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25.04.2012 - LITERATURGESCHICHTE
Selbstinszenierungen der Sinnlichkeit
Die Produktivität der Krise bei Heine und Nietzsche
von Josef Tutsch
 | | Heinrich Heine, Gemälde von
Moritz Daniel Oppenheim,
1831 - Bild: Wikipedia
| | | Es ist ja keineswegs zwangsläufig, dass der Tod großer Individuen immer das Ende einer Epoche bezeichnen müsste. Aber manchmal wird es von den Zeitgenossen so empfunden. Als Hegel 1831 verstarb, empfanden seine Schüler das sowohl als Verwaisung wie auch als Befreiung: Die Diskussion um die Interpretation und Uminterpretation des Meisters war freigegeben. Im folgenden Jahr wiederholte sich etwas Ähnliches auf dem Gebiet der schönen Literatur. Mit Goethes Tod gehe eine ganze Epoche zu Ende, hat Heinrich Heine festgestellt, die "Kunstepoche“. Die große, für eine jüngere Schriftstellergeneration zweifellos auch belastende Vorbildfigur war abgetreten.
Heine sah sich sowohl gegenüber Goethe als auch gegenüber Hegel in einem Schüler-Lehrer-Verhältnis, in einer eigentümlichen Mischung von Respekt und Distanz. Ein Dichter der Epochenwende. Der Düsseldorfer Germanist Simon Wortmann ist in seiner Dissertation "Das Wort will Fleisch werden“ der Schreibweise nachgegangen, in der Heine sein schriftstellerisches Programm realisierte. "Inszenierung“ lautet Wortmanns Stichwort: Heine "inszenierte“ seine Schriftstellerexistenz vor dem Leser. Seine Texte durchzieht ein Anschein von Mündlichkeit, der Anschein eines Dialogs mit dem Leser; sie haben etwas von einer Theateraufführung, in welcher der Zuschauer immer wieder ins Spiel einbezogen wird. Wortmann spricht mit einem Ausdruck, den die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte in den Kulturwissenschaften populär gemacht hat, von einer "Ästhetik des Performativen“.
Heines Absicht wird es gewesen sein, mit dieser Strategie das eine wie das andere seiner beiden Anliegen zu verfolgen, das politische Engagement ebenso wie seine Propagierung der sinnlichen Bedürfnisse, im Protest gegen die Alleinherrschaft des Geistes. Gegen Goethes "Kunstepoche“ sah er es als Aufgabe des Schriftstellers an, sich in die Diskussionen der Zeit einzumischen. An der Figur des französischen Tambours Le Grand demonstrierte er, wie er sich Geschichte – oder eigentlich Zeitgeschichte – in lebendiger Vermittlung vorstellte: "Ich verstand zwar nicht die Worte, die er sprach, aber da er während Sprechens beständig trommelte, so wusste ich doch, was er sagen wollte. Im Grunde ist das die beste Lehrmethode.“ "In unseren Schulkompendien liest man bloß: Ihre Majestät der König und allerhöchstdero Gemahlin wurden geköpft – aber wenn man den roten Guillotinemarsch trommeln hört, so begreift man dieses erst recht...“
Und von dem "Idealismus“ der Epoche setzte sich Heine durch den betont sinnlichen Charakter seines Schreibens ab. Manche Leser wird das zu Stirnrunzeln veranlasst haben. "Das Lied hat Fleisch und Rippen“, heißt es in dem späten Gedicht "Das Hohelied“, "hat Hand und Fuß; es lacht und küsst mit schöngereimten Lippen.“ Er wollte weg von der Opposition zwischen Körper und Geist, die er der Vergangenheit (Heine sagte polemisch: "Mittelalter“) unterstellte, hin zu einem "Sowohl – als auch“. Sein Sensualismus sollte den Sinnen ihre Rechte einräumen, freilich "ohne die Rechte des Geistes, ja nicht einmal die Suprematie des Geistes zu leugnen“.
"Körper-" oder "Leib-Inszenierungen“, sagt Wortmann. Zeitlich deckt sich Heines poetischer Sensualismus recht genau mit der Uminterpretation des Hegelschen "Idealismus“ durch seinen Schüler Ludwig Feuerbach, zusammengefasst in dem berühmten Satz, die Religion sei "das öffentliche Bekenntnis der Liebesgeheimnisse des Menschen“. Ähnlich wie Feuerbachs anthropologisch gewendete Religionsphilosophie setzte auch Heines Erzählverfahren den Menschen an eine Stelle, die bislang Gott vorbehalten war: als Spielleiter des Welttheaters.
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Napoleons Einzug in Düsseldorf, 1811 Aquarell von J. Petersen (Stadtmuseum Düsseldorf) - Bild: Wikipedia
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Eine totale Abkehr von Hegel war das freilich nicht: Zum Stirnrunzeln traditioneller Theologen hatte der Meister gelehrt, dass Gott erst in der Weltgeschichte zu sich selbst komme. Man darf in Heines poetischem Konzept eine Antwort auf seine Stellung "zwischen“ den Epochen vermuten. Eine "Produktivität der Krise“, sagt Wortmann; es könnte reizvoll sein, Heine unter diesem Aspekt mit seinen literarischen Zeitgenossen Franz Grillparzer, Eduard Mörike oder Karl Immermann zu vergleichen, die im Grunde vor der übermächtigen Vaterfigur Goethe ja in einer ähnlichen Position standen. Die Eigenart von Heines Schreibweise könnte vielleicht noch plastischer werden, wenn Texte aus der "Kunstepoche“, von der Heine sich unterscheiden wollte, daneben gestellt würden.
Ganz unproblematisch fand Heine das Moment des Inszenatorischen wohl nicht. Über Frankreich vermerkte er einmal, unter den Bedingungen, wie sie die Revolution geschaffen hatte, habe der Schauspielertypus an Bedeutung gewonnen: "dass das öffentliche in Frankreich, das Repräsentativsystem und das politische Treiben, die besten schauspielerischen Talente der Franzosen absorbiert, und deshalb auf dem eigentlichen Theater nur die Mediokritäten zu finden sind.“ Ein Phänomen, das in unserer Gegenwart, im Zeitalter der Massenmedien, noch viel auffälliger ist.
In den "Inszenierungen“ liegt – ein Aspekt, der in Wortmanns Darstellung vielleicht etwas kurz wegkommt – eben auch etwas Dämonisches. Eine Generation nach dieser Bemerkung, die unter dem Bürgerkönigtum Louis Philippes geschrieben wurde, hat sich das der Heine-Bewunderer Friedrich Nietzsche im Prozess der Distanzierung von dem ebenso bewunderten Richard Wagner selbstquälerisch bewusst gemacht. Die Situation der Krise, die Hegels und Goethes Tod 1831/32 signalisierte, war noch keineswegs ausgestanden. Mit gutem Grund hat der Philosoph Karl Löwith seinem Rückblick auf die Epoche den Titel "Von Hegel zu Nietzsche“ gegeben.
Den Bezug zu Heine hat Nietzsche selbst hergestellt, als er mit viel Selbstbewusstsein schrieb: "Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind.“ Aber von dem Dichter unterschied ihn in der Tat der viel stärkere Hang zur Selbstquälerei. "Dass das Theater nicht Herr über die Künste wird“, formulierte Nietzsche 1888, kurz vor dem Nervenzusammenbruch seine Forderung. Er hätte hinzusetzen können: Aber auch Nietzsche ist ein Schauspieler.
In "Also sprach Zarathustra“ findet sich eine genaue Parallele: "... dass die Dichter zu viel lügen“. "Aber auch Zarathustra ist ein Dichter.“ Wortmanns Analyse eröffnet eine Möglichkeit, dieses Buch, das einst ein Bestseller war und heute eher eine große Verlegenheit darstellt, neu zu lesen. Der Verfasser selbst hat dem Missverständnis durch seine Formulierung vom "fünften Evangelium“ Vorschub geleistet. An anderer Stelle vermerkte Nietzsche jedoch: "Hier wird nicht gepredigt, wird nicht Glauben verlangt“.
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"Also sprach Zarathustra" 1883 - Bild: Wikipedia
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Es handelt sich um eine Szenenfolge, eine Folge immer neuer Selbstinszenierung und Selbstverwandlungen jener Figur, die der Autor "Zarathustra“ genannt. Mit Thomas Mann, einem treuen Nietzsche-Leser, zu reden: Man darf "nichts wörtlich nehmen“, "nichts glauben“. Anders ausgedrückt: Alles ist in einem quasi-theatralischen und dialogischen Kontext zu verstehen.
Zarathustra selbst hat diese Forderung nach einer sozusagen ironischen Leseweise bekräftigt: "Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!“ Es finden sich Szenen, die den "Weisen“ Zarathustra recht fragwürdig und vieldeutig zeigen. "Du gefährlicher Heiliger“, sagt eine Figur zu ihm, "du bist ein Schelm!“ Für Nietzsche musste ein Philosoph unvermeidlich auch etwas von einem Komödianten haben: Der Wille zur Erkenntnis und zur Wahrheit erwies sich in genealogischer Entlarvung als eine Form des asketischen Ideals, dem gegenüber doch Misstrauen geboten war – eine Situation, die sich nur als Maskenspiel, als "Inszenierung“ meistern ließ.
Das Inszenatorische ist nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Autoren. Auch Heines Sensualismus kehrt wieder. "Ich weiß nicht, was ‚rein geistige’ Probleme sind“, schrieb Nietzsche, und noch zugespitzter: "Es gibt nur leibliche Zustände: Die geistigen sind Folgen und Symbolik.“ Beide Autoren sahen in der Kunst eine mögliche Therapie, um – Originalton Heine – dem "einseitigen Streben nach Vergeistigung“ entgegen zu treten, ein "Potential zur Rehabilitation des Fleisches“.
Die Tendenz zur Inszenierung und Selbstinszenierung lässt sich übrigens, Wortmann geht darauf nicht ein, bei Heine wie bei Nietzsche bis in den Umgang mit der eigenen Biographie verfolgen. Nietzsche schrieb sich gern polnische Vorfahren zu, Heine machte sich scherzhaft zwei Jahre jünger, um behaupten zu können, er wäre in der Neujahrsnacht von 1799 auf 1800 geboren worden. In gewisser Weise kehrt Wortmann mit seiner Aufdeckung des "Performativen“ bei Heine und Nietzsche eine Aussage von Thomas Mann über Richard Wagners Musikdramen um. Der Romancier hatte das epische Moment hervorgehoben, das bei Wagner etwa in den erzählerischen Rückblicken zum Vorschein kommt: "Was ist der dramatische Wotan, den wir im ‚Rheingold’ auf der Bühne sahen, verglichen mit dem epischen in Sieglindens Erzählung (in der ‚Walküre’)?“
Wortmann nun deckt das Inszenatorische in Heines und Nietzsches Erzähltexten auf. Vergleichbares hat, da greift der Forscher dann doch noch zu einem dritten Autor, auch Thomas Mann in seinem Erstlingsroman "Buddenbrooks“ praktiziert. Der kleine Hanno spielt Klavier, nein, er führt vor dem Leser ein Klavierspiel auf. Eine "Körper-Inszenierung“, wie niemandem entgehen kann. "Noch nicht ... noch nicht! Noch einen Augenblick des Aufschubs, der Verzögerung, der Spannung, die unerträglich werden musste, damit die Befriedigung desto köstlicher sei.“ Hanno inszeniert – im wilhelminischen Zeitalter für manche Leser wahrscheinlich durchaus schockierend – einen Orgasmus.
Neu auf dem Büchermarkt: Simon Wortmann: "das Wort will Fleisch werden“. Körper-Inszenierungen bei Heinrich Heine und Friedrich Nietzsche, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2011, 69,95 €
Mehr im Internet: Heinrich Heine - Wikipedia scienzz artikel Deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts scienzz aritkel Philosophie des 20. Jahrhunderts
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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