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24.10.2011 - DEUTSCHE LITERATUR
Emanzipation der Pfarrerssöhne
Als das Karussell der Ersatzreligionen seinen Anfang nahm
von Josef Tutsch
 | | Gotthold Ephraim Lessing,
Portrait von Anton Graff, 1771
Bild: Wikipedia
| | | Was haben Gotthold Ephraim Lessing und Johann Gottfried Herder und Christoph Martin Wieland, Georg Christoph Lichtenberg und Matthias Claudius gemeinsam? Sie alle stammten aus protestantischen Pfarrhäusern. Und damit waren sie unter den deutschen Schriftstellern in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts längst nicht die einzigen. Auch Christian Fürchtegott Gellert, Johann Michael Reinhold Lenz, Jean Paul und Friedrich Hölderlin waren Söhne von Geistlichen. Die deutsche Literatur von der Aufklärung bis zum Anbruch der Romantik entstand großenteils als Werk von Pfarrerssöhnen, als Frucht der Bildung in protestantischen Pfarrhäusern.
Ob die geistlichen Herren, wenn sie die Schriften ihrer Söhne noch lesen konnten, damit so ganz glücklich wurden? Die deutsche Literatur jener Zeit war ein Emanzipationsprozess aus der Vormundschaft der Religion, heißt es in dem Sammelband "Literatur und Theologie im 18. Jahrhundert", den die Germanisten Hans-Edwin Friedrich, Wilhelm Haefs und Christian Soboth von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg jetzt herausgebracht haben. Ein sehr ambivalenter Emanzipationsprozess. Einerseits im Sinne dessen, was man landläufig "Säkularisierung" nennt: Religion im Sinn einer Bindung an bestimmte Vorstellungen wurde für Literatur "zunehmend unwichtiger"; andererseits jedoch "übernahm Literatur in auffälliger Dichte Merkmale von Religion". Die weltliche Literatur wurde sozusagen selbst religiös.
"Kunstreligion" hat sich als Ausdruck für dieses Phänomen eingebürgert; das Wort taucht 1799 erstmals bei Friedrich Schleiermacher auf, gleich mit der kritischen Wendung, dass es eine Religion, bei der die Kunst sich nicht mit einer dienenden Rolle begnüge, sondern selbst im Zentrum stehe, eigentlich gar nicht geben könne. Aber Schleiermacher wird sich bewusst gewesen sein, dass er da gegen einen Trend seiner Zeit anschrieb. Für viele Gebildete in Deutschland, stellt Karl Eibl, Germanist an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in seinem Beitrag zu diesem Sammelband fest, war die schöne Literatur bereits um 1770 in die Funktion eingerückt, die zuvor die kirchliche Verkündigung innehatte.
Eine "Ersatzreligion", eine der ersten in einem großen "Karussell der Substitutionen", wie Eibl es ausdrückt, von politischen Bewegungen über Körperkult und Fußball bis zum Fernsehen. Umgekehrt blieb auch die Religion oder Religiosität, die in der vormodernen Zeit alle Lebensbereiche durchzogen hatte, nicht frei vom Verdacht, selbst bloß ein "Ersatz" zu sein. Karl Marx sprach vom "Opium des Volkes", vom Ersatz für ein Rauschmittel, das seinerseits Realität ersetzen sollte.
Eibl fragt, was dazu führte, dass das umfassende Steuerungssystem Religion sich gerade damals in eine Vielzahl von Subsystemen zu zersplittern begann, die jeweils beanspruchen konnten, für das Ganze einzustehen. Seine Antwort: Der Zuwachs an Wissen – in den Naturwissenschaften, in der Geschichte, über fremde Länder und Völker – hatte im 18. Jahrhundert ein Niveau erreicht, das sich nicht mehr in die traditionelle Kirchenlehre integrieren ließ. Dabei war dieser Prozess doch nicht zuletzt von einem theologischen Bedürfnis in Gang gesetzt worden: von dem Bestreben, in der Heiligen Schrift zwischen dem Wort Gottes und dem Wort der Menschen unterscheiden zu können.
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Johann Melchior Goeze, Stich von Chr. Fritsch, 1767 - Bild: Wikipedia
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Aber, so bringt Eibl die Frage der Epoche auf den Punkt: "Was blieb vom Wort Gottes übrig, wenn man die historische Zutat strich?" Die Brisanz wurde in den 1770er Jahren deutlich, als Lessing von einem damals ungenannten Verfasser einige Fragmente herausbrachte, in denen die Wunder der Bibel radikal bestritten wurden. Unter Lessings Gegnern tat sich vor allem der Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze hervor. Wahrscheinlich, so Eibl, nahm Goeze nicht einmal so sehr an den Inhalten Anstoß: "Die wirkliche Gefahr, die der hellhörige Hamburger Hauptpastor witterte, bestand darin, dass die Entscheidung den Händen der befugten und kompetenten Ausleger zu entgleiten drohte" – also dass die Deutungshoheit in religiösen Fragen von den Theologen auf die Schriftsteller überging.
Goetze hätte sich auch auf das monumentale "Messias"-Epos beziehen können, das der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock in den Jahren zuvor herausgebracht hatte. Wie die Literaturwissenschaftlerin Katrin Kohl von der Universität Oxford berichtet, plante Klopstock einer handschriftlichen Notiz zufolge bereits 1747, sein Gedicht mit der Erlösung des reuigen Teufels Abbadona zu schließen. 1768 wagte er, diese unorthodoxe – kirchliche Kritiker mussten sagen: ketzerische – Version der Heilsgeschichte dem Publikum vorzulegen. Sein Schriftstellerkollege Herder, selbst Theologe und Pfarrer, verteidigte ihn gegen den Vorwurf der "Schwärmerei", reduzierte jedoch zugleich den Wahrheitsanspruch der Aussagen: Klopstock wolle nicht philosophieren, also keine philosophischen oder theologischen "Wahrheiten" verkünden, er schreibe "als gefühlvoller Mensch, Christ und Dichter".
"Gefühlvoll" ... Das war die Formel, mit der die Literatur sich damals anschickte, die Theologie zu beerben. Hans-Georg Kemper, Universität Tübingen, zitiert einen Text Herders über sein Idealbild eines Künstler-Predigers: "Dichtkunst, sie ist ursprünglich Theologie gewesen, und die edelste, höchste Dichtkunst wird wie die Tonkunst ihrem Wesen nach immer Theologie bleiben." Während Goeze mit Lessing noch über die Frage der Deutungshoheit stritt, waren Herder und der junge Goethe längst einen Schritt weiter gegangen. Sie machten zwischen Religion, Philosophie und Dichtung überhaupt keinen Unterschied mehr. Es handelte sich bei allen drei Äußerungsformen, so Eibl, um "gleichermaßen notwendig unvollkommene Manifestationen von emphatischer Wahrheitserfahrung in kontingentem Material."
Dabei mussten sich freilich auch die behandelten Inhalte verschieben. Joachim Jacob, Universität Gießen, zitiert eine Reflexion Lessings, warum in dem damals viel gelesenen Epos "Das verlorene Paradies" von John Milton, 1687, ausgerechnet der Teufel als "Held" auftrete. Die Antwort war so schlicht wie verblüffend: "Gott ist zu wahr, um schön zu sein." An die Stelle des Behauptens von Wahrheiten trat ein abwägendes, bloß noch vermutendes Umkreisen. Daniel Cyranka, Halle, macht darauf aufmerksam, dass Lessings Gedanken über die Seelenwanderung in seiner "Erziehung des Menschengeschlechts" Ende der 1770er Jahre immer wieder in ein vorsichtiges "Warum nicht?" münden.
Kaum ein halbes Jahrhundert später jedoch war bereits eine ganz andere, viel weniger respektvolle Haltung möglich geworden. 1822 benutzte der Teufel in Grabbes Lustspiel "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" das Epos als "altes unfehlbares Schlafmittel" – man konnte die alten, religiösen Deutungsschemata eben auch desinteressiert beiseite legen. Der Schriftsteller Friedrich Heinrich Jacobi mag dieses Ergebnis vorausgeahnt haben, als er 1785 der Öffentlichkeit seine Besorgnis mitteilte, die Aufnahme von Gedanken des Philosophen Baruch de Spinoza etwa durch Lessing führe in Richtung Pantheismus, ja Atheismus. Jacobi setzte Spinozas radikalem Rationalismus einen "salto mortale" entgegen, eine Sprung in die überrationale Gewissheit des Glaubens – und übersprang damit, Soeren Kierkegaard Philosophie der Existenz vorwegnehmend, sozusagen auch die gesamte Epoche der "Kunstreligion", die "Kunstperiode", wie Heinrich Heine das später genannt hat
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Johann Gottfried Herder, Portrait von Anton Graff, 1785 Bild: Wikipedia
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Unvermeidlich bleiben auch in diesem Sammelband eine Reihe Fragen offen. War diese Kunstreligion ein deutscher "Sonderweg"? Oder machte sich auch in England und in Frankreich, wo vielleicht die gesamte Gesellschaft, auch über die kolonialen Bestrebungen, mehr zur "Welt" hin geöffnet war, die schöne Literatur daran, die Theologie zu beerben? Etwa gleichzeitig setzte sich in England die industrielle Revolution durch und bereitete sich in Frankreich die politische Revolution vor. Und inwieweit konnte diese deutsche Kunstreligion – Heinrich Heine schrieb 1834, Spinozas Pantheismus sei "die verborgene Religion Deutschlands" – über die dünne Bildungsschicht hinaus in die breite Bevölkerung vordringen?
Selbst unter den Gebildeten erfasste diese religiös-philosophisch-literarische Tradition damals wohl nur den protestantischen Teil der Bevölkerung. Der Mitherausgeber Wilhelm Haefs stellt jedoch klar, dass auch die katholischen Territorien, vor allem das Kurfürstentum Bayern, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihre Aufklärung erlebten, orientiert an französischen und englischen Philosophen und Dichtern. Was zum Beispiel der Berliner Friedrich Nicolai in seiner "Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781" schrieb, sei ein "ziemlich realitätsfernes und verzerrtes Bild der katholischen Staaten aus der Perspektive vermeintlicher kultureller und ökonomischer Überlegenheit der protestantischen Territorien".
Eine "schwarze Legende", sozusagen. Dennoch: "Die Katholiken taten sich beim Übergang zu weltlicher Literatur schwerer," meint Reinhart Siegert, Freiburg. Dabei waren die Voraussetzungen in der Lesekultur katholischer Bevölkerungsteile gar nicht so ungünstig. "Ansätze zum Aufbrechen des starren geistigen Rahmens durch Literatur gab es auch bei den Katholiken." Die Legendenbücher, die in so gut wie jedem Haushalt vorhanden waren, enthielten "lange erzählende Partien, Exotisches, Historisches, ja sogar Erotisches" – reichhaltiger als die Bibel. Warum entwickelte sich die "klassische" deutsche Literatur dennoch ausschließlich im protestantischen Deutschland? Oder umgekehrt gefragt: Warum fand das katholische Milieu erst Anschluss an diese Entwicklung, nachdem die Romantik das christliche Mittelalter wieder entdeckt hatte?
Haefs gibt einen Fingerzeig: "Während die protestantischen Aufklärer seit den 1780er Jahren die Offenbarungsinhalte in Vernunftinhalte umdeuteten und mit ihnen in eins setzten, so das am Ende auf die Voraussetzung einer Offenbarung überhaupt verzichtet werden konnte, vollzogen die kirchlich gebundenen katholischen Aufklärer diesen Schritt nicht." Die kirchliche Bindung – das mag der entscheidende Punkt gewesen sein – war stärker als im Protestantismus, stärker auch als bei den vielen Schriftstellern, die in protestantischen Pfarrhäusern aufwuchsen und ihre persönliche Emanzipation quasi mit der ideenhistorischen Entwicklung verbinden konnten. Über die – aus seiner Sicht vergeblichen – Bemühungen der katholischen Aufklärer schrieb der Publizist Georg Friedrich Rebmann 1797 in triumphierendem Ton: "Ein ganz aufgeklärter Katholik ist kein solcher mehr, sondern entweder Protestant oder Naturalist."
Es gab Ausnahmen. Haefs nennt den Bischof von Regensburg, Johann Michael Sailer, der Lessingsches Gedankengut mit seinem katholischen Glauben zu verbinden verstand. Sailers Rezeption wurde zweifellos auch dadurch behindert, dass er ausdrücklich "kein sächsisches Deutsch" in der Nachfolge Martin Luthers schreiben wollte. Man sollte nicht übersehen, dass es neben Katholizismus und Protestantismus noch eine dritte Glaubensrichtung gab, die ebenfalls ihren Aufklärungsprozess durchmachte, das Judentum. Am Beispiel des Philosophen Moses Mendelssohn macht Gerhard Lauer, Göttingen, Ähnlichkeiten mit der Entwicklung im Protestantismus deutlich. Die Parallelen reichen bis ins Biographische: Mendelssohns Vater war "Sofer", also jüdischer Schriftgelehrter.
Emanzipation der schönen Literatur aus der Vormundschaft der Religion ... Lauers Feststellung, Neuzeit entstehe "nicht gegen Religion, sondern aus ihr", harmonisiert das Bild aber wohl doch allzu sehr. Auch manche dieser schriftstellernden Pfarrerssöhne äußerten gelegentlich ihre Sorgen angesichts der rasanten Entwicklung. So befürchtete Herder, selbst Pfarrer, die artikulierte religiöse Tradition könnte verwässert werden. Er kann nicht übersehen haben, dass er selbst an dieser Entwicklung seinen Anteil hatte.
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Friedrich Heinrich Jacobi, Portrait von Johann Peter Langer, 1801 Bild: Wikipedia |
Der Zeitenlauf ging über Herders Befürchtungen hinweg. Im Jahr 1800 träumte der frühromantische Philosoph Friedrich Schlegel – auch er ein Pfarrerssohn – von einer neuen, noch "schlummernden" Religion, die das Christentum ablösen solle. In der vollkommenen Literatur, schrieb er, würden "alle Bücher nur Ein Buch sein, und einem solchen ewig werdenden Buche wird das Evangelium der Menschheit und der Bildung offenbart werden". Ob Schlegel selbst von seinem Traum über die subjektiv empfundene Sinnstiftung hinaus so etwas wie Verbindlichkeit und Gemeinschaftsbildung erwartet hat? Der neuen Religion hätte etwas gefehlt, was bislang alle Religionen mit heiligen Schriften auszeichnete: die Heraushebung dieser "heiligen" Schrift aus allem weltlichen Schrifttum.
Die Kunstreligion der Goethezeit blieb ein Literatentraum. Aber im 19. und 20. Jahrhundert, stellt Bernd Auerochs von der Universität des Saarlandes fest, hat es immer wieder Versuche gegeben, Kunst und Literatur in einen Religionsersatz oder eine Ersatzreligion zu verwandeln. Im Grunde eine Sehnsucht nach Rückkehr in die Vormoderne, die unerfüllt bleiben muss. Auerochs: "Die Ausdifferenzierung der einzelnen Kulturgebiete oder symbolischen Formen in der Moderne lässt es nicht zu, dass Poesie wirklich religiöse Funktionen erfüllt."
Neu auf dem Büchermarkt: Literatur und Theologie im 18. Jahrhundert. Konfrontationen – Kontroversen – Konkurrenzen, herausgegeben von Hans-Edwin Friedrich, Wilhelm Haefs und Christian Soboth, Walter de Gruyter, Berlin – New York 2011, ISBN 978-3-11-025128-9, 129,95 €
Mehr im Internet: Kunstreligion - Wikipedia scienzz Artikel Christentum in der Neuzeit scienzz Artikel Deutsche Literatur de Goethezeit
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur, Mitglied von scienzz communcation |
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