Vor 600 Jahren wurde Jeanne d'Arc, die "Jungfrau von Orléans", geboren
von Josef Tutsch
Jeanne d'Arc, Miniaturmalerei
2. Hälfte des 15. Jh. (Centre
Hist. des Archives Nationales
Paris) - Bild: Wikipedia
Fragen über Fragen ... Wie kam das Bauernmädchen aus der lothringischen Provinz, das heute als "Jungfrau von Orléans" bekannt ist, auf die Idee, dem französischen Thronfolger ihre Hilfe im Krieg gegen England anzubieten? Wie gelang es ihr, den Prinzen zu überzeugen, dass der Kampf um seinen Thron doch noch Erfolg haben könnte? Wie schaffte sie es, in dem aussichtslosen Krieg die plötzliche Wende herbeizuführen? Und warum brach die Serie ihrer Erfolge dann so plötzlich ab?
Solche Rätsel schaffen Raum für eine Vielzahl von Deutungen. Dabei sind die "authentischen" Informationen über Jeanne d’Arc durchaus reichhaltig. Die Akten der beiden Prozesse von 1431 und 1456 – der erste führte zu ihrer Verurteilung und Hinrichtung, der zweite posthum zu ihrer Rehabilitierung – füllen in einer modernen Ausgabe fünf dicke Bände. Die Aussagen Johannas sind, wie es damals üblich war, in indirekter Rede wiedergegeben; unvermeidlich dringt im Text neben der Sicht der Angeklagten auch die der Inquisitoren durch. Dennoch – die Protokolle bieten eine Menge von Selbstaussagen, wie sie sonst von kaum einer anderen Person dieser Zeit überliefert sind.
Als Johanna verurteilt und hingerichtet wurde, war sie – vorausgesetzt, das überlieferte Geburtsdatum 6. Januar 1412 ist korrekt – gerade einmal 19 Jahre alt. Sie stammte aus einer wohlhabenden Bauernfamilie in Domrémy, Lothringen. Mit 13, während sie das Vieh hütete, erklärte sie den Richtern, hätte sie ihre ersten Visionen gehabt. Ihr erschienen die hl. Katharina, die hl. Margareta und der Erzengel Michael. Sie erhielt den Befehl, zum französischen Thronerben zu gehen und ihm ihre Unterstützung im Krieg gegen die Engländer anzubieten.
Ein rätselhafter Vorgang. Der Auftrag passte nicht zu Johannas Geschlecht, nicht zu ihrem Alter und auch nicht zu ihrem sozialen Stand. Ein Bauernmädchen, das in die Kriege zwischen den großen Herren eingreifen wollte ... Die Richter von 1431 kamen zu dem Schluss, dahinter müsse eine Irreführung durch den Teufel stehen, Johanna hätte dem widerstehen müssen; jene von 1456 glaubten an ein Werk Gottes und seiner Heiligen. Nach den großen politischen Schauprozessen des 20. Jahrhunderts könnte man auf die Idee kommen, das Urteil hätte beide Male bereits im Vorhinein festgestanden; schließlich standen die Richter des ersten Prozesses im Dienste des englischen, die des zweiten im Dienste des französischen Königs. Aber die Akten erwecken keineswegs den Eindruck von "Schau". Offenbar waren die Richter ernsthaft darum bemüht, die Wahrheit herauszufinden über einen Vorgang, der sie höchst irritiert haben muss.
Es war Krieg, der "Hundertjährige Krieg" zwischen England und Frankreich. "Hundertjährig" ist untertrieben; als Johanna 1429 den Dauphin aufsuchte, dauerte er bereits mehr als neun Jahrzehnte, er ging dann noch fast ein Vierteljahrhundert weiter. Im Grunde fand er nicht zwischen zwei Nationen statt, so etwas gab es noch gar nicht, sondern zwischen zwei Dynastien und ihrem Anhang: den Valois, die den französischen Königsthron innehatten, und den Plantagenets auf dem englischen Thron. Die Plantagenets hatten durch Erbschaft die Herrschaft über große Teile Frankreichs errungen; sie beanspruchten aufgrund ihrer Abstammung in Rivalität zu den Valois auch den französischen Thron.
Jeanne d'Arc bei der Krönung Karls VII., von Jean Auguste Dominique Ingres, (Louvre, Paris) Bild: Wikeipdia
Als Jeanne im Dezember 1428 ihr Elternhaus verließ, stand der gesamte Norden Frankreichs unter der Herrschaft der Plantagenets; seit dem Oktober belagerten die Engländer die Stadt Orléans. Große Teile der Bevölkerung werden die "Besatzung", wie wir heute sagen würden, mit demselben Gleichmut aufgenommen haben, mit dem sie auch jede andere Besatzung aufnahmen und aufnehmen mussten. In dem lothringischen Bauernmädchen zeigte sich ein anderes Bewusstsein. Für Jeanne d’Arc war es selbstverständlich, dass sie sich für die Valois einsetzen musste.
In Chinon an der Loire, wo der französische Hof gerade residierte, erhielt die 17-Jährige Audienz bei einem völlig mutlosen und unentschlossenen Thronfolger. Vielleicht hatte er sich tatsächlich, wie Friedrich Schiller das später in seinem Drama unterstellte, bereits von dem Gedanken verabschiedet, einmal zum französischen König gekrönt zu werden. Wie es Jeanne gelang, ihn zu überzeugen, er könne sich mit ihrer Hilfe – oder eigentlich: mit dem Beistand des Himmels – aus seiner Lage retten, ist unaufgeklärt. Die beiden zogen sich in seine Privatgemächer zurück; angeblich ließ sie ihn an einer ihrer Visionen teilhaben. Verlassen wollte er sich auf seinen subjektiven Eindruck aber nicht. Johanna wurde von den geistlichen und weltlichen Beamten am Hof ausführlich auf ihre Glaubwürdigkeit hin befragt; Hofdamen untersuchten ihre Jungfräulichkeit.
Was immer genau in diesen Wochen geschehen sein mag: Im Mai 1429 gelang es den französischen Truppen, denen Jeanne voranritt, den Belagerungsring um Orléans zu sprengen. Am 17. Juli konnte der Dauphin in der Kathedrale von Reims als Karl VII. gekrönt werden; die "Jungfrau von Orléans" stand mit der Siegesfahne neben dem Altar. Ihr Auftreten hatte den französischen Truppen für einen Augenblick einen quasi religiösen Schwung verliehen, dem die Engländer nichts entgegen setzen konnten.
Nur für einen Augenblick ... Johanna wollte den Krieg gegen die Engländer auch nach der Krönung fortführen; viele Zeitgenossen meinten später, damit habe sie ihren göttlichen Auftrag überschritten und ihrem Erfolg selbst ein Ende gesetzt. Heute würden wir nüchterner vermuten: Ihr "Charisma" wurde in den "normalen" Abläufen bei Hofe zerrieben. König Karl war nicht tatkräftig genug, ihr den nötigen Rückhalt zu verschaffen; nur zögerlich gab er ihrem Drängen nach, wenigstens Paris zurückzuerobern. Das Unternehmen scheiterte; am 23. Mai 1430 wurde Jeanne bei Compiègne von burgundischen Truppen gefangengenommen – die Herzöge von Burgund, eine Seitenlinie der Valois, waren mit den Plantagenets verbündet.
Die burgundischen Soldaten verkauften sie an die Engländer. In Rouen wurde ihr der Prozess gemacht. Unter dem Vorsitz des Bischofs von Beauvais, Pierre Cauchon, wurde gegen Johanna verhandelt. Am Ende stand ein Schuldspruch in zwölf von siebenundsechzig Anklagepunkten. Der wichtigste Punkt: Die Richter waren zu dem Schluss gekommen, dass die vermeintlichen "Offenbarungen und Erscheinungen" abergläubisch seien, bloß eine Sinnestäuschung, "böse und vom Teufel". Und, für die Richter offenbar besonders anstößig: Jeanne hatte, ihrem Geschlecht zuwider, gern "Mannskleider" angelegt.
Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhau- fen, von Jules-Eugène Lenepveu Bild: Wikipedia
Die Verurteilte war zunächst bereit, sich zu unterwerfen, "aus Angst vor dem Feuer", wie sie später einräumte, kam dann aber zu dem Schluss: "Ich will lieber meine Buße auf einmal tun und sterben, als länger die Leiden des Gefängnisses ertragen." Man hat vermutet, dass dieser Sinneswandel von Anhängern der englischen Krone provo-ziert wurde, die meinten, von der leben-den, wenngleich gefangenen Jungfrau gehe weiterhin Gefahr aus. Ein engli-scher Soldat habe versucht, ihr Gewalt anzutun, sagte Johanna; zu ihrem Schutz habe sie die Männer-kleidung wieder angelegt. Mit Mut zur Provokation bekräftigte sie ihre ursprüngliche Haltung: "Wenn ich sagen würde, Gott hätte mich nicht gesandt so würde ich mich selbst verdammen. Es ist die Wahrheit, dass Gott mich geschickt hat."
Am 30. Mai 1431 starb Johanna zu Rouen auf dem Scheiterhaufen; ihre Asche wurde in die Seine gestreut, um einen Reliquienkult zu verhindern. Karl VII. hatte nichts unternommen, um sie zu retten. Damit hätte die Geschichte zu Ende sein können. Aber "la Pucelle", die "Jungfrau", wie die Franzosen sie kurz nennen, hatte – und hat bis heute – ein Nachleben, das kaum weniger erstaunlich ist als ihr Leben. 1450, nachdem Karl Rouen zurückerobert hatte, hielt er es für angebracht, einen Rehabilitationsprozess in Gang zu setzen; schließlich warf die Verdammung Johannas einen nachhaltigen Schatten auf sein Königtum. Am 7. Juli 1456 wurde das erste Urteil in einem neuen kirchlichen Prozess unter Jean Juvénal des Ursins, Erzbischof von Reims, für "null und nichtig" erklärt.
Ihre ganz große Karriere nahm die tote Johanna aber erst ein halbes Jahrtausend später, als die französische Nation voll ausgebildet war. Alle Richtungen des politischen Spektrums fanden in der Jungfrau von Orléans ihre Nationalheldin. Konservative Monarchisten hielten ihre Frömmigkeit und ihre Anhänglichkeit an das Königshaus hoch, liberale Republikaner ihren Patriotismus und ihren Mut sich einzusetzen. Während des 2. Weltkrieges wurde sie zur Symbolfigur der Résistance; aber auch das Vichy-Regime berief sich auf sie. Ihr Geburtsort Domrémy nennt sich heute offiziell "Domrémy-la-Pucelle".
Das Interesse an der historischen Figur war neu beflügelt worden, nachdem in den 1840er Jahren Historiker die Prozessakten veröffentlicht hatten. Im Zuge der Erneuerung des französischen Katholizismus im 19. Jahrhundert wurde Johanna auch zur Nationalheiligen. 1867 tauchten Reliquien auf, die es doch eigentlich gar nicht geben konnte. Schließlich erteilte auch der Vatikan seinen Segen: 1909 wurde Jeanne d’Arc selig-, 1920 heiliggesprochen. Sogar in der anglikanischen Kirche Englands wird der 30. Mai als Gedenktag begangen – sozusagen der Versuch einer Wiedergutmachung.
Und Johanna ist in die Literatur und das Theater eingegangen. Dramen von Shakespeare, Schiller, Shaw, Brecht und Anouilh, um nur einige bekannte Namen zu nennen, ein episches Gedicht von Voltaire, ein Roman von Mark Twain, Opern von Verdi und Tschaikowsky, ein Oratorium von Claudel und Honegger usw. usf. – nicht zu vergessen mehr als ein Dutzend Verfilmungen.
Jeanne-d'Arc-Denkmal auf der Place des Pyramides in Paris, von Emmanuel Frémiet Bild: Francois Trazzi/Wikipedia
In jedem Stück begegnet uns eine andere Johanna. In dem Königsdrama "Heinrich VI." (um 1590), das Shakespeare zugeschrieben wird, entpuppt sich die vermeintliche Wundertäterin als Hure und Hexe. Der französische Dichter Jean Chapelain verherrlichte sie in einem Epos nach dem Vorbild Homers 1656 als Heldin. 1762 parodierte Voltaire dieses Epos und machte die "Pucelle" zur derben Stallmagd. Ihr Kampf um die Bewahrung ihrer Jungfräulichkeit gab dem Aufklärer willkommenen Anlass, all das zu verspotten, worin er "mittelalterlichen" Aberglauben sah.
Während Goethe Voltaires Gedicht bewunderte, hielt Schiller es für ganz und gar abscheulich. "Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabne in den Staub zu ziehn", schrieb er in seinem Gedicht "Das Mädchen von Orleans". In seiner "romantischen Tragödie" 1801 durfte Johanna über alle Unreinheit der historischen Wirklichkeit triumphieren. In einem opern-, nein: filmhaften Schlusstableau ließ Schiller sie auf dem Schlachtfeld sterben, die Vision des himmlischen Reiches vor Augen: "Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!" "Die Fahne entfällt ihr, sie sinkt tot darauf nieder. Alle stehen lange in sprachloser Rührung." "Der Himmel ist von einem rosigen Schein beleuchtet."
"Romantic nonsense", sagte George Bernard Shaw dazu. Mit seiner "Heiligen Johanna" von 1923 schrieb er das erfolgreichste aller Jeanne-d’-Arc-Stücke. Das Bild der Titelheldin ist allerdings kaum weniger positiv als bei Schiller: ein Inbegriff des Fortschritts, so fortschrittlich, dass die Zeitgenossen mit ihr nicht Schritt halten konnten. Immerhin – seine Ironie kam Shaw trotz aller Faszination durch die Figur nicht abhanden. Ganz anders Mark Twain, der 1895 einen reichlich sentimentalen Johanna-Roman schrieb. "Sie war vielleicht der einzige selbstlose Mensch, dessen Name in der weltlichen Geschichte einen Platz hat" – in Mark Twains Sicht wurde die Jungfrau von Orléans zu einer weiblichen Entsprechung Christi.
Gleich mehrmals hat Bertolt Brecht den Stoff verarbeitet. Am bekanntesten ist seine "Heilige Johanna der Schlachthöfe" von 1930. Das Stück spielt in Chicago; am Ende wird die neue Johanna als Märtyrerin der Mildtätigkeit von den Fleischhändlern heiliggesprochen. Brecht wollte demonstrieren, dass Religion, indem sie auf ein Jenseits verweist, den Reichen und Mächtigen dient. Ob es glücklich war, das Stück auf Jeanne d’Arc zu beziehen, kann man bezweifeln; Mildtätigkeit war jedenfalls nicht deren vorrangiges Ziel. Enger an die historische Figur hält sich Brechts späteres Stück"Die Gesichte der Simone Machard", 1943: Unter der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg träumt ein französisches Mädchen, es sei die Jungfrau von Orléans, und erlebt deren Schicksal nach.
Deutungen über Deutungen ... Und auch die "wirkliche" Johanna lässt die Historiker und Hobby-Historiker bis heute nicht los. Vor einem halben Jahrhundert brachten die beiden Autoren André Guérin und Jack Palmer-White die phantasievolle Hypothese auf, Johanna sei in Wirklichkeit die Tochter der Königin Isabeau und ihres Liebhabers, des Herzogs Karl von Orléans, gewesen – also eine Halbschwester des Dauphin, dem sie zur Krone verhalf; kein Bauernmädchen, sondern höfisch erzogen. Belege konnten die Verfasser nicht vorbringen. Im Grunde würde damit ja auch nur ein Rätsel gegen ein anderes ausgetauscht: Alle Zeitgenossen damals wären einer grandiosen Camouflage aufgesessen.
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