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kultur

12.12.2011 - GESCHICHTE DER ENTDECKUNGEN

Vor 100 Jahren erreichte Amundsen den Südpol ...

... aber im Gedächtnis der Nachwelt lief ihm sein unterlegener Rivale Scott den Rang ab

von Josef Tutsch

 
 

Roald Amundsen, um 1912
Bild: Wikipedia

"Because it’s there", antwortete 1924 der englische Alpinist George Mallory auf die Frage, warum eigentlich er den Mount Everest besteigen wolle: "Weil er da ist." "Because it’s there ..." Wahrscheinlich die ehrlichste Antwort, die sich auf solche Fragen geben lässt. Als Roald Amundsen und Robert Scott 1911 zum Südpol aufbrachen, werden sie nicht viel anders gedacht haben. Sicherlich, beide durften damit rechnen, mit einer Erfolgsnachricht in der Tasche ihre Finanzen aufzubessern; Scott hegte wohl auch den dringenden Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg, den Amundsen durch die Erkundung der Nordwestpassage um Kanada bereits geschafft hatte. Aber dass die Wahl dann ausgerechnet auf die "Eroberung" des Südpols fiel, sprach jeder Zweck-Mittel-Abwägung Hohn.

Auch der Einsatz der Geldgeber und das Interesse der Öffentlichkeit entzieht sich allen rationalen Erklärungen. Das Unternehmen versprach keinen wirtschaftlichen Gewinn; mit den technischen Möglichkeiten damals ließ sich der Südpol nicht ausbeuten. Militärisch war es ebenso sinnlos; kein Politiker konnte daran denken, am Pol einen Stützpunkt zu errichten. Selbst wissenschaftlich war von der kurzen Visite am südlichsten Punkt der Welt nichts zu erwarten; dass es diesen Punkt wirklich gab, hatte ja niemand bezweifelt.

In den Randbereichen der Antarktis, da wurde im Rahmen der Expeditionen tatsächlich auch geforscht; wahrscheinlich waren Scotts Männer die ersten, die am Kap Crozier Kaiserpinguine bei ihren Gelegen beobachten konnten. Aber der Gewaltmarsch zum Pol und zurück ließ für solche Interessen jenseits des Lebensnotwendigen kaum Zeit und Kraft. Dass Scott auf dem Rückmarsch, als die Situation für ihn und seine Männer längst lebensbedrohlich geworden war, überraschend darauf bestand, Bodenproben zu sammeln, wirkt wie eine Ersatzhandlung. Der Hauptzweck, als erster am Pol zu sein, war verfehlt; wenigstens für die Forschung sollte bei der Expedition aber doch etwas abfallen. Oder wollte Scott – der unheimliche Gedanke drängt sich auf – womöglich bei der Nachwelt den Gedanken hervorrufen, er habe sein Leben der Wissenschaft geopfert?

"Ehrgeiz" sagen wir gern, wenn wir das Motiv suchen, das Menschen zu solchen Unternehmungen treibt, die sich auf keine Weise in Heller und Pfennig rechnen und absehbar lebensgefährlich sind. Eine Vokabel, die im Grunde auch nicht viel mehr besagt als Mallorys schnoddrige Antwort auf die Reporterfrage. Scott und seine Begleiter bezahlten ihren Ehrgeiz bekanntlich mit dem Leben. Das Verlangen nach Ruhm bei der Nachwelt, nach einer Art von irdischer Unsterblichkeit in der historischen Erinnerung? In dieser Hinsicht wäre Scotts Rechnung aufgegangen, sogar besser als bei seinem vor der Hand erfolgreichen Rivalen Amundsen. "Immer schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten", lautet ein geflügeltes Wort. Im Fall der beiden Bezwinger des Südpols verhält es sich beinahe umgekehrt: Das Bild späterer Generationen von diesem Rennen wurde von Journalisten, Historikern und Romanciers geprägt, die lieber Scott den Triumph gegönnt hätten. Die Gestalt des besiegten Helden überstrahlte jene des Gewinners.

Die Mythenbildung begann bereits 1912, als Scott seit Monaten vermisst war, über sein Schicksal aber noch keine Gewissheit bestand. Bei einem Empfang der Royal Geographical Society in London im November brachte Lord Curzon, der spätere Außenminister, der damals Kanzler der Universität Oxford war, einen Trinkspruch aus: "Ich wünschte, wir könnten in unsere anerkennende Bewunderung jene gutmütigen Hunde einschließen, ohne die Kapitän Amundsen den Pol niemals hätte erreichen können. Deshalb ein dreifaches Hoch auf die Hunde." In der Tat, Amundsen verdankte seinen Erfolg ganz wesentlich dem Umstand, dass er für seine Expedition auf Schlittenhunde gesetzt hatte. Dass er die Verkehrsmöglichkeiten in der Antarktis damit eben realistischer eingeschätzt hatte als Scott, der den Weg mit einer Kombination von Hunden, Ponys und Motorschlitten bewältigen wollte, ließ Curzon geflissentlich unter den Tisch fallen.

Amundsen mit seinen Begleitern am Südpol.
Dezember 1911 - Bild: Wikipedia
Nüchterner sah es die "London Times", als sie sich im Februar 1913 darüber wunderte, wie "ein solches Desaster" – Scotts Unternehmen – in der Lage sei, "einer gut organisierten Expedition den Rang abzulaufen". Zweifellos war Amundsens Unternehmung viel effektiver organisiert. Sein Standquartier an der Bucht der Wale lag weiter südlich, also näher zum Pol, als das von Scott auf Ross Island. Zwar waren die Verkehrsverhältnisse dort durch eine frühere Expedition des Engländers Ernest Shackelton bereits bekannt; aber dieser vermeintliche Vorteil wurde zunichte, weil Scott aufgrund ungünstiger Witterung wochenlang nicht aufbrechen konnte. Die Ponys kamen nicht voran und bald waren auch noch die Motorschlitten  defekt.

Und damit stieg die Gefahr, dass die Rückkehr sich bis in den Beginn des antarktischen Winters verzögern würde. Wahrscheinlich hätte manch anderer zu diesem Zeitpunkt bereits das Rennen als verloren aufgegeben. Nicht so Scott. Vielleicht glaubte er, nicht aufgeben zu können und zu dürfen. Im Juni 1909 hatte er bei einem Empfang für seinen ungeliebten Kollegen Shackleton, der dem Südpol bis auf 180 Kilometer nah gekommen war, vollmundig erklärt, auf jeden Fall müsse ein Engländer der erste am Pol sein und er wolle sich dieser Aufgabe stellen. Dass Amundsen, nachdem Frederick Cook und Robert Edwin Peary 1909 das Erreichen des Nordpols gemeldet hatten, seine ursprünglichen Pläne geändert hatte und nun ebenfalls in die Antarktis strebte, empfand nicht nur Scott selbst als Herausforderung. Die "Eroberung" des Südpols wurde in England als nationale Aufgabe begriffen, nicht anders als in den 1960er Jahren in den USA die Landung auf dem Mond.

Aber als Scott am 16. Januar 1912 tatsächlich den Pol erreichte, musste er feststellen, dass Amundsen bereits am 14. Dezember dort angekommen war. In dem zurückgelassenen Zelt fand er einen Brief vor, der König Haakon von Norwegen übergeben werden sollte, falls Amundsen selbst nicht zurückkehren könnte. Scotts Tagebuchnotiz erweckt den Eindruck von einem Mann, der in seinem Lebensmut gebrochen ist: "Das Schlimmste ist eingetreten. All meine Träume sind dahin. Großer Gott, dies ist ein schrecklicher Ort."

Dass für die Menschheit "der erste alles ist und der zweite nichts": In diese Formel hat Stefan Zweig in seinen "Sternstunden der Menschheit" Scotts Tragik gefasst. Ob Amundsen und nach ihm Scott den geographischen Südpol tatsächlich auf den Meter genau betreten haben, lässt sich heute nicht mehr klären. Die Wissenschaftshistoriker unterstellen, dass die Sextanten damals mit einer Ungenauigkeit von einigen hundert Metern arbeiteten. Wie auch immer: Die folgenden Wochen des Rückmarsches haben sich durch Scotts Tagebucheinträge ins kollektive Gedächtnis eingeprägt. Am 17. Februar starb Edgar Evans, vermutlich an den Verletzungen, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte. Am 16. März sagte Lawrence Oates, der kaum noch in der Lage war zu gehen, während eines Blizzards zu seinen Kameraden: "Ich gehe nur nach draußen und bleibe dort für eine Weile." "Wir alle hoffen, dem Ende mit gleicher Haltung zu begegnen", schrieb Scott, "und das Ende ist sicherlich nicht mehr fern."

Am 20. März waren Henry Bowers, Edward Wilson und Robert Scott nur noch achtzehn Kilometer, zwei bis drei Tagemärsche, von dem rettenden Depot entfernt. Aber ein neuer Schneesturm hielt sie fest. Scotts letzter Eintrag stammt vom 29. März: "Um Gottes Willen, kümmert Euch um unsere Leute." Zuvor hatte Scott noch eine Reihe von Abschiedsbriefen verfasst und eine "Nachricht an die Öffentlichkeit", in der er die Gründe für sein Scheitern zu analysieren versuchte und vor dem Leser ein pathetisches Bild von Pflichterfüllung und  Schicksalsergebenheit entfaltete: "Die Dinge haben sich gegen uns gewendet ... Hätten wir überlebt, hätte ich eine Geschichte zu erzählen von Kühnheit, Ausdauer und Mut meiner Kameraden, die das Herz eines jeden Engländers rühren würde."

Scott mit seinen Begleitern am Südpol,
Jan. 1912 - Bild: Henry Bowers/Wikipedia
"Die Dinge": Damit meinte Scott vor allem die Wetterverhältnisse. Im Wechselspiel mit den Planungsfehlern führten sie den Untergang herbei. Am 12. November fand ein Suchtrupp dieses letzte Lager mit den drei Leichen. Das Zelt wurde mit einem Schneehügel überdeckt und darauf ein aus Skibrettern angefertigtes Holzkreuz errichtet.
Derweil war Amundsen in Norwegen mit großem Jubel empfangen worden. Das Land, das erst seit 1905, nach der Auflösung der Union mit Schweden, seinen eigenen Weg gehen konnte, war zu dem Triumph gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Anscheinend hatte Amundsen vor seinem Aufbruch sogar befürchtet, die Regierung könnte ihn aus Rücksicht auf das befreundete Großbritannien von seiner Konkurrenz mit Scott abhalten wollen. In England jedenfalls wurde der Ausgang des Rennens als nationale Schmach empfunden. "Lasst uns den Kindern erzählen, wie Engländer sterben", titelten die "Evening News". Der tote Scott wurde zum Medienhelden, das Buch "Scott’s Last Expedition", das auf seinen Tagebucheinträgen beruhte, zum Bestseller.

Erst seit den 1960er Jahren hat sich die Wahrnehmung verschoben. Zeitweise wurde Scott nun nicht nur Missmanagement vorgehalten; auch der Charakter des "Helden" geriet ins Zwielicht. 1979 nannte ihn der Historiker Roland Huntford einen "heldenhaften Stümper"; seine letzte "Nachricht an die Öffentlichkeit" sei eine trügerische, um nicht zu sagen verlogene Selbstrechtfertigung gewesen. Der polnische Physiker Krzystof Sienicki hat in einer Untersuchung zum Wetter auf dem Ross-Schelfeis im Frühjahr 1912 sogar die Hypothese geäußert, Scott habe in seinen letzten Tagebucheinträgen über den verhängnisvollen Schneesturm die Daten bewusst verfälscht, um angesichts der widrigen "Umstände" um so strahlender da zu stehen.

Ein Held? Oder doch mehr ein begabter Selbstdarsteller? 2006 hat der Historiker David Crane in einer neuen Scott-Biographie darauf aufmerksam gemacht, dass sich in den letzten Jahrzehnten vermutlich weniger unsere Kenntnis von Scott verschoben hat als unsere Auffassung davon, was "Heldentum" ist oder sein kann. Vor hundert Jahre gaben jene Teilnehmer an Scotts Expedition, die im Lager zurückgeblieben waren, dem Denken ihrer Epoche prägnanten Ausdruck, indem sie einem hölzernen Gedenkkreuz, das auf der Ross-Insel errichtet wurde, einen Vers von Alfred Tennyson einritzten: "Streben, suchen, finden und nicht aufgeben": 

Tennyson war der repräsentative Dichter Englands im viktorianischen Zeitalter; sein Gedicht "Ulysses" über einen alternden Helden, der nicht im Bett sterben will, sondern noch einmal hinaus, auf große Fahrt und zu neuen Abenteuern strebt, wird so gut wie jeder gebildete Engländer gekannt haben. Dem "postheroischen" Denken unserer Gegenwart ist solche Absolutsetzung des "Strebens", losgelöst von allen Zweck-Mittel-Überlegungen, beinahe schon wieder als Pose verdächtig. Aber vielleicht darf man sich vorstellen, dass Tennysons Verse Scott und seinen Begleitern in ihren letzten Stunden Trost gaben.


Mehr im Internet:
scienzz artikel Entdeckungsreisen
Entdeckung der Antarktis - Wikipedia


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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