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24.06.2011 - ERZIEHUNGSGESCHCHTE

Ein immerwährender Abstimmungsprozess

Tausend Jahre Schulgeschichte in Deutschland

von Josef Tutsch

 
 

"Also lautet ein Beschluss, dass
der Mensch was lernen muss"
Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel
Bild: Wikipedia

"An der Winterschlacht in der Champagne nahmen 30.000 Deutsche und 180.000 Franzosen teil. Die Franzosen verloren 45.000 Mann, die Deutschen 15.000 Mann. Berechne den Verlust an Gefechtskraft!" Ja, auch das war mal Schule in Deutschland. Mit Soldaten lässt sich ebenso gut rechnen wie mit Äpfeln. Man könnte dergleichen als makabre Kuriosa aus der Vergangenheit abtun; aber zweifellos waren viele Zeitgenossen im Ersten Weltkrieg überzeugt, genau das sei der Stoff, den die Schule zu vermitteln habe, getreu dem alten Lateinerspruch: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Und für das Kriegführen.

Gert Geißler, Erziehungshistoriker an der Berliner Humboldt-Universität, hat jetzt eine "Schulgeschichte in Deutschland" herausgebracht, von den Anfängen in den Klöstern des frühen Mittelalter, wo es vorrangig darum ging, dem Klerikernachwuchs wenigstens das korrekte Beten und Singen der Messtexte beizubringen, bis zu den aktuellen Struktur- und Lehrplanreformen von heute. Fast eintausend Seiten – mehr Handbuch als flüssiger Lesestoff. Aber wenn man erst einmal Schneisen durch diesen Dschungel schlägt, stellen sich bald überraschende Déja-vu-Erlebnisse ein. Wer weiß heute noch, dass bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, in manchen Regionen noch bis ins 20. Jahrhundert hinein, in den höheren Schulen auch am Nachmittag unterrichtet wurde? Abgeschafft wurde der Nachmittagunterricht erst, als sich die Klagen häuften, die Schüler seien überfordert und es bliebe zu wenig Zeit für die Familie oder für privaten Unterricht in Sport, Tanz und Musik.

Solche Klagen gingen natürlich von bildungsbewussten bürgerlichen Familien aus; in bäuerlichen Schichten und in der Arbeiterschaft hatte der Staat das ganze 19. Jahrhundert hindurch ohnehin große Mühe, die Schulpflicht allgemein durchzusetzen. "Es wurde nicht erwartet, dass der Schulbesuch wirklich von Nutzen war", stellt Geißler lakonisch fest. Die Staaten, im Plural, hatten große Mühe, müsste man eigentlich sagen. Denn anders als etwa in Frankreich lag Schulpolitik in Deutschland – das ist vielleicht der eigentliche rote Faden in tausend Jahren deutscher Schulgeschichte – niemals in der Kompetenz einer zentralen politischen Ebene, die ja überhaupt erst 1867 oder 1871 eingeführt wurde.

Noch ein durchgängiges Motiv in der deutschen Schulgeschichte: die allmähliche Verschiebung der Kompetenzen, vor allem von der Kirche hin zum Staat. Bis ins hohe Mittelalter hinein gab es so etwas wie "Schulen" ausschließlich in den Klöstern. Erst vom 13. Jahrhundert an kam in den aufblühenden Städten das Bedürfnis auf, Bildung – und das hieß vor allem: Beherrschung der Schrift – auch außerhalb der Familie zu vermitteln. "Für das städtische Patriziat, Kaufleute, Bankiers, für Zunftmeister, für Kapitäne und Bergleute wurde die schriftliche Fixierung von Vorgängen existenziell unumgänglich", stellt Geißler fest.

Schul- oder Unterrichtspflicht bestand nicht; Kinder, die Schulen besuchten, taten es auf Geheiß der Eltern, eben deshalb, weil die Familien miteinander im Wettbewerb und schulisch vermitteltes und ökonomisch verwertbares Wissen standen. Man wird die Entwicklung aber nicht einseitig betrachten dürfen; neben den materiellen Interessen standen religiöse Ideen. .
Auch die Laien wollten sich ihrer Erlösung durch religiöse Kenntnisse vergewissern. In protestantischen Territorien wurde die Lektüre der Heiligen Schrift zur allgemeinen Christenpflicht, Katholiken mussten wenigstens den Katechismus kennen.

Schule im 18. Jahrhundert (aus einem
Druck von Amos Comenius' "Orbis"
Bild: Wikipedia

Das eine wie das andere lag unmittelbar im Interesse der weltlichen Obrigkeiten. Von der Schule wurde sowohl die Heranbildung "geschickterer und besserer Untertanen" erwartet als auch die Einübung von Disziplin. Es gehe nicht an, mahnten 1661 die Herzöge von Mecklenburg-Schwerin, dass die Untertanen "wie das unvernünftige Vieh, gleich als ob kein Gott im Himmel sei", lebten. Geißler datiert die frühesten Belege für Schulpflicht in einigen deutschen Territorien bereits auf das frühe 17. Jahrhundert. So verordnete das "Landrecht der Fürstentümer Ober- und Niederbayern" 1616, in allen großen Dörfern sollten Schulen eingerichtet und Lehrer gehalten werden, freilich mit der Einschränkung, Bauernkinder über zwölf Jähre sollten nicht weiter in die Schule gehen.

Ganz allmählich wurde die Aufsicht der Kirche über die Schulen durch eine staatliche Aufsicht abgelöst. Die Aufsicht der Kirchen: Auch hier ist wieder der Plural angebracht – mit dem Unterschied, dass die katholische Kirche der Einschränkung ihrer Kompetenzen hartnäckiger Widerstand entgegen zu setzen vermochte als die protestantischen Kirchen. 1908 sah ein Gesetz in Preußen vor, Lehrer und Schüler in den Volksschulen sollten "in der Regel" in ihrem Bekenntnis übereinstimmen; für Lehrer anderer Glaubensrichtungen kamen allgemeinen nur die weltanschaulich weniger wichtigen "technischen" Fächer in Betracht. Noch in den 1920er Jahren kam es vor, wie Geißler berichtet, dass Eltern ihre Kinder von der Schule nehmen wollten, wenn die eine oder andere Lehrkraft religiös nicht genehm war.

Der Streit um das Kruzifix in den Klassenzimmern, der in den letzten Jahren die Öffentlichkeit erregt hat, lässt darauf schließen, dass die Frage auch heute noch nicht ausgestanden ist. Wie diese Schulgeschichte zeigt, waren noch die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik Deutschland durch ein zähes Rückzugsgefecht geprägt, das die Vertreter der "Bekenntnisschule", also mit der Bindung an eine einzige Konfession, der "christlichen Gemeinschaftsschule" lieferten. Man darf unterstellen, dass am Ende weniger politische Entscheidungen maßgeblich waren als die demographischen Zwänge: die immer stärkere konfessionelle Mischung, die Abnahme der Bevölkerung in vielen ländlichen Regionen, die Zunahme konfessionell anderweitig oder gar nicht gebundener Gruppen.

Der Religionsunterricht – als Selbstdarstellung der Bekenntnisse konzipiert – blieb in der Regie der einzelnen Konfessionen, soweit nicht einzelne Bundesländer inzwischen darauf verzichtet haben, hier ein ordentliches Schulfach einzurichten. In mehreren Ländern laufen heute Bemühungen, ein weiteres, "weltlich" konzipiertes Fach zum Thema Weltanschauung oder Lebensführung daneben zu setzen. Zurück ins 19. Jahrhundert: Damals bereits gab es staatliche Bestrebungen, den Kirchen das Monopol in dieser Frage streitig zu machen. Im Schulgesetz wurde das staatliche Interesse deutlich: die Kinder "zum bewussten sittlichen Handeln" zu erziehen. Erziehung zur Sittlichkeit ... Diese Sorge kommt auch in einer preußischen Ministerialverfügung von 1859 zum Ausdruck, die ausdrücklich verlangte, auf die Kinder von Dissidenten müsse "in Betreff ihrer Sittlichkeit und ihres Verhaltens ein besonderes Augenmerk" gerichtet werden.

Offenbar waren es die Gymnasien – sozusagen als Vorschulen zum Studium –, in denen sich die Lösung der Schule aus einer rigiden kirchlichen Aufsicht zuerst anbahnte. In manchen Fällen sehr zur Sorge der staatlichen Stellen. Geißler zitiert eine Stimme aus der preußischen Schulaufsicht um 1900, der Religionsunterricht in den Gymnasien werde nicht von streng bibeltreuen Theologen betreut, kurzum: es werde "Theologie statt Religion" gelehrt. Das Bildungsbürgertum hatte im klassischen Altertum ein Gegengewicht zu den etablierten Traditionen gefunden. Ein emanzipatorisches Potential, das – bei formaler Offenheit –vor allem wegen der hohen Schulgelder seine Grenze an den materiellen Gegebenheiten finden musste. Geißler: "Es war vornehmlich der männliche Nachwuchs des Besitzbürgertums, der höheren Beamtenschaft, der Geistlichkeit und des verbürgerlichten Adels, der diese Bildungseinrichtung durchlief."
 

Schule in der DDR: Besuch im Armee-
museum Karlshorst
Bild: Gabriele Senfl/Bundesarchiv

Auf das humanistische Lehrprogramm reagierten staatliche Stellen aber immer wieder mit Unwillen. Das Gymnasium bringe eher junge Griechen und Römer hervor als "nationale junge Deutsche", monierte Kaiser Wilhelm II. 1890. Die Reformen, die auf diesen allerhöchsten Wink folgten, drängten die alten Sprachen zugunsten der "Realien" – neben der neueren Geschichte vor allem Natur- und Technikwissenschaften – deutlich zurück. Im Weltkrieg wurden diese Realien dann im Sinne der politischen und militärischen Ziele des wilhelminischen Kaiserreichs gedeutet. Geißler belegt die Kontinuität dieser Lehrzwecke in der Weimarer Republik: Aus einem Arbeitsblatt für den Projektunterricht in Württemberg: "Unser Vaterland war vor dem Weltkrieg eines der bedeutendsten und stärksten Länder der Welt ... Durch den Krieg und die Revolution haben wir diese Machtstellung verloren. Wir sind arm geworden und wir müssen uns erst wieder mühsam emporschaffen."

Indienstnahmen der Schule, die sich unter anderen Vorzeichen wiederholt haben. Im Dritten Reich blieb das gymnasiale Lehrprogramm in reduzierter Form erhalten; der Unterricht in Naturkunde wie in den historischen Fächern wurde jedoch auf den Rassismus und auf das Soldatentum hin ausgerichtet. Wesentlich gründlicher konnte die DDR ihr Schulwesen nach sowjetischem Vorbild auf die erstrebte "sozialistische" Gesellschaft hin ausrichten. Tempi passati ... Die westlichen Besatzungsmächte, stellt Geißler fest, waren in der Schulpolitik eher zurückhaltend, die möglichen Vorbilder aus Frankreich, Großbritannien und den USA hätten "nur partiell Spuren hinterlassen".

Während also in der DDR eine prinzipielle Umgestaltung versucht wurde, setzten sich in der Bundesrepublik die Strukturen und die Kontroversen aus der Zeit vor 1933 fort. In jedem Bundesland waren die Parteien bemüht, ihre Vorstellungen, soweit die Mehrheitsverhältnisse es zuließen, durchzusetzen – Erhaltung des vertikal nach Stufen und oft auch noch horizontal nach Konfessionen gegliederten Systems einerseits, Einführung einer einheitlichen Schulform, wie es die Sozialdemokratie bereits im Gothaer Programm von 1875 gefordert hatte, andererseits. Und in jedem Bundesland hat es immer wieder neue Kompromisslinien gegeben. Geißler: "Das Schulsystem behielt seine traditionelle Gliederung, gewann aber an Durchlässigkeit."

Ein Ergebnis, das auf allen Seiten wohl mehr Frustration als Befriedigung hervorgerufen hat. Jüngste Station war das Referendum in Hamburg, mit dem die Schulreform des schwarz-grünen Senats abgelehnt wurde – anscheinend weniger wegen ihrer Inhalte, als deshalb, weil große Teile des Bevölkerung das dauernde Experimentieren in der Schulpolitik leid waren. Aber die Statistiken zeigen: Die Chancen von Kindern, deren Eltern "bloß" Volksschulbildung haben, das Gymnasium oder die Hochschule zu besuchen, ist nach wie vor ziemlich gering. Ob man sich dem Ideal der Chancengleichheit mit einer einheitlichen Schulform sinnvoll nähern könnte und welche Verluste andererseits dabei in Kauf zu nehmen wären – etwa ein Weniger an Wahlfreiheit für Schüler und Eltern – ist ein Prinzipienstreit, der bis heute andauert. Ganz davon abgesehen, dass Verbesserungen in der Regel ja auch Geld kosten werden. Und wie viel Geld sind wir bereit, für die Bildung oder Ausbildung der nächsten Generationen auszugeben?

Der Streit um die nötigen Reformen läuft argumentativ auf nationaler Ebene ab, muss organisatorisch aber sechzehnmal nebeneinander ausgetragen werden. Denn auch in der Bundesrepublik vollzieht sich Schulgeschichte, so Geißler, "im Wesentlichen als Ländergeschichte". Nicht anders als schon im Bismarckreich: 1875, berichtet Geißler, wurde im Reichstag erstmals ein für alle Staaten verbindliches Reichsschulgesetz diskutiert. Die Liberalen waren dafür, den Konservativen und Katholiken erschien es vorteilhafter, die katholischen Positionen in den Einzelstaaten zu sichern, die Sozialdemokratie war unentschieden; man befürchtete eine "Verpreußung" Deutschlands. Eine Reichsschulbehörde kam nicht zustande; statt dessen tagte seit 1875 zweimal im Jahr eine beratende Reichsschulkommission.

Schulwegweiser - Bild: Joachim
Müllerchen/Wikipedia

1948, noch vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland, konstituierte sich als Nachfolgerin die "Kultusministerkonferenz des vereinigten Wirtschaftsgebietes der Westzonen". Im Grunde ist es ja noch eine Drehung komplizierter, als Geißlers Ausdruck von der Bildungsgeschichte als Ländergeschichte das nahe legt: Es handelt sich nicht um sechzehn nebeneinander her laufende Bildungs- oder Schulpolitiken, sondern um einen immerwährenden Abstimmungsprozess, der nach dem Willen aller Beteiligten doch auf eine nationale Gemeinsamkeit hinauslaufen soll. 1955 in Düsseldorf und dann wieder 1964 in Hamburg wurden zwischen den Bundesändern Abkommen "zur Vereinheitlichung auf dem Gebiet des Schulwesens" abgeschlossen,

Kein Wunder, dass sich, wie Geißler vorsichtig formuliert, bis zur Gegenwart weder "strukturkonservative" noch "strukturreformerische" Ideen voll entfalten konnten und dass seitens der durchweg national organisierten Interessenverbände gern über den schwerfälligen Föderalismus gejammert wird. Die Diskussionen der letzten Jahre über die Studienabschlüsse zeigen: Das parallele Problem hat sich längst auf europäischer Ebene, sozusagen eine Etage höher, wieder eingestellt.


Neu auf dem Büchermarkt:
Gert Geißler: Schulgeschichte in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart,
Peter Lang, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-631-61435-8, 79,- €

 
Mehr im Internet:
Schulsystem in Deutschland - Wikipedia 
scienzz artikel Jugend und Erziehung  
scienzz Artikel Kulturgeschichte Mitteleuropas 

Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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