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Kultur

01.07.2011 - MODERNE LITERATUR

"Der Mensch darf nicht aufgeben ..."

von Josef Tutsch

 
 

Ernest Hemingway um 1950
Bild: Wikipedia

"Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen ..." Wie viele Millionen Menschen mögen Ernest Hemingways Erzählung "Der alte Mann und das Meer" inzwischen gelesen haben? Hemingway bietet den raren Fall, dass ein Autor Pflichtlektüre in den Schulen geworden ist und zugleich von Jugendlichen wie von Erwachsenen verschlungen wird, und das bis heute, fünfzig Jahre nach seinem Tod. Gar nicht zu reden von den vielen Verfilmungen, die Hemingways Romane und Erzählungen auch bei jenen bekannt gemacht haben, die selten oder nie ein Buch zur Hand nehmen.

Dabei dreht sich sein Werk im Grunde um ein einziges Thema. "Heldentum" sagte man früher; aber das Wort bleibt uns im Halse stecken. Wir würden lieber von "Anti-Heldentum" sprechen. Auch Hemingway selbst schwor nach seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg allem traditionellen Heldentum ab. Als Sanitäter an der italienisch-österreichischen Front war der Neunzehnjährige durch eine Granate schwer verwundet worden. "Alle Helden sind tot", schrieb er an die Eltern, "die wahren Helden sind die Väter und Mütter."

Träume von einem bürgerlichen Familienleben ... Aber als Hemingway am 2. Juli 1961, von Krankheit, Depressionen und Alkoholexzessen gezeichnet, seinem Leben ein Ende setzte, hatte er eine denkbar unbürgerliche Existenz hinter sich – als Kriegsberichterstatter,  Abenteurer, Großwildjäger, Hochseefischer, Boxer und Stierkämpfer, der auch in seinen Büchern das heroische Klischee nach Kräften bedient hatte. Freilich, das Pathos nationaler Begeisterung war für ihn abgetan. Aber die Faszination des Heldischen, des "Männlichen" war geblieben.

"Fiesta", der erste große Roman von 1926, lässt ahnen, wie tief verwundet Hemingway durch den Krieg war. Dem Roman ist ein Ausspruch der befreundeten Schriftstellerin Gertrude Stein vorangestellt: "Ihr alle gehört einer hoffnungslosen Generation an." Die Hauptfigur, der amerikanische Journalist Jake Barnes, der – ähnlich wie Hemingway selbst – im spanischen Stierkämpfer den Inbegriff ungebrochener Männlichkeit verehrt, hat durch eine Kriegsverletzung seine Potenz verloren. Er wappnet sich mit Zynismus. In den folgenden Jahren hat Hemingway selbst diese Strategie sowohl in den Romanen und Erzählungen wie auch als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens bis zur Perfektion vorangetrieben. Er umgab sich, wie es Gertrude Stein einmal ausdrückte, "mit einer Schale aus Brutalität".

Seine journalistische Praxis half ihm dabei, jenen typischen "Hemingway-Stil" auszubilden, der bis heute so fasziniert: die karge, schnörkellose Aneinanderreihung von Aussagesätzen, in denen sich kommentierende Reflexionen und psychologische Motivationen allenfalls andeuten. Eine Kunst des Aussparens und Weglassens, die in ihren besten Passagen – vorausgesetzt, beim Leser läuft der Assoziationsprozess in dieselbe Richtung ab wie beim Autor – eine geradezu trancehafte Wirkung erzeugen kann.

Mit Joris Ivens und Ludwig Renn im Spa-
nischen Bürgerkrieg, 1935
Bild: Deutsches Bundesarchiv

Am ehesten ist ihm dies in einigen seiner Kurzgeschichten gelungen. Um nur ein Beispiel zu nennen: "Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber", 1936. Es geht auch in dieser Geschichte um Hemingways Vorstellung von Heldentum und Männlichkeit. Während der Büffeljagd im afrikanischen Dschungel fällt von einem amerikanischen Playboy plötzlich die Angst ab. Allerdings überlebt er diesen Augenblick der "Mannwerdung" nicht; ihn trifft die Kugel, die seine ängstliche Frau auf das angreifende Tier abgefeuert hat. Der Safariführer, eine von Hemingways idealen Projektionen seiner selbst, fördert das wahre Motiv zutage: Der erwachsen gewordene junge Mann hätte seine Frau verlassen.

Was die Selbststilisierung und Selbstinszenierung in der Heldenrolle für Hemingway bedeutete, zeigt sich noch deutlicher in der autobiographischen Erzählung "Die grünen Hügel Afrikas" ein Jahr zuvor. Der Literaturwissenschaftler Jerome von Gebsattel hat es mokant kommentiert: Dieses Buch über die Großwildjagd erwecke den Eindruck, "der Makel, Schriftsteller zu sein, müsse durch ein besonders nüchternes und raues Benehmen wettgemacht werden". Die Rolle, in der sich Hemingway am liebsten sah, war jedoch die des Torero. Nochmals Gebsattel: Der Stierkämpfer "ist der Inbegriff des Hemingwayschen Helden, der inmitten einer wertentfremdeten, teilnahmslosen Umwelt sein Mann-Sein und seine menschliche Würde beweist, indem er dem Tod gelassen ins Auge sieht und wenn nötig mit ‚Haltung" stirbt."

Dieses Torero-Ideal ist für die meisten deutschsprachigen Leser wohl schwer nachzuvollziehen; aber in Spanien gilt der Essay "Tod am Nachmittag" von 1932 als die vielleicht gelungenste Darstellung der "corrida" in einer fremden Sprache. Heldentum ... Heutigen Lesern kommt bei diesem Wort vielleicht der Dialog aus Bertolt Brechts "Leben des Galileo Galilei" in den Sinn: "Unglücklich das Land, das keine Helden hat!" "Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat." Eine Diskussion, die von Hemingways radikal individualistischem Ethos denkbar weit entfernt ist. Die Frage, was Länder oder Völker von ihren "Helden" haben, stellte sich ihm nicht.

Nur in den Büchern aus den späten 1930er Jahren, die unter dem Eindruck des Spanischen Bürgerkriegs entstanden sind, haben die Interpreten eine Nuancierung seines Ethos gefunden. Der Roman "Wem die Stunde schlägt" von 1940 will den Weg vom Einzelgängertum zur Solidarität und zu sozialem Engagement schildern, die Möglichkeit eines Opfers für die Gemeinschaft. Für den Autor selbst wird aber ein anderer Aspekt im Vordergrund gestanden haben: Die Tätigkeit als Kriegsberichterstatter in Spanien war einer seiner Versuche, aus dem Schriftstellerdasein auszubrechen – wenn schon nicht in kriegerische Aktivitäten, dann doch so nah wie möglich daran.

Wie schwer er sich im Grunde damit tat, politisch und sozial Partei zu ergreifen, zeigt das Schauspiel, mit dem er 1938 für die republikanische Sache in Spanien Propaganda machen wollte, "Die fünfte Kolonne". Das Stück erregte international Aufsehen, weil Hemingway, der es ja schließlich wissen musste, darin offen aussprach, dass gefangen genommene Franquisten von den Republikanern ohne Umschweif erschossen wurden.

Als Großwildjäger in Afrika, 1953
Bild: Wikipedia

Nein, Propaganda lag ihm nicht; dem stand sein Künstlertum im Wege  Am eindrucksvollsten wirken ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod vielleicht jene Erzählungen, in denen er auf solche Bindungen keine Rücksicht zu nehmen brauchte. In einer kleinen Erzählung aus dem Band "Der Sieger geht leer aus" von 1933 scheinen die "absurden" Dialoge eines Samuel Beckett vorweggenommen: "Wovor hatte er Angst? Es war nicht Angst oder Furcht. Es war ein Nichts, das er nur zu gut kannte. Es war alles ein Nichts, und der Mensch war auch ein Nichts ..." Und dann folgt eine brillant-blasphemische Paraphrase auf das Vaterunser, in dem die sinntragenden Wörter nach und nach durch "Nada" und "Nichts" ersetzt werden: "Nada unser, der du bist im nada, nada sei Dein Name, Deiin Reich nada ..."

Und dennoch – immer wieder ein Ungenügen an der Schriftstellerei, die Sehnsucht nach der direkten Aktion. Gertrude Stein hatte von einer "Schale aus Brutalität" gesprochen. Nachdem Hemingway den Zweiten Weltkrieg wiederum als Berichterstatter mitgemacht hatte, gab es Gerüchte über eine Beteiligung an Kriegsverbrechen; in postum veröffentlichten Briefen behauptete er selbst, er habe mehrere deutsche Soldaten getötet, in einem Fall sogar einen Kriegsgefangenen. Wollte der Schriftsteller im Zweiten Weltkrieg mit seiner moralisch so eindeutigen Frontenstellung seinen Traum von "Heldentum" so brutal wie möglich ausleben?

Manche Biographen vermuten im nachhinein, dass es sich bei diesen brieflichen Äußerungen um Fiktionen handelt, um Selbststilisierungen. Es bleibt der beunruhigende Gedanke, dass der alternde Hemingway sich gern in solche Phantasien hineingesteigert hat. Da ist uns der alte Fischer aus jener Erzählung von 1952, der den prächtigen Schwertfisch gefangen hat, ihn aber nicht an Land bringen kann, weil er von Haien zerfetzt wird, doch sympathischer. "Der Mensch darf nicht aufgeben. Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben."

Es wird wenige Werke der Weltliteratur geben, die gleich nach ihrem Erscheinen mit solcher Begeisterung aufgenommen wurden wie "Der alte Mann und das Meer". Kritiker rückten die Novelle in einer Reihe mit dem größten Werk der amerikanischen Literatur, Herman Melvilles "Moby Dick", die Nobelpreisurkunde 1954 nannte sie als Beispiel für Hemingways Meisterschaft in der Kunst des Erzählens. Inzwischen ist der Überschwang ein wenig abgekühlt. Mit dem Blick auf Hemingways Gesamtwerk ist nicht zu übersehen: Die Erzählung wiederholte nicht ohne Manierismen und Übertreibungen den Stil, der in den 1920ern und 1930ern revolutionär gewesen war, und im Gewand einer unprätentiösen Arbeits- und Berufsethik ließ der Autor jenen Heldentypus wieder aufleben, den er mit seinen Stierkämpfern und Großwildjägern ausgebildet hatte.

Aber dieser Fischer Santiago steht uns näher, weil er nicht zur Unterhaltung der Massen tötet oder um vor sich selbst an Prestige zu gewinnen, sondern schlicht, um sein Leben zu fristen. Der große Erfolg beim Publikum ist wohl darin begründet, dass es Hemingway in dieser Novelle gelungen ist, sein außeralltägliches und oft doch reichlich extravagantes Heldenethos nah an unser Alltagsbewusstsein heranzurücken. Auf den Schlussseiten, als Santiago von seiner weiten, allzu weiten Ausfahrt zurückgekehrt ist, scheint eine Form von Heldentum durch, wie sie Jahrhunderte lang vielen Menschen als Vorbild gedient hat: Santiago "schulterte den Mast und begann hinaufzuklettern. Da erst wurde ihm die Tiefe seiner Müdigkeit bewusst ... Er begann wieder zu klettern und oben fiel er hin und lag eine Weile da mit dem Mast über den Schultern ... Er musste sich fünfmal hinsetzen, ehe er seine Hütte erreichte."

Hemingways Haus auf Key West, Florida
Bild: Andreas Lamecker/Wikipedia

Der "realistische" Erzähler Hemingway hat darin den Gang Christi unter dem Kreuz den Hügel von Golgatha hinauf nachgeahmt. Nicht ohne zu übertreiben: Santiago bricht nicht dreimal, sondern gleich fünfmal unter seinem Mast zusammen. Anders als Christus hat Hemingways "Held" seine Prüfung nicht vor sich, sondern für diesmal hinter sich und ist diesmal daran gescheitert. Und von Erlösung ist nicht die Rede, Santiago muss und wird wieder hinausfahren. "Der Mensch darf nicht aufgeben. Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben." Fürs erste allerdings liegt er auf seinem Bett, genau in der Haltung, wie Christus am Kreuz: "Er schlief mit dem Gesicht auf den Zeitungen, mit ausgestreckten Armen und den Handflächen nach oben."


Mehr im Internet:
Ernest Hemingway - Wikipedia
scienzz artikel Anglo-amerikanische Literatur



Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über
Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation 

 

 

 

 

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