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kultur

19.03.2011 - RELIGIONSGESCHICHTE

Ein Zimmermann ohne Beinkleider

Legenden und Bräuche um den Hl. Joseph und seinen Festtag am 19. März

von Josef Tutsch

 
 

Hl. Joseph von Guido Reni, um 1641
(Rom, Galleria Nazionale d'Arte
Antica) - Bild: Wikipedia

Besucher aus Mitteleuropa werden sich an die Karnevalsumzüge erinnert fühlen: Hunderte von Skulpturen aus Pappmaché, Holz, Gips und inzwischen auch Kunstfaser, oft haushoch, stehen auf den Straßen und Plätzen in Valencia. Die Organisatoren haben keine Kosten und Mühen gescheut – die größten dieser Skulpturen, "Fallas" genannt, bringen mehrere Tonnen auf die Waage und müssen einige tausend Euro gekostet haben. In der Nacht vom 19. auf den 20. März werden sie dann alle verbrannt. Fast alle – jene Puppe, die beim Publikum mit ihrer Kunstfertigkeit oder wegen der gelungenen Anspielungen auf aktuelle Ereignisse am meisten Beifall gefunden hat, wird "gerettet" und kommt ins Museum.

Jedes Jahr Mitte März befindet sich Valencia im Ausnahmezustand, nicht anders als Köln oder Mainz vor dem Aschermittwoch. Bei diesem Termin geht es allerdings nicht um die bevorstehende Fastenzeit, sondern um das Fest des heiligen Joseph am 19. März. Die Verbrennung, die ursprünglich vor allem Gegenstände aus Holz betraf, wird ihm zu Ehren durchgeführt; denn den Evangelien zufolge war der Ziehvater Jesu ein Zimmermann oder auch Bauhandwerker, je nachdem, wie man das griechische Wort "tekton" übersetzen will.

Eigentlich eine wichtige Figur in der heiligen Geschichte; immerhin läuft die Abstammungslinie von König David, durch die Jesus als der verheißene Messias legitimiert werden soll, über Joseph. Und dennoch eine recht undankbare Rolle. Das Dogma von der jungfräulichen Geburt Jesu, das bereits im Matthäus- und im Lukasevangelium vorausgesetzt wird, ließ ihn gegenüber dem göttlichen Kind und seiner Mutter in den Hintergrund treten. Das Matthäusevangelium schildert ihn gern im Schlaf oder im Traum: Ein Engel offenbart ihm, dass seine Braut vom heiligen Geist empfangen habe, dann, dass er mit dem Kind nach Ägypten flüchten müsse, um es vor den Nachstellungen des Königs Herodes zu retten, und schließlich, dass er ins Land Israel zurückkehren könne.

Und stumm folgt Joseph den göttlichen Anweisungen. Die spätere kirchliche Tradition hat noch einiges dazu getan, um den Ziehvater an den Rand der Geschichte zu rücken: Joseph habe auch nach der Geburt Jesu mit Maria eine sogenannte "Josephsehe" geführt, also ohne Geschlechtsverkehr. Die "Geschwister" Jesu, von denen im Neuen Testament mit großer Selbstverständlichkeit die Rede ist, wurden zu nahen Verwandten im Sinn einer Großfamilie. Dass Joseph im Zusammenhang mit dem erwachsen gewordenen Jesus niemals erwähnt wird, erklärte man sich damit, er sei früh gestorben.

Hl. Joseph als Zimmermann, von
Georges de La Tour, um 1645 (Paris,
Louvre) - Bild: Wikipedia
Natürlich gab die fromme Neugier sich mit solch kargen Informationen zufrieden. Das sogenannte Evangelium des Jakobus, das Mitte des 2. Jahrhunderts vermutlich in Ägypten entstand, wollte Josephs Verhalten auch menschlich verständlich machen. Nicht aus eigenem Antrieb, sondern durch ein göttliches Wunder sei er zum irdischen Gemahl Mariens berufen worden. Die Hohenpriester in Jerusalem hätten zwölf gerechte Männer aus allen Stämmen Israels zusammengerufen, darunter auch den schon verwitweten Joseph, und ihre Stäbe im Tempel niedergelegt. Nach dem Gebet sei aus Josephs Stab eine Taube herausgekommen und habe sich auf sein Haupt gesetzt. Die "Legenda aurea" des Jacobus de Voragine aus dem 13. Jahrhundert erzählte, aus diesem einen Stab sei frisches Grün entsprossen. Der Erwählte wollte sich gegen die Hochzeit noch sträuben: "Söhne habe ich bereits und bin ein alter Mann, sie aber ist ein junges Mädchen. Ich möchte den Kindern Israels nicht zum Gespött werden." Die Szene war im Mittelalter und in der Renaissance ein beliebtes Motiv der kirchlichen Malerei; noch im Barock wurde Joseph gern mit einem blühenden Stab dargestellt.

Eine andere Geschichte um Joseph findet sich in einem alten deutschen Weihnachtslied, worin Maria klagt, dass sie für ihr Kind keine Windeln habe. "Wie bald dass Joseph die Rede vernahm, seine Hosen von seinen Beinen nahm. Er warf sie Maria in ihren Schoß, darin schlug sie Gott den Herren groß." Tatsächlich, auf mittelalterlichen Bildern von Jesu Geburt ist der heilige Joseph gelegentlich ohne Beinkleider dargestellt ... " Die zeigt man noch zu Aachen da", geht das Weihnachtslied weiter. Man zeigt sie heute noch: Seit dem 13. Jahrhundert werden Josephs Hosen – oder die Windeln des Jesuskindes – alle sieben Jahre in Aachen den Wallfahrern präsentiert, zuletzt 2007. Ein Höhepunkt der Volksfrömmigkeit; aber in der Regel konzentriert sich seit Reformation und Gegenreformation auch die katholische Kirche doch mehr auf jene Elemente, die in den kanonischen Schriften des Neuen Testaments überliefert sind.

Und da steht der heilige Joseph eher am Rande. In manchen Bildern der Geburt Christi verschwindet er beinahe im Halbdunkel, ist etwa mit dem Kochen des Breies oder mit dem Trocknen der Windeln beschäftigt. Den Hirten oder den heiligen drei Königen hält er zur Anbetung des Kindes die Laterne, bei der Darbringung im Tempel bringt er den Korb mit den Opfertauben, bei der Flucht nach Ägypten führt er den Esel. Auf Bildern vom Leben der heiligen Familie in Nazareth ist Joseph als Zimmermann zu sehen, mit Säge, Beil, Bohrer oder Winkelmaß in der Hand, zuweilen hilft ihm dabei der halbwüchsige Jesus.

Wie es zum Josephsfest gerade am 19. März kam, ist nicht ganz klar. Vielleicht sollte ein Fest der römischen Göttin Minerva verdrängt werden, sie war die Schutzgöttin der Handwerker. Aber im lateinischen Westen ist ein eigener Gedenktag für Joseph nicht vor dem 9. Jahrhundert belegt. 1479 führte Papst Sixtus IV. den 19. März offiziell als seinen Festtag ein; in Spanien wird dieser Termin bis heute als "Vatertag" begangen. Wenngleich seine Ehe mit Maria nur eine "Josephsehe" gewesen sein soll, wurde er zum Schutzpatron der Eheleute und der Familien. Und da man ihm einen frühen und friedvollen Tod unterstellte, auch zum Schutzpatron der Sterbenden.

Bei den "Fallas" in Valencia, 2010
Bild: Davizosky/Wikipedia
In Süditalien und Sizilien ist Joseph seit alters her auch für das zuständig, was wir Sozialfürsorge nennen würden: Wohlhabende Familien laden die Bedürftigen aus dem Ort am 19. März zu Tische. Historisch wichtig wurde aber vor allem Josephs Berufstätigkeit als Zimmermann, die ihn zum Patron aller Handwerker prädestinierte. Merkwürdig, dass sich erst 1955 Pius XII. entschloss, als Pendant zum längst international bekannten Tag der Arbeit den 1. Mai zum Gedenktag "des heiligen Josephs, des Arbeiters" zu erklären. 1937 hatte Papst Pius XI. noch eine etwas andere Strategie im Umgang mit der Arbeiterbewegung verfolgt: Er ernannte Joseph zum Patron all derer, die den Kommunismus bekämpften.

Aber wie kommt es zu den "Fallas" in Valencia? Oder "Falles", wie es in der valencianischen Regionalsprache heißt. Dass der Zimmermannsberuf mit Holz zu tun hat, leuchtet ja unmittelbar ein; doch was hat es mit den Verbrennungen auf sich? Wahrscheinlich waren die Fallas ursprünglich ein Frühlingsbrauch ohne eigentlich religiösen oder gar christlichen Bezug. Holzreste und alte Möbel, die man nicht mehr brauchte, wurden verbrannt, vielleicht mit dem halb und halb magischen Hintergedanken, die wärmere Jahreszeit solle doch nun endlich anbrechen; mit Stoff bekleidete Stroh- oder Wachspuppen mögen den Winter verkörpert haben, der vertrieben werden sollte. Dass der Schutzpatron der Zimmerleute seinen Festtag im März hat, gab Anlass, ihm diesen Vorgang mitsamt den vorangehenden Trachtenumzügen und Feuerwerken zu widmen.

Freilich nicht ohne dass die Jungfrau und Gottesmutter Maria auch hier ihren Vorrang behauptet. Neben der Verbrennung der "Fallas" vor dem Rathaus hat das Spektakel einen weiteren Höhepunkt, die "Blumenopferung" vor der Kathedrale. Einer vierzehn Meter hohen Holzstatue der Madonna wird ein riesiges Kleid von Blumen angelegt. Wenigstens bei diesem Vorgang braucht man nicht lange über die Bedeutung zu rätseln: Der Frühling ist da.


Mehr im Internet:
scienzz artikel Heiilge
scienzz artikel Feste und Bräuche
Josef von Nazaret - Wikipedia


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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