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04.03.2012 - GESCHICHTE

Eine Zeichensprache Gottes

Über den Umgang mit Katastrophen im späten Mittelalter

von Josef Tutsch

 
 

Das Erdbeben in Basel 1356,
aus der "Cosmographia" des
Sebastian Münster, um 1540
Bild: Wikipedia

Vor Katastrophen, das haben wir durch die Erd- und Seebeben der letzten Jahre immer wieder erfahren, zeigt sich die Menschheit ziemlich hilflos. Und selbst, wenn es sich um menschengemachte Katastrophen handelt, etwa Kriege, bleibt den Betroffenen oft keine wirksame Gegenwehr, weil es eben immer die anderen sind, die Geschichte machen. Die Gläubigen unter uns nehmen ihre Zuflucht zu jenseitigen Tröstungen, Technikfans wiederum träumen davon, sogar einen Asteroiden- oder Meteoriteneinschlag durch geeignete Maßnahmen bekämpfen zu können.

Wie sind die Menschen im späten Mittelalter mit Katastrophen umgegangen? Gerhard Fouquet und Gabriel Zeilinger, zwei Historiker der Universität Kiel, haben, eine Fülle von Quellentexten analysiert. Arm an Katastrophen war diese Zeit vom 13. bis zum frühen 16. Jahrhundert nun wirklich nicht. Nur zwei Beispiele: Um 1350 wurde die Bevölkerung Europas durch die große Pestepidemie schätzungsweise um ein Drittel dezimiert. Wenige Jahre später, 1356, ereignete sich in Basel das stärkste Erdbeben, das nördlich der Alpen jemals dokumentiert wurde.

Manche Katastrophen haben die Phantasie der Zeitgenossen derart intensiv beschäftigt, dass der historische Vorgang kaum noch zu rekonstruieren ist. Im 14. Jahrhundert ging das Kirchspiel Rungholt vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste in einer großen Sturmflut unter. Offenkundig orientierten sich die Verfasser der Chroniken nicht nur an den "realen" Begebenheiten, sondern mehr noch an jenem Kapitel im Alten Testament, in dem von der Sintflut die Rede ist. Drei Jahrhunderte später schrieb der Chronist Anton Heimreich von den wunderbaren Erzählungen, die da nach wie vor im Umlauf wären: Die mutwilligen Einwohner von Rungholt hätten eine Sau trunken gemacht und ins Bett gelegt und einen Priester zwingen wollen, ihr das Abendmahl zu reichen. "Und habe sich also bald ein ungestümer Wind und hohes Meer erhoben, dadurch das ganze Land Rungholt sei untergegangen und niemand sei davon gekommen als gemeldigter Prediger ..."

Die Katastrophe als Strafe für die Sündhaftigkeit der Menschen; dieser Gedanke kehrt auch in den Quellen über andere Katastrophen dieser Zeit immer wieder. Es hat seinen guten Grund, dass Fouquet und Zeilinger den einzelnen Kapiteln Bibelverse vorangestellt sind, in denen von vergleichbaren Ereignissen die Rede ist. Dieser theologische Rahmen hat die Menschen des späten Mittelalters aber nicht daran gehindert, sich gleichzeitig an technischen Maßnahmen zu versuchen. 1637 vermerkte der Schriftsteller Peter Sax, hundert Jahre zuvor habe man noch nicht gewusst, dass Deiche mit Stroh bedeckt werden müssten. Offenbar konnte er auf eine Generationen lange Diskussion über die beste Art, Deiche zu bauen, zurückblicken.

Anscheinend hat es im 13. Jahrhundert, also vor der Folge großer Sturmfluten, an der Nordseeküste sogar so etwas wie Technikeuphorie gegeben. Nach flandrischem und niederländischem Vorbild waren immer mehr Gebiete eingedeicht worden, um für die rasch wachsende Bevölkerung urbares Land zu gewinnen. Vielleicht haben sich die Anwohner ja in der Sicherheit gewiegt, damit auf Dauer geschützt zu sein. Folge war allerdings, dass die Sturmfluten um so heftiger gegen die Deiche brandeten; dafür waren die Deiche aber doch nicht gerüstet, und die Küstenlinie riss wieder auf.

Karte der Nordseeküste von Johannes
Blaeu, 1662. Südlich von Nordstrand ist
der Name des untergegangenen Rungholt
verzeichnet - Bild: Wikipedia
 
Theologische Reflexion über ein Eingreifen Gottes in die Welt einerseits, ein der Intention nach pragmatisches Handeln andererseits, freilich ohne die Folgen realistisch abschätzen zu können – zwei Stränge, die nebeneinander herlaufen konnten, ohne einander ins Gehege zu kommen. Die beiden Forscher haben keinen Vergleich mit der Gegenwart angestellt, und in der Tat ist auch schwer zu sagen, inwieweit das heutige Alltagsbewusstsein hierzulande mit der Möglichkeit rechnet, solche Extremereignisse könnten irgendwie im Sinne eines höheren Plans gesteuert sein. Die spätmittelalterlichen Quellen legen den Eindruck nahe, dass weltliche Erklärungen – und damit auch weltliche Vorkehrungen gegen Katastrophen – in dem Maße in den Vordergrund traten, in dem sich die Menschen daran gewöhnen mussten, in einer selbst geschaffenen Umwelt zu leben. In den Städten hatte sich ein umfangreiches System der Brandbekämpfung ausgebildet, das nahezu militärisch aufgezogen war und die Bürger ziemlich rigoros zu Dienstleistungen verpflichtete.

Die Zeitgenossen waren sich durchaus darüber im klaren, dass die gängige Bauweise mit Holz, Lehm, Ried und Stroh die Feuergefahr begünstigte; Mehrfach sind Anläufe bezeugt, die Strohdächer durch Ziegel zu ersetzen. Aber offenbar ließen es die Obrigkeiten bei ihren städtebaulichen Maßnahmen an Konsequenz vermissen. 1399 untersagte der Rat der Stadt Ulm vorspringende Obergeschosse, 1420 nahm er diese Anordnung wieder zurück – das schmucke Aussehen der Gebäude, das uns auch heute noch an den alten Innenstädten fasziniert, wurde im Zweifelsfall höher geschätzt. 1524 ordnete Landgraf Philipp von Hessen an, seine Städte sollten aus Gründen der Feuersicherheit so viele Scheunen wie möglich vor die Mauern verlagern. Es folgte der bezeichnende Nachsatz: "Wo es aber nicht bequem ist, mag man solches unterlassen."

Ganz ähnlich der Umgang mit der Hochwassergefahr. Zum Beispiel Basel: Der Rhein war die Schlagader des Handels, ohne den Fluss hätte es die Metropole nicht geben können. Dafür nahm man die immer wieder kehrenden Überschwemmungen in Kauf. Übrigens kannte die Zeit auch schon das Phänomen des Katastrophentourismus. 1565 sollen bei einem Eisgang, der in Köln große Schäden anrichtete, an einem einzigen Tag 2.000 Menschen den Rathausturm bestiegen haben: Sie wollten das Schauspiel von Eis und Wasser bewundern.

Bei dem großen Erdbeben 1356 im Raum Basel wird niemand nach irgendwelchen Alternativen oder Prioritäten gefragt haben; es traf die Menschen ebenso hilflos wie demnächst vielleicht ein Asteroid oder Meteorit auf der Erde einschlägt. In diesem Fall war die theologische Deutung alles beherrschend – erst vier Jahrhunderte später läutete das Beben von Lissabon langsam das Ende dieser teleologischen Naturdeutung ein. Der Franziskaner Jean de Roquetaillade sprach bei dem Stadtbrand, der infolge des Erdbebens ausbrach, von einem "wunderbaren Feuer, dem höllischen gleich"; der Dominikaner Konrad von Waltenkofen sah die Vorzeichen vom Ende der Zeiten erfüllt, wie er sie im Lukasevangelium lesen konnte.

Andererseits – der Regensburger Domherr Konrad von Megenberg bemühte sich um eine naturwissenschaftliche Erklärung. Bestimmte Planetenkonstellationen würden im Erdinnern einen so hohen Druck erzeugen, dass Dünste ausbrächen und dadurch Erdstöße erzeugten. Ähnlich die Theorien der Ärzte damals über die Pestepidemien: Die Pest resultiere aus einer Fäulnis der inneren Organe, die wiederum durch schlechte Luft hervorgerufen werden könne; oder in der Lunge sammelten sich aufgrund einer ungünstigen Planetenkonstellation giftige Ausdünstungen, die ausgeatmete Luft könne dann auch andere Menschen anstecken. Das Pariser Pestgutachten von 1348 wiederholte eine Empfehlung des antiken Arztes Galenos: "Fliehe schnell weg und kehre erst spät zurück!" Viele, die es sich leisten konnten, werden dieser Maxime gefolgt sein. Individuell betrachtet, eine vernünftige Entscheidung; viele werden auf diese Weise ihr Leben gerettet haben. Insgesamt aber verbreitete sich die Pest nur um so schneller.

Darstellung der Pest in der Toggenburg-
Bibel, 1411 - Bild: Wikipedia
Kein Wunder, dass die Menschen zu Mitteln griffen, die wir heute als irrational ansehen. Vor allem Sankt Rochus wurde als Schutzpatron vor der Pest zu einem der beliebtesten Heiligen der Zeit. Früher war in der historischen Wissenschaft die These geläufig, auch die Judenpogrome des späten Mittelalters wären auf die Pest zurückzuführen. Ein Zusammenhang, der in dieser Direktheit allerdings nicht zu belegen ist, schreiben Fouquet und Zeilinger: "Es kam nie zu einer zeitlichen Koinzidenz zwischen lokalem Pestzug und Judenpogrom." Offenbar wurde der Massenmord an Juden in der Regel auch nicht spontan von einer erregten Bevölkerung durchgeführt. Die beiden Forscher sind zu dem Schluss gekommen, dass eher die städtischen Räte dahinter standen (man darf vermuten: um die Haushalte zu sanieren) oder gerade umgekehrt oppositionelle Gruppen, die in der Unruhe den amtierenden Rat stürzen wollten.

Immerhin – das große Sterben durch die Pest mag dazu beigetragen haben, dass Sündenböcke gesucht wurden. Wahrscheinlich wirkte die große Inflation von 1459, die unter dem Namen "Schinderlingskrise" in die Geschichte eingegangen ist, in eine ähnliche Richtung. Ursache war offenbar, dass die Herzöge von Bayern Geld für einen bevorstehenden Krieg gegen Brandenburg-Ansbach benötigten und Münzen in riesiger Menge prägen ließen. Es kam zu einer katastrophalen Verteuerung der Grundnahrungsmittel, mit Gewinnern und Verlierern wie heutzutage auch. "Teuerungen", stellen Fouquet und Zeilinger fest, "prägten die Geschichte Europas mehr als Krieg und Frieden." Ursachen waren zumeist Missernten; die fehlende Infrastruktur ließ einen raschen überregionalen Austausch nicht zu.

Welche Verzweiflung solche Entwicklungen auslösen konnten, lässt die Schrift "Vom Gelde" des französischen Mönchs Nicolas Oresme ahnen, der bereits hundert Jahre zuvor die minderwertige Nachprägung fremder Münzen für einen gerechten Grund erklärt hatte, einen Krieg zu beginnen. Andererseits: Dem Augsburger Chronisten Burkard Zink fiel im 15. Jahrhundert auf, dass eine Dezimierung der Bevölkerung durch Hunger oder Pest für die Überlebenden durchaus Vorteile brachte. Brot, Fleisch und Wein seien so billig gewesen wie niemals zuvor. "Es war jeder reich, der nun weiterleben durfte; aber es starben viele über alle Maßen." Zwei Generationen später fasste es eine Ratschronik in Würzburg zusammen: "Sollte in zehn Jahren niemand sterben, würde eine solche Not in der Welt herrschen, dass jedermann sich sagte, er müsse vor Hunger sterben."

Bleiben die Kriege, also menschengemachte Katastrophen. Bemerkenswert in dem doch weitgehend religiös geprägten Horizont jener Zeit: Theologische Deutungsmuster spielen in den Quellen anscheinend kaum eine Rolle; den Zeitgenossen war bewusst, dass die Geißel des Krieges auf menschliche Entscheidungen zurückging. Nicht unbedingt nur von Entscheidungen der "Herrschenden": Aus Nürnberger Quellen geht hervor, dass viele Bauern im Umland den Krieg zum Anlass nahmen, ihre Nachbarn zu attackieren, wenn sie einer anderen Herrschaft unterstanden.

Aber es gab eben auch Fälle, wo sich große Herren ein Vergnügen daraus machten, die Katastrophe für andere mutwillig zu inszenieren. Der vielleicht schlagendste Fall: die sogenannten "Preußenreisen" im 14. Jahrhundert. Der Deutsche Orden lud aus ganz Europa Adlige ein, bei seinen Kreuzzügen gegen die "Heiden" mitzumachen. Offiziell ging es um christliche Mission, nur dass es in den Ländern an der Ostsee kaum noch Heiden gab. Die angebliche religiöse Differenz diente als Rechtfertigung, ohne ethische Bedenken rauben, brennen und töten zu dürfen. Burkard Zink kam nach dem Süddeutschen Städtekrieg 1449/50 zu dem Schluss, er sei durchweg auf dem Rücken der "armen Leute" ausgetragen worden – "arm" nicht nur im ökonomischen, sondern auch im sozialen Sinne von "niedrig".

Letztlich, erklären Fouquet und Zeilingerr, hätten die Menschen des späten Mittelalters, trotz ihres Wissens um die "realen" Umstände, auch die Kriege als Teil einer göttlich vorbestimmten Heilsgeschichte gesehen. Die Natur wurde als eine Zeichensprache Gottes verstanden; wenn man sie nicht zu lesen verstand, lag das nicht an der Natur, sondern an der eigenen Unfähigkeit oder Verstocktheit. Damit ließ sich auch das Problem lösen, das Fromme wie Unfromme immer wieder verunsichert hat: Wie es eigentlich dazu komme, dass etwa bei Schiffsunglücken die einen gerettet würden und die anderen nicht, die doch vielleicht ebenso inbrünstig gebetet hatten. Den Überlebenden einer Katastrophe halfen solche Deutungen sicherlich auch dabei, ihr Trauma zu verarbeiten und zur Normalität zurückzufinden Über ein Jahr nach den Schrecknissen um die große Pest von 1350, schrieb Tilman Elhen von Wolfhagen in seiner "Limburger Chronik", "da hob die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein." Bis zur nächsten Katastrophe, darf der Leser hinzusetzen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Gerhard Fouquet und Gabriel Zeilinger: Katastrophen im Spätmittelalter,
Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt/Mainz 2011, ISBN 978-3-534-24699-1, 29,90 €



Mehr im Internet:
scienzz artikel Spätmittelalter
scienzz artikel Unsere Umwelt


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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