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02.07.2011 - BRAUCHTUM

Pferdeäpfel vor dem Hochaltar

Der Palio di Siena - das traditionsreichste Rennen der Welt

con Josef Tutsch

 
 

Palio di Siena August 2009
Bild: Roberto Vicario/Wikipedia

Pferdeäpfel vor dem Hochaltar, sagt man in Siena, seien ein gutes Vorzeichen. Vielleicht nicht einmal für den Reiter; auf den kommt es auch gar nicht an beim "Palio di Siena", dem traditionsreichsten Pferderennen der Welt. Wenn er in den gut anderthalb Minuten, die das Rennen dreimal rund um die Piazza del Campo dauert, vom Sattel geworfen wird – macht nichts, entscheidend ist, dass das Pferd als erstes durch’s Ziel geht. Aber auch das Pferd ist nur Mittel zum Zweck. Oft genug kommen Verletzungen vor, die einen Gnadenschuss nötig machen. Wichtig ist nur der Sieg für die "Contrada", das eigene Stadtviertel, den Kiez, wie man in Norddeutschland sagt, Veedel heißt es in Köln, Grätzl in Wien.

Zweimal im Jahr ist Siena außer Rand und Band, wenn sich zehn der insgesamt 17 Stadtviertel oder "Contrade" den "Palio" liefern, den Wettstreit um das seidene, an eine Hellebarde geheftete Banner, das als Siegestrophäe dient. Heutzutage handelt es sich bei dieser Veranstaltung natürlich auch im ein großes Spektakel für die Touristen, die zu Tausenden das Städtchen in der südlichen Toskana mit seinen 55.000 Einwohnern aufsuchen, in der Hoffnung, irgendwo am Rand der zentralen Piazza ein Stehplätzchen zu ergattern. Oder, wenn man es sich leisten kann, einen Sitzplatz in einer der Logen und Tribünen. Aber in erster Linie ist es eben doch ein Fest der Sienesen selbst.

Oder sollte man lieber sagen: der "Contradaioli"?  Neben der gemeinsamen Identität als Kommune von Siena hält sich hartnäckig das traditionelle Selbstbewusstsein der Contrade, die sich seit dem Mittelalter aus den Wehr- und Lebensgemeinschaften um die Wohntürme und Paläste der führenden Geschlechter herum ausgebildet haben. Benannt sind die meisten von ihnen nach Tieren oder Fabelwesen. Es gibt eine Contrada des Adlers und eine des Drachen, eine des Einhorns und eine des Panthers. Manche gelten traditionell als miteinander "verfeindet", zum Beispiel Wölfin und Stachelschwein, aus Gründen heraus, die längst im Dunkel der Geschichte verschwunden sind. Attribute wie "imperiale" oder "nobile" lassen ahnen, dass da ursprünglich soziale Gruppen gegeneinander standen, die um die Macht in der Kommune kämpften.

Früher gab es mehr solcher Vereinigungen; aber 1675 wurden nach einem Aufruhr sechs "auf ewig" von der Teilnahme am Palio ausgeschlossen. Es zeugt vom Traditionsbewusstsein der Sienesen, dass beim feierlichen Einzug auf dem Campo auch ihre Zeichen wie Hahn und Löwe vertreten sind – aber zu Fuß, nicht etwa zu Pferde. Beobachter mögen sich angesichts dieser engen Verbundenheit von Menschengruppen mit Wesen aus der Natur oder aus der Phantasie an Phänomene erinnert fühle, wie sie Ethnologen unter dem Stichwort "Totemismus" von Stämmen in Australien und im alten Amerika berichtet haben. Eine historisch näher liegende Parallele hat der französische Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie vor dreißig Jahren mit seiner Studie über Romans, ein Städtchen in der Dauphiné, wieder in Erinnerung gerufen: Unter Symbolen wie Hammel und Rebhuhn kämpften im 16. Jahrhundert auch dort soziale Gruppen gegeneinander, mal eher karnevalesk, mal in blutigen Massakern.

Palio di Siena Juli 2008
Bild: Roberto Vicario/Wikipedia

Auf unkriegerische Weise lebendig sind diese Strukturen bis heute in manchen italienischen Städten. Manche davon pflegen bis heute ihren Palio wie zum Beispiel Asti in Piemont und eben Siena. Früher muss dergleichen sehr viel häufiger gewesen sein. Für Florenz wird ein solcher Wettstreit in Dantes "Göttlicher Komödie" erwähnt. In Siena stammt die früheste Nachricht über einen Palio aus dem Jahr 1147. Wer aufmerksam durch die Straßen der Stadt spaziert, sieht an den Häusern kleine Keramiktafeln mit den Wappen der jeweiligen Contrada. Alle zwei Jahre werden in jedem "Kiez" 40 ehrenamtliche Repräsentanten gewählt, mit einem "Capitano" oder "Priore" an der Spitze.

Von den alten Mitwirkungsrechten dieser Vereinigungen in der Stadtpolitik sind soziale Aufgaben geblieben, von der Jugendarbeit bis zur Altenpflege, sowie die Organisation von Stadtteilfesten –  Aktivitäten, die vermutlich auch dazu beitragen, dass Siena eine relativ geringe Kriminalitätsrate aufweist. Jedes dieser Viertel hat ein Gemeinschaftshaus und ein kleines Museum, einen Brunnen, in dem es inzwischen üblich geworden ist, neuen Erdenbürgern eine Art von weltlicher Taufe zu verpassen, durch die sie auf Lebenszeit mit ihrer Contrada verbunden sind, und natürlich eine eigene Kirche, mit einem Schutzheiligen, auf dessen Fürsprache bei der Gottesmutter die Contradaioli beim Palio vertrauen.

Die Termine liegen auf den beiden großen Marienfesten im Sommer, am 2. Juli zu Ehren der Madonna di Provenzano und am 15. August zum Fest Mariä Himmelfahrt. Nur zehn der 17 Contrade dürfen teilnehmen: jene sieben, die das letzte Jahr nicht dabei waren, und weitere drei, die durch das Los bestimmt werden. Wie wenig der erhoffte Sieg mit Verdienst zu tun hat, zeigt sich daran, dass in aller Regel weder Pferd noch Reiter mit dem jeweiligen Stadtviertel viel zu tun haben. Die Reiter werden wie einst die Condottieri von außerhalb gemietet; die meisten stammen aus Sardinien oder Süditalien oder den Maremmen. Die Pferde werden ganz einfach verlost. Wetten im Vorfeld sind übrigens verpönt; sie könnten Unglück bringen.

Fair play? Wenn am Vorabend in der Straße vor dem Haus der Contrada ein großes Festessen stattfindet, wird über die Wundermittel gemunkelt, die vom Tierarzt zu erwarten seien – wohl nicht nur für das eigene Tier, sondern auch für die Pferde der Konkurrenten; jedenfalls stehen seit Tagen Reitknechte Wache, um Vergiftungen zu verhüten. Es sind auch allerlei Beschwörungsformeln überliefert, die dazu helfen sollen, Unheil abzuwenden oder umgekehrt die Tiere wahre Wundertaten vollbringen zu lassen. Am Morgen vor dem Wettkampf wird das Pferd in der Contradenkirche gesegnet und wenn dabei Pferdeäpfel fallen –um so besser. Der Contraden-Priester fleht zur Jungfrau Maria um göttlichen Segen. Darauf verlassen will man sich freilich nicht. Bei der Aufstellung auf der Piazza del Campo soll es zwischen den Jockeys regelmäßig letzte Absprachen geben; schließlich ist die versprochene Siegesprämie derart hoch bemessen, dass "Auslagen" möglich sind.

Palio di Siena August 1546, Gemälde von
Vincenzo Rustici - Bild: Wikipedia

Die Piazza zu Beginn des Rennens gehört zweifellos zu den farbenprächtigsten Bildern, die Europas Brauchtum zu bieten hat: In der Platzmitte der von vier Ochsen gezogene Fahnenwagen mit dem Seidenbanner, ringsum die kostümierten Trupps der Contrade, ein Page mit Standarte und das Rennpferd an der Spitze. Das Rennen selbst – ohne Sattel dreimal um die Piazza herum, insgesamt ca. 900 Meter – dauert dann kaum einhundert Sekunden. "Wie eine lange schwelende Lunte, die tagelang knisternd über die Rennbahn kriecht bis zur abschließenden Explosion": So hat es das italienische Autorenduo Fruttero und Lucentini in seinem vielgelesenen Roman "Der Palio der toten Reiter" beschrieben.

Ob nun Absprachen oder nicht – es entspinnt sich ein erbittertes Rennen. Behinderungen der Konkurrenten sind nicht nur erlaubt, sondern vom Publikum gewünscht, einschließlich Verletzungen mit einem Ochsenziemer, einer Peitsche aus getrocknetem Bullenpenis. Die größte Gefahr birgt aber die Rennstrecke selbst, obwohl alles mit Matratzen gepolstert ist. Im Südwesten der halbkreisförmigen Piazza droht die Curva di San Martino; mit gutem Grund stehen dort die Sanitäter bereit. Aber das Schicksal des Reiters ist ja auch nicht entscheidend; Hauptsache, das Pferd mit dem Diadem der Contrada auf der Stirn kommt vor den anderen im Ziel an, notfalls eben "scosso", ohne Reiter. Glaubt der Jockey, sich auf sein Tier verlassen zu können, springt er manchmal selbst zuvor ab – ohne Last kann das Pferd schneller laufen.

Tage lang durchziehen die siegreichen Contradaioli dann mit ihren Farben die Stadt. Im Juli letzten Jahres gewann der "Wald", im August die "Schildkröte". Traum eines jeden Viertels ist es natürlich, in einem einzigen Jahr gleich beide Rennen zu gewinnen – ein "Cappotto", wie die Einheimischen dieses Ereignis nennen, das sich aufgrund der vielen Zufälligkeiten nur selten einstellt; zuletzt gelang es 1997 der "Giraffe". Wenn man es verpatzt hat, muss man bis zum nächsten Mal warten, bis wieder die Lunte glüht und sich die Explosion entlädt.


Mehr im Internet:
Palio - Wikipedia
scienzz artikel Feste und Bräuche


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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