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28.02.2012 - GESCHICHTE

Ein singuläres Datum in der Weltgeschichte

Vor 300 Jahren hatte Schweden einen 30. Februar

von Josef Tutsch

 
 

König Karl XII. von Schweden,
Portrait von David Klöcker
Ehrenstrahl - Bild: Wikipedia

Die russische Oktoberrevolution fand nach unserem Kalender am 7. November statt, das ist Schulwissen. Und dass die Umstellung vom Julianischen auf den Gregorianischen Kalender 1582 durch Papst Gregor XIII. zunächst zu einigen Konfusionen führte, hat sich ebenfalls herumgesprochen. So war es im konfessionell gemischten Mitteleuropa mehr als ein Jahrhundert lang "normal", dass in der einen Stadt das Neue Jahr gefeiert wurde, während die Bewohner der Nachbarstadt Weihnachten noch vor sich hatten – vorausgesetzt, der eine Ort stand unter katholischer, der andere unter protestantischer Herrschaft.

Die Konfusion hält sich bis heute. Shakespeare und Cervantes starben am selben Tag, ist oft zu lesen, am 23. April 1616; bei Shakespeare war es jedoch der 23. April julianischen Stils, also unserem Kalender zufolge bereits der 3. Mai, elf Tage später. Aber ein 30. Februar – den kann es doch niemals gegeben haben, der Februar hat schließlich nur 28, in Schaltjahren 29 Tage und keinesfalls mehr? Es gab tatsächlich einmal einen "30. Februar", 1712 in Schweden. Ursache war die Anpassung an den Gregorianischen Kalender oder genauer: das Hin und Her um diese Anpassung. 1582 hatte Papst Gregor XIII. den Julianischen Kalender reformiert. Das julianische Jahr, in dem alle vier Jahre ein Schalttag eingefügt wurde, war nämlich gegenüber dem Kreislauf der Erde um die Sonne im Durchschnitt 11 Minuten zu lang; im Lauf der Jahrhunderte war das "künstliche" Jahr hinter dem "natürlichen" um volle zehn Tage zurückgeblieben.

Um das auszugleichen, legte Gregor fest, dass die Schalttage in den Jahren mit einer Zahl auf "00" in Zukunft in drei von vier Fällen wegzulassen waren, und ließ im Jahr 1582 zehn Tage kurzerhand ausfallen. Ob er geahnt hat, zu welchen Verwirrungen diese Regelung zunächst führen würde? Viele protestantische Länder behielten bis ins 18. Jahrhundert ihren alten, Julianischen Kalender bei, Russland sogar bis nach der Oktoberrevolution.

Die protestantischen Territorien im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation übernahmen den Gregorianischen Kalender 1700. In diesem Jahr folgte mithin dem 18. Februar "alten Stils" sogleich der 1. März "neuen Stils". Ende der Konfusion? Nicht so ganz. Für das Königreich Schweden ergab sich nun die Lage, dass die schwedischen Besitzungen in Deutschland, also das Herzogtum Vorpommern und die ehemaligen Bistümer Bremen und Verden, gregorianisch datierten, das Mutterland einschließlich Schwedisch-Finnland sich dieser Umstellung jedoch nicht anschließen wollte.

Jedenfalls nicht so schnell. Um einen großen Sprung im Kalender zu vermeiden, hatte sich König Karl XII. für einen ganz eigenen Weg der Anpassung entschieden: Von 1700 bis 1740 sollte in allen Schaltjahren der Schalttag ausfallen. Mit dieser Regelung war aber auch niemand so recht glücklich; volle vier Jahrzehnte lang wäre Schweden dem Julianischen Kalender voraus und dem Gregorianischen hinterher gewesen, mit keinem einzigen anderen Land im Gleichklang. Bereits 1704 und 1708 wurde die Anordnung, den Schalttag auszulassen, schlicht vergessen; 1712 kehrte Karl XII. zum Julianischen Kalender zurück.

Papst Gregor XIII., Portrait von Lavinia
Fontana - Bild: Wikipedia
Und um das zu bewerkstelligen, musste dieses Jahr 367 Tage haben, damit der weggefallene Schalttag von 1700 ausgeglichen wurde; dem Februar wurde deshalb ein zweiter Schalttag als 30. Tag des Monats hinzugefügt – Schweden hatte vor 300 Jahren ein Kalenderdatum, das in der ganzen Weltgeschichte sonst kein einziges Mal vorkommt. Ansonsten findet sich ein "30. Februar" nur in unverwirklichten Kalenderprojekten, die allen Monaten eine Einheitslänge verpassen wollten.

Und in der schönen Literatur. In dem Lustspiel "Horribilicribifax Teutsch" von Andreas Gryphius von 1673 wird ein Heiratskontrakt auf den 30. Februar 1648 datiert. Ein Scherz – mit der Geschichte hat es nichts Ernsthaftes auf sich, wollte Gryphius sagen, nicht anders als Ernst Kästner 1932 mit dem Titel seines Kinderromans "Der 35. Mai". Dass der Revolutionskalender, den die Sowjetunion 1929 einführte, dreißig Februartage gehabt hätte, ist bloß eine Legende.

1753 wechselte Schweden dann endgültig zum Gregorianischen Kalender. Der 30. Februar blieb eine Fußnote der Weltgeschichte. Und ein Beispiel für die Wirrnisse, die nicht nur das Nebeneinander verschiedener Kalendersysteme mit sich bringt, sondern manchmal eben auch der Versuch, solche konkurrierenden Systeme zu vereinheitlichen. So sind die orthodoxen Kirchen bis heute über diese Frage zerstritten: Die Mehrheit hat sich dem Gregorianischen Kalender angeschlossen, während Minderheiten die Feste weiterhin nach dem julianischen Stil berechnen, so dass zum Beispiel auf dem Berg Athos einige Klöster ihre Feste fast zwei Wochen später feiern als andere.

Die Geschichte des Kalenders – eine Geschichte der Konfusionen. Manchmal allerdings geht es auch um handfeste Interessen. 1873 wechselte das japanische Kaiserreich vom traditionellen Mondkalender zur westlichen Rechnung nach Sonnenjahren. Eigentlich wäre in diesem Jahr ein Schaltmonat fällig gewesen; indem der entfiel, ersparte sich die kaiserliche Regierung ein volles Monatsgehalt für ihre Beamten und entging auf diese Weise einem Staatsbankrott – manche Finanzminister werden vor Neid erblassen, dass ein solches Verfahren heutzutage nicht mehr möglich ist, da der Gregorianische Kalender inzwischen so gut wie weltweit gilt.

Und darin hat der Februar eben nicht mehr als 29 Tage. Jedenfalls in der Realität. Die deutsche Zinsrechnung geht von der Fiktion aus, jeder Monat hätte die einheitliche Länge von 30 Tagen; manchmal findet sich auf Abschlussbuchungen deshalb tatsächlich das Datum "30. Februar", was ganz einfach den letzten Monatstag bezeichnen soll. Unnötig zu sagen, dass bei der elektronischen Weiterverarbeitung leicht weitere Konfusionen entstehen.


Mehr im Internet:
30. Februar - Wikipedia
scienzz Artikel Unser Kalender und die Sterne


Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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