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05.10.2011 - ETHNOLOGIE

Schrumpfkopf, Totenschädel und Piratensymbol

Die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim präsentieren Kulturgeschichte rund um den menschlichen Schädel

von Josef Tutsch

 
 

Mit Namen und Todesjahr versehener
Schädel aus einem Beinhaus in Prien,
Chiemsee - Bild: Franz Ehret

Von der Punk-Kultur über Black metal bis zu den Piratenfilmen, von der Gothic scene über Motorradgangs bis zum FC St. Pauli – der Totenkopf ist aus der Populärkultur unserer Tage nicht wegzudenken. Mode-macher lenken mit diesem Symbol die Aufmerksamkeit des Publikums auf ihre Kreationen; der britische Künstler Damien Hirst schmückte 2007 den Abguss eines menschlichen Schädels mit Tausenden von Diamanten und schuf auf diese Weise eines der meist-diskutierten Werke der Gegenwartskunst. Und gerade vor wenigen Wochen eroberte das Totenkopfsymbol auch die Politik: Die Piraten-Partei zog ins Berliner Abgeordnetenhaus ein.

Hirsts Diamantenschädel ist nicht nach Mannheim gekommen; aber ansonsten präsentieren die Reiss-Engelhorn-Museen in ihrer neuen Sonderausstellung "Schädelkult" ein umfassendes Panorama der Kulturgeschichte rund um Kopf und Schädel – von den Schrumpfköpfen der Jivaro-Völker in Peru und Ecuador über die christliche Reliquienkunst bis zu der heute weltweit üblichen Kennzeichnung giftiger Stoffe und lebensgefährlicher Situationen mit einem Totenschädel und gekreuzten Knochen darunter. Und nicht nur "rund um": Die Schau zeigt mehr als 300 "wirkliche" Schädel, manche davon sozusagen "naturbelassen", andere bearbeitet und reich verziert.

Bereits in den Funden von prähistorischen Menschen sind Schädelknochen viel häufiger vertreten als Knochen vom Rest des Körpers. Joachim Wahl vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg vermutet, dass dahinter auch eine gezielte Auswahl bei der Bestattung stehen könnte. Aus Israel ist ein Schädel nach Mannheim gekommen, der im 7. Jahrtausend vor Christus übermodelliert wurde – vielleicht das erste eindeutige Zeugnis für einen Begräbnisritus. Als Beispiel prähistorischer Operationskunst ist die sogenannte Trepanation bekannt geworden, bei der ein Stück der Schädeldecke entfernt wurde. Wahrscheinlich versuchte man, meint der Anthropologe Kurt W. Alt von der Universität Mainz, nicht nur Kopfschmerzen abzuhelfen, sondern auch, etwa bei Epilepsie, den Dämonen den Weg aus dem Körper heraus zu ermöglichen. In vielen Fällen dürfte die Trepanation jedoch erst portmortal erfolgt sein, um ein Amulett zu gewinnen, das gegen Krankheiten oder vielleicht auch zur Stärkung der Kampfkraft getragen wurde.

Geheimnisumwittert sind seit vielen Jahrhunderten die Notizen antiker Geschichtsschreiber über einen Schädelkult bei den Kelten Mittel- und West- und den Skythen Osteuropas. "Den gefallenen Feinden schlagen sie die Köpfe ab", berichtete der Römer Diodor im 1. Jahrhundert vor Christus über die Kelten. "Diese Kriegsbeute nageln sie dann an die Eingänge ihrer Häuser, gerade so, als ob sie auf der Jagd Wild erlegt hätten." Tatsächlich, bestätigt der Koblenzer Archäologe Axel von Berg, wurden Schädeldecken gefunden, die man für eine Aufhängung durchbohrt hatte. In Mannheim sind sie zu besichtigen, mitsamt den Nägeln. Es kann sich jedoch, wie das hohe Sterbealter mancher Individuen zeigt, nicht in jedem Fall umKriegstrophäen gehandelt haben. Offenbar wurde die Sitte ebenso bei hochverehrten Ahnen praktiziert.

Dass Diodors Schilderung glaubhaft ist, hat sich gezeigt, als exotische Kulturen in den Blickwinkel der europäischen Forschung gelangten. Fotografien aus dem späten 19. Jahrhundert beweisen, dass in Kamerun Hauswände mit ganzen Schädelreihen geschmückt waren. Auch zu der Aussage des griechischen Historikers Herodot aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, die Skythen würden die Schädel erschlagener Feinde zu Trinkschalen verarbeiten, haben sich inzwischen viele Belegen aus aller Welt und schon aus der Vorgeschichte gefunden. Zum Beispiel ein 150.000 Jahre alter Neandertalerschädel aus der Gegend von Koblenz – das älteste Stück der Ausstellung – wurde offenbar als Schale benutzt.

Vitrine zur "Schwarzen Szene"
Bild: rem, Jean Christen

Wie mag die Sitte der Kopfjägerei zu verstehen sein, die in Europa das Klischee vom grausamen Wilden auszubilden half? Auf Borneo, erläutert Paolo Maiullari vom Museo delle Culture in Lugano, herrschte der Glaube, dass der Besitz abgeschlagener feindlicher Köpfe die eigene Kraft vermehre; außerdem wurde das persönliche Prestige gesteigert, sowohl in der Menschenwelt als auch gegenüber den Geistern. Religiöse und profane Motive waren da schwer zu trennen; Richard Kunz vom Museum der Kulturen in Basel berichtet von den Naga im indisch-burmesischen Grenzgebiet, dass für junge Männer, die keine Kopftrophäen als Ausweis ihrer kriegerischen Fähigkeiten vorweisen konnte, eine Heirat nicht in Frage kam. Bereits Herodot hatte geschrieben, die skythischen Fürsten würden die Kriegsbeute nach der Zahl der vorgewiesenen feindlichen Köpfe verteilen. Zu demselben Zweck pflegten nordamerikanische Indianerstämme ihre Feinde zu skalpieren.

Der Ethnologe Andreas Schlothauer beschreibt den Vorgang, in dem bei den Mundurucu in Brasilien die Kopftrophäen konserviert und geschmückt wurden: Die Gehirnmasse wurde durch das Hinterhauptloch entfernt, Augen und Zähne herausgenommen, der Kopf mit dem Öl eines Mahagonigewächses behandelt und geräuchert. Die Augenlöcher wurden mit einem Baumharz-Bienenwachs-Gemisch verschlossen und zwei Meerschweinchenzähne eingedrückt, um den gewünschten Gesichtsausdruck zu erhalten. Die Ohren wurden mit einer Rosette aus Baumwolle und Federn geschmückt, Baumwollfäden und ein gestricktes Baumwollband im Mund befestigt.

Kunstwerke, zweifellos, wenngleich aus einem Material, das unser modernes Empfinden doch sehr befremdet und das den Betrachter fragen lässt, ob man solche Menschenköpfe eigentlich ausstellen darf. Es gehe nicht um Effekthascherei, betont Museumsdirektor Alfred Wieczorek; schließlich würden die Schädel "in einem wissenschaftlichen Kontext gezeigt und nicht etwa als Objekte der Sensationslust". Das trifft für jene Schädel, an denen, in der Regel wohl religiös oder magisch motiviert, Spuren einer Bearbeitung zu sehen sind, sicherlich zu. Aber welche Erkenntnis gewinnt der Besucher, wenn er gleich am Eingang den Schädel des 1650 verstorbenen französischen Philosophen René Descartes sieht, der sonst im Pariser Musée de l’Homme aufbewahrt wird? Nun ja, es war der Kopf, in dem der Satz "Ich denke, also bin ich" gedacht wurde. Daneben der Schädel Friedrich Schillers, den Goethe zeitweilig in seinem Privathaus aufbewahrte. Oder vielmehr der Schädel, der früher Schiller zugeordnet wurde; neuen Analysen zufolge, stellt die Freiburger Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen fest, dürfte es sich um eine Verwechslung handeln.

Ganz fremd ist der christlich-abendländischen Tradition solches "Ausstellen" nicht. Reiner Sörries vom Museum für Sepulkralkultur in Kassel verweist auf das Beinhaus von Hallstatt im Salzkammergut, wo Hunderte von bunt bemalten Schädeln neben- und übereinander aufgereiht sind. Gar nicht davon zu reden, dass die Reliquien der Heiligen durch ihre Einfassung in Gold, Silber und Edelsteinen ein ganzes Kapitel europäischer Kunstgeschichte hervorgebracht haben.

Die Belege aus Übersee für die Präsenz von Schädelknochen im Alltag der Überlebenden sind jedoch viel zahlreicher – vor dem Ausstellungsbesucher entfaltet sich ein eindrucksvolles Panorama menschlicher Verhaltensweisen. Auf den Andamanen-Inseln im Indischen Ozean wurden die Verstorbenen einige Zeit nach der Bestattung wieder ausgegraben und ihre Knochen zu Amuletten verarbeitet. Die Iatmul auf Neuguinea pflegten den Kopf, vom Körper getrennt, mit rotem Lehm und weißlichem Pflanzenöl überzumodellieren – bei diesen Farben sei an Blut und an Sperma gedacht, erklärt Bernd Leicht, Universität Marburg. Manchmal wurden diese Schädel später im Grab "zweitbestattet", oft aber auch im Männerhaus des Stammes auf Dauer aufbewahrt.

Prachtvoll dekorierter Ahnen-
schädel der Asmat, Neuguinea
Bild: rem, Jean Christen
Diese Sitte betraf die Angehörigen. Die kaum weniger kunstvoll hergerichteten Schrumpfköpfe bei den Jivaro-Völkern in Peru und Ecuador dagegen stammen von Feinden. Dort wurde nicht das Knochengerüst, sondern vielmehr die Kopfhaut konserviert, indem man sie mit heißer Asche füllte und räucherte. Schlothauer meint, dass die Zeremonie vor allem dazu diente, die Seele des Getöteten dem Sieger zu unterstellen. Kultureller Hochmut wäre unangebracht. Um 1900 muss es bei Reisenden aus Europa und Nordamerika groß in Mode gewesen sein, einen Schrumpfkopf als Souvenir mitzunehmen. Wie viele Menschen über die gewohnten Stammesfehden hinaus dadurch ums Leben kamen, ist unbekannt.

Ebenso barbarisch kommt uns heute die Deformierung des Schädels bei kleinen Kindern vor, deren Knochen sich noch anpassen können. Die Sitte, erklärt Gerhard Hotz vom Naturhistorischen Museum in Basel, war – oder muss man sagen: ist? – nahezu weltweit verbreitet, von den Hunnen im alten Eurasien über Afrika und die Südsee bis nach Amerika. Motiv mag es gewesen sein, dass Männer kriegerisch und Frauen schön aussehen sollten.

Aber was hat es mit den mexikanischen Kristallschädeln auf sich, die in den letzten Jahrzehnten soviel Furore gemacht haben, erst recht seit dem Indiana-Jones-Film 2008? Die Erkenntnisse der Ethnologen sind ernüchternd: Von den bekannten Kristallschädeln stammt wahrscheinlich kein einziger aus dem alten Amerika vor Kolumbus. Das wirft natürlich die Frage auf, wie die Fälscher des 19. Jahrhunderts auf die Idee verfallen sein können, der Maya- und der Azteken-Kultur solche Schädel zuzuschreiben. Richtig ist jedenfalls, so Michael Tellenbach von dem Reiss-Engelhorn-Museen, dass in "kaum einer Region der Erde die Darstellung des menschlichen Schädels ein so allgegenwärtiges Motiv ist". In mehreren archäologischen Stätten, so die Altamerikanistin Ursula Thiemer-Sachse von der Freien Universität Berlin, sind sogenannte "Schädelgerüste" erhalten, auf denen die Köpfe von Geopferten in langer Reihe aufgesteckt wurden. Auf dem steinernen Unterbau eines solchen Gerüstes in Tenochtitlan, heute Mexiko-Stadt, sind solche Reihen mehr oder weniger naturgetreu nachgebildet.

Die heutigen Nachkommen der Maya und Azteken haben diese blutigen Zeremonien unblutig abgelöst. Zu Allerheiligen und Allerseelen, berichtet Ulrike Umstätter, Speyer, werden auf den mexikanischen Märkten in langer Reihe Totenschädel aus Zuckerguss angeboten – manchmal tragen sie sogar kleine Schildchen mit Vornamen auf der Stirn, damit sich die Angehörigen den individuell passenden Kopf aussuchen können. In der Regel werden die "Schädel" nach den Feiertagen verzehrt, mit derselben Unbefangenheit, mit der wir Osterhasen oder Weihnachtsmänner aus Schokolade aufessen.

Trotz des Reliquienkultes und der Memorialhäuser – hierzulande hat sich der Totenschädel als Realität weitgehend verflüchtigt und ist mehr zum Symbol geworden. Seit dem späten Mittelalter war der Totenkopf eine Mahnung, sich der eigenen Sterblichkeit und der Nichtigkeit alles Irdischen bewusst zu werden. In merkwürdigem Widerspiel hierzu wurde bis ins 18. Jahrhundert "cranium humanum" als Heilmittel gegen allerlei Krankheiten gepriesen: Man sollte einen Totenschädel an den Kopf pressen, aus einer Hirnschale trinken oder auch die pulverisierten Knochen einnehmen. Schwer zu sagen, inwieweit solche "Heilmittel" wirklich verbreitet waren.

Blick in das Privatmuseum Gabriel von Max
in München, um 1900 - Bild: rem, Forum
Internationale Photographie, Jean Christen 

Diese Weltkulturgeschichte des Schädels wäre aber unvollständig ohne einen Blick auf jenen "Wissenschafts"-zweig, der im 19. und 20. Jahrhundert gerade an die Schädelform angeknüpft wurde: "Schädelfunde zeigen die zunehmende Entnordung der Deutschen", schreib 1929 Hans Friedrich Karl Günther in seiner "Rassenkunde des deutschen Volkes." Universitäten und Privatgelehrte legten umfangreiche Schädel-sammlungen an, um mehr über die physische oder biologische Seite des Menschen herauszufinden – dass die Sammlung des Mannheimer Künstlers Gabriel von Max, die seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen gegolten hatte, vor drei Jahren wiederentdeckt wurde, gab dem Museum den äußeren Anlass zu dieser Ausstellung.

Gerade in den letzten Jahren hat die rasant sich entwickelnde Disziplin der Neurobiologie das Interesse wieder auf den Schädel gelenkt, auf den Sitz des Gehirns, also den Ort, an dem gedacht und gewollt wird – eine Frage, die den griechischen Philosophen Platon ebenso beschäftigt hatte wie zwei Jahrtausende später seinen Kollegen Descartes. Aber bereits um 1800 war es zu einer Manie geworden, die Vermutung des Wiener Arztes Franz Josef Gall, intellektuelle Fähigkeiten und Charaktereigenschaften müssten sich in bestimmten Hirnarealen auffinden lassen, empirisch überprüfen zu wollen. So beauftragte 1809 der Sekretär des verstorbenen Komponisten Joseph Haydn einen Totengräber, den Kopf seines verehrten Meisters vom Körper abzutrennen – er wollte im Schädel nach dem "Genie" suchen.

Offenbar sind solche Ambitionen keineswegs von gestern. 1955 stahl ein amerikanischer Pathologe das Gehirn von Albert Einstein. Es lagert heute in zwei Einweckgläsern und wartet vielleicht auf neue Methode, mit denen sich das Geheimnis des menschlichen Kopfes lösen lässt.


Ausstellung:
Schädelkult. Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen,
bis zum 29. April 2012 in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim


Neu auf dem Büchermarkt:
Schädelkult. Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen. Begleitbuch zur Sonderausstellung,
herausgegeben von Alfred Wieczorek und Wilfried Rosendahl
Verlag Schnell + Steiner, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7954-2454-1, 29,95 €


Mehr im Internet:
Ausstellung Schädelkult. Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (rem)
scienzz Artikel Der Mensch in der Kunst


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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