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30.04.2012 - GESCHICHTE

"Man kann nicht ewig wie ein Stück Vieh leben!"

Wie der 1. Mai zum "Tag der Arbeit" wurde

von Josef Tutsch

 
 

Maiplakat von 1924
Bild: Wikipedia

Wieso eigentlich fällt der "Tag der Arbeit" gerade auf den 1. Mai? Darüber waren sich die Vertreter der Arbeiterbewegung bereits Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr im Klaren. "Aus uralten, aber niemals völlig erloschenen Empfindungen und Erinnerungen heraus", war 1892 in der "Neuen Zeit", dem theoretischen Organ der deutschen Sozialdemokratie zu lesen, sei "die Wahl des proletarischen Feiertags auf den ersten Mai" gefallen und deshalb das Proletariat aufgerufen, den "Maitag der Vorzeit auf höherer und weiterer Stufe zu erneuern". Drei Jahre zuvor hatte die Zweite Internationale in Paris diesen "Kampftag" proklamiert.

Man sieht, auch die Sozialdemokratie konnte sich der Begeisterung für die Germanen, wie sie damals Mode war, nicht entziehen. Historisch näher liegen andere Erklärungsstränge. Der 1. Mai war im alten Europa ein gebräuchlicher Termin für allerlei Geschäfte, zum Beispiel für einen Wechsel des Arbeitsplatzes. Kurz bevor die Sommerarbeiten in der Landwirtschaft anstanden, verdingten sich Knechte und Mägde oft bei einem neuen Herrn. Opernfreunden ist der Brauch geläufig: In Friedrich von Flotows "Martha" von 1847 bieten sich zwei vornehme Damen, zunächst aus purer Langeweile, als Mägde.

Und dann ist auch ein Zusammenhang der Gewerkschaftskundgebungen mit dem Maibaum nicht auszuschließen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde an vielen Orten der alte Brauch wieder eingeführt, zu Maibeginn auf dem zentralen Platz einen Baum aufzustellen. Natürlich nahm man auch dabei gern Bezug auf die mutmaßlichen Bräuche der alten Germanen. "Eine augenscheinliche Erinnerung an die altheidnische Maifeier", schrieb 1882 eine Zeitung in Bochum, beinahe als wäre sie vor zweitausend Jahren schon dabei gewesen, "an den im Sinnbild des Maibaums dem Waldversteck wieder entrissenen und Lenz und Liebe mit seiner Wiederkehr neu entfachenden Wotan."

Historisch zweifelsfrei sind die Maibäume aber nicht vor dem 15. Jahrhundert belegt, zuerst im süddeutsch-österreichischen Raum. Man darf unterstellen, dass es nicht nur um ein Fest ging, sondern auch um die symbolische Bekräftigung eines alten Rechts: die Nutzung des Waldes vor der eigenen Haustür. Jahrhunderte lang lieferten sich die Bürger und Bauern mit den Fürsten einen zähen Kampf um die Nutzung des nachwachsenden Holzes. Im 19. Jahrhundert war dann wirklich nur noch dieser eine Baum übrig geblieben. Aber er stand für das Recht des kleinen Mannes gegen die Reichen und Mächtigen.

Wann und wo der 1. Mai das erste Mal als "proletarischer Feiertag" begangen wurde, wird sich wohl niemals mehr klären lassen. 1856 organisierten die australischen Gewerkschaften am 1. Mai große Demonstrationen, um den Achtstundentag durchzusetzen. Ein Zusammenhang mit alteuropäischen Traditionen ist ungewiss; der Termin könnte Zufall gewesen sein. Aber als die Arbeiterorganisationen in den USA 1886 einen Generalstreik ausriefen, ebenfalls mit der Forderung nach dem Achtstundentag, beriefen sie sich auf das australische Vorbild.

"Haymarket riot", Illustration aus "Harper's
Weekly", 15. Mai 1886 - Bild: Wikipedia

Am 1. Mai dieses Jahres fand eine große Kundgebung auf dem Haymarket Square in Chicago statt. "Man kann nicht ewig wie ein Stück Vieh leben!", sagte der Journalist August Spies, Chefredakteur der "Arbeiterzeitung". Die blutigen Straßenkämpfe in den folgenden Tagen sind als "Haymarket Affair" in die Geschichte eingegangen. Etwa fünfunddreißig Menschen, sowohl Demonstranten als auch Polizisten, kamen ums Leben. Da Unbekannte eine Bombe geworfen hatten, wurden die Organisatoren der Kundgebung wegen Verschwörung angeklagt, vier von ihnen zum Tode verurteilt und hingerichtet. "Die Zeit wird kommen, wo unser Schweigen stärker ist als die Stimmen, die sie heute erdrosseln", sagte Spies vor seiner Hinrichtung.

1889 nahm der Gründungskongress der "Zweiten Internationalen" das Gedenken zum Anlass, den 1. Mai zum "Kampftag der Arbeiterbewegung" auszurufen. Bis zum Zerfall der Internationale im Ersten Weltkrieg wurden nun Jahr für Jahr Maikundgebungen durchgeführt, oft mit Streiks kombiniert. Die christliche Arbeiterbewegung hatte sich bereits 1893 angeschlossen. Erst 1955 allerdings proklamierte Papst Pius XII., halb in Anlehnung an den proletarischen Maifeiertag, halb in Abgrenzung, den 1. Mai zum Gedenktag "Josef des Arbeiters" – der Ziehvater Jesu war den Evangelien zufolge Zimmermann oder Bauhandwerker.

Heute ist der 1. Mai in vielen Ländern gesetzlicher Feiertag – eine Reverenz der Staatsmacht an die Arbeiterbewegung. Nur in den USA und Kanada wird statt dessen der erste Montag im September begangen, als "Labour Day". Das Gedenken an die "Haymarket Affair" war zunächst sehr einseitig gewesen. Drei Jahre nach den Ereignissen wurde zur Erinnerung an die toten Polizisten eine Bronzestatue aufgestellt; 1992 wurde sie durch eine Bronzeplakette ersetzt, die einen sachlichen Text bot: "Ein Jahrzehnt des Streits zwischen Arbeitern und Industrie gipfelte hier in einer Konfrontation, die zum tragischen Tod von Arbeitern und Polizisten führte... Das darauf folgende Verfahren gegen acht Aktivisten gewann weltweite Aufmerksamkeit für die Arbeiterbewegung und leitet die Tradition des ‚Ersten Mai’ mit seinen Arbeiterversammlungen in vielen Städten ein."

Vom Beschluss der Zweiten Internationalen bis zum gesetzlichen Feiertag war es jedoch ein weiter Weg. Beispiel Deutschland: 1919 brachte die SPD in der Weimarer Nationalversammlung ein Gesetz ein, das wenigstens für das laufende Jahr den 1. Mai zum Feiertag erklärte. Für das Gesetz stimmten außer den Sozialdemokraten nur die linksliberale Deutsche Demokratische Partei und Teile des katholischen Zentrums; die übrigen bürgerlichen Abgeordneten lehnten einen solchen Feiertag grundsätzlich ab, der USPD ging die "Revolution" nicht weit genug.

Auch wenn ein jährlicher Feiertag weiter fehlte – der "Kampftag der Arbeiterbewegung" wurde Jahr für Jahr mit großen Demonstrationen begangen. Am 1. Mai 1929 kam es in Berlin zu Straßenkämpfen. Aus Furcht vor Umsturzversuchen hatte das preußische Innenministerium Demonstrationen unter freiem Himmel verboten. Während die SPD, die selbst an der Regierung beteiligt war, das Verbot akzeptierte und ihre Kundgebungen im Saal abhielt, blieb die KPD bei ihrem Demonstrationsaufruf und behauptete in einem Flugblatt am Tag zuvor, das Verbot sei aufgehoben worden. Die Polizei setzte gegen alle Vorschriften gepanzerte Fahrzeuge mit Maschinengewehren ein. Ergebnis: dreiunddreißig getötete Zivilisten.

Maifeier 1919 in Wien - Bild: Wikipedia

Dass der 1. Mai in Deutschland dann doch zum gesetzlichen Feiertag wurde, lag ausgerechnet an den Nationalsozialisten, die ihn bald nach der Machtübernahme zum "Feiertag der nationalen Arbeit" erklärten – eine Geste, mit der die "Arbeiterpartei" die Arbeiterbewegung zu vereinnahmen versuchte. Bereits am 2. Mai 1933 wurden die unabhängigen Gewerkschaften verboten. 1946 bestätigte der Alliierte Kontrollrat die Feiertagsregelung (natürlich ohne die "nationale" Zielsetzung), später wurde sie von den deutschen Ländern übernommen. Der Gedanke des Festes wurde allgemeiner gefasst, allen zumutbar, auch Bürgern, die sich nicht als Teil der Arbeiterbewegung verstehen wollten. "Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde", heißt es zum Beispiel im Feiertagsgesetz von Nordrhein-Westfalen. 

Die Sowjetunion und die übrigen "sozialistischen" Staaten wie die DDR haben einen anderen Weg gewählt. Ähnlich wie im Dritten Reich wurde der "Kampftag der Arbeiterbewegung" verstaatlicht, im Grunde ja die gesamte Arbeiterbewegung in eine Symbiose mit dem Staatsapparat gezwungen. "Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus", lautete die offizielle Formel in der DDR. Die Demonstrationen wurden zu Aufmärschen umfunktioniert, bei denen sich die Staats- und Parteiführung feiern ließ.

Tempi passati, jedenfalls in Europa ... Inzwischen macht sich vor allem in Berlin eine ganz andere Tendenz bemerkbar: Für Teile der heutigen Jugendkultur ist die Arbeiterbewegung, die sich – keineswegs konfliktfrei, aber doch friedlich – in das pluralistische Interessensystem integriert hat, langweilig geworden. Militante Grüppchen machen "Randale", 1987 zum Beispiel, als es im Stadtteil Kreuzberg erstmals zum großen Gewaltausbruch kam, gegen die Volkszählung und gegen die 750-Jahr-Feier-Berlins.

Da ist das Bild auf den Gewerkschaftskundgebungen heute eben doch ganz anders. Je nach Wetter könnte sich jener Schreiber der "Neuen Zeit" 1892 mit seiner phantasievollen Erinnerung an den Maitag der alten Germanen vielleicht doch bestätigt fühlen. "Mai", das bedeutet eben auch Frühling. "Tausende von Bourgeois und Kleinbürgern", schrieb der österreichische Sozialist Victor Adler in den 1920er Jahren zu den Maifeiern in Wien, "werden es den Hunderttausenden von Proletariern gewiss gern vergönnen, sich auch einmal das berühmte Erwachen der Natur, das alle Dichter preisen und wovon der Fabrikszwängling so wenig bemerkt, in der Nähe zu besehen".



Mehr im Internet:
Maifeiertag - Wikipedia   
scienzz artikel Arbeit   
scienzz artikel Rund um den Mai  


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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