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21.01.2012 - GESCHCHTE

Konkubinen, Eunuchen und Plantagensklaven

Eine Geschichte des Menschenhandels rund um den Indischen Ozean

von Josef Tutsch

 
 

Code Noir, Ausgabe Paris
1743 - Bild: Wikipedia

Nordamerika und die Karibik exportierten Baumwolle, Rohrzucker und Rum nach Europa, die Europäer brachten Manufakturwaren und Feuerwaffen nach Afrika und tauschten sie dort gegen Sklaven ein, die sie nach Amerika verschifften, um Arbeitskräfte für die Plantagen zu liefern: Der "Dreieckshandel" über den Atlantik im 18. Jahrhundert – betrachtet vor allem als Sklavenhandel – gehört seit langem zu den "klassischen" Lehrstücken der historischen Wissenschaft. Dagegen ist der Menschenhandel rund um den Indischen Ozean bislang wenig beachtet worden.

Ein Defizit, das Michael Mann, Südasien-Wissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, jetzt mit seiner "Geschichte des Menschenhandels rund um den Indischen Ozean" ausgleichen will. Verlässliche Zahlen kann der Forscher nicht bieten; jedenfalls wurde die Zahl von etwa 12 Millionen Sklaven, die die Europäer zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert nach Amerika verschifften, in den Ländern rund um den "Indik" weit übertroffen. Allein in Sansibar, wird berichtet, wurden zeitweise bis zu 50.000 Sklaven pro Jahr auf den Markt gebracht.

Und vor allem reicht der Sklavenhandel zwischen Afrika und Asien historisch viel weiter zurück als der zwischen Afrika und Amerika. Als die Portugiesen Ende des 15. Jahrhunderts die Region für Europa entdeckten, war er längst institutionalisiert. Akteure waren damals vor allem arabische Fernhändler. Die allermeisten Sklaven in den Ländern um den Indischen Ozean, schreibt Mann, arbeiteten im Familienhaushalt. Erst im 18. Jahrhundert änderten sich die Strukturen: In den holländischen, englischen und französischen Gebieten wurden große Plantagen angelegt, die Kräfte für die Feldarbeit benötigten.

Aber im Bewusstsein blieb die alte Form der Haushaltssklaverei beherrschend. Diese unterschiedliche Entwicklung wird der Grund sein, dass viele europäische Beobachter im südlichen Asien so etwas wie Sklaverei zunächst überhaupt nicht erkennen konnten. Noch 1842 notierte ein englischer Autor für Britisch-Indien: "It is an abuse of language to speak of slavery:" Im Vergleich mit der Feldarbeit auf den Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen in der Neuen Welt wird die asiatische "Haussklaverei", schreibt der Berliner Forscher, tatsächlich relativ mild gewesen sein, schon von der physischen Belastung her. Die persönliche Unfreiheit mitsamt der Möglichkeit, verkauft und gekauft zu werden, war dieselbe.

Und irgendwie idyllisch war die Haussklaverei sowieso nicht. Sklavinnen mussten dem Hausherren sexuell zur Verfügung
stehen; darin lag allerdings auch eine Chance, bei einer Schwängerung mitsamt dem Kind freigelassen zu werden. Männliche Sklaven wurden oft kastriert, weniger, wie die westliche Folklore glauben macht, um dem Geschlechtsverkehr im Harem vorzubeugen, sondern um sie als soziale und rechtliche Subjekte zu vernichten, bloß ihre Arbeitskraft blieb erhalten; man schätzt, dass vielleicht nur ein Siebtel der kastrierten Jungen den Eingriff überlebte. Inwieweit Sklaven im Haushalt misshandelt oder getötet wurden, ist kaum nachvollziehbar. Aus manchen Regionen ist belegt, dass sie rituell geopfert wurden.

Slavenmarkt im Jemen, 13. Jh.
Bild: Bibl. Nat.Paris/Wikiepdia

Hellhäutige Frauen kosteten ein Drittel oder die Hälfte mehr als Schwarze – dazu trug zweifellos auch bei, dass Afrika sich weniger als Europa gegen Sklavenjagden wehren konnte. Das war im frühen Mittelalter noch anders gewesen, als Sklaven aus dem Osten Europas, den "slawischen" Ländern (das moderne Wort "Sklave" rührt daher), von westeuropäischen Zwischenhändlern in großer Zahl in den Mittelmeerraum und in den Nahen Osten verkauft wurden.

Araber und Europäer brauchten diese Jagden nicht einmal selbst durchzuführen: Viele afrikanische Stämme gingen bei ihren weniger kriegerischen Nachbarn auf Sklavenfang. In Mosambik, berichtet Mann, verhalf die europäische Nachfrage nach Elfenbein dem Sklavenhandel im 16. Jahrhundert zu einem besonderen Aufschwung: Die erbeuteten Sklaven durften auch gleich das Elfenbein mit zur Küste transportieren. Beliebte Tauschware im Geschäft mit den afrikanischen Stämmen waren, wie im atlantischen Handel auch, Gewehre.

Kriegerische Sklavenjagden gab es aber auch in anderen Regionen am Indischen Ozean, zum Beispiel in Birma. Aus indischen Städten wiederum ist belegt, dass Kinder selbst bei hellem Tag und auf offener Straße entführt und dann in die Sklaverei verkauft wurden. Die häufigste Form von Sklaverei abseits vom Nachschub aus Afrika, unterstellt Mann, wird aber die Schuldsklaverei gewesen sein: Wer Schulden nicht zurückzahlen konnte, musste sich sozusagen selbst verkaufen. Oft nahmen Briten, die nach Europa zurückgingen, ihre persönlichen "Bedienten" oder Konkubinen als eine Art Hausrat mit. König Karl II. von England erbat sich im 17. Jahrhundert von der East India Company zwei Inder, einen Jungen und ein Mädchen, für sein Kuriositätenkabinett.

Allerdings gab es, wie auch aus der griechischen und römischen Antike bekannt, eine ganze Reihe von Wegen zur Freilassung. Muslimische Rechtsgelehrte vertraten die Auffassung, es sei heilsförderlich, "rechtgläubige" Sklaven in die Freiheit zu entlassen. Neu versklavt werden durften Muslime ohnehin nicht – ein Verbot, das manchmal umgangen wurde, indem man Vorwürfe von Häresie konstruierte. Heiden dagegen durften von Muslimen jederzeit versklavt werden, daran änderte im Nachhinein auch ein Übertritt zum Islam nichts mehr, auch nicht für die Nachkommen.

"Generell behielten die europäischen Kolonialregime die vorgefundenen Institutionen bei", stellt Mann fest. Für Sklavinnen, die als Konkubinen eingesetzt waren, werden sich die Verhältnisse allerdings verschlechtert haben: Die Europäer neigten dazu, sie schlicht als Prostituierte zu behandeln. "Je dauerhafter indes die Anwesenheit der Kolonialherren wurde, desto größer war die Chance, dass sie ihre Konkubinen ehelichten und die Kinder als Erben anerkannten." Und noch etwas änderte sich durch die europäische Expansion nach Übersee; es war ein Ansatz zur "Globalisierung", wenn man so will: Durch die europäischen Händler wurde der gesamte Indische Ozean zu einem einheitlichen Wirtschaftsraum, Sklaven wurden nun über viel weitere Strecken als zuvor verschifft, zum Beispiel von Ostafrika nach Java.

Ludolf Backhuysen: Flotte der Niederlän-
disch-Indischen Kompanie, 1675
Bild: Wikipedia
Welche Folgen die Ausbreitung der Plantagenwirtschaft im 18. Jahrhundert hatte, demonstriert Mann am Beispiel des französischen Mauritius. 1723 wurde, wie zuvor schon für die Karibik, ein "Code Noir" erlassen, der das rechtliche Verhältnis zwischen Sklaven und Eigentümern regeln sollte. "Ein folgenreicher Schritt zur Reduzierung auf eine juristische Sache", in einer Eindeutigkeit, zu der die einheimischen Rechtssysteme niemals vorgedrungen waren. Die brutalen Strafen gegen entlaufene Sklaven wurden im späten 18. Jahrhundert allerdings deutlich gemildert – nicht aus humanitären, sondern aus "rein ökonomischen Gründen", meint der Autor.

In der Regel nahmen die Kolonialregime vom Versuch, die Verhältnisse im östlichen Afrika und im südlichen Asien konsequent nach europäischen Rechtsvorstellungen zu ordnen, aber Abstand. Im 19. Jahrhundert, als in Europa längst die Sklavenbefreiung auf dem politischen Programm stand, wirkte sich diese Zurückhaltung gerade gegenteilig aus. Als Sklavenhandel und Sklaverei Anfang des 19. Jahrhunderts vom Parlament in London verboten wurden, setzten die Kolonialbehörden in Indien diese Neuerung Jahrzehnte lang nicht um – aus Rücksicht sowohl auf die muslimischen wie auch die hinduistischen Rechtstraditionen.

Es könne doch nicht die Absicht gewesen sein, ganze Völker, bei denen "Haushaltssklaverei" üblich sei, für ein Gerichtsverfahren abtransportieren zu lassen, zitiert Mann britische Rechtsexperten in Calcutta  – die Sklavenhalter waren die einheimischen Eliten, auf deren Kooperation die Kolonialherren sich angewiesen sahen. Ähnlich wie im Fall der Witwenverbrennung scheuten die Briten davor zurück, deren Loyalität auf eine allzu harte Probe zu stellen – von der Frage, wie nach einer vollständigen Abschaffung der Sklaverei die Wirtschaft ausschließlich mit freier Lohnarbeit zu organisieren wäre, ganz abgesehen.

Ähnlich, schreibt der Autor, rührten in Ostafrika "die deutschen Kolonialbeamten nicht grundlegend an der Institution der Sklaverei aus Furcht, sie könnten damit Unruhe unter der gesellschaftlichen Elite auslösen". Eine andere Strategie verfolgten dagegen die Franzosen Ende des 19. Jahrhunderts auf Madagaskar. Dass die Sklaverei 1897 verboten wurde, so Mann, war "sicherlich humanitär motiviert, diente aber ebenso dazu, die gesellschaftlichen Strukturen zu unterminieren, um das eigene instabile Kolonialregime besser etablieren zu können".

Die humanitäre Kritik im Westen hatte sich zunächst mehr am Handel als an der Sklaverei im allgemeinen entzündet (vielleicht auch, darf man spekulieren, weil dadurch Familien auseinander gerissen  wurden). Effektiv verhindern konnte die britische Marine den Sklavenhandel im Indik aber niemals. Anfang des 19. Jahrhunderts soll es auf Handelsschiffen nicht unüblich gewesen sein, dass Sklaven über Bord geworfen wurden, wenn sich eine Patrouille näherte. Zum Beispiel im Osmanischen Reich "wurden die britischen Aktivitäten als Einmischung in die inneren Angelegenheiten empfunden" – eine Argumentation, die uns aus aktuellen Menschenrechtsdebatten allzu gut bekannt ist.

Denkmal für die Opfer der Sklaverei in San-
sibar - Bild: Matthias Zimgibl/Wikipedia

Und die, vom nicht-westlichen Standpunkt aus betrachtet, ja nicht einmal ganz unverständlich ist. Im Kampf gegen die Sklaverei in Übersee gerierte sich der Westen als "Hort der Freiheit" und attestierte sich die Aufgabe, diese Freiheit in die Welt tragen zu müssen; das lief eben auch auf eine Legitimation der Kolonialherrschaft hinaus. 1841 legte eine "Indian Law Commission" dem Parlament in London ein umfangreiches Papier über die Schwierigkeiten vor, das uralte Institut der Sklaverei effektiv abzuschaffen. Neben Kompensationen für die Sklavenhalter, der zukünftigen Organisation des Arbeitsmarktes und der Versorgung ehemaliger Sklaven bei Krankheit und im Alter wurde auch ein sozusagen ideologisches Problem angesprochen: Den indischen Sklaven sei die westliche Idee von Freiheit völlig unbekannt.

Daran spiegelt sich natürlich der westliche Standpunkt; aber tatsächlich fanden die Reformen bei den Sklaven selbst offenbar wenig Rückhalt. 1943 kam es im britischen Protektorat Aden sogar zu einer Militärrevolte, als der Sultan von Mukalla auf Druck der Kolonialmacht seine Sklavensoldaten in die Freiheit entlassen wollte: Aus der Sicht dieser Soldaten hätte das einen sozialen Abstieg bedeutet. Am Ende wurden sie zwangsweise befreit, sozusagen pensioniert. Der Status aller anderen Sklaven im Jemen, stellt Mann lapidar fest, blieb unberührt, selbst über das Ende des Protektorats 1967 hinaus.

Sklaverei und Sklavenhandel am Indischen Ozean – eine Geschichte der Globalisierung, resümiert Mann; in wachsendem Maße wurden zu Lande wie zu Wasser Menschen als "Waren" über weite Strecken transportiert. Wenn man so will, war es auch eine Globalisierung der Maßstäbe. Die europäische und nordamerikanische Diskussion über eine Ablösung der unfreien Sklaverei durch freie Lohnarbeit seit dem späten 18. Jahrhundert traf auf eine Welt, die auf eine solche begriffliche Zweiteilung nicht vorbereitet war. Selbst in Europa, stellt Mann fest, herrschte damals in weiten Regionen noch Leibeigenschaft, in Russland bis 1861 – auch eine Form unfreier Arbeit, wenngleich die Leibeigenen nicht als Sachen, sondern als Personen galten. 
 
Als der Völkerbund sich nach dem Ersten Weltkrieg die weltweite Abschaffung der Sklaverei ins Programm schrieb, war das aus der Sicht der sklavenhaltenden Eliten eine Art Zwangserziehung. Die Reaktionen fielen ganz unterschiedlich aus. Äthiopien verbot die Sklaverei, bestand den "Zivilisationstest" und wurde 1923 in den Völkerbund aufgenommen. Dagegen erhob Scheich Hussain, den die Briten 1916 im Westen der Arabischen Halbinsel als König eingesetzt hatte, völlig ungeniert eine Steuer auf Sklavenverkäufe, die in seinem Reich durchgeführt wurden. "In manchen Regionen sind die Versklavung von Menschen und der Handel mit ihnen bis in die Gegenwart zu beobachten", schreibt Michael Mann. Diese Gegenwart hat er jedoch seinen Kollegen von der Zeithistorie überlassen.
 

Neu auf dem Büchermarkt:
Michael Mann: Sahibs, Sklaven und Soldaten. Geschichte des Menschenhandels rund um den Indischen Ozean,
Philipp von Zabern, Darmstadt/Mainz 2012, ISBN 978-3-8053-4363-3, 29,90 €, 41,90 SFR


Mehr im Internet:
Wettgeschichte der Sklaverei, scienzz 09.10.2009
Vor 150 Jahren gründeten die Sklavenhalter-Staaten der USA die Konföderation, 02.02.2011
Sklaverei - Wikipedia


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus
Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communication

 

 

 

 

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