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30.01.2012 - UMWELTGESCHICHTE

Holznot, Hagelschlag und Hexen

Aspekte einer Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Convento do Carmo in Lissabon,
Ruine seit dem Erdbeben 1755
Bild: Chris Adams/Wikipedia

Die Grönlandwikinger ... Mehr als ein halbes Jahrtausend lang hatte ihre Kultur Bestand; aber Mitte des 16. Jahrhunderts verschwand sie sang- und klanglos aus der Geschichte. Der Paradefall einer "gescheiterten" Kultur, schrieb vor zwei Generationen Arnold Toynbee in seiner philosophischen Rekonstruktion der Weltgeschichte – gescheitert, weil die Umweltbedingungen zu hart waren. Eine Theorie, die ja auch plausibel wirkt. Nur – warum machte sich diese harte Umwelt erst nach einem halben Jahrtausend bemerkbar?

Weil es im späten Mittelalter in der Arktis drastisch kälter wurde, antworten heute viele Forscher; in den Jahrhunderten zuvor waren die Umweltbedingungen auf Grönland so hart nämlich gar nicht gewesen. Das Klima hat sich in historischer Zeit geändert – darauf haben wohl erst die ökologischen Probleme der Gegenwart den Blick gelenkt. Die Natur wurde sozusagen "historisiert": einerseits als bislang kaum beachtetes Movens historischer Veränderungen, andererseits aber auch, weil das, was uns heute als "Natur" vorkommt, in einer komplexen Interaktion mit menschlichen Eingriffen entstanden ist, und zwar lange bevor die Industrie die globale ökologische Krise auslöste.
 
Reinhold Reith, Wirtschafts- und Sozialhistoriker an der Universität Salzburg, hat jetzt eine "Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit" vorgelegt, bezogen auf Deutschland oder Mitteleuropa. Genau genommen, handelt es sich nicht um eine Geschichte, sondern vielmehr um einen Abriss der Probleme, die in der aktuellen Forschung zu diesem Thema diskutiert werden. Noch um 1800 war das Problem vielen Historikern durchaus bewusst; zum Beispiel der schwedische Baron Frederik Wilhelm Ehrenheim brachte 1824 die Vermutung auf, das Ende der Wikingersiedlungen auf Grönland könnte durch einen Klimawechsel hervorgerufen worden sein. Die "klassische" Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts dagegen wollte streng zwischen der "natürlichen" und der "sittlichen" Welt trennen.

Mit dem, was heute als globale Erwärmung diskutiert wird, lassen sich die Entwicklungen in der Frühen Neuzeit nicht vergleichen, stellt Reith fest. Aber bereits um 1500 wird es in Deutschland kaum noch "natürliche", vom Menschen ungestörte Landschaften gegeben haben; eine Ausnahme bildeten allenfalls die Sumpf- und Moorgebiete. Naturfreunde machen es sich wohl nicht immer klar; aber zum Beispiel die ausgedehnten Wiesen Mitteleuropas sind keineswegs ein "natürliches" Phänomen, sie sind durch permanentes Mähen entstanden. Die vielleicht auffälligste Veränderung am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit: Die ausgedehnten Weinbauflächen an der Saale, im östlichen Franken, in der Rhön und in den nördlichen Alpentälern verschwanden, während der Obstbau zunahm – eine Folge der Abkühlung, die heute als "Kleine Eiszeit" bezeichnet wird.

Das bedeutet natürlich nicht, dass sich im Umkehrschluss aus der nördlichen Weingrenze der Klimawandel präzise rekonstruieren ließe. Ob Weinreben gepflanzt werden, hängt nicht nur von den natürlichen Bedingungen ab, sondern auch von den Absatzmöglichkeiten und damit vom Geschmackswandel in der Gesellschaft, der durch die Schwierigkeiten, bestimmte Pflanzen anzubauen, wiederum gefördert werden kann. Oft waren es politische Entscheidungen, die das Landschaftsbild veränderte, etwa die Förderung des Kartoffel- und des Zuckerrübenanbaus durch die preußischen Könige. Und wie heutzutage auch eigneten sich natürliche Ressourcen als politische Druckmittel. Zum Beispiel besaßen die Städte Würzburg und Regensburg keine eigenen Wälder; wollten sie ihren Nachschub an Holz nicht gefährden, mussten sie sich gegenüber den Territorialherren des Umlandes in Wohlverhalten üben.

Bergbau, aus Georg Agrico-
las "De re metallica", 1556
Bild: Wikipedia
Eine "gute, alte Zeit" war die Epoche vor der industriellen Revolution in ökologischer Hinsicht keineswegs. 1553 sah sich das Herzogtum Bayern genötigt, den Fischfang zu beschränken: Die Bestände seien fast "verödigt", heute würde man sagen: überfischt. 1556 vermerkte der Gelehrte Georg Agricola, die sächsischen Wälder seien durch die "Unmengen Holz", die der Bergbau benötige, schwer geschädigt; durch das Niederlegen der Wälder würden Vögel und andere Tiere ausgerottet.

Kein Wunder, dass der Begriff der Nachhaltigkeit, der heute die politische Debatte beherrscht,  zuerst im Zusammenhang mit der Fortwirtschaft aufgekommen ist. Einen frühen Beleg hat Reith in der Reichenhaller Forstordnung von 1661 gefunden: "Also soll der Mensch es halten, dass ehe der alte Wald ausgehet, der junge bereits wieder zum Verhacken hergewachsen ist". Gefruchtet haben solche Appelle zunächst wohl wenig. Ende des 18. Jahrhunderts wurde allgemein über die "Holznot" geklagt.

Was genau dahinter stand, ist allerdings bis heute umstritten, berichtet Reith. Manche Forscher unterstellen in der Tat, dass der Holzmangel die industrielle Wirtschaft bereits in ihren Anfängen hätte ersticken können, wenn es nicht gelungen wäre, Holz durch den Energieträger Kohle zu ersetzen; andere glauben, dass ein politisches Kalkül dahinter stand: Die Fürsten hätten die Nutzung des Waldes unter ihre Kontrolle bringen wollen. Beide Ansätze müssen einander auch nicht ausschließen.

À propos Holz und Kohle: Bereits im 17. Jahrhundert klagten Bewohner von London, durch die Kohle sei ihre Stadt "in Wolken von Rauch und Schwefel, voller Gestank und Finsternis" gehüllt. Auf dem Kontinent wird das damals noch nicht das Problem gewesen sein; dort wiederum begünstigten sowohl die Fachwerkbauweise als auch das Heizen mit Holz die Brandgefahr. Umweltprobleme waren in den Städten allgegenwärtig. 1696 monierten Zürcher Bürger, "dass das unsaubere Trinkwasser Leuten und Vieh leicht zu Schaden gereichen könne". Vor allem in Pestjahren bemühte sich die Obrigkeit um Hygiene: Die Wäsche von Kranken und Toten dürfe nur an den Ausflüssen aus der Stadt gewaschen werden, schärften die Räte den Bürgern immer wieder ein.

Seuchen und Kriege gingen oft Hand in Hand; "Die Bevölkerungsverluste während des Dreißigjährigen Krieges gehen überwiegend auf Seuchen zurück", so Reith, die meist durch den Krieg Verbreitung fanden." Verwirrend für heutige Betrachter: Theologische Erklärungen – die Pest als göttliche Strafe – und naturwissenschaftlich-medizinische Ansätze etwa unter dem Stichwort "Luftverpestung" konnten offenbar miteinander koexistieren; im 17. Jahrhundert bildete sich die Formel heraus, die Seuche werde von Gott auf natürliche Weise hervorgerufen.

Hexenverbennung 1587, in der
Slg. Wickiana /Zentralbiblothek
Zürich) - Bild: Wikipedia

Nicht nur real, sondern ebenso in der Deutung durch die Zeitgenossen wirkten große und kleine Katastrophen auf die Geschichte. Im 17. Jahrhundert hatte es zwischen den Konfessionen einen regelrechten Konkurrenzkampf um die beste Abwehr von Unwettern gegeben – die Protestanten versuchten, dem Weihwasser und den Kerzen der Katholiken Gebet und Predigt entgegenzusetzen. Gegen manche Plagen ging man allerdings sehr handfest vor. Auf dem spätgotischen Flügelalter der Kirche im oberösterreichischen Kefermarkt, um 1500, sind Einschüsse zu sehen; sie stammen von der Jagd auf Spatzen, die in der Kirche nisteten. Ein protestantischer Pfarrer der Dresdner Kreuzkirche dagegen versuchte 1559, die Sperlinge, die seine Zuhörer von der Predigt ablenken, durch die Drohung mit dem Kirchenbann zu vertreiben.

Noch 1750 untersagte Kaiserin Maria Theresia das Gewehrschießen zur Abwehr von Hagel: Dadurch werde "das Gewölk den Nachbarn mit noch größerer Gewalt auf den Hals getrieben". Etwa gleichzeitig erfand Benjamin Franklin den Blitzableiter. Es gab eine heftige Diskussion, ob dies nicht ein frevelhafter Versuch sei, in die Rechte der göttlichen Allmacht einzugreifen.

Insgesamt kommt die Frage, inwieweit der Mensch in die Natur eingreifen darf, in Reiths Überblick vielleicht etwas kurz weg. Typisch dürfte eine Argumentation sein, wie der Forscher sie in einer Schrift des Humanisten Paulus Niavis aus den 1490er Jahren gefunden hat. Die Mutter Erde verklagt den Menschen, weil er sie durch den Bergbau aus Habgier verwunde; der Mensch entgegnet, die Erde halte ihre kostbaren Schätze missgünstig vor ihm verborgen.

"Die Erde sei kein Selbstzweck, sondern einzig und allein um des Menschen Willen geschaffen", fasst Reith diese Verteidigung zusammen. Moderne Historiker wie zum Beispiel der Mittelalterspezialist Lynn White haben darin eine Fortschreibung des alttestamentarischen Gebotes "Macht euch die Erde untertan!" gesehen – eine Haltung, die sich in der frühen Neuzeit allerdings noch nicht derart massiv auswirken konnte wie nach der Industriellen Revolution.

Als ein Wendepunkt in der neuzeitlichen Ideengeschichte gilt das Erdbeben von Lissabon 1755, das die Vorstellung von einer auf menschliches Glück hin angelegten Schöpfung erschütterte. Inwieweit mag diese Erschütterung von den intellektuellen Eliten in weite Kreise der Bevölkerung durchgedrungen sein? Unter Geschichtswissenschaftlern wird heute diskutiert, ob ein Hagelschlag im Sommer 1788, der weite Teile Frankreichs verheerte, nicht zum Sturz des Ancien Régime mit beigetragen haben könnte: Weltliche wie geistliche Obrigkeiten hatten sich als hilflos erwiesen.

Benjamin Franklins
"Sentry-bos esperiment"
1750 - Bild: Wikipedia
Naturwissenschaftlich gesichert ist jedenfalls, dass die "Kleine Eiszeit" vom 15. bis zum 19. Jahrhundert eine drastische Abkühlung brachte. Dass am Hof des Sonnenkönigs in manchen Wintern der Wein in den Gläsern gefror, ist vielleicht nur eine Anekdote; aber tatsächlich gingen die Ernteerträge zurück, Hungersnöte wurden häufiger. Gehen die vielen Bauernrevolten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts und die Welle der Hexenprozesse seit Mitte des 16. Jahrhunderts letztlich vielleicht auf diese Klimaveränderung zurück? Das Ergreifen der "Sündenböcke" habe psychologische Entlastung  und moralische Genugtuung gebracht, argumentierte  bereits 1986 der Historiker Hartmut Lehmann, und sein Kollege Wolfgang Behringer bereicherte das Konzept "Kleine Eiszeit" durch eine Reihe von Detailbeobachtungen. So sei wahrscheinlich auch der "Siegeszug der Unterwäsche" in Europa genau hierauf zurückzuführen. 
 
Eine Theorie, die unmittelbar plausibel scheint, sich aber aus den Quellen schwer belegen lässt; immerhin – Wetterzauber gehörte zu den Tatbeständen, die den Hexen immer wieder vorgeworfen wurden. Ebenso wenig ist bis heute geklärt, ob es wirklich das Klima war, das der Kultur der Grönlandwikinger ein Ende bereitete. Wahrscheinlich kamen mehrere Faktoren zusammen: Die Kolonie wurde durch die härter werdenden Umweltbedingungen geschwächt und war den Auseinandersetzungen mit den Inuit irgendwann nicht mehr gewachsen.

Die Frühe Neuzeit als eine "Ungunstphase"? Die Bevölkerungsentwicklung zeigt ein überraschendes Bild: Zwischen 1500 und 1800 stieg der Zahl der Menschen in Deutschland von 9 Millionen auf ca. 22 Millionen. Also eine "Wachstumsperiode". "Man koppelte sich mehr und mehr ab von der Natur", schrieb Behringer vor einigen Jahren in seiner "Kulturgeschichte des Klimas". Für Toynbee-Leser ist das eigentlich keine Überraschung: Große Kulturleistungen entstehen nicht wie von selbst durch günstige Naturbedingungen, sondern weil die Menschen Herausforderungen bewältigen müssen. Ganz plakativ: Ohne die "Kleine Eiszeit" hätte es die Industrielle Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts womöglich nicht gegeben.


Neu auf dem Büchermarkt:
Reinhold Reith: Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit
(Enzyklopädie deutscher Geschichte, herausgegeben von Lothar Gall, Band 89),
Oldenbourg Verlag, München 2011, ISBN 978-3-486-57622-1,
19,80 €



Mehr im Internet:
sciebzz Artikel Von der Renaissnace zur Aufklärung
scienzz Artikel Unsere Umwelt
Thesen zur Kulturgeschichte des Klimas, 27.02.2009



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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