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27.09.2004 - BEITRITTSVERHANDLUNGEN

"Für die Türkei gibt es keine Alternative zu Europa"

Interview mit der Turkologin Prof. Barbara Kellner-Heinkele, FU Berlin

von Josef Tutsch

 
 

Ansicht von Istanbul
(historische Fotografie)

 

 

Frau Kellner-Heinkele, sind Salman Rushdies „Satanische Verse“ auf dem türkischen Büchermarkt erhältlich?

Ich denke, ja; aber es wäre wohl nicht einfach. In den städtischen Zentren geht es sicherlich eher als in der Provinz; ein ähnliches Kulturgefälle kennen wir doch auch hierzulande.

Worauf ich hinauswill: In Westeuropa hat die Bevölkerung sich inzwischen ein ­ wie soll ich sagen, „aufgeklärtes“ ­ Verhältnis zu ihrer Religion angewöhnt. Wie steht es damit in der Türkei?

Nach der Verfassung ist Religion eigentlich Privatsache; die Türkei ist ein säkularer Staat; das ist nicht anders als zum Beispiel in Frankreich. Aber natürlich versteht sich die große Mehrheit der Bevölkerung als Muslime, und Kemal Atatürks Säkularisierung des türkischen Staates wird

Eroberung Konstantinopels 1453
  Die Eroberung von 
  Konstaninopel 1453
in manchen Kreisen bis heute mit Misstrauen betrachtet.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Ist es möglich, in der anatolischen Kleinstadt eine christliche Kirche oder eine jüdische Synagoge zu bauen?

Das würde sehr schwierig. Aber umgekehrt ist es ja bei uns auch nicht immer so einfach, eine Moschee zu errichten, obwohl es eine zahlreiche Gemeinde gibt. Und, um auf Salman Rushdie zurückzukommen, stellen Sie sich bitte vor, in Polen käme ein Buch auf den Markt, das sich ähnlich provo-kativ mit den Grundlagen des katholischen Christentums befasst!

Bei diesen osteuropäischen Ländern gehen wir wohl davon aus, der Unterschied in der Bedeutung der Religion würde sich irgendwie schon ausgleichen.

Nicht „irgendwie“, sondern schätzungsweise durch den steigenden Wohlstand, der sich mit der Verwestlichung hoffentlich einstellen würde. Ich denke, das kann in der Türkei genau so laufen. In wohlhabenderen Kreisen von Istanbul oder Ankara läßt sich heute bereits ein lockereres oder, wie Sie gesagt haben, „aufgeklärteres“ Verhältnis zum Islam feststellen, der damit natürlich nicht in Frage gestellt wird, sondern als persönliches Bekenntnis und als kulturelle Identität weiter gilt. Die Schwierigkeit liegt aber auf der Hand: Die Türkei mit ihren 70 Millionen Einwohnern ist viel größer als die osteuropäischen Staaten, die jetzt beigetreten sind oder in den nächsten Jahren beitreten können ...

... und das wirft die Frage auf, ob Europa sich mit dieser Aufgabe nicht übernimmt.

Wir müssen uns bewusst machen, dass es in der Türkei z.B. Wirtschaftszweige gibt, die für Europa keine Belastung, sondern eine Bereicherung darstellen würden. Gerade in Deutschland ist unser Bild von „den“ Türken verzerrt, weil viele der Arbeitsemigranten aus bildungsfernen Schichten des anatolischen Hinterlandes kommen. Aber es ist schon richtig, die Integration der Türkei würde eine enorme Aufgabe bedeuten. Nur sollten wir versuchen, das Problem auch aus der türkischen Perspektive zu betrachten: Realpolitisch gibt es zu Europa keine Alternative.

Wirklich nicht? Bei einem Land, dessen Bevölkerung durch die Religion mit dem gesamten arabisch-persischen Raum, durch die Sprache auch mit Zentralasien verbunden ist?

In der Tat, nach Auflösung der Sowjetunion hat es ein gewisses Liebäugeln mit der Idee gegeben, über die sprachliche Verbundenheit der Türkvölker eine Brücke ins innere Asien zu bilden. Die Resonanz dort war allerdings nicht so positiv. Die jungen Staaten Zentralasiens wollen ihren Kontakt mit dem Westen lieber direkt haben als über einen großen Bruder. Und von ihren arabischen Nachbarn hat sich die Türkei seit Kemal Atatürk, also nach acht Jahrzehnten Modernisierung, sehr weit entfernt. Nein, ein Scheitern der
Sultan Mehmed
  Sultan Mehmed II:
  (1451-1481)
Beitrittsbemühungen würde in der Türkei, und zwar weit über die politische, ökonomische und intellektuelle Elite hinaus, als Verlust jeder Zukunftsperspektive empfunden und hätte eine politische und soziale Destabilisierung zur Folge.

Ist sich denn die Bevölkerung ­ und zwar über die Elite hinaus ­ im klaren, was die europäische Perspektive mit sich bringt: Existenzverlust für kleine Betriebe in der Landwirtschaft und im Handwerk, Unterwerfung unter das Brüsseler Normensystem, sexuelle Freizügigkeit, ein weiteres Zurückdrängen traditioneller Autoritäten, Verzicht auf außenpolitische Souveränität?

Gegenfrage: Hatten oder haben die Bevölkerungen in den neu beigetretenen Staaten eine Vorstellung, was sie in der Europäischen Gemeinschaft erwartet? Aber im Ernst: Ich teile den Eindruck, dass Europa vor allem als eine Gemeinschaft von Wohlstandschancen gesehen wird.

Das klingt nicht danach, als wäre die türkische Gesellschaft bereit, sich „europäisieren“ zu lassen. Oder, wie es vielleicht aus der Perspektive gläubiger Muslime missverstanden werden muss, sich „entislamisieren“ zu lassen.

Die europäischen Partner haben doch bereits im Vorfeld von Verhandlungen deutlich gemacht, was sich zum Beispiel in Sachen Religionsfreiheit ändern muss und dass es bloß mit Verfassungsartikeln und Gesetzesparagraphen nicht getan ist. Dass es nicht das Ziel einer aufgeklärten oder säkularen Gesellschaft sein kann, die herrschende Religion einfach beiseite zu schieben, hat sich ja in einem dreiviertel Jahrhundert Kemalismus gezeigt. Seit den 1960er Jahren gibt es wieder religiöse Schulen und Hochschulen, so etwas ähnliches wie „theologische Fakultäten“. Ich könnte mir vorstellen, vielleicht unter dem sanften Druck der Beitrittsperspektive, dass das eine ähnliche Richtung nimmt wie in den letzten Jahrhunderten im westlichen Europa. Bisher allerdings gibt es im Islam, anders als im westlichen Christentum, kaum eine historisch-philologische Auseinandersetzung mit der eigenen religiösen Tradition.

Geht es im Augenblick nicht gerade umgekehrt in Richtung auf mehr Fundamentalismus?

Sie haben recht, es wird, wenn das ein Zeichen sein sollte, seit den 1980er Jahren mehr Kopftuch getragen als zuvor. Anscheinend fließen auch saudi-arabische Ölgelder in solche fundamentalistischen Strömungen. Anklang finden diese Positionen aber vor allem wegen der sozialen

Kemal Atatürk

  Präsident Kemal Atatürk
  (1923-1938)
Probleme; die Kluft zwischen Arm und Reich ist in der Türkei viel größer als in westeuro-päischen Ländern. Ich sehe aber noch ein ganz anderes Problem für die europäische Integration, das im Westen kaum zur Kenntnis genommen wird. Sie haben das Stichwort „Souve-ränitätsverzicht“ angesprochen. In der Türkei, vor allem in säkular denkenden Kreisen wie im Militär, herrscht ein Nationalismus, wie wir ihn hierzulande nicht mehr kennen. Entstanden ist dieser ursprünglich als Reaktion auf den Nationalismus der befreiten Untertanenvölker der Osmanen.

Wenn ich das richtig verstehe, ist das Dilemma also, dass die westlichen „essentials“ in der türkischen Gesellschaft jeweils nur partiell akzeptiert werden: Breite Bevölkerungsschichten, die sich in der islamischen Tradition sehen, gehen demokratisch vor, haben aber starke Vorbehalte gegen religiösen und weltanschaulichen Pluralismus; bei den Militärs, die in der Nachfolge der kemalistischen Revolution stehen, herrscht zwar ein westlich-säkulares Denken, aber ihnen geht der Sinn für Demokratie und die internationale Ausrichtung, die Kompromissbereitschaft in einer Europäischen Union ab.

Ich würde das Dilemma noch etwas schärfer formulieren: Der Nationalismus als Erbe der kemalistischen Revolution ist heute in breiten Teilen der Bevölkerung verankert. Es ist abzusehen, dass die Türkei ein schwierigerer Partner würde als z. B. bisher Großbritannien.

Womöglich mit der Folge, dass die Diskussion um ein engeres „Kerneuropa“ dann wieder aufkommen muss. Wäre es angesichts dieser Schwierigkeiten nicht sinnvoll, vielleicht auch bloß als Übergang für ein paar Jahrzehnte, zu einer weniger endgültigen Konstruktion zu greifen, einer engen Anbindung, die den Wohlstand in der Türkei fördern könnte, aber ohne volle Mitgliedschaft?

Seit Jahrzehnten haben europäische Regierungen unterschiedlicher Couleur, einzeln oder im Konzert, mit der Türkei in Richtung Beitritt zur EU verhandelt. Es berührt merkwürdig, wenn Politiker oder Politikerinnen nun 5 vor 12 davon abrücken. Im übrigen will mir scheinen, dass gar so viel Wohlstand gar nicht mehr zu verteilen ist. Wahrscheinlich läuft es also auf eine Staatengemeinschaft mit politischem und wirtschaftlichem Grundkonsens hinaus.


Barbara Kellner-Heinkele ist Professorin für Turkologie an der Freien Universität Berlin. Kontakt: turkinst@zedat.fu-berlin.de


 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur
scienzz communcation.

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