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12.07.2011 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Wenn Stechmücken aus Staub hervorgehen

Erst seit dem 19. Jahrhundert gilt die Entstehung von einfachem Leben als göttlicher Schöpfungsakt

von Josef Tutsch

 
 

Gottvater bei der Erschaffung
Adams, Fresko vom Michelangelo,
Sixtinische Kapelle, Vatikan, Rom
Bild: Wikipedia

Es ist beinahe schon reflexhaft: Wenn etwa vom Craig Venter Institute in Maryland, das vor allem durch die erste vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms bekannt wurde, neue Fortschritte gemeldet werden, finden sich auf den Titelseiten unserer Zeitungen, von der "Bild" über die "Welt" und den "Spiegel" bis zur FAZ und zur "Zeit", regelmäßig Überschriften wie "Schöpfung im Labor" oder "Spielen die Forscher Gott?". Und in den Kommentaren wird den Wissenschaftlern mit Berufung auf die Bibel dann gern vorgeworfen, dem Schöpfergott ins Handwerk pfuschen zu wollen.

"Gott spielen" ... Der Philosoph und Chemiker Joachim Schummer, Wissenschaftsforscher an der Universität Bielefeld, ist der Geschichte dieses Vorwurf gegen jene Arbeitsrichtung, die man heute "Synthetische Biologie" nennt, nachgegangen. Sein Ergebnis: Der Gedanke, es sei irgendwie ungewöhnlich, aus unbelebter Materie neues Leben hervorgehen zu lassen, ist kaum anderthalb Jahrhunderte alt. Früheren Generationen war es selbstverständlich, dass "Spontanzeugungen" vorkommen könnten, in denen Leben sozusagen "von selbst" aus unbelebter Materie hervorgeht. Und von daher war auch der Gedanke, der Mensch könnte dabei behilflich sein, nicht von vornherein ausgeschlossen.

Unter Theologen scheint dieser Aspekt der Wissenschaftsgeschichte noch nicht ganz vergessen zu sein. Ausgerechnet der Vatikan, berichtet Schummer, blieb demonstrativ gelassen, als Venters Institut mitteilte, es sei ihm gelungen, die "erste sich selbst replizierende synthetische Bakterienzelle" herzustellen, und wies alle Assoziationen mit der göttlichen Schöpfung zurück. Kurioserweise hielt das die Presseagenturen aber nicht davon ab, diese Stellungnahme gerade umgekehrt wiederzugeben, etwa in der Form "Vatikan warnt Wissenschaftler davor, Gott zu spielen."

Bei dem Versuch, aus einem zweieinhalb tausend Jahre alten Text normative Folgerungen für die Wissenschaft von heute    abzuleiten, ist eben viel Vorsicht geboten. Aber was genau steht eigentlich in den ersten Kapiteln der Bibel, auf die sich alle Teilnehmer an der Diskussion berufen? Bei der Erschaffung des Menschen tritt Gott tatsächlich als eine Art Handwerker auf: "Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker." Ähnlich heißt es später, dass Gott der Herr "aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel" machte und dass er "das Weib aus einer Rippe baute, die er von dem  Menschen nahm". Diese Sätze legen nahe, dass Forscher, wenn sie sich etwa an eine "synthetische Bakterienzelle" machen, sozusagen "Gott spielen". Die historische und philologische Forschung hat jedoch längst darauf hingewiesen, dass in der Bibel daneben eine andere Vorstellung steht, an die biologische Laborarbeit nicht heranreichen kann: "Gott sprach" – danach ginge die Welt also nicht auf ein "Machen" Gottes zurück, sondern auf sein Wort.

Schummer steuert hierzu nun eine weitere Beobachtung bei: Von einer Erschaffung der Pflanzen und der niederen Tieren ist im Bibeltext nur indirekt die Rede. Die Erde bringt auf Befehl Gottes "alles Getier hervor, das auf Erden kriecht", das "Kraut auf dem Felde" wächst, nachdem Gott es hat regnen lassen. Offenbar, so Schummer, rechneten auch die Verfasser anderer Bibelstellen damit, dass Lebewesen aus Erde und Wasser hervorgehen konnten. In der Erzählung von den ägyptischen Plagen entstehen die Frösche aus dem Nilwasser und die Stechmücken aus dem Staub, im "Buch der Sprüche" Wachteln aus dem Wasser. Tierischen Produkten oder verwesendem Fleisch wurde erst recht zugetraut, als Grundlage von Lebensentstehung dienen zu können. In der apokryphen Offenbarung des Petrus wird von der Bildung fleischfressender Tiere aus gerinnender Muttermilch berichtet.

Bis zu den Forschungen von Louis Pasteur und John Tyndall in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, resümiert Schummer, galt es als möglich, "dass einfache Lebewesen unter geeigneten Bedingungen spontan aus toter Materie entstehen können" – und zwar auch in der Gegenwart. Bereits in der Antike wurde diskutiert, wie man solche "Spontanzeugungen" technisch nutzen könne. Bei dem römischen Dichter Vergil findet sich die Vorstellung, frische Bienen aus dem verwesenden Kadaver eines Stiers zu gewinnen – ein Rezept, das in den folgenden Jahrhunderten immer wieder abgeschrieben wurde. 1623 entwickelte der englische Philosoph Francis Bacon das Projekt, "unter Zuhilfenahme von Verwesungsvorgängen verschiedene Arten von Schlangen, Würmern, Fliegen und Fischen" zu erzeugen, die sich auch geschlechtlich fortpflanzen würden – ein Vorhaben, das über die synthetischen Bakterien von heute weit hinausgeht.

Erschaffung der Vögel,
Aberdeen Bestiary, 12. Jh.
Bild: Wikipedia
Dieses Vorhaben wird vielen Zeitgenossen durchaus plausibel vorgekommen sein. Erst Ende des 17. Jahrhunderts definierte der Theologe John Ray den biologischen Artbegriff: als Konstanz von Merkmalen infolge einer Fortpflanzungskette, unabhängig von gelegentlichen Variationen. Während die ältere Naturgeschichte in Übereinstimmung mit dem Volksglauben für viele Lebensformen eine spontane Entstehung annahm, wurde nunmehr die Zahl der "Kandidaten" für spontane Lebensbildung nach und nach reduziert – im Grunde aus einem theologischen Interesse heraus, "zur Lobpreisung des Schöpfers". Als Pasteur um 1860 die Unmöglichkeit dieses Vorgangs nachweisen wollte, argumentierte er ebenfalls theologisch: "Was für ein Triumph wäre es für den Materialismus, wenn die Materie das Leben aus sich selbst nehmen würde? Zu was wäre dann noch die Idee eines Schöpfergottes gut?"

Das Ergebnis von Schummers Analyse: Der Vorwurf, mit solchen Experimenten "Gott spielen" zu wollen, konnte erst aufkommen, nachdem die Biologie des 19. Jahrhunderts die Unmöglichkeit einer Spontanzeugung unter den Bedingungen der Gegenwart aufgezeigt hatte. Zuvor sei "niemand auf den Gedanken gekommen, in der gezielten Lebensherstellung irgendetwas moralisch oder theologisch Bedenkliches zu sehen" – eben weil man ja ohnehin mit der Möglichkeit rechnete, dass dergleichen Tag für Tag von selbst vorkommen konnte. Eine überraschende Schlussfolgerung – immerhin ist gut belegt, dass etwa den Hexen gern unterstellt wurde, sie würden die Hilfe des Teufels in Anspruch nehmen, um die Mäuseplage künstlich zu vermehren. Schummers Erklärung für diesen vermeintlichen Widerspruch: Bedenklich sei die "gezielte Lebensherstellung" damals nicht etwa theologisch gewesen, sondern "einzig und allein, weil daraus in erster Linie Ungeziefer hervorging, das niemand mochte".

Ob dieses "einzig und allein" wirklich zutrifft, müsste man anhand der Quellen gründlicher überprüfen, als das Schummer in seinem knappen Essay leisten konnte. War das "teuflisch" nur im Sinne von Schadenszauber zu verstehen?  Die Hexenprozesse legen eine andere Erklärung nahe: dass zum Beispiel die Herstellung von Mäusen zwar nicht an Gottes Schöpferkraft heranreichte, über "normales" menschliches Vermögen aber doch so weit hinausging, dass die Hilfe des Teufels benötigt wurde. Inzwischen ist die Teufelsvorstellung unmodern geworden; kein Wunder, dass bei allem, was über Menschenkraft hinauszugehen scheint, der Vorwurf des "Gott Spielens" schnell bei der Hand ist.

In dieser theologischen Formulierung sieht Schummer einen merkwürdigen Widerspruch: Obwohl die europäischen Gesellschaften heute "ein überwiegend säkulares Selbstverständnis haben, artikuliert sich die öffentliche Kritik an der Lebensherstellung fast ausschließlich in Form des Vorwurfs, Gott spielen zu wollen." Zur Verwunderung besteht aber, à la longue durée betrachtet, eigentlich kein Anlass. Das neuzeitliche Bild vom autonomen Menschen steht in der Kontinuität des biblischen Wortes "Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde" und dann auch des rätselhaften Spruchs der Schlange zu Adam und Eva im Paradies: "Ihr werdet sein wie Gott." Der Berliner Chemiker Emil Fischer meinte es durchaus beifällig, als er 1915 seine wissenschaftliche Vision verkündete:  "Ich sehe, halb im Traum, eine chemisch-synthetische Biologie entstehen, die der Lebewelt ebenso gründlich ins Handwerk pfuscht, wie es die Chemie, Physik und Technik mit der leblosen Natur schon lange tun."

Im Mittelalter hätte der Vorwurf, mit einem wissenschaftlichen Experiment würde Gott freventlich nachgeahmt, vermutlich sogar abschreckend gewirkt. Für die Gegenwart unterstellt Schummer einen ganz anderen Kreislauf: Seit etwa hundert Jahren verkünden Wissenschaftler gern, die chemische Lebensherstellung stehe kurz bevor oder sei gerade gelungen; die aufgeregte öffentliche Kritik daran – unter dem Schlagwort "Gott spielen" spornt dazu an, diese Anstrengungen zu verstärken usw. usf. – unabhängig davon, wie sinnvoll die Projekte im Einzelfall wissenschaftlich oder technisch sein mögen.  "Wissenschaftspopularisierung durch moralischen Alarmismus", sagt Schummer. Nun ja, es geht um viel Geld und um noch viel mehr Ehrgeiz.

Und was den Ehrgeiz angeht, stehen die Naturwissenschaftler nicht einmal in vorderster Linie. Dichter und Künstler – Schummer geht darauf nicht ein – hatten das Vorbild des biblischen Handwerkergottes längst für sich entdeckt, bevor sich Chemiker und Biologen an den Versuch machten, Organisches synthetisieren zu wollen. Der junge Goethe wendete in seinem Gedicht "Prometheus" den Vorwurf des "Gott Spielens" ins Positive: "Hier sitz’ ich, forme Menschen nach meinem Bilde, ein Geschlecht, das mir gleich sei..." Freilich – es ist bekannt, dass Goethe sein Jugendgedicht später mit einigem Argwohn betrachtete. Radikal formuliert findet sich die Abwehr aller Versuchungen, Gott ins Handwerk zu pfuschen, in der islamischen Theologie. Am jüngsten Tage, soll der Prophet Mohammed gesagt haben, werde Allah die Maler auffordern, ihren "Geschöpfen" Leben einzuhauchen.

Eine Generation nach Goethes "Prometheus" schrieb die Engländerin Mary Shelley ihren Roman "Frankenstein"; Shelleys "moderner Prometheus" (so der Untertitel des Romans) schafft es tatsächlich, ein menschenähnliches Wesen zu formen und zu beseelen. Das war zu einer Zeit, in der die Möglichkeit spontaner Entstehung von Leben noch keineswegs als ausgeschlossen galt. Individuell betrachtet, schreibt Schummer, sei Victor Frankenstein bloß ein verrückter Wissenschaftler; aber in seinem Weg spiegele sich die Entwicklung der abendländischen Wissenschaft insgesamt, wie Shelley sie sah: von der spätmittelalterlichen Alchemie zum – damals wie heute utopischen – künstlichen Menschen. Heutzutage wird Shelleys Roman gern beschworen, wenn die Gefahren der modernen Biologie aufgezeigt werden sollen.

Eine "grandiose Verwirrung", meint Schummer: Bei Shelley war nicht von Viren oder Bakterien die Rede; in den biologischen Labors geht es nicht um Menschen oder menschenähnliches Leben. Eine Argumentation, die zweifellos richtig ist und dennoch nicht befriedigt. Was spricht eigentlich für die Annahme, zukünftige Craig Venters würden an der Grenze zu komplexen Lebewesen und zum Menschen Halt machen? Aber Schummers historische Feststellung ist einleuchtend: Den Verfassern jener Sätze in der Bibel – und vielen ihrer Nachfolger bis ins 19. Jahrhundert – erschienen Pflanzen und niedere Tiere nicht so komplex, dass zu ihrer Erschaffung ein Handwerkergott nötig gewesen wäre. Und insoweit kann sich die heute gängige Argumentation, mit der künstlichen Herstellung von Einzellern würde "das Leben" – und womöglich menschliches Leben – generell entwertet, jedenfalls nicht auf diese Tradition berufen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Joachim Schummer: Das Gotteshandwerk. Die künstliche Herstellung von Leben im Labor,
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-26039-5, 12,- €


Mehr im Internet:
Schöpfung - Wikipedia
scienzz Artikel Wissenschaftsethik 
scienzz Artikel Der Streit umd ie Evolution  


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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