicht daran, 2001 bei der Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban von den westlichen Staaten Reparationen zu verlangen – als Ausgleich für die Versklavung von Afrikanern in Amerika. Er traf im Bewusstsein von Europäern und Amerikanern einen wunden Punkt: Die Sklaverei ist ein Schandfleck in der Geschichte der Menschenrechte.


Mehr im Internet:
Konföderierte Staaten vom Amerika - Wikipedia
scienzz artikel Ameika
scienzz artikel Sklaverei



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus
Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communication

 

 

 

 

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