Ausstellung in Paderborn über den hl. Franz von Assisi und den Franziskanerorden
von Josef Tutsch
Hl. Franziskus, von Margaritone
d'Arezzo, 2. Hälfte 13. Jh. (Pina-
coteca Vat.)
Bild: Musei Vaticani
"Du bist kein Mann von schöner Gestalt, kein Mann der Wissenschaft, du bist kein Adliger. Wie kommt es, dass gerade dir die ganze Welt nachläuft, anscheinend jedermann dich zu sehen und zu hören und dir zu gehorchen begehrt?" So formulierte jene Legendensammlung, die unter dem Titel "Blümlein des hl. Franziskus" in die Weltliteratur eingegangen ist, eine Frage, die bis heute aktuell geblieben ist: Was macht die Faszination aus, die Franz von Assisi seit fast acht Jahrhunderten ausübt? Und zwar weit über die Grenzen seiner Gründung, des Franziskanerordens, mit seinen heute etwa 16.000 Mitgliedern hinaus? Eine Faszination, die selbst abseits der katholischen Kirche wirkt, auf Gläubige wie Ungläubige, Fromme wie Unfromme.
Ganze Bibliotheken sind voll geschrieben worden, um eine Antwort auf diese Frage zu finden; viele tausend Pilger und Touristen sind nach Umbrien gefahren, um von den Stätten seines Wirkens einen Eindruck zu gewinnen. Wenn der Weg über die Alpen gerade zu beschwerlich sein sollte – bis zum 5. Mai 2012 ist im Erzbischöflichen Diözesanmuseum und im Franziskanerkloster Paderborn eine große Ausstellung zu sehen: "Franziskus – Licht aus Assisi": fast 200 Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände, die vom Leben des Heiligen, von seiner Umwelt und von seinem Fortleben zeugen.
Die Ausstellung verzichtet darauf, aus der Fülle von Legenden, die sich bald um das Leben des Franziskus rankten, den "historischen" Kern herauszuschälen. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der "Strahlkraft" des Heiligen, nach seiner Wirkung vor allem im deutschsprachigen Raum. Wer will, mag sich freilich bei dem einen oder anderen Objekt dem Gedanken hingeben, Franziskus selbst könnte es in der Hand gehalten haben. Aus dem Kölner Domschatz ist eine umbrische Tonschale nach Paderborn gekommen, die laut Inschrift die "wahre Schale des hl. Franziskus" war, also das Gefäß, worin er von den Laienanhängern Almosen zu sammeln pflegte.
Diese Schale dürfte allerdings erst aus dem 14. Jahrhundert stammen, einige Generationen nach Franz’ Tod. Ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert stammt ein Brief des Kaufmanns Francesco di Marco Dantini. Es geht um eine Stiftung: Francesco weist seine Frau Margherita an, verschiedenen Konventen in Florenz – darunter San Francesco – Lebensmittelspenden in Form von Orangen und Heringen zukommen zu lassen. Das vermittelt tatsächlich einen Eindruck davon, wie die karitative Arbeit der Bettelorden damals abgelaufen sein wird: Die reichen Kaufleute bangten um ihr Seelenheil, weil sie mit ihren profitablen Geschäften gegen das christliche Gebot der Nächstenliebe verstoßen hatten, und versuchten, durch wohltätige Werke einen Ausgleich zu schaffen.
Eines der ältesten Stücke der Ausstellung, eine Chronik, die zu Franz’ Lebzeiten geschrieben wurde, berichtet von dem Kaufmann Homobonus aus Cremona. Nur zwei Jahre nach seinem Tod wurde er von Papst Innozenz III. heilig gesprochen, weil er einen Großteil seines – wie auch immer zustande gekommenen – Besitzes zur Verteilung an die Armen bestimmt hatte. Für sich selbst wählte Franziskus bekanntlich einen anderen Weg: 1206 sagte er sich öffentlich von seiner Familie los, verzichtete auf das väterliche Erbe und wählte ein Leben in absoluter Armut.
Der hl. Franziskus und Frau Armut mit Christus, in der Unterkirche von S. Frances- co, Assisi, um 1320 Bild: 1982-2001 ASSISI.DE Stefan Diller
Zur höheren Ehre Gottes allerdings war irdischer Aufwand offenbar doch erlaubt. In Paderborn ist ein silberner, teilweise vergoldeter Kelch aus Assisi zu sehen, angefertigt zu Anfang des 13. Jahrhunderts. Der Überlieferung nach wurde er Franziskus von einem Benediktinerabt geschenkt; es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Heilige selbst damit das Altarsakrament gefeiert haben könnte. Der Ausdruck "geschenkt" trifft aber wohl nicht ganz die franziskanische Sicht der Dinge. Die Brüder hatten sich darauf verpflichtet, außer Lebensmitteln und Kleidung für den täglichen Bedarf kein Eigentum anzunehmen; sie konnten den kostbaren Kelch also lediglich in Gebrauch nehmen.
Im Rückblick betrachtet, lag darin einer der Ursprünge, dass die Franziskanerklöster zu Zentren der Architektur und der bildenden Kunst werden konnten. Die Ausstellung in Paderborn zeigt kostbar gestaltete Mess- und Gebetbücher, Tafel- und Glasgemälde, Statuen und liturgische Geräte. Und immer wieder findet der Besucher Franziskus selbst dargestellt: mit Kreuz und Buch in der Hand, vor dem Kreuz Christi oder vor der Heiligen Familie ins Gebet versunken, den Vögeln predigend, die Wundmale Christi empfangend usw. usf.
Hätte der Heilige selbst, der doch von seiner eigenen Person kein Aufsehen machen wollte, mit soviel Kunst etwas anfangen können? Zwei Jahrhunderte nach seinem Tod schuf der Maler Fra Angelico zwei prachtvolle Tafeln von der Stigmatisation des Heiligen, durch die er dem Gekreuzigten ähnlich wurde, und von seinem – vermutlich nicht historischen – Missionsversuch vor dem ägyptischen Sultan; sie bilden zwei Höhepunkte dieser Ausstellung.
Eindrucksvoll ist auch eine fast lebensgroße Statue aus Sandstein, die um 1500 in Münster entstanden sein wird: Franziskus weist dem Betrachter die Wundmale an seinen Händen und Füßen; beinahe könnte man glauben, es handle sich nicht um einen Heiligen, sondern um Christus selbst als Schmerzensmann. Zwei Jahrhunderte jünger ist eine süditalienische Statuette aus Holz, Glas und Textil – eine bekleidete Puppe, wenn man so will. Im Barock war es üblich, solche Figuren auf Prozessionen und Wallfahrten mit zu führen oder den Gläubigen zu Festtagen auf Sonderaltären zu präsentieren.
Ganz isoliert stand das Bild des hl. Franziskus nicht da. In Nonnenklöstern trat die hl. Klara daneben. Klara wird zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein, als Franz seinen Weg in die freiwillige Armut wählte. Das adlige Mädchen spürte in sich eine ähnliche Berufung. Irgendwie schaffte sie es, den Älteren davon zu überzeugen, dass diese radikale Nachfolge Christi auch für Frauen ein Heilsweg sein könne – ein Akt weiblicher Emanzipation. Dem Franziskanerorden trat der Klarissenorden zur Seite.
Kelch des hl. Franziskus, Anf. 13. Jh. (Reliquienkapelle von S. Francesco, Assisi) Bild: 1982-2001 ASSISI.DE Gerhard Ruf
Seine Wirkung in die Breite verdankt der Franziskanerorden jedoch nicht zuletzt seinem "dritten" Zweig, den sogenannten "Terziaren", frommen Männern und Frauen, die ihr Leben "in der Welt" fortsetzten, sich dem Mönchtum aber soweit wie möglich annäherten. In der Ausstellung ist eine halblebensgroße Holzfigur der hl. Elisabeth von Thüringen aus dem Umkreis des Tilman Riemenschneider zu sehen, Ende des 15. Jahrhunderts; Elisabeth hatte Kranken- und Armenpflege sowie Askese in ähnlichem Geist wie ihr Zeitgenosse Franziskus gepflegt. Bald wurde Elisabeth als Schutzheilige der Terziaren verehrt.
Aber was wäre die franziskanische Bewegung ohne die vielen, vielen Laienanhänger gewesen, die die Bettelmönche mit Spenden unterstützten! 1261, nur gut eine Generation nach Franziskus’ Tod, erklärte ihn der Erzbischof von Pisa zum Schutzheiligen der Kaufleute – jener Kaufleute, wie Franziskus’ Vater einer gewesen war. Durch ihre Predigt in den rasch wachsenden Städten, aber auch über das Almosensammeln waren die Franziskaner recht intensiv mit den Handels- und Bankiersgeschäften in Berührung gekommen, die ihr Begründer doch so radikal von sich gewiesen hatte. An dieser Stelle lässt die Ausstellung aber doch eine Lücke. Ausgerechnet im Franziskanerorden entwickelte sich, wie zum Beispiel der französische Historiker Jacques Le Goff in seiner "Geschichte des Geldes im Mittelalter" gezeigt hat, eine ausführliche Diskussion, wie unter den Bedingungen der Geldwirtschaft ein Lebenswandel möglich sein könnte, der nicht geradewegs in die Verdammnis führen müsse. Nicht nur das Vorbild des Ordensgründers, der ein Leben in Armut führte, sondern auch diese franziskanischen Reflexionen über Wirtschaftsethik haben die abendländische Ideengeschichte tief geprägt.
Die radikalen, strikt antimonetären Positionen in dieser Debatte wurden der breiten Öffentlichkeit vor drei Jahrzehnten durch Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" wieder ins Gedächtnis gerufen. Dass die Franziskanerbrüder mit ihrer Idee einer Nachfolge Christi ohne jedes Wenn und Aber bei manchen Vertretern des kirchlichen Establishments im Ruf der Ketzerei standen, ist durchaus historisch; die beiden Fassungen der Ordensregel, die in Paderborn ausgestellt sind - eine vom Papst "bullierte", also urkundlich bestätigte, und eine nicht-bullierte – lassen davon etwas ahnen.
Am Ende blieb der Orden dann aber doch Teil der Kirche. Nur noch zwei Beispiele aus den folgenden Jahrhunderten: Bilder aus dem Umkreis von Georges de la Tour, Peter Paul Rubens und Anthonis van Dyck zeigen, wie Franziskus im Barockzeitalter zum Vorbild jener ekstatischen Frömmigkeit aufstieg, die damals gepflegt wurde. Und das Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem Ende des 17. Jahrhunderts stellt dar, wie Franziskanermissionare 1597 im japanischen Nagasaki gekreuzigt wurden – im Sinne des Ordens sicherlich ein Beispiel, dass eine Anähnlichung an Christus nicht auf den Ordensgründer beschränkt bleiben musste.
Wahrscheinlich war es nicht zuletzt die Gratwanderung am Rande der kirchlichen Organisation, die das Faszinierende an Franziskus über acht Jahrhunderte hinweg ausgemacht hat. Bis heute: Unter den vielen Publikationen auf dem aktuellen Büchermarkt finden sich Titel wie "Franziskus. Rebell und Heiliger" oder auch "Franz von Assisi für Ungläubige". Gar nicht zu zählen sind jene Schriftsteller und Intellektuellen, die sich – mit mehr oder weniger Distanz zur offiziellen Kirchenlehre – zu Franziskus bekannt haben, von Hermann Hesse über Gilbert Keith Chesterton und Nikos Kazantzakis bis zu dem brasilianischen "Befreiungstheologen" Leonardo Boff. Der Welt sei "eine Sonne geboren worden", würdigte Dante ihn in seiner "Göttlichen Komödie".
Regula bullata, 14. Jh., Assisi,Biblioteca Comunale Bild: Assisi, Società Internationale dei Studi Francesci
"Überall lebt Franziskus", um noch einen Buchtitel zu zitieren – auch zum Beispiel als Filmheld in einer deutsch-italienischen Koproduktion von 1989 mit Mickey Rourke in der Hauptrolle. Der französische Komponist Olivier Messiaen brachte ihn 1983 auf die Opernbühne. Wahrscheinlich gibt es wenige andere Figuren der Ideengeschichte, die als Vorbild heute mit derartiger Breitenwirkung angepriesen werden. "Wenn die Menschen überleben wollen, müsse sie ein bisschen mehr wie er werden", sagte die Marxistin Liliana Cavani 1966 zu ihrem Fernsehfilm "Francesco d’Assisi". Ökologen und Tierschützer und Sozialpolitiker beanspruchen ihn so gut für sich wie Vertreter einer Ökumene über die Grenzen des Christentums hinaus. Seit 1986 treffen sich in Assisi alle paar Jahre Vertreter der großen Weltreligionen zu gemeinsamem Gebet.
Franziskus heute ... Eine Projektionsfläche, die mit der historischen Figur nicht viel zu tun haben muss. "Viel mehr als Ziele braucht man vor sich ein Gesicht, um leben zu können, zitiert der Franziskanerpater Cornelius Bohl im Katalog den Schriftsteller Elias Canetti. Franziskus selbst wäre mit dem, was heutzutage auf ihn projiziert wird, recht unglücklich gewesen, darf man vermuten. Aber er haderte bereits zu Lebzeiten mit dem, was er doch selbst hervorgebracht hatte. Als zu Pfingsten 1221, berichten die Quellen, zwischen 3.000 und 5.000 Brüder bei Assisi zu einer Beratung zusammenkamen, hatte die Stadt ein festes Steinhaus errichten lassen. Franziskus begann es abzureißen – weil es der vom Evangelium gebotenen Armut doch in keiner Weise entspreche.
Ausstellung: Franziskus – Licht aus Assisi, im Erzbischöflichen Diözesanmuseum und Franziskanerkloster Paderborn, bis 6. Mai 2012
Neu auf dem Büchermarkt: Franziskus – Licht aus Assisi. Katalog zur Ausstellung im Erzbischöflichen Diözesanmuseum und im Franziskanerkloster Paderborn, herausgegeben von Christoph Stiegemann, Bernd Schmies und Heinz-Dieter Heimann, Hirmer Verlag, München 2012, ISBN 978-3-7774-4081-1, 39,90 € [D], 53,90 CHF
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