Berlin, den 29.03.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

29.04.2011 - ALTE GESCHICHTE

Toleranz wider Willen

Vor 1.700 Jahren erklärte Kaiser Galerius das Christentum zur "erlaubten Religion" im Römischen Reich

von Josef Tutsch

 
 

Kaiser Galerius, Porphyrbüste aus
seinem Palast in Romuliana
(Gamzigrad, Serbien)
Bild: Shinjirod/Wikipedia

Mit dieser Frage könnte man vermutlich so manchen Quizkandidaten um die Aussicht auf den großen Gewinn bringen: Welcher Kaiser beendete die Christenverfolgung im Römischen Reich? Nein, es war nicht Konstantin der Große, wie alle Welt glaubt. Als sich Konstantin im Februar des Jahres 313 im sogenannten "Toleranzedikt von Mailand" mit seinem Kaiserkollegen Licinius darauf einigte, alle Religionen zuzulassen, lagen im größten Teil des Römischen Reiches die letzten Verfolgungen fast zwei Jahre zurück. Am 30. April 311, vor genau eintausendsiebenhundert Jahren, hatte Kaiser Galerius das Christentum zur "erlaubten Religion" erklärt. "In Anbetracht unserer umfassenden Milde", verkündete Galerius im Edikt von Serdica, dem heutigen Sofia, dürften die Christen "wieder Christen sein und ihre Versammlungsstätten wieder aufbauen", unter der Voraussetzung, "dass sie nichts gegen die öffentliche Ordnung unternehmen".

Religiöse Toleranz – eine Haltung, die in weiten Teilen der Welt heute ebenso wenig selbstverständlich ist wie damals. Als Galerius sich zu seiner Entscheidung durchrang, lag er bereits auf dem Sterbebett. Er hatte einsehen müssen, dass die Verfolgung der Christen, die er über Jahre hinweg gemeinsam mit Diokletian betrieben hatte, gescheitert war. Selbst durch die härtesten Maßnahmen wie Zwangsarbeit oder Hinrichtung ließen sich nicht mehr alle Bewohner des Reiches auf die "Verehrung der Götter", wie in dem Edikt die alte römische Religion mitsamt dem Kaiserkult umschrieben wurde, verpflichten. Ein Kurswechsel schien unausweichlich und der todkranke Galerius war entschlossen, ihn durchzusetzen. Das Edikt wurde auch im Namen von zwei der drei Mitkaiser verkündet, Licinius und Konstantin. Der Name des vierten Kollegen im Kaiserkollegium, Maximinus, freilich fehlte. In dessen Territorium in Syrien und Ägypten gingen die Verfolgungen zunächst weiter.

Ein Dokument der Frustration und des Widerwillens. Eine Bekehrung, wie sie der Legende nach Konstantin im Jahr darauf in einer nächtlichen Vision erlebte, hatte Galerius nicht erlebt. Er machte auch gar kein Hehl daraus, dass er persönlich den christlichen Glauben weiterhin für eine Torheit hielt. Bei Konstantin ist unter Historikern bis heute umstritten, inwieweit sein späteres Entgegenkommen gegenüber der christlichen Kirche durch persönlichen Glauben oder vielleicht doch durch politisches Kalkül motiviert war. Im Fall Galerius wird man davon ausgehen dürfen, dass seine Ablehnung des christlichen Glaubens – oder umgekehrt formuliert: sein Beharren auf den alten Götterkulten – ernst gemeint war. Nachdem Konstantin und Licinius in Mailand diese Toleranzerklärung wiederholt hatten, verkehrten sich sehr bald die Fronten. Bereits von Konstantins Söhnen verlangten christliche Theologen, gegen das Heidentum mit aller Kraft vorzugehen. 390 erklärte Kaiser Theodosius das Christentum zur einzig zugelassenen Religion. Die Freiheit, seine Religion zu wählen, wie es das sogenannte "Toleranzedikt von Mailand" ausdrückte, blieb im Römischen Reich der Spätantike ein vorübergehender Augenblick, angestoßen durch das Edikt von Serdica.

Kaiser Konstantin "der Große"
(Kapitolnische Museen, Rom)
Bild: Jean-Christoph Benoist/
Wikipedia
Und Galerius’ Entscheidung, eine Religion zu tolerieren, die er selbst entschieden ablehnte, war – mehr als eintausendvierhundert Jahre vor Voltaire – auch keineswegs die Frucht aufgeklärter Vorstellungen von religiöser Toleranz als Selbstwert, sondern das Ergebnis eines Scheiterns. Dennoch – in der aktuellen Diskussion etwa zwischen dem Westen und außereuropäischen Ländern über Religionsfreiheit ist der Vorgang aktuell. Niemand wird zum Beispiel von einem strenggläubigen Muslim erwarten, dass er das Christentum oder den Buddhismus oder auch den Atheismus inhaltlich akzeptabel findet. Aber im Sinn eines universalen Konzepts von Menschenrechten ist zu fordern, dass die Entscheidung anderer, sich zu solchen Positionen zu bekennen, akzeptiert wird.

Gedankt hat dem heidnischen Kaiser die christliche Nachwelt sein Toleranzedikt nicht. Kurz nach seinem Tod nannte ihn der Kirchenvater Laktanz ein "Ungeheuer": "An Schlechtigkeit übertraf er alle Bösen, die je gelebt haben." In einem der grauenhaftesten Texte, die aus der Antike überliefert sind, schilderte Laktanz – ob aufgrund von umlaufenden Gerüchten oder aus eigener Phantasie, darf offen bleiben –, wie der Leib des Verfolgers von Würmern zerfressen worden sei, "bis er endlich, durch Leiden gebeugt, sich gezwungen sah, Gott zu bekennen". "Laut rief er aus, er werde den Tempel Gottes wieder herstellen und für den Frevel Genugtuung leisten." Das Edikt von Serdica – bewirkt durch die schreckliche Strafe, die Gott über den Verfolger verhängte. "Doch erlangte Galerius durch diese Tat nicht Verzeihung von Gott für seine Schuld", fügte Laktanz eilig hinzu. Wenige Tage nach dem Edikt erlag der Kaiser seiner Krankheit.


Mehr im Intenret:
Toleranzedikt des Galerius - Wikipedia
scienzz artikel Religion in der Antike 
scienzz artikel Christentum in der Antike  



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur,
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet