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05.08.2011 - RECHTSGESCHICHTE

Gauner, Gewalttäter und Gotteslästerer

Kriminalität und Kriminalitätsbekämpfung in der Geschichte

von Josef Tutsch

 
 

Johanes Bückler gen. Schinder-
hannes, hingerichtet in Mainz.
1803 - Bild: Stadtarchiv Mainz,
Wikipedia

Das Problem stellt sich uns jedes Mal, wenn wir in der Tageszeitung eine Statistik zur Kriminalitätsentwicklung lesen, etwa dass die Zahl der Verbrechen insgesamt letztes Jahre um so und soviel Prozent zurückgegangen sei oder die Menge der Eigentumsdelikte um so und soviel Prozent gestiegen. Ganz davon abgesehen, dass die Politiker solche Statistiken gern nach ihren aktuellen Interessen so oder so interpretieren - niemand kann zuverlässig sagen, ob sich in den Zahlen eine Realität widerspiegelt oder bloß das, was von dieser Realität polizei- und gerichtsnotorisch geworden ist. Nicht nur die Kriminalität selbst, auch die Reaktion der Opfer oder die Arbeit der Behörden können sich verschoben haben. Und dann auch die staatlich vorgegebenen Normen, die erst bestimmen, was überhaupt als Kriminalität gelten soll, also das Strafrecht.

Wie schwierig muss es da erst sein, über die Kriminalität etwa im Mittelalter oder in der Frühen Neuzeit etwas auszusagen? Der Historiker Gerd Schwerhoff von der Technischen Universität Dresden hat jetzt eine Einführung in die "Historische Kriminalitätsforschung" vorgelegt. Eine Subdisziplin der Geschichtswissenschaft, die mit vielen "könnte" und "vielleicht" arbeiten muss. Zum Beispiel die sogenannten "Mordbrenner" im 16. Jahrhundert, vor allem ehemalige Landsknechte, die der Justiz in den Ländern Mitteleuropas durch irgendwelche Delikte ins Netz gingen und dann unter der Folter gestanden, sie würden im Auftrag der Türken oder der Franzosen, je nachdem, das Land durch "Brennen" verwüsten. Die Historiker vermuten heute eher, dass die vereinzelten Täter bloß durch die Phantasie der Untersuchungsbehörden zu einer großangelegten Verschwörung zusammen gebunden wurden.

Selbst der Kollektivsingular "Kriminalität" ist keineswegs so alt, wie wir glauben möchten. Die Ursprünge, berichtet Schwerhoff, liegen im Bedürfnis der Obrigkeiten etwa seit dem späten 17. Jahrhundert, die "Moral" des Volkes zu quantifizieren. Den entscheidenden Impuls gab Mitte des 19. Jahrhunderts der belgische Naturwissenschaftler Adolphe Quételet mit seinem Versuch, aus den Aktivitäten der Strafrechtspflege auf eine andere Wirklichkeit, nämlich die der Kriminalität, zu schließen. Für das Deutsche Reich liegen übrigens bis 1945 ausschließlich gerichtliche, keine polizeilichen Statistiken vor; das macht Vergleiche im historischen Ablauf nicht gerade einfacher. Oft sind die Quellen halb und halb literarischer Art, am berühmtesten jene gigantische Sammlung von Kriminalfällen, die im Frankreich des 19. Jahrhunderts unter dem Titel "Der neue Pitaval" angelegt wurde. Sie findet bis heute ihre Leser.

Für vormoderne Zeiten ist es eher Zufall, wenn es überhaupt verlässliche Zahlen gibt. So hat der Historiker Richard van Dülmen für die Jahrzehnte um 1700 eine dramatische Zunahme der Hinrichtungen von Frauen wegen Kindsmords festgestellt, während bei anderen Delikten die Zahlen zurückgingen. Als Ursachen vermutet Dülmen, dass gerade damals Obrigkeiten und Klerus eine Sittenkampagne durchführten, die sowohl die Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung als auch die Angst lediger Mütter, in die Isolation getrieben zu werden, verstärkte. Das mag in die richtige Richtung weisen, meint Schwerhoff; aus den Zahlen beweisen lässt es sich nicht.

Jedenfalls ist aus der Zunahme der Hinrichtungen nicht ohne weiteres auf eine Zunahme der Delikte selbst zu schließen. Auch der Verfolgungseifer der Behörden war offenbar sehr ungleich. Für das späte 16. und das frühe 17. Jahrhundert sind in Nürnberg mehr als doppelt so viele Hinrichtungen wegen Kindsmords dokumentiert wie in Köln. Natürlich ist auch zu berücksichtigen, dass die moderne Forschung nicht alle Bereiche des historischen Phänomens Kriminalität gleich intensiv bearbeitet hat. Den Vorreiter bildete ausgerechnet das Interesse an einem "Delikt", das heutzutage nicht mehr vom Strafrecht erfasst wird: der Hexerei.

Die Hölzerlipsbande aus dem Odenwald
nach der Verhaftung 1811 - Bild: Wikipedia

In der Geschichtswissenschaft ist es seit langem eine beliebte Annahme, dass sich die Schwerpunkte zwischen den verschieden Formen von Kriminalität im Laufe der frühen Neuzeit in eine ganz bestimmte Richtung verschoben hätten: "Die Gewalttäter des 16. und 17. Jahrhunderts seien von den durchtriebenen und hinterhältigen Gaunern des 18. Jahrhunderts abgelöst worden." Von der Gegenwart aus betrachtet, ist das wohl auch richtig. Schwerhoff: "In der Kriminalstatistik der Bundesrepublik Deutschland dominieren zu zwei Dritteln die Eigentumsdelikte, während die Gewalttaten lediglich wenige Prozentpunkte ausmachen." Aber es gab in dieser Entwicklung eine Menge retardierender Momente. Im Schweizer Kanton Uri führte der Streit um die männliche "Ehre" noch im 19. Jahrhundert zu öffentlich und gewaltsam ausgetragenen Konflikten; in der proletarischen Subkultur, die gerade damals etwa im Ruhrgebiet neu entstand, waren Körperverletzungen und nicht etwa Eigentumsdelikte das hervorstechende Phänomen.

Vom Standpunkt solcher Sub- oder Gegenkulturen aus ist es wahrscheinlich nicht einmal ganz richtig, so global von "Kriminalität" zu sprechen. In ihrem Milieu waren dergleichen Formen des Konfliktaustrags sozial weitgehend anerkannt, nicht anders als im Offizierskorps damals ein Zwang herrschte, seine Ehre im Duell zu verteidigen, während doch gleichzeitig die Justiz daran arbeitete, diese Duelle zu bekämpfen. Solche Kollisionen zwischen verschiedenen Normsystemen werden im Lauf der Geschichte gar nicht so selten gewesen sein. Zum Beispiel den sogenannten Raubrittern an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit leuchtete es sicherlich nicht ein, dass ihre Taten vom Standpunkt der neu sich ausbildenden Territorialstaaten her betrachtet "kriminell" waren. Wilderei galt in vielen Regionen bis ins 19. Jahrhundert als Gewohnheitsrecht und in der Folge als rituelle Mutprobe, der sich je nach Milieu schwer ausweichen ließ, vergleichbar dem Ladendiebstahl in Teilen der heutigen "Jugendkultur".

Versuche der Behörden, die Bevölkerung zu Anzeigen zu ermutigen, waren nicht immer erfolgreich; etwa in der Französischen Revolution wurde versucht, die Denunziation zur staatsbürgerlichen Tugend zu stilisieren. Die Räuberbanden des 18. und frühen 19. Jahrhunderts haben bis heute ihren festen Platz in der folkloristischen Erinnerung. Wo in den Quellen die Grenze zwischen zeitgenössischen Deutungen und "harten" empirischen Fakten verläuft, sei oft kaum festzustellen, seufzt Schwerhoff. Dazu gehört auch die Kriminalisierung aller nicht-sesshaften Gruppen, voran der sogenannten "Zigeuner", die als ethnisch unterscheidbare Gruppe besonders argwöhnisch beobachtet wurden.

Es werden solche "Fremden" gewesen sein, die von den drastischen Strafandrohungen damals oft mit voller Härte getroffen wurden. Eingesessene Täter mit sozialem Renommée hatten eher eine Chance, mit mäßigen Geldbußen davon zu kommen. Was die Kriminalsoziologie für die Gegenwart festgestellt hat, wird auch für die Vergangenheit gelten: Es ist damit zu rechnen, dass eine kriminelle Karriere mindestens gefördert wurde, indem die Umwelt Menschen das Etikett "kriminell" aufdrückte. Welche Wirkung mag eigentlich die Prangerstrafe gehabt haben, die bei den Obrigkeiten wegen ihrer problemlosen Anwendung Jahrhunderte lang so beliebt war?

Einen epochalen Wandel im Verständnis dessen, was als strafwürdig angesehen wird, muss es um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit gegeben haben. Gewalttätige Selbsthilfe in Form der Fehde wurde nunmehr als Raub kriminalisiert, Delikte wie Zauberei oder Unzucht wurden aus der kirchlichen Gerichtsbarkeit in die staatliche überführt. Das berühmteste Gesetzbuch der frühen Neuzeit, die "Constitutio Criminalis Carolina" von 1532, sah für Ehebruch "peinliche” Leibesstrafen vor, mindestens eine ihrer regionalen Varianten sogar die Todesstrafe. "Die Praxis fiel meist milder aus", stellt Schwerhoff fest. In vielen Fällen ist zweifelhaft, ob wir die Sachverhalte überhaupt richtig einordnen. Wo in den Gerichtsakten von "Unzucht" die Rede ist, wird in Wahrheit oft eine Vergewaltigung vorgefallen sein.

Folter durch Hochziehen mit
der Winde, aus der "Constitu-
tio Criminalis Theresiana",
1768 - Bild: Wikipedia
Der umgekehrte Trend einer Entkriminalisierung ist im späten 18. Jahrhundert festzustellen, als die Bestimmungen gegen Hexerei gestrichen und jene gegen Gotteslästerung gemildert wurden, und dann wieder im späten 20. Jahrhundert, vor allem auf dem Gebiet des Sexualstrafrechts. Man muss sich vergegenwärtigen, dass Gotteslästerung im 16. oder 17. Jahrhundert mit dem Tod bestraft werden konnte; wenn die Gemeinschaft dieses Verbrechen nicht entschlossen bekämpfe, so wurde vorausgesetzt, sei sie durch göttlichen Zorn bedroht. Aber die literarischen Zeugnisse belegen, dass lästerliche Flüche und Schwüre in der Alltagssprache gang und gäbe waren. Die Norm wurde  eingeschärft, indem man Straftaten zwar nur im Einzelfall, dann aber mit äußerster Grausamkeit sanktionierte.

Die heutige Strafjustiz in den europäischen Ländern ist durch die gegenläufige Tendenz geprägt: Der Staat droht mit begrenzten Freiheitsstrafen, ist aber bemüht, diese Drohung auch weitgehend umzusetzen – freilich eingeschränkt durch die begrenzten Möglichkeiten der Behörden und andererseits immer wieder konterkariert durch populistische Forderungen. Ein "Prozess der Zivilisation", um mit dem berühmt gewordenen Buchtitel des Soziologen Norbert Elias zu sprechen? 1939, wenige Jahre nach Elias’ Buch, brachten die beiden Rechtswissenschaftler Georg Rusche und Otto Kirchheimer die These auf, erst an der Wende zum 17. Jahrhundert sei die Möglichkeit entdeckt worden, statt gefangene Verbrecher zu eliminieren, könne man auch ihre Arbeitskraft in Zuchthäusern ausbeuten.

Ob die Entwicklung zum Gefängnis von heute derart durch materielle Interessen bestimmt war, muss offen bleiben. Andererseits wird man diesen Prozess auch nicht idealisierend verzeichnen dürfen. 1975 schrieb der französische Philosoph Michel Foucault, mit der "Geburt des Gefängnisses" seien an die Stelle der Körperstrafen subtilere Techniken getreten, die auf eine Disziplinierung der Seele zielten. Wenn die frühen Gefängnisse oft als "Besserungsmaschinen" konzipiert waren, dann nicht nur gegen kriminelles Verhalten, sondern auch gegen Müßiggang, nach dem Grundsatz: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.

Eine besonders beliebte Strafe in vormoderner Zeit war übrigens die Ausweisung über die Landesgrenze. Kein Wunder, man ersparte sich allerlei Mühen und Kosten und bürdete sie dem Nachbarn auf. Im 18. und 19. Jahrhundert trat für die Kolonialmächte an diese Stelle die Deportation in die Strafkolonien in Nordamerika und Australien, Guyana und Neukaledonien sowie Sibirien – in der Regel nicht als Versuch einer Besserung gedacht, sondern zum Verbleib auf Dauer. Als Preußen diesem Beispiel durch eine Vereinbarung mit Russland folgen wollte und einige Dutzend Straftäter nach Sibirien deportieren ließ, wurde daraus der Musterfall einer gescheiterten Kriminalitätsbekämpfung: Die meisten "waren kurz darauf wieder im Lande und bildeten eine gut organisierte Diebesbande".


Neu auf dem Büchermarkt:
Gerd Schwerhoff: Historische Kriminalitätsforschung,
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2011, ISBN 978-3-593-39309-4, 16,90 €



Mehr im Internet:
Kriminalität - Wikipedia
scienzz Artikel Alles, was Recht ist  


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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