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22.05.2011 - POLITIKWISSENSCHAFT

An den Grenzen der Alltäglichkeit

Charismatische Politiker - von John F. Kennedy bis Helmut Schmidt

von Josef Tutsch

 
 

John F. Kennedy - Bild: Cceil
Stoughton/Wikipedia

Willy Brandt und John F. Kennedy und Papst Johannes Paul II. hatten es, auch Mahatma Gandhi und Martin Luther King, ebenso Evita Perón und Ayatollah Khomeini. Unter den heutigen Repräsentanten des Weltgeschehens haben es Barack Obama und Nelson Mandela und vermutlich immer noch Fidel Castro. Angela Merkel hat es eher nicht, Gerhard Schröder und Helmut Kohl wohl auch nicht, aber vielleicht Helmut Schmidt? Zu seinen Amtszeiten war davon keine Rede; heute, drei Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden, ist es bei jedem seiner öffentlichen Auftritte zu spüren.

Die Rede ist von "Charisma", jenem "gewissen Etwas", das manche Menschen befähigt, ihr Publikum emotional zu fesseln und zu führen, unter Umständen auch zu verführen, unabhängig von einem formellen Amt und erst recht jenseits rationaler Argumentation. "Eine aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene gläubige, ganz persönliche Hingabe", schrieb vor hundert Jahren der Soziologe Max Weber. Der religiöse Anklang ist nicht zufällig. Wenn kritische Beobachter, die sich gegen das Charisma zu sträuben versuchen, im Zusammenhang mit Obama (oder früher mit Willy Brandt) gern zu Wörtern wie "Messias" greifen, trifft das recht genau die Stimmung vieler Anhänger.

Berit Bliesemann de Guevara und Tatjana Reiber vom Institut für Internationale Politik der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg haben jetzt einen Sammelband vorgelegt, der dieses rätselhafte Phänomen an mehreren Politikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts beleuchtet. Bezugspunkt ist natürlich Max Webers viel zitierte Theorie legitimer Herrschaft. Weber unterschied drei Legitimitätsquellen, durch die eine Herrschaftsordnung von den Beherrschten als rechtmäßig anerkannt wird. Dabei sind die traditionale Herrschaft, die auf langjähriger Gewohnheit beruht, und die legal-rationale Herrschaft, die auf formalen Verfahrensregeln basiert, sozusagen Alltagsformen, also der "Normalfall". Die charismatische Herrschaft dagegen – begründet, indem ein "Führer" spontane, emotionale Gefolgschaft findet – stellt laut Weber ein außeralltägliches Phänomen dar.

Davon abgesehen, dass das Wort "Führer" damals noch nicht derart belastet war wie einige Jahre später – "Webers Konzept bleibt Antworten schuldig, wenn es um konkrete Fragen nach dem Entstehungsmechanismus charismatischer Beziehungen geht", merken Bliesemann de Guevara und Reiber kritisch an. Das gilt vor allem, was den Begriff der "Außeralltäglichkeit" betrifft: Ausgerechnet der Namensgeber der Hochschule, an der die beiden Forscherinnen arbeiten, der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, bietet den aktuellen Fall, dass nüchterne, alltägliche Arbeit langfristig ein Charisma zu begründen vermag. Die Max-Weber-Rezeption in den Jahren und Jahrzehnten nach seinem Tod 1920 war zunächst durch gänzlich andere Erfahrungen bestimmt: Die Leser mussten miterleben, wie ein charismatischer "Führer" eine blind ergebene Gefolgschaft um sich versammeln und die Macht über Deutschland und Europa erringen konnte.

Jörg Haider
Bild: Dieter Zirnig/Wikipedia

Die beiden Forscherinnen haben sich auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beschränkt. Aber das Beispiel Adolf Hitler zeigt, wie begründet Webers Aussage war, Charisma ("Gnadengabe" oder "Gnadengeschenk" übersetzen die griechischen Wörterbücher) sei keine moralische Kategorie: Allein darauf, wie die Führerpersönlichkeit von ihren Anhängern "bewertet" wird, komme es an. Eine der auffälligsten charismatischen Figuren der letzten Jahre war zweifellos der österreichische Politiker Jörg Haider. "Die Sonne ist vom Himmel gefallen", sagte ein Anhänger 2008 nach dem tödlichen Autounfall. Eine Figur, die polarisierte, von den einen bewundert und verehrt – als jugendlicher Held, als visionärer Heilsbringer, als wohlwollender Landesvater – von den anderen verachtet und gehasst.

Ein Beispiel, dass Charisma mit dem zusammengeht, was man eine Persönlichkeitsstörung nennen möchte. Der Wiener Psychologe Johannes Steyrer spricht von "pathologischem Narzissmus"; auch der unvorgebildete Beobachter konnte erkennen, dass diesem Politiker das "Bad in der Menge" und das große Medienecho mehr bedeuteten als Erfolge in der sachlichen Arbeit. Steyrer über Haiders Umgang mit seinen Mitarbeitern: "Haider hat sich im Verlauf seiner politischen Karriere immer wieder mit Bewunderern umgeben, die er aus einer Schar junger, ambitionierter Männer rekrutierte. So rasch er Talente in seiner Umgebung förderte, so rasch montierte er diese auch wieder ab ... Haider ertrug es nicht, wenn ‚seine’ Talente allmählich auf Augenhöhe mit ihm gelangten. Den Platz an der Sonne beanspruchte er exklusiv für sich."

Die Frage liegt nahe, wie dauerhaft oder nachhaltig das Charisma einer solchen Figur sein kann. Sein früher Tod hat es Haider erspart, darauf eine Antwort zu finden. Die Frage der "Veralltäglichung" des Charismas, die bereits im Zentrum von Webers Überlegungen stand, wird erst recht aktuell, wenn es um Nachfolgeregelungen geht. In Kuba wird zur Zeit versucht, das Charisma von Fidel Castro auf seinen Bruder Raúl übergehen zu lassen. Keine sehr aussichtsreiche Aktion, stellt die Lateinamerikawissenschaftlerin Susanne Gratius von der Stiftung für Internationale Beziehungen in Madrid fest: "Raúl ist kein charismatischer Führer, sondern Fidels treuer Gefährte." Dagegen bietet etwa die Nehru-Gandhi-Familie in Indien, schreibt die Asien-Historikerin Dagmar Hellmann-Rajanayagam von der Universität Passau, einen Beleg, dass ein solcher Übergang prinzipiell möglich ist.

Und wenigstens etwas vom Charisma Johannes Pauls II. scheint sein Nachfolger Benedikt XVI. sozusagen geerbt zu haben. Als Kardinal Ratzinger war Papst Benedikt XVI. keine charismatische Persönlichkeit; heute schallen ihm bei öffentlichen Auftritten ekstatische "Benedetto"-Chöre entgegen. Dagegen scheint der Wechsel des religiösen Führeramtes im Iran von Ayatollah Khomeini zu Khamenei weniger gut gelungen zu sein, analysiert der Nahost-Historiker Henner Fürtig von der Universität Hamburg. Die Veralltäglichung des Charismas bedeutet eben in aller Regel, dass es verblasst und verschwindet – es ist schwer möglich, auf Dauer "außeralltäglich" zu leben – eine Erfahrung, die Obamas Anhänger bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt machen mussten "Aus dem angeblichen Messias ist ein Mechaniker geworden", so der Berliner Journalist Christoph von Marschall. "Und Mechaniker mögen für manche Gabe geachtet werden – Charisma gehört nach aller Erfahrung nicht dazu."

Gerade das Beispiel des Papsttums legt den Gedanken nahe, ob es nicht neben den charismatischen Persönlichkeiten auch charismatische Ämter und womöglich charismatische Ideen gibt? Oder genauer formuliert, da Charisma ebenso sehr von der Empfänglichkeit des Publikums abhängt wie von jenen "Gaben": ob die "Hingabe" nicht unbedingt einem "Führer" gelten muss, sondern sich ebenso an Organisationen und Ideen oder Ideologien richten kann? "Beispiele für charismatische Bewegungen, die auf Ideen beruhen, sind der Marxismus und die Hippie- und Studentenbewegung der 60er Jahre", schreiben Bliesemann de Guevara und Reiber. Oder die ökologische Bewegung, könnte man hinzufügen. Oder die populäre Musikkultur der letzten Jahrzehnte, von Elvis Presley über die Beatles bis zu Michael Jackson.

Altkanzler Helmut Schmidt
Bild: Aconcagua/Wikipedia

Dass es der katholischen Kirche gelungen ist, das Charisma des christlichen Glaubens in eine feste Organisationsform überzuführen, stellt welthistorisch wohl einen Ausnahmefall dar. Wie der Osteuropa-Historiker Daniel Ursprung darstellt, sind die kommunistischen Parteien Russlands und Osteuropas mit diesem Versuch grandios gescheitert. Die beiden anderen, in Max Webers Schema "alltäglichen" Wege der Legitimation waren verbaut: Jede Anknüpfung an vorrevolutionäre Traditionen war abgeschnitten, Legitimation durch rationale, legale Verfahren hätte das Risiko des Machtverlusts nach sich gezogen. Bekanntlich nahmen die Parteien ihre Zuflucht zum Personenkult, der Inszenierung von persönlichem Charisma. "Dieses inszenierte Charisma ließ sich leicht erzeugen, hatte aber nicht die gleiche legitimierende Kraft wie authentisches Charisma."

Natürlich haben die Herausgeberinnen des Sammelbandes die Frage gestellt, welchen Figuren in der aktuellen deutschen politischen Szene sich Charisma – ob nun authentisch oder inszeniert – zuschreiben ließe. Ihre Antwort ist inzwischen bereits wieder überholt: Verteidigungsminister zu Guttenberg. Insgesamt ist zweifellos richtig, dass in westlichen Demokratien Charisma "eher ein Randphänomen" bildet. Aber es gab den Fall Willy Brandt, dessen Versprechen, "mehr Demokratie" zu verwirklichen, nicht zuletzt durch sein persönliches Charisma bei weiten Bevölkerungskreisen durchdrang. "Auch Christus würde Brandt wählen", plakatierte damals eine Bürgerinitiative – das Politische ging unverkennbar ins Religiöse über. Es blieb ein Ausnahmefall und funktionierte nur wenige Jahre; das politische System mit seinen Mechanismen von Diskussion und Kontrolle, von instutionalisiertem Misstrauen, war am Ende stärker als das Charisma.

Und Brandts Nachfolger Helmut Schmidt? Damals, zu seinen Amtszeiten, wäre vermutlich niemand auf die Idee gekommen, dem "Macher" und "Manager" Charisma zuzuschreiben. Für den "Politiker außer Diensten" von heute haben Reiber und Bliesemann de Guevara einen Begriff geprägt, der die Vorstellungen vom grundsätzlich außeralltäglichen Charisma sprengt: "Alltagscharisma". Die Authentizität des Beraters Schmidt resultiert schon daraus, dass er sich als Bundeskanzler – Beispiel: die Nachrüstungspolitik gegenüber der Sowjetunion – prinzipienfest zeigte, auch auf die Gefahr hin, von seiner eigenen Partei gestürzt zu werden.

Um Herrschaft im Sinne von Max Webers Definition ("die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden") handelt es sich bei Schmidts "freischwebender" Beratertätigkeit freilich nicht; der Ex-Bundeskanzler wird auch wissen, dass seine Ratschläge nicht allzu alltäglich werden dürfen, soll sich das Charisma nicht in der Kleinkrämerei verschleißen. Von "gläubiger Hingabe" des Publikums kann erst recht keine Rede sein; aber was Schmidt sagt, wird über alle Fronten hinweg respektvoll zur Kenntnis genommen – eine Position, wie sie für den Bundespräsidenten konstruiert ist, aber längst nicht von jedem Inhaber dieses Amtes erreicht wird.


Neu auf dem Büchermarkt:
Charisma und Herrschaft. Führung und Verführung in der Politik,
herausgegeben von Berit Bliesemann de Guevara und Tatjana Reiber,
Campus Verlag, Frankfurt am Main – New York 2011, ISBN 978-3-593-39378-0, 29,90 € [D], 30,80 € [A], 43,90 sFr


Mehr im Internet:
Charisma - Wikipedia
scienzz Artikel Mechanismen der Politik


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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