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kultur

10.02.2012 - BRAUCHTUM

Esel und Dämonen, Harlekine und Flecklenarren

Zur Kulturgeschichte der Maske

von Josef Tutsch

 
 

Japanische Theatermaske
Prince of Wales Museum
Bombay - Bild: Shyamal/
Wikipedia

Es ist ein beliebter Effekt auf dem Theater und im Film: Einer der Schauspieler zieht sich seine Maske vom Gesicht und ist plötzlich ein anderer, als er vorher zu sein schien. "Die Maske weicht, es bleibt der Mensch", um es mit einem Vers des französischen Schriftstellers Jean-Jacques Rousseau zu sagen. Aber kann sich der Zuschauer da so ganz sicher sein? Der Vorgang könnte sich wiederholen ... Wann kommt hinter den vielen "personae" – das lateinische Wort bezeichnete ursprünglich die Masken auf dem Theater – die authentische "Person" zum Vorschein?

Eine Maske, das ist für uns der Inbegriff der Uneigentlichkeit, all dessen, was wir im Ernst des Lebens nicht sind und nicht sein können. Diese Sehnsucht nach dem "Anderen", nach dem "Als-ob" ist wahrscheinlich ebenso alt wie die Menschheit selbst. Höhlenmalereien der Altsteinzeit, die in Frankreich und in Spanien gefunden wurden, zeigen tierköpfige Mischwesen; viele Prähistoriker vermuten, dass Tierschädel bei rituellen Tänzen als eine Art Maske vorgehalten wurden. Vielleicht handelte es sich um eine Art Jagdmagie, ähnlich wie bei den Prärie-Indianern Nordamerikas, die vor der Jagd Tänze in Büffelmaskierung aufführten.

In Amerika und in Asien, in Afrika und in der Südsee – Masken sind allgegenwärtig, jedenfalls dann, wenn man auch die Bemalung von Kopf und Körper, wie sie bei den australischen Aborigines zu hoher Kunst entwickelt wurde, als eine Art Maskierung gelten lässt. Es gibt kaum ein Material, das nicht zur Maskenherstellung genutzt worden wäre – von Ton und Holz über Federn und Muscheln bis zu Leder und Menschenhaar. In Masken wurden Ahnen und Götter verehrt, hilfreiche wie gefährliche Geister gebannt oder beschworen.

In unserer modernen Kultur sind die Masken auf zwei Reservate zurückgedrängt, Theater, Film und Zirkus einerseits, Karneval und Kostümfeste andererseits. Oder eigentlich drei Bereiche; denn Masken werden auch sehr pragmatisch und zweckhaft eingesetzt: als Schutz vor Verletzungen bei der Arbeit und beim Sport, als Darstellungen von Macht etwa in Uniformen, als Vermummung, um bei Demonstrationen und Versammlungen (oder ganz einfach bei Straftaten) nicht erkannt zu werden. 

Es gab Versuche, den Gebrauch von Masken noch stärker zu reduzieren. Durch die Reformation gerieten die Karnevalsbräuche in den protestantischen Gebieten in Vergessenheit, weil diese Ausschweifungen ja nur als Vorbereitung zur Fastenzeit ihren Sinn hatten; calvinistische Theologen stellten auch das Theater unter moralischen Generalverdacht. Ein Sieg der "Authentizität" über die als "uneigentlich" empfundene Maske? Rousseau, der Aufklärer aus calvinistischer Tradition, wird es so gesehen haben, stellte sich damit jedoch in Gegensatz zu uralten Menschheitsüberlieferungen.

Theatermasken, römisches Mosaik, 2. Jh.,
Kapitolinisches Museum Rom
Bild: Wikipedia

Nichts sei universaler in der Geschichte als die Maske, schrieb der französische Philosoph Roger Caillois vor einem halben Jahrhundert in seinem Buch "Die Spiele und die Menschen": "Ganzen Völkern waren die einfachsten und nützlichsten Werkzeuge unbekannt, aber sie kannten die Masken." Selbst der islamische Kulturkreis, in dem sich doch ansonsten die Vorbehalte gegen eine figürliche Darstellung von Menschen und Tieren weitgehend durchgesetzt haben – auch Kopftuch und Gesichtsschleier oder gar die Burkha sind so etwas wie Masken. Dem Arabischen verdanken wir übrigens das Wort "Maske"; "maskharat" bedeutet so viel wie Narr oder Posse.

Ob nun als Gesichtsvorsatz oder nur als Schminke, als bloß andeutende Kopfbedeckung oder als Verhüllung des ganzen Körpers – die Maske ist das vieldeutigste Symbol der gesamten Kulturgeschichte. Sie kann das bezeichnen, was der Mensch in einem ganz banalen Sinn ist, aber auch das, was er in seinen höchsten Träumen gern wäre. Und auch das, was sein zu wollen er sich nicht einzugestehen wagt, bis hin zum Teufel. Es liegt zweieinhalb Jahrtausende zurück, dass sich im alten Athen die Maskentänze aus dem religiösen Zusammenhang zu lösen begannen. Aus der Verehrung des Gottes Dionysos entstanden Tragödie und Komödie – nach wie vor kultische Veranstaltungen und dennoch "Theater"; wenn man den anachronistischen Ausdruck nicht scheut, darf man von Säkularisierungsphänomenen sprechen.

In einer Schrift aus dem 2. Jahrhundert nach Christus werden nicht weniger als 28 tragische und 44 komische Maskentypen aufgelistet, die sich die Sänger oder Schauspieler überstülpten, um ihre Rollen zu bezeichnen: alte und junge Männer, Frauen und Sklaven.  Im japanischen No-Spiel, das sich ganz ähnlich aus dem buddhistischen und dem Shinto-Mythos entwickelt hat, werden sogar 250 Maskentypen gezählt, für Menschen wie für überirdische Wesen. Das lateinische Wort für solche Masken, "personae", haben viele Etymologen mit dem Verbum "personare" in Verbindung gebracht, "durchtönen", weil der Mund als eine Art Schalltrichter diente.

Heute neigen wir eher dazu, das Wort "Maske" gerade als Gegenteil zur "Person" zu verstehen. Im europäischen Theater der Neuzeit herrscht die sogenannte "Schminkmaske" vor, in der die individuelle Mimik erhalten bleibt. Aber immer wieder hat es Experimente gegeben. Der vielleicht prominenteste Fall: Die Wiederbelebung der Commedia dell’arte im Teatro Piccolo des Giorgio Strehler in Mailand um 1950 – ein Rückgriff auf eine volkstümliche Komödienform abseits des Hauptstroms der abendländischen Theatergeschichte. Darin hatten sich seit dem 16. Jahrhundert ähnlich wie in der Antike feste Maskentypen ausgebildet: "Arlecchino", der gewitzte Diener mit geschwärztem Gesicht, "Pantalone", der geizige Kaufmann, eine braune Maske mit Buckelnase und Ziegenbart, "Dottore", der komische Gelehrte, eine schwarze Maske mit Knollennase, "Tartaglia", der stotternde Beamte mit übergroßer Brille usw. usf. Durch Dichter wie Carlo Goldoni und Carlo Gozzi sind diese Späße in die Weltliteratur eingegangen.

Ähnlich war in den deutschsprachigen Gebieten war auf Jahrmärkten und Wanderbühnen die Figur des Hans Wurst beliebt, erkennbar durch seine überstarke Schminke. Den Vertretern des bildungsbürgerlichen Theaters, wie es im 18. Jahrhundert aufkam, war er ein Dorn im Auge. In den 1730er Jahren wollte ihn der Leipziger Literaturprofessor Johann Christoph Gottsched im Namen des guten, "vernünftigen" Geschmacks in aller Form von der Bühne verbannen: Nur der "unterste Pöbel" finde Vergnügen an solchen "Narrenspossen".

Karneval in Venedig
Bild: wanblee/Wikipedia

Oder die gott- und sittenlosen "Heiden", wie viele Gelehrte unterstellten. Es sei "außer Zweifel", schrieb eine Enzyklopädie aus dem Jahre 1784, "dass die tollen Fastnachtslustbarkeiten ihren Ursprung von den Heiden haben, welche dem Bacchus zu Ehren gewisse Tage dem Fressen, Saufen, Unzüchten und allerlei Ausschweifungen gewidmet haben". Historisch näher liegt es, den Ursprung der karnevalistischen Maskenbräuche im christlichen Mittelalter zu suchen und dort nicht zuletzt in den Mysterienspielen mit ihren – oft grässlichen, oft lustigen – Teufels- und Sünderfiguren. Besonders beliebt scheint der Narr gewesen zu sein. Kein Wunder, unter der Narrenkappe oder -maske durfte man Dinge sagen, die sonst lebensgefährlich gewesen wären, inklusive mancher Blasphemien, getreu dem Psalmvers "Es spricht der Narr in seinem Herzen: Es ist kein Gott."

Aus dem Mittelalter sind ganze Narren- und Eselsfeste belegt; zur Erinnerung an jenes Grautier, das die heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten trug, schrie die Gemeinde unter dem Segen des Priesters laut "I-aah!", dabei werden auch Tiermasken zum Einsatz gekommen sein. Eine Drastik, die durch Reformation und Gegenreformation sehr zurückgedrängt wurde. Theologen aller Konfessionen predigten Ernsthaftigkeit – außerhalb des kirchlichen Raums wohl nur mit begrenztem Erfolg. Im 16. Jahrhundert wurden Maskenbälle zum beliebten Zeitvertreib an den Höfen, hundert Jahre später trat Ludwig XIV. in Versailles persönlich auf die Bühne, als Sonnenkönig kostümiert.

Im 17. und 18. Jahrhundert war Venedig für ganz Europa die Stadt der Masken schlechthin. Die Republik kaschierte ihren politischen und ökonomischen Niedergang mit dem Karneval, der sich allmählich auf das ganze Jahr ausdehnte, mit Ausnahme gerade einmal der Fasten- und der Weihnachtszeit. "Die venezianische Maske", schrieb der Reiseschriftsteller Johann Jacob Volkmann 1770 in seinen "Nachrichten aus Italien", bestehe in einem Mantel aus schwarzer Seide oder, eher bürgerlich, aus rotem oder grauem Tuch; "Auf dem Kopf trägt man eine Bauta oder Kappe, welche den Kopf bis ans Kinn bedeckt und bis über die Schulter hinabgeht. Das Gesicht ist mit einer weißen Wachsmaske (Volto) bedeckt, welche bis auf den Mund geht, und man setzte einen Federhut auf, um sie festzuhalten."

Bräuche, die inzwischen kommerziell wiederbelebt wurden. "Vier Tage Venedig, Maske im Preis inbegriffen", werben die Reiseveranstalter. Auch die Karnevalsbräuche am Rhein gehen nur indirekt auf das Mittelalter oder die frühe Neuzeit zurück. Nachdem durch Reformation und Aufklärung vieles vergessen worden war und die Truppen der Französischen Revolution die Reste unterdrückt hatten, musste man sie mit quasi antiquarischem Interesse erneuern. Außer der "Jeckenmaske" und dem Lumpenkostüm fanden besonders die phantasievollen "Uniformen" Verbreitung, Parodien weniger auf die Franzosen als auf die spätere Besatzungsmacht, die Preußen. Aber von den "Offiziellen" abgesehen, läuft im Rheinland heutzutage jeder so, wie er mag, durch die "fünfte Jahreszeit": als Cowboy, Teufel, Affenmensch, Vampir, Elvis Presley ...

Enger sind die Bezüge zur Vergangenheit vielleicht in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, wenngleich das Brauchtum dort erst um 1900 neu auflebte. Der eine oder andere Masken- und Kostümtyp könnte tatsächlich bis auf die Barockzeit zurückgehen: die Teufel und Hexen und halb tiergestaltigen "Wilde Leute" und vor allem die vielen, vielen Arten von Narren, besonders beliebt die "Weißnarren" mit einem weißen Leinengewand, das aufwändig bemalt und bestickt ist, und die "Flecklenarren", deren "Häs" oder Kostüm aus alten Stofffetzen besteht. Unnötig zu sagen, woran die Flecken erinnern sollen: an die Fleischeslust, mit der es – in jeder Hinsicht – kirchlicher Vorschrift zufolge in der Fastenzeit erst einmal zu Ende sein sollte.

Krampus-Maske vom Perchtenlauf in Klagen-
furt - Bild: Anita Martinz/Wikipedia

"Die Maske weicht, es bleibt der Mensch"? Da war der große Aufklärer Rousseau in seinem Bemühen um eine "natürliche", "ungeschminkte" Weltsicht vielleicht doch etwas einseitig. Seit Urzeiten ist es gerade die Maske oder die "Schminke", unmetaphorisch ausgedrückt: die Kultur, die das Wesen des Menschen ausmacht. Bei den Dichtern wurden das Theater, die Rolle und die Maske zu Symbolen des Weltgeschehens. "Die ganze Welt ist eine Bühne, alle Frauen und Männer sind bloße Spieler", heißt es in Shakespeares "Wie es euch gefällt", und der spanische Dichter Calderón stellt in seinem "Großen Welttheater" dar, wie Gott die Rollen seines Schauspiels an die Menschen verteilt. 
 

1959 übertrug der amerikanische Soziologe Erving Goffman diese Vorstellung vom Welttheater in eine wissenschaftliche Theorie: "Wir alle spielen Theater", nicht auf der Bühne, sondern ganz alltäglich; in der Interaktion mit anderen schaffen wir uns ein standardisiertes Ausdrucksrepertoire, einen Fundus von Masken, in dem auch wir selbst unser "Ich" sehen. Oder ist es womöglich sogar umgekehrt, die Masken sind das Feste, Bleibende in der Menschheitsgeschichte, die Menschen nur ihre vorübergehenden Träger? "Sechs Personen suchen einen Autor" lautet der Titel eines Stücks, das der Italiener Luigi Pirandello 1921 auf die Bühne brachte –  "Personen" in jenem doppelten Sinn, der auch das lateinische "personae", also "Rollen" oder "Masken", meint. In Pirandellos Stück haben die Masken die Initiative ergriffen; sie sind es, die sich, in Umkehrung von Calderóns Welttheater, ihren Schöpfer suchen, damit er sie ins Leben rufe.


Mehr im Internet:
scienzz Dossier Rund um den Karnveval
Maske - Wikipedia
scienzz artikel Rund um den Karneval


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

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