Monopoly in der deutschen Ausgabe,
2003 - Bild: Horst Frank/Wikipedia
Schlossallee": Das klingt nach einer attraktiven Wohnlage – weiß schimmernde Häuser in gepflegten Gärten, mit Blick auf herrschaftliche Architektur ... Aber jeder Monopoly-Spieler weiß: Der Befehl "Rücke vor bis zur Schlossallee" kann bedeuten, dass das Spiel bereits verloren ist, weil man die horrenden Mieten dort nicht bezahlen kann. Oder spätestens in zwei, drei Zügen verloren gehen wird, nachdem man auf die eigenen Grundstücke in der Bad- oder der Turmstraße Hypotheken aufnehmen musste und die mangels neuer Einnahmen nicht wird auslösen können. Vielleicht, sagt sich dann mancher Spieler, wäre es ja das Beste, als nächstes die Karte "Gehe ins Gefängnis" zu ziehen. Dort verdient man zwar kein Geld, muss aber auch nichts zahlen.
Monopoly ist nichts für Genussmenschen, die sich ihren Wünschen einfach hingeben, statt Vorsorge zu üben, schreibt Andreas Tönnesmann, Kunst- und Architekturhistoriker an der ETH Zürich, in seiner neu erschienenen Studie über die Geschichte dieses Spiels. Auch Sparer, die ihren Besitz langsam und stetig mehren wollen und auf Sicherheit setzen, werden nicht viel Glück haben. Die geborenen Gewinner sind, wenn man so sagen darf, rational kalkulierende Hasardeure, die das Risiko des Bankrotts nicht scheuen, aber auf diese Weise oft den großen Coup landen.
Als Erfinder von Monopoly gilt Charles B. Darrow, Angestellter einer Installationsfirma in Chicago, der nach dem "Schwarzen Donnerstag" 1929, wie so viele andere, seine Arbeitsstelle verlor. Um sich über Wasser zu halten, fertigte er auf Bestellung von Freunden und Bekannten Spielzeug an. Irgendwann im Laufe des Jahres 1934 entstand in diesem Zusammenhang Monopoly. Mit dem Versuch, seine Erfindung der Firma Parker Brothers zu verkaufen, scheiterte Darrow zunächst kläglich; in dem Absagebrief wurden penibel "52 schwerwiegende Fehler aufgelistet", die Monopoly zum Misserfolg machen müssten.
Aber im Oktober nahm das große Warenhaus Wanamaker’s Department Store in Philadelphia das Spiel für das Weihnachtsgeschäft in Kommission. Als die erste Auflage überraschend schnell vergriffen war, nahm Parker Brothers mit Darrow wieder Kontakt auf. Der Erfinder zeigte sich als gewiefter Geschäftsmann; er verkaufte sein Spiel auf Provisionsbasis und wurde binnen kurzem zum Millionär. Der typische Monopoly-Spieler war Darrow aber wohl doch nicht. Er kaufte sich eine Farm in Pennsylvania und führte noch drei Jahrzehnte lang ein ruhiges Rentnerleben.
Monopoly, ein Kind der großen Wirtschaftskrise nach 1929? Nicht ganz, meint Tönnesmann. Neu erfunden hat Darrow kaum etwas; das "Ur-Monopoly war eine volle Generation älter. 1904 ließ die Stenographin Elizabeth Magie Phillips "The Landlord’s Game", das "Grundbesitzerspiel", patentieren. Die Grundidee von Monopoly war darin bereits vollständig enthalten: "Wer durch Würfelglück auf ein Grundstück kam, konnte es kaufen, verkaufen oder in kostenpflichtige Bearbeitung nehmen, es sei denn, es gehörte bereits einem Mitspieler – dann wurde Miete fällig." Varianten dieses Spiels kursierten in den folgenden Jahrzehnten in den Städten der amerikanischen Ostküste. Um 1930 passte der Baufachmann Charles Todd die Straßennamen an seine Heimatstadt Atlantic City an. In dieser Form lernte es Darrow kennen.
Phillips stammte aus einer Quäkerfamilie, und das, schreibt Tönnesmann, hat ihr Spiel geprägt: Das Misstrauen gegen die institutionalisierte Religion führte dazu, dass in ihrer Stadt weder Kirchen noch Schulen vorkamen. Es gab – Misstrauen gegen alle weltlichen Vergnügungen! – auch keine Theater. Wenigstens dieser Punkt hat sich bei Monopoly geändert; eine Kulturmeile bietet Museum, Theater und Oper. Über die religiöse Familientradition der Phillips’ hinaus hat Tönnesmann aber noch eine zweite Einflussquelle gefunden: Der Vater der Stenographin war Mitarbeiter des Wirtschaftstheoretikers Henry George. Der hatte in seinem Werk "Fortschritt und Armut" 1879 die These vertreten, das soziale Problem liege einzig und allein in der ungerechten Verteilung des Bodens.
Patentskizze für "The Landlord's Game", Elizabeth Magie Phillips, 1904 - Bild: Brian0918/Wikipedia
Ob Phillips diese Theorie bei der Konzeption ihres Spiels im Sinn hatte? Erbe des "Georgism" könnte in der Tat sein, dass Monopoly auf Immobilien fixiert ist und ein bemerkenswertes Desinteresse an Produktion und Dienstleistungen zeigt. Die Spieler erzielen – wenn sie nicht gerade auf dem Feld "Los" "im Vorübergehen" Geld einziehen – Einkünfte nur über Mieteinnahmen, die grotesk in die Höhe getrieben sind.
Tönnesmann hat die Vorgeschichte noch weiter zurückverfolgt. Der quadratische Aufbau greift nicht bloß wie selbstverständlich auf Schach oder Mühle zurück; darin setzt sich auch die Tradition der Idealstädte fort, wie sie etwa in der Renaissance gern entworfen wurden, oft mit quadratischem Grundriss. Konzeptionen des Glücks für alle, die natürlich immer auch Konzeptionen der Herrschaft und einer rigiden sozialen Kontrolle waren.
Früh schon wurde das Monopoly-Spiel "länderspezifisch" überarbeitet. Dass die englische Fassung Straßennamen aus London brachte, die französische solche aus Paris, lag nahe. Der italienische Stadtplan aus den 1930er Jahren hatte unvermeidlich seine "Via del Fascio". In der gleichzeitigen deutschen Ausgabe nannte sich das, was heute "Schlossallee" heißt, "Schwanenwerder" – die noble Wohninsel im Berliner Wannsee.
Gerüchte, die niemals bestätigt oder widerlegt werden konnten, besagten damals, wegen dieser Benennung hätte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels das Spiel durch die Hitlerjugend unterdrücken lassen. Offiziell ging es um den "jüdisch-spekulativen Charakter" des Spiels. Aber es ist nicht auszuschließen, dass Goebbels in dem Wort "Schwanenwerder" einen versteckten Hinweis auf den ehemals jüdischen Besitz dort witterte, den er sich angeeignet hatte. In den deutschen Ausgaben der Nachkriegszeit dagegen wurden die meisten wiedererkennbaren Realitäten getilgt. Die deutsche Monopoly-Stadt von heute ist eine Allerweltsstadt mit Poststraßen und Goethestraßen, gegen die niemand etwas einwenden wird.
Was macht eigentlich bis heute den Charme dieses Spiels aus? Es werden wohl jene beiden Voraussetzungen von Freiheit und Gleichheit sein, die in der Realität illusorisch bleiben: also einerseits das gleiche Startkapital und die gleiche Kapitalauszahlung pro Runde – vorausgesetzt man hat nicht eine Karte gezogen, die befiehlt: "Gehe nicht über Los." Und andererseits die Freiheit der eigenen Entscheidung – wiederum vorausgesetzt, das Würfelglück schickt den Spieler nicht auf eine Straße, wo er sich die "Miete" nicht leisten kann.
Als Darrow sein Monopoly vorlegte, gingen die Hoffnungen vieler in den USA – Schlagwort: "New Deal" – darauf, ein Engagement der öffentlichen Hand könne die Dinge zum Besseren wenden. Nichts von diesen Diskussionen kommt im Monopoly-Spiel vor. Während in den Idealstadtentwürfen der Vergangenheit die Festung des Landesherrn an herausgehobener Stelle ihren Platz hatte, wird auf dem Monopoly-Spielfeld die öffentliche Hand bloß durch das "Gefängnis" repräsentiert. Die eigentliche Über-Institution des Spiels ist die "Bank"; sie bleibt unsichtbar, ist nicht auf dem Spielfeld präsent.
Bild der utopischen Stadt Christianopolis, von Johann Valentin Andreae, 1619 Bild: Wikipedia
Natürlich geriet Monopoly in der 1968er Bewegung unter Systemverdacht. Anti-Monopoly-Spiele kamen auf, zum Beispiel "Provopoli", 1976. Zeitgemäß fanden sich bei den Zufallskarten Barrikaden und Sprengkörper sowie eine Perücke: "Mit ihrer Hilfe entgehen Sie einer Verhaftung." Das bayerische Ministerium für Arbeit und Sozialordnung machte sich die Mühe, eine Aufnahme des Spiels in die Liste jugendgefährdender Schriften zu betreiben.
Ein gutes Stück akademischer war "Klassenkampf", 1978, nach dem amerikanischen Vorbild "Class Struggle". Zitat aus der Spielanleitung: Es gehe darum, "die wichtigsten Stationen der ereignisreichen Klassenkampfgeschichte Mitteleuropas während des 19. und 20. Jahrhunderts wiederzugeben". "Wenn Arbeit bzw. Kapital oder einer ihrer Verbündeten ein Kampffeld erreichen, gibt es die Möglichkeit zur Kampfansage." Die Kapitalisten – nur die Kapitalisten! – haben auch die Möglichkeit, den vorzeitigen Spielabbruch herbeizuführen, in dem sie "einen Atomkrieg auslösen und die Welt vernichten. In diesem Fall gewinnt niemand!"
Unnötig zu sagen, dass diese Gegenentwürfe sich gegen das Original nicht durchsetzen konnten. Seit 1988 wird Monopoly auch in Russland vertrieben – Jahrzehnte lang war das Spiel im Ostblock eine begehrte Schmuggelware gewesen. Und seit 2001 bietet Parker Brothers in China eine autorisierte Version an. Wahrscheinlich wird Monopoly dort mit ganz ähnlichen Empfindungen gespielt wie in Europa und Nordamerika auch: Man verflucht das Spiel und fühlt dabei die Moral auf seiner Seite, weil die Spielregeln doch offenkundig an niedrige Instinkte appellieren – und spielt es doch immer wieder.
Neu auf dem Büchermarkt: Andreas Tönnesmann: Monopoly. Das Spiel, die Stadt und das Glück, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2011, ISBN 978-3-8031-5181-0, 22,90 €
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