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18.02.2011 - SOLARE WÄRME

Wann wacht der schlafende Riese auf?

Krise der Solarthermie oder wann emanzipiert sich die Solarwärme von herkömmlichen Heizungsbau

Klaus Oberzig

 
 

Das Jahr 2010 war für die Solarwärmebranche enttäuschend. Nach Angaben des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW) verzeichnete die Marktentwicklung ein Minus von 26 Prozent. Damit schrumpft der Solarwärmemarkt, übrigens auch in Europa, zum zweiten Mal in Folge. Branchenvertreter weisen in diesem Zusammenhang auf die mehrere Wochen andauernde Fördermittelsperre durch die Bundesregierung hin. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) bestätigt einen drastischen Rückgang der Antragszahlen für Solarkollektoranlagen im Jahr 2010, der sich bereits seit dem Sommer abgezeichnet habe. Nach insgesamt 157.495 Förderanträgen im Jahr 2009 wurden bis zum 17. Dezember 2010 nur 50.970 Anträge gestellt. Die Fördertöpfe seien nicht ausgeschöpft worden.

Der Anteil der Kollektoranlagen, die auch der Raumheizung dienen, betrug 2009 mit 79.520 rund 50 Prozent. Nach Erhebungen der Branchenverbände BSW und BDH, die sich vor allem auf die Art der verkauften Solarspeicher beziehen, sei der Anteil der heizungsunterstützenden Solaranlagen in 2010 sogar zurückgegangen. Dass die Lage mancher Hersteller nicht gerade rosig aussieht, bestätigen Meldungen über Personalabbau und erste Insolvenzanträge. Auch wenn der BSW „vor dem Hintergrund steigender Heizkosten und eines hohen Sanierungsbedarfs eine Marktbelebung für 2011“ erwartet, steht die Frage im Raum, ob man von struktureller Krise sprechen muss oder ob der schwarze Peter bei der Bundesregierung zu suchen ist.

Im Gegensatz zur Solarwärme ist die Photovoltaik erfolgreich und in aller Munde. Sie gilt technologisch als eine Art Flagschiff der Erneuerbaren und ist in den Augen der Öffentlichkeit Synonym für Solaranlagen. Wie konnte es kommen, dass die Solarthermie in die Lage des kleinen Bruders geriet, der inzwischen auch noch kränkelt? Und das, obwohl die energetische Ausbeute von einem Quadratmeter Kollektorfläche um das Dreifache höher liegt als bei einem Quadratmeter Solarzellen.

Um die unterschiedlichen Entwicklung beider Sparten besser verstehen zu können, werfen wir einen Blick auf die Prozesskette, welche die Hersteller und die Investoren verbindet. Bei PV stellt sich diese einfach und leicht verständlich dar. Sie beginnt mit der Produktherstellung, geht über das Aufstellen und Anschließen zum Einspeisen und endet mit der Vergütung. Diese wurde klar geregelt und funktioniert seither.

Bei der Solarthermie ist es komplizierter: Produzieren und Aufstellen mögen ja noch vergleichbare Vorgänge sein, aber beim Anschließen und Einspeisen stellt sich die große Frage nach dem Wie. Die Vielfalt der möglichen Kombinationen mit anderen Energieträgern stellt in anlagentechnischer wie betriebswirtschaftlicher Hinsicht eine große Herausforderung dar. Dass bei der Solarthermie keine ähnlich überzeugende Regelung wie das EEG zur Unterstützung der Markteinführung zustande gekommen ist, dürfte hier seine tiefere Ursache haben.

Im bislang erfolgreich bearbeiteten Segment der EFH lief das Marketing letztlich über die Schiene des grünen Gewissens. Harte wirtschaftliche Kriterien spielten, trotz gegenteiliger Behauptungen, keine Rolle. Mit diesen konnte gar nicht operiert werden, da bei der Wärmeerzeugung traditionell keine direkte Verbrauchsmessung stattfindet. Alles lässt sich nur nachträglich mit komplizierten Berechnungen interpretieren. Direkte Vergleiche zwischen bivalenten solarthermischen Systemen und monovalenten fossilen Heizungen oder Effizienzvergleiche zwischen unterschiedlichen Solarwärmeanlagen sind ohne Monitoring aber nicht möglich.

Ob und wieviel die bislang installierten Anlagen, seien sie heizungsunterstützend oder für Warmwassererzeugung ausgelegt, wirklich einsparen, weiß niemand genau. Ein Seitenblick zu PV offenbart das Dilemma. Dort kann Solarertrag und Vergütung einfach abgelesen werden. Die fehlende Transparenz ist ein Mangel, den die Solarthermie gewissermaßen von der Heizungstechnik geerbt, gegen den sie sich aber nicht aufgelehnt hat. Ein verhängnisvoller Fehler.

Trotzdem wird, wie etwa in Renews Spezial 47 vom Januar 2011, unverdrossen verkündet, die Solarthermie sei klimafreundlich, wirtschaftlich und technisch ausgereift. Ein Durchschnittshaushalt bzw. ein EFH könne durch den Umstieg von fossiler auf regenerative Wärme rund 600 Euro im Jahr an Brennstoffkosten einsparen. Legt diese Argumentation nicht vielmehr den Finger in die eigene Wunde? Die Anlagen dürften nicht teurer als 9.000 € sein, Kapitalkosten freundlicherweise ignoriert, damit ab dem 16. Betriebsjahr das Sparen beginnt. Ist das wirklich sexy?

Einsparprognosen, die so weit in die Zukunft verschoben werden müssen, spiegeln vielmehr die Malaise der Solarthermie. Ob das Potenzial grün beseelter EFH-Besitzer, die sich um Amortisation und Energieeffizienz wenig kümmern, ausgeschöpft ist oder nicht, spielt letztlich aber keine Rolle. Denn der Wärmemarkt ist viel größer und starke Verkaufszahlen, die das ausschöpfen und der Branche wieder zu Wachstum verhelfen, können nur mit verbesserten und transparenten Anlagen erreicht werden. DSTTP hat dies erkannt, doch bis nach Jahren des Forschungsstillstandes relevante Fortschritte kommen, muss sich die Branche warm anziehen.

Betrachten wir ein weiteres Segment des Wärmemarktes, den Geschosswohnungsbau. Als Absatzmöglichkeit für solarthermische Anlagen liegt dieses vollständig brach. Auch das ist ein Unterschied zu PV, die haben das EFH schnell hinter sich gelassen. Nach anfänglichen Versuchen vorhandene solarthermische Anlagen nach oben zu skalieren, die scheiterten, hat die Branche, mit Ausnahmen, diesem Bereich schnell wieder den Rücken gekehrt. Geblieben ist ein schlechter Ruf, der bei Amateurvermietern wie der Wohnungswirtschaft noch heute präsent ist. An den Anforderungen für den Geschosswohnungsbau lässt sich aber zeigen, wohin die Reise gehen muss.

Solarwärmeanlagen für den Geschosswohnungsbau unterscheiden sich hinsichtlich der wirtschaftlichen Bedingungen grundsätzlich vom denen im EFH-Bereich. Hier kommt der Mieter bzw. die Mieterschaft als weiterer Akteur hinzu, der eigenständige wirtschaftliche Interessen vertritt. Da eine solare Modernisierung im Gebäudebestand über die Modernisierungsumlage nach §559 BGB auf die Mieter umgelegt werden kann, lassen sich Investitionen nicht in beliebiger Höhe tätigen. Wenn es zu keinem Konflikt mit den Mietern kommen soll, muss der Einspareffekt tatsächlich so groß sein, wie die Erhöhung der Nettokaltmiete durch die Modernisierungsumlage. An einer Warmmietenneutralität als Qualitätskriterium führt also kein Weg vorbei.

Nach Einbau einer Solarwärmeanlage muss eine veränderte Heizkostenpauschale erstellt und dem Mieter vorgelegt werden, so will es das Gesetz. Hier taucht wieder das Problem der fehlenden Messungen auf. Wo nicht gemessen wird, kann weder die Wirtschaftlichkeit festgestellt, noch eine Vereinbarung mit dem Mieter getroffen werden. Will die Branche in dieses Marktsegment eindringen, muss sie ihre Anlagen nicht nur leistungsfähiger machen, sie muss ein Monitoring einführen. Ohne Nachweis der Energieeffizienz kann schwerlich eine Bereitschaft für Investitionen erwartet werden.

Bei den angeführten Problemen der Solarwärme fällt auf, dass sie im Zusammenhang mit dem konventionellen Anlagenteil stehen. Ist dieser ineffizient, wird er durch eine solare Unterstützung auch nicht besser. Und das Drama besteht landauf landab darin, dass Kessel und Hydraulik grottenschlecht und oder unzulänglich eingerichtet sind. Aus dieser Abhängigkeit vom herkömmlichen Heizungsbau muss sich die Solarwärme befreien und zu einer eigenständigen Rolle finden.

Diese kann nur darin bestehen, dass die Solaranlagenbauer anfangen, sich für die Energieeffizienz der gesamten Heizungsanlage verantwortlich zu fühlen. Egal ob EFH-Bereich oder Geschosswohnungsbau, sie müssen Anlagen bauen, die nicht nur der Unterstützung vorhandener Kessel dienen und sich deren Philosophie, Steuerung und Hydraulik unterordnen. Notwendig sind eigenständige, energieeffiziente Hybridsysteme, bei denen mehrere Energiequellen gleichberechtigt genutzt und optimiert werden. Das kann die Kombination von Solarwärme mit fossilem Kessel, mit KWK-Fernwärme oder mit einer Wärmepumpe sein.

Erst wenn dieser Wandel stattgefunden hat, wenn nicht an einzelnen Elementen herumgedoktert, sondern die Energieeffizienz als Gesamtanlage gedacht wird, lässt sich der Anspruch auf Wirtschaftlichkeit einlösen. Erst solche Hybridsysteme bedeuten einen technologischen Schritt nach vorn, der die alte Heizungstechnik hinter sich lässt. Nur wenn die Solarthermie sich entschließt, zum Vorreiter zu werden, kann sie Erfolg haben. Übrigens, beim Hybridauto ist es die Automobilindustrie, die sich die Verantwortung für das System Auto nicht aus der Hand nehmen lassen will.


Mehr im Internet:
Solarthermie - Wikipedia
Bundesverband Solarwirtschaft (BSW)

 

 

 

 

 

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