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Kultur

13.06.2011 - GESCHICHTE

Hinter den Kulissen ein abgehetzter Techniker

con Josef Tutsch

 
 

Ludwig II. von Bayern, Fotogra-
fie von Joseph Albert (1886)
Bild: Wikipedia

Was am späten Abend des 13. Juni 1886 am Ufer des Starnberger Sees wirklich geschehen ist, wird sich wohl niemals mehr klären lassen. Gegen 18 Uhr 30 waren König Ludwig II. von Bayern und der Psychiater Professor Bernhard von Gudden zu einem Spaziergang im Park von Schloss Berg aufgebrochen. Als sie um 23 Uhr noch nicht zurück waren, machten sich Guddens Assistenzarzt und der Schlossverwalter gemeinsam mit einem Schiffer auf die Suche. Um 23 Uhr30 wurden König und Arzt tot im Uferwasser gefunden.

Der Arzt habe den König am Suizid hindern wollen und sei dabei selbst zu Tode gekommen, hieß es offiziell. Von Selbstmordabsichten war zuvor allerdings nichts zu spüren gewesen; beim Abendessen hatte Ludwig den Speisen und vor allem dem Wein, wie es seine Gewohnheit war, noch kräftig zugesprochen. Seit 125 Jahren blühen die Gerüchte. Anscheinend kam es zu einem Kampf; vielleicht wollte sich Ludwig dem psychiatrischen Gewahrsam, in dem er seit zwei Tagen gehalten wurde, gewaltsam entziehen, vielleicht war er, wie in den letzten Jahren so häufig, von einem plötzlichen Zornesausbruch erfasst worden.

War die Diagnose "unheilbare Paranoia und Geistesschwäche", die eine Ärztekommission am 8. Juni auf Betreiben der Regierung erstellt hatte, überhaupt begründet? Auch das ist bis heute umstritten. Was aus den letzten Lebensjahren des Königs bekannt ist, vermittelt weniger den Eindruck einer Krankheit als eines Übermaßes von inneren Konflikten. Für die Regierung wird das nicht einmal einen Unterschied gemacht haben. Der König war in der Wahrnehmung seiner Aufgaben schwer beeinträchtigt, er lebte sich in einer Bauwut aus, die seinen Schuldenberg immer weiter anwachsen ließ.

Und diese Schuldenlast gab auch den Anlass, das Entmündigungsverfahren in Gang zu setzen. Anfang 1886 hatte das Kabinett es abgelehnt, die Privatschatulle des Königs durch einen Kredit wieder aufzufüllen. Dem Befehl, beim Landtag die geforderte Summe zu beantragen, kam das Ministerium nicht nach, berief statt dessen eine ärztliche Kommission und erklärte den König am 9. Juni für entmündigt. Am Tag darauf übernahm Ludwigs Onkel Luitpold in München als Prinzregent die Regierung. Ludwig formulierte noch einen Aufruf an das bayerische Volk, diesen "Hochverrat" zu vereiteln. Zu einer ernsthaften Aktion kam es jedoch nicht mehr. Auf Schloss Neuschwanstein wurde der König in Gewahrsam genommen und nach Schloss Berg verbracht.

Das Ende einer zweiundzwanzigjährigen Regierungszeit, die politisch wenig glanzvoll war und heute vor allem als großes Investitionsprogramm für die bayerische Tourismuswirtschaft in Erinnerung ist. 1866 hatte Bayern als Mitgliedsstaat des Deutschen Bundes an der Seite Österreichs den Krieg gegen Preußen verloren, 1870 musste das Königreich als Partner des ungeliebten Nachbarn in den Krieg gegen Frankreich ziehen. Das Ansinnen Bismarcks, dem Preußenkönig Wilhelm I. den Titel eines "Deutschen Kaisers" anzutragen, empfand Ludwig als ungeheuerliche Demütigung; aber er ließ sich bestechen. Denn er brauchte Geld, viel Geld.

Pfauenthron im Maurischen Kiosk im
Schlosspark Linderhof (um 1876)
Karl Gritscko/Wikipedia
Baute Ludwig seine Schlösser eigentlich, um darin zu wohnen? Er hasste die Hauptstadt München und residierte die Sommermonate über lieber auf Schloss Berg. Aber auch dort hielt es ihn nicht. Wie im Fieber verlangte er von seinen Architekten immer neue Bauprojekte für Schlösser und Burgen. Und während an einem Schloss noch gearbeitet wurde, dachte er längst an das nächste. Das relativ kleine Linderhof hat er immerhin länger bewohnt, zu seinen Geburtstagen weilte er oft im Königshaus am Schachen im Wettersteingebirge. Das Wohngebäude von Neuschwanstein wurde erst 1884 fertiggestellt, Schloss Herrenchiemsee wurde niemals vollendet, für eine Ritterburg auf dem Falkenstein im Allgäu wurden lediglich Zufahrtsstraße und Wasserleitung verwirklicht. Weitere Projekte blieben im Planungsstadium stecken: ein Schloss im byzantinischen Stil vor dem Panorama der Alpen, ein chinesischer Sommerpalast irgendwo in Tirol.

Ein Monarch, der ständig auf der Flucht war ... Vor allem vor den Menschen. 1867 hatte er sich mit Sophie in Bayern verlobt, der jüngeren Schwester von Kaiserin Elisabeth von Österreich, Prinzessin aus einer wittelsbachischen Nebenlinie. Der Hochzeitstermin wurde mehrfach verschoben, die Verlobung schließlich gelöst. Der König habe wohl wenig Interesse am anderen Geschlecht, munkelten schon die Zeitgenossen. Aber das Problem wird viel grundsätzlicher gewesen sein. Der König hatte panische Angst, sich zu binden, nicht nur in erotischer Hinsicht, sondern auch in seiner Hofhaltung. Seit 1872 ließ er sich die Musikdramen Richard Wagners, den er bereits seit Jahren großzügig gefördert hatte, in Privatvorstellung aufführen – Musikermassen auf der Bühne und im Orchestergraben, ein einziger, einsamer Mensch im Zuschauersaal.

In Linderhof wie in Herrenchiemsee wurde in seine Speisezimmer ein "Tischlein-deck-dich" eingebaut, eine Hubvorrichtung, die es ermöglichte, dem König Mahlzeiten zu servieren, ohne dass die Dienerschaft sichtbar in Erscheinung treten musste. Es gab Versuche, aus der Einsamkeit auszubrechen. 1864 lernte er den abgöttisch verehrten Richard Wagner kennen. Der immer geldbedürftige Komponist ließ sich die großzügige Förderung durch den König gern gefallen, nahm ihn als Menschen aber wohl nicht recht ernst. 1881 holte Ludwig den Wiener Burgschauspieler Josef Kainz an seinen Hof. Kainz musste ihm bis zur physischen Erschöpfung Partien aus Shakespeare und Schiller rezitieren, die Freundschaft endete, als der König ihn im Zorn tätlich angriff. Ludwig schloss sich mehr und mehr von der Welt ab, trank riesige Mengen von Wein und Champagner und Cognac; das aufgeschwemmte Gesicht, das die Fotografien der letzten Jahre zeigen, erinnerte nur noch vage an den schönen Jüngling, der seine Untertanen beim Regierungsantritt 1864 so verzaubert hatte.

Er lebte in einer Traumwelt. Die Regularien einer konstitutionellen Monarchie, zu deren Oberhaupt er durch seine Geburt bestimmt war, blieben ihm immer fremd. In seinen Wunschträumen sah er sich als den idealen König in mittelalterlichen Sagen – oder vielmehr in jenen Sagenwelten, zu denen Richard Wagner das Mittelalter verarbeitet hatte. Neuschwanstein, das er mit Szenen aus Wagner-Opern dekorieren ließ, war weniger ein Wohnschloss als eine bewohnbare Theaterkulisse. Nicht anders Linderhof, das einzige vollendete unter Ludwigs Schlössern, das sich an französischen Lustschlössern des Rokoko orientierte, und Herrenchiemsee, in weiten Teilen eine Kopie des Schlosses von Versailles – Ludwig gefiel sich in der Rolle Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. von Frankreich.

Dabei lag ihm nichts ferner, als sich jenen Repräsentationspflichten zu unterwerfen, die das Leben der Könige im Absolutismus bestimmt hatten. Während Versailles von Tausenden Menschen bevölkert war, sollte Herrenchiemsee leer bleiben, ein privates Refugium des Königs, zu dem nur wenige Bedienstete Zutritt hatten und gelegentlich Abgesandte der Regierung. Das Schlafzimmer von Herrenchiemsee wiederholte das von Versailles, in dem der große Namensvetter in Gegenwart des Hofstaates morgens aufgestanden und abends zu Bett gegangen war – für seinen menschenscheuen Bewunderer müsste es im Grund eine greuliche Vorstellung gewesen sein. Die Spiegelgalerie wurde mit Bildern von den ruhmreichen Kriegszügen des Vorbildes ausgestattet – der Nachahmer ging nicht einmal auf die Jagd. Traumwelten, die aus allen realen Lebensbezügen gelöst waren. "Die Schlösser", vermerkte ein königlicher Kabinettssekretär, "wurden von Seiner Majestät als geweihte Stätten betrachtet und behandelt. Sie durften vom Volk nicht gesehen werden, weil der Blick des Volkes sie besudeln würde."

Entwurf von Christan Jank für
Schloss Falkenstein (1883)
Bild: Wikipedia
Dass Prinzregent Luitpold seine Schlösser bereits wenige Wochen nach seinem Tod für ein zahlendes Publikum öffnete, schon um die aufgehäuften Schulden zu begleichen, konnte er nicht ahnen. Bis 1902 wurden alle Kredite vollständig zurückgezahlt. Heute werden in Linderhof, Neuschwan-stein und Herrenchiemsee insgesamt weit mehr als 2 Millionen Touristen jährlich gezählt. Der menschenscheue König ist zum Medienstar geworden. Eine Flut von Büchern befasst sich mit seinem Leben und mit seinem unaufgeklärten Sterben, es gibt Ludwig-Filme und Ludwig-Musicals. Einer dieser Filme, der von Luchino Visconti mit Helmut Berger in der Hauptrolle, hält sich seit fast vier Jahrzehnten in den Kinos.

Was eigentlich macht bis heute die Faszination des Märchenkönigs aus, warum gehören seine Schlösser zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands? Offenbar versenken auch wir uns noch gern in seine Traumwelten mit ihrer antimodernen Ästhetik, nicht anders als in die hypermodernen Weltraummärchen aus Hollywood. Freilich nur für kurze Auszeiten von den Anstrengungen unserer Alltagwelt, während Ludwig selbst diesen Eskapismus bis zur Selbstzerstörung trieb. Manchmal floh er noch weiter als zurück ins Barock oder ins Mittelalter. Das Türkische Zimmer im Königshaus am Schachen und der Maurische Kiosk im Schlosspark von Linderhof mit seinem märchenhaften Pfauenthron beschworen Phantasien von orientalischem Herrschertum. Ob Ludwig gelegentlich auf diesem Thron gesessen hat? Einsam, unbeobachtet wahrscheinlich selbst von der Dienerschaft ...

Mit seinen architektonischen Schöpfungen hat sich Ludwig bei den Kunstkritikern freilich keine guten Noten eingehandelt. Etwa der viel gelesene Wilhelm Hausenstein beklagte bei Linderhof eine "Tragikomödie des Ungeschmacks", bei Herrenchiemsee ein "Unmaß falscher Produktivität". Sicherlich, diese Bauten mit ihrer Mischung aller historischen Stile aus Okzident und Orient sind Theaterkunst; wer von Architektur so etwas wie Authentizität erwartet, muss enttäuscht werden. Aber Virtuosität ist dieser Mischung nicht abzustreiten. Der König trieb seine Mitarbeiter an, die Virtuosität immer weiter zu steigern, das zeigen noch die Diskussionen um die Ritterburg auf dem Falkenstein. Der Bühnenbildner Christian Jank hatte einen ganz und gar märchenhaften ersten Entwurf geliefert, der architektonisch wohl nicht realisierbar gewesen wäre und die Finanzkraft des Königs endgültig überfordert hätte. Als Georg von Dollmann, der langjährige Architekt des Königs, einen reduzierten Entwurf vorlegte, überwarf sich Ludwig mit ihm.

In Bauten, die realisierbar waren, konnten Ludwigs Träume eben keine Erfüllung finden, Georg Dehio schrieb in seinem "Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler" recht vorsichtig, ein Werk wie Herrenchiemsee sei "nur aus der eigenartigen geistigen Haltung des Königs zu verstehen". Dabei wusste der König im Grunde sehr realistisch um die Mechanismen, mit denen er seine Traumwelten auf die Bühne brachte. Er schätzte moderne Technik, setzte beim Schlösserbau neben gediegen traditionellem Kunsthandwerk auch Stahlbau ein, und selbst die Krone auf dem vergoldeten Schlitten, mit dem er sich durch die verschneite Gebirgslandschaft kutschieren ließ, war elektrisch erleuchtet. Natürlich wurde die Technik sorgsam verborgen, um die märchenhafte Illusion nicht zu stören. Eine Hofdame über die Venusgrotte von Schloss Linderhof, in der Ludwig sich gern auf einem Kahn dahinrudern ließ: "Phantastisch schimmernde Wellen, Felsenriffe, Schwäne, Rosen, das Muschelfahrzeug und der dahingleitende Märchenkönig. Wer aber hinter die Kulisse blickte, fand einen abgehetzten Elektrotechniker, sieben von Arbeitern ständig geheizte Öfen."


Ausstellung:
Götterdämmerung. König Ludwig II. und seine Zeit,
im Neuen Schloss Herrenchiemsee, bis 16. Oktober 2011


Mehr im Internet:
Ludiwg II. von Bayern 
scienzz artikel Geschichte mitteleuropäischer Regionen



Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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