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04.05.2011 - PHILOSOPHIE

Erwachen aus dem dogmatischen Schlummer

Vor 300 Jahren wurde der schottische Aufklärungsphilosoph David Hume geboren

von Josef Tutsch

 
 

David Hume, Portrait von
Allan Ramsey (National
Gallery of Scotland, Edin-
burgh) - Bild: Wikipedia

Hegels Urteil über seinen Kollegen war respektvoll formuliert, im Ergebnis aber vernichtend. David Hume habe die oberflächliche, bloß subjektive Philosophie eines John Locke konsequent fortgedacht und vollendet, mit einem in Hegels Sicht katastrophalen Ergebnis: "Der Humesche Skeptizismus lässt alles Allgemeine in die Gewohnheiten und Instinkte versinken."

Großbritannien dagegen verehrt in dem schottischen Denker, der am 7. Mai 1711 in Edinburgh geboren wurde, seinen größten Philosophen. Aus deutscher Perspektive rang sich Hegel eher widerwillig zu dem Eingeständnis durch, der Humesche Skeptizismus habe doch die "historische Merkwürdigkeit", "dass Kant eigentlich den Anfangspunkt seiner Philosophie von ihm nimmt". Und in der Tat, Humes Angriff auf die metaphysische Philosophie gab Immanuel Kant den Ansatz für seine "Kritik der reinen Vernunft": Die Argumentationen des Schotten, bekannte der Königsberger Philosoph, seien "das gewesen, was mir vor vielen Jahren den dogmatischen Schlummer unterbrach und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab".

Was machte Humes Schriften damals, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, eigentlich so aufregend? Zunächst einmal seine radikale Bezweiflung unserer vermeintlichen Gewissheiten. Zwar hatte bereits René Descartes in den 1630er Jahren das Prinzip des Zweifels in die Philosophie eingeführt, aus dem Satz "Ich denke, also bin ich" dann aber doch ein ganzes physisches und metaphysisches System entwickelt, mitsamt den vorgeblich "angeborenen Ideen" von Gott und von der Seele. In der Philosophie des späten 17. und des 18. Jahrhunderts wurden diese vermeintlichen Gewissheiten gründlich destruiert. Noch bevor in Frankreich die "Materialisten" um Helvétius und Holbach offen die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele leugneten, stellte der Engländer John Locke das Vermögen der menschlichen Vernunft in Frage, zu metaphysischen Wahrheiten vorzudringen. Es gebe keine angeborenen Ideen: "Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre", schrieb Locke.

Es war David Hume, der diesen empiristischen Ansatz in eine schlüssige Theorie der Erkenntnis zusammenfasste und damit den Abschied von der metaphysischen Philosophie des alten Europa einläutete.  Alles, was wir uns vorstellen können, sei aus unseren Sinnenausdrücken abzuleiten, lehrte er in seiner "Untersuchung über den menschlichen Verstand" 1748. Dabei stand im Zentrum von Humes Überlegungen zunächst ein grundlegendes Problem der Naturwissenschaften, das scheinbar so selbstverständliche Verhältnis von Ursache und Wirkung. Hume bestritt jeden logisch zwingenden Zusammenhang. Wenn wir zum Beispiel sagen, dass Gegenstände, die erwärmt werden, sich ausdehnen, dann stehe dahinter bloß die Erfahrung, dass gewisse Phänomene "immer miteinander verbunden gewesen sind". Umgekehrt formuliert: dass wir bislang das Gegenteil noch nicht beobachten konnten. Es liege kein logischer Widerspruch darin, sich das Gegenteil vorzustellen.

Schlimmer noch: Wir können nicht einmal mit Gewissheit sagen, dass die Außenwelt "wirklich" existiert, da die Sinne unsere einzige Quelle des Wissens sind, deren Eindrücke sich also nicht durch eine andere Instanz überprüfen lassen. Und ebenso wenig haben wir von unserem Ich, aus dem Descartes doch sein ganzes metaphysisches System ableiten wollte, einen Sinneseindruck, immer nur von einzelnen Aktionen, die mit diesem Ich verbunden sein mögen. Die Zeitgenossen in dieser Epoche der aufstrebenden Naturwissenschaften müssen schockiert gewesen sein. Aber Hume wusste nun einmal keine andere Lösung und war ehrlich genug, das nicht zu verleugnen.

Humes Grab in Edinburgh
Bild: pschemp/Wikipedia
 
Dass wir im Alltag wie in der Wissenschaft trotz alledem ein "Ich" voraussetzen und von der Existenz der Außenwelt ausgehen, von einem Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung reden und ganz allgemein von besonderen Phänomenen auf allgemeine Gesetze schließen, ist in Humes Sicht also eine – unvermeidliche – Gewohnheit. Wenn wir Humes Einwände ernst nehmen, dürfen wir es sozusagen nur provisorisch tun, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass unsere vermeintlichen Gewissheiten so gewiss eben doch nicht sind.

Als Hume sich Anfang der 1750er Jahre daran machte, seine empirische Methode auf die Religionsphilosophie anzuwenden, rieten ihm Freunde von einer Veröffentlichung ab; sie befürchteten einen Skandal. In Kirchenkreisen war der Philosoph längst als Atheist, Materialist und Amoralist verschrien; seine Bewerbung auf einen Lehrstuhl an der Universität Edinburgh war an diesen Nachreden gescheitert. Dabei hielt sich Hume auch in Fragen der Religion an seinen Grundsatz, ein wahrer Skeptiker müsse "seinen philosophischen Zweifeln ebenso misstrauen wie seiner philosophischen Überzeugung". Anders gesagt: "Philosophischer Skeptiker zu sein, ist für einen Gelehrten der erste und wesentlichste Schritt auf dem Weg zu einem echten gläubigen Christen."

Der "Dialog über natürliche Religion" kam erst nach Humes Tod 1776 an die Öffentlichkeit. Drei Gesprächspartner unterhalten sich über das Problem, ob aus der Ordnung in der Natur auf einen intelligenzbegabten Schöpfergott zu schließen sei – eine Frage, die heute in der Debatte um den sogenannten "Kreationismus" wieder aktuell geworden ist. Die Interpreten sind sich bis heute nicht einig, wer als Sieger aus dieser Diskussion hervorgeht: der Repräsentant des orthodoxen Kirchenglaubens, der radikale Skeptiker oder der "Deist", der ein aufgeklärtes, von allen Mythen befreites Christentum vertritt.. Hume sah eben gute Gründe, seine Auffassung, wie Arthur Schopenhauer es einmal formuliert hat, "mit sehr anständiger Bemäntelung" zum Ausdruck zu bringen.

Vieles spricht dafür, dass in Humes Augen der Skeptiker mit seinem Argument, aus Analogien sei im Grunde gar nichts Zuverlässiges zu schließen, die Oberhand behält. Aber Hume hat sich gehütet, die skeptischen Einwände in ein quasi-dogmatisches System zu fassen, also den alten Kirchenglauben durch einen neuen Dogmatismus zu ersetzen. Wahrscheinlich waren für ihn die Unterschiede zwischen dem Skeptiker und dem aufgeklärten Deisten auch gar nicht so entscheidend. Beide standen gemeinsam gegen jede Art von Fanatismus. Eine Frontstellung, die von Humes kirchlichen Gegnern sehr wohl begriffen wurde. "Ein verruchterer Geist, der so hartnäckig darauf aus ist, öffentliches Unheil zu stiften, ist mir noch nie begegnet", schrieb ein Bischof über Hume.

Ein radikaler Skeptiker, der seinen Zweifeln ebenso misstrauen wollte wie seinen Überzeugungen ... Kein Wunder, dass Hume bei Philosophen, die ihr Denken als strenge Wissenschaft auffassen wollten wie zum Beispiel Hegel, eine schlechte Presse fand. Manche Formulierung liest sich in der Tat so, als hätte Hume das philosophische Denken in Belletristik auflösen wollen: "Nicht allein in Poesie und Musik müssen wir unserem Geschmack und unserem Gefühl folgen, sondern auch in der Philosophie."

Hume-Denkmal in Edinbugh
Bild: TwoWings/Wikipedia

An den Gedanken, dass die Vernunft in Fragen der Religion nicht zu verlässlichen Aussagen fähig ist, haben wir uns inzwischen gewöhnt, und die empirische Forschung wird durch Humes wissenschaftstheoretische Zweifel, wie sich gezeigt hat, ohnehin nicht behindert. Aber einen wirklich schmerzlichen Stachel hat Humes Skepsis in der Moralphilosophie hinterlassen. Hume konnte keine Sinneseindrücke finden, aus denen irgendwelche Moralgesetze abzuleiten wären. Seine Folgerung: Moral hat gar nichts mit Verstand und Vernunft zu tun, sie ist eine Sache des Gefühls; das Gute wie das Schöne werde "mehr gefühlt als begriffen".

Wenn wir eine Handlung moralisch beurteilen, würde das also bloß bedeuten, dass wir mit einem Gefühl des Abscheus oder der Zustimmung reagieren. Und wie kommt dann so etwas wie soziale Verbindlichkeit zustande? Humes Antwort in seiner "Untersuchung über die Prinzipien der Moral", 1751, war verblüffend einfach: durch emotionale Kommunikation. "Ein gutmütiger Mensch teilt sofort die Stimmung seiner Umgebung. Ein fröhliches Gesicht versetzt mein Gefühl in fühlbare Freude und Heiterkeit; ein ärgerliches oder betrübtes wirft einen plötzlichen Schatten darauf."

Da tun sich eine Menge Fragen auf: ob dieses Bild von Sympathie unter den Menschen – allen Menschen – eigentlich realistisch ist oder wie wir mit Menschen umgehen sollen, die solche moralischen, mitmenschlichen Gefühle vielleicht doch nicht haben. Und dann, streng im Rahmen des Humeschen Systems, ob die Voraussetzung einer menschlichen "Natur" nicht die Theorie von den "angeborenen Ideen", die bereits John Locke verworfen hatte, durch die Hintertür wieder einführt. Nicht nur dass Humes Destruktion des Kausalgesetzes den Anstoß für Kants "Kritik der reinen Vernunft" gab; es wird seine Gefühlsethik gewesen sein, die Kant dazu anspornte, mit dem Kategorischen Imperativ doch ein Moralkriterium auffinden zu wollen, mit dem sich Allgemeinverbindlichkeit nicht nur erfühlen, sondern rational begründen ließe.

"Man kann wohl hoffen", schrieb Immanuel Kant 1783 in seinen "Prolegomena", einer vereinfachten Darstellung der "Kritik der reinen Vernunft", "es bei fortgesetztem Nachdenken weiter zu bringen als der scharfsinnige Mann, dem man den ersten Funken dieses Lichts zu verdanken hat." Der Stachel, den Hume den Philosophen versetzt hatte, ist bis heute geblieben. Zum Beispiel Bertrand Russell in seinem Buch "Philosophie des Abendlandes": "Hume führt uns gleichsam in eine Sackgasse; in der von ihm eingeschlagenen Richtung kommt man keinen Schritt weiter." "Ich kann nur hoffen, dass sich einmal etwas weniger Skeptisches als Humes System finden lässt."


Mehr im Internet:
David Hume - Wikipedia 
scienzz artikel Philosophie der Neuzeit


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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