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17.05.2012 - PHILOSOPHIE

"Aus dem Gewissen allein stammt die Wahrheit"

Vor 250 Jahren wurde der Philosoph Johann Gottlieb Fichte geboren

von Josef Tutsch

 
 

Johann Gottlieb Fichte (1762-1814)
Bild: Wikipedia

Wer den Schaden hat, der braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das musste auch der Jenaer Professor der Philosophie Johann Gottlieb Fichte erfahren, als er eines schönen Tages im Jahr 1799 feststellte, dass die Fensterscheiben seines Hauses eingeschlagen waren. Flugs verbreitete sich in der kleinen Universitätsstadt das Gerücht, der für die Wissenschaften zuständige weimarische Minister, der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe, habe gesagt, das müssten wohl die "Nicht-Iche" gewesen sein.

Die "Nicht-Iche" ... Das Bonmot traf zielsicher in das Zentrum von Fichtes philosophischer Argumentation und Terminologie. Am 19. Mai 1762, vor 250 Jahren, war Fichte als achter Sohn eines armen Bandwebers in Rammenau in der Oberlausitz geboren worden; 1794 hatte er einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Jena erhalten. Was er dort vortrug, hat Heinrich Heine später nicht ohne Grund mit den Feldzügen Napoleons verglichen: "Napoleon und Fichte repräsentieren das große unerbittliche Ich, bei welchem Gedanke und Tat eins sind, und die kolossalen Gebäude, welche beide zu konstruieren wissen, zeugen von einem kolossalen Willen."

Mit dem Unterschied, wie sich versteht, dass es bei dem deutschen Professor "bloß" ein Gedankengebäude sein konnte. Ausgangspunkt bei Napoleon wie bei Fichte war eine Revolution; im Fall des Philosophen trug sie den Namen Immanuel Kants, der die Nichtigkeit der traditionellen metaphysischen Systeme vor dem Richtstuhl der kritischen Vernunft dargetan hatte. Der junge Fichte verstand sich selbst als einen getreuen Kantianer; ursprünglich ging es ihm bloß darum, die Gedankengänge seines Lehrers klarer und verständlicher und dann auch folgerichtiger zu entwickeln, als dies Kant selbst gelungen war.

Aber dabei konnte es nicht bleiben. "Kant verstehen heißt über Kant hinaus gehen", sagte damals ein geflügeltes Wort. Und in der Tat, der große Philosoph hatte in seiner Vernunftkritik einen quasi "irrationalen" Rest stehen lassen, mit dem sich seine Anhänger nicht abfinden wollten, das "Ding an sich". Damit wollte Kant keineswegs so etwas wie eine Hinterwelt konstruieren; sein Gedanke war viel einfacher: Unserer Erkenntnis und Erfahrung, also der Welt der "Erscheinungen", müsse etwas zugrunde liegen, was für sich selbst besteht, "denn sonst würde der ungereimte Satz daraus folgen, dass Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint".

Ein Wortspiel, gewiss; aber man sollte den Gedanken erwägen, ob es nicht sehr realistisch von Kant war, eine unübersteigbare Grenze zwar nicht unseres Denkens, wohl aber unserer Erkenntnis anzunehmen. Fichte dachte anders. Er löste das Problem, man muss wohl sagen, durch einen Gewaltstreich: "Das Ich setzt schlechthin sich selbst." Alles andere, meinte Fichte, sei nur als Beschränkung dieses Ich aufzufassen, als dessen Selbstbeschränkung, mithin als "Nicht-Ich".

Immanuel Kant, von J. L. Raab
Bild: Wikipedia

"Subjektiver Idealismus", wie man Fichtes System später klassifiziert hat. Und abgeurteilt hat: Einer "der kolossalsten Irrtümer, die jemals der menschliche Geist ausgeheckt hat", meinte Heinrich Heine; diese Philosophie grenze an "Wahnsinn", hat Bertrand Russell in seiner Philosophiegeschichte achselzuckend festgestellt. So werden das bereits viele von Fichtes Zeitgenossen gesehen haben. Heine hat das naheliegende Missverständnis mokant kommentiert: "Der große Haufe meinte, das Fichtesche Ich, das sei das Ich von Johann Gottlieb Fichte, und dieses individuelle Ich leugne alle anderen Existenzen."

Tatsächlich ist es Fichte, obwohl er bis zu seinem Tod 1814 nicht weniger als zehn Fassungen seiner "Wissenschaftslehre" herausbrachte, niemals gelungen, Formulierungen zu finden, mit denen er selbst zufrieden gewesen wäre. Das hübsche Bonmot von den Fenster einschlagenden "Nicht-Ichen" brachte das Problem auf den Punkt: Wie hatte man sich das Verhältnis zwischen dem "Ich", von dem Fichte sprach – dem überindividuellen Subjekt des Denkens und Handelns – und den vielen verschiedenen "Ichen" menschlicher Individuen zu denken? Zumal diese "Iche" füreinander doch offenbar jeweils "Nicht-Iche" sein mussten?

Man merkt, Fichtes Darstellung litt schon unter einer sprachlichen Schwäche: Sowohl das "Ich" als auch und erst recht die Kunstprägung "Nicht-Ich" ließen sich schlecht in den Plural setzen. Trotz dieser Ungelenkheiten – unter den Intellektuellen damals machte Fichtes Philosophie ungeheuren Eindruck. Der Schriftsteller Friedrich Schlegel setzte sie in Parallele zur Französischen Revolution, die sich gerade damals anschickte, Europa zu erobern. Im philosophiehistorischen Rückblick erscheint es paradox: Ausgerechnet die Gedankengänge Immanuel Kants, der sich doch zum Ziel gesetzt hatte, die Grenzen unserer Vernunfterkenntnis kritisch zu bestimmen, boten die Grundlage für ein System, das die gesamte Welt aus dem "Ich" heraus konstruieren wollte.

"Wahnsinn", wenn man so will ... Aber ein Wahnsinn, der sowohl Hegel als auch Schopenhauer den Anstoß für ihre philosophischen Systeme gab und damit indirekt den Weg in die Moderne bereitete. Der Titel, den Fichte seinem System gab – "Wissenschaftslehre" – könnte leicht über diese historische Weichenstellung hinwegtäuschen: Der Philosoph wollte keineswegs auf eine bloße Wissenschaftstheorie hinaus; in seiner Konzeption des "Ich" hatte die praktische Vernunft, das Handeln, den Vorrang vor dem Denken und Erkennen, der theoretischen Vernunft. Das Motiv tauchte ein halbes Jahrhundert nach Fichtes erster "Wissenschaftslehre" bei Karl Marx wieder auf: "Das gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch." Und nochmals ein halbes Jahrhundert später, eher pessimistisch gewendet, in Sigmund Freuds Psychoanalyse: Das Ich, also das Bewusstsein, sei nicht "Herr im eigenen Haus".

Wenigstens insoweit, könnte man sagen, sind wir heute alle "Fichteaner", auch wenn wir über Fichtes Versuch, alles, was außerhalb unseres "Ichs" ist, als bloßes "Nicht-Ich" zu begreifen, eher den Kopf schütteln. Den Weg zu dieser Neubestimmung von Theorie und Praxis hatte wiederum Immanuel Kant gewiesen. Auf theoretische Weise, hatte Kant gezeigt, ließen sich über Gott und die Unsterblichkeit der Seele keine Aussagen gewinnen; aber vielleicht wäre es möglich, aus unseren moralischen Gewissheiten heraus zu entsprechenden "Postulaten" zu kommen. Fichte ging in diese Richtung weiter und entwickelte aus dem praktisch-moralisch handelnden Subjekt sein ganzes philosophisches System. "Aus dem Gewissen allein stammt die Wahrheit", formulierte er pathetisch 1800 in einem populären Büchlein über "Die Bestimmung des Menschen".

Verteidigung gegen den Atheis-
musvorwurf - Bild: Wikipedia

Moralphilosophisch gewendet: "Wer auf Autorität hin handelt, handelt notwendig gewissenlos", so 1798 in der "Sittenlehre". Solche Sätze mussten bei Vertretern der kirchlichen Orthodoxie alle Alarmglocken läuten lassen. Wurde damit nicht die Religion in eine Morallehre aufgelöst, die im Grunde ohne den Gottesbegriff auskommen konnte? Und waren damit nicht am Ende auch die kirchlichen Institutionen in Frage gestellt? Fichte wurde Atheismus vorgeworfen. Es geschah im Zusammenhang dieses Skandals, dass an Fichtes Haus die Fensterscheiben zu Bruch gingen.

Er selbst reagierte auf den Vorwurf überrascht und wohl auch ehrlich empört, versuchte seine philosophische Position mit den Worten der alten Mystiker auszudrücken, etwa: Indem das individuelle Ich seinen Willen mit dem Sittengesetz identifiziert, versinke der Mensch in Gott. Vor allem das Alte Testament erschien Fichte als Hindernis bei der Umdeutung von Religion in Moralität. Daraus dürften sich einige "judenfeindliche" Sätze in Fichtes Werk erklären, die ihn im Nationalsozialismus zu einer gern angerufenen Autorität machten.

1799 musste er seinen Lehrstuhl in Jena aufgeben. Man kann bezweifeln, ob dahinter nur der Atheismus-Vorwurf stand. Vermutlich erinnerten sich seine Gegner noch gut daran, dass Fichte 1793 in zwei Schriften unter Berufung auf Jean-Jacques Rousseau die Französische Revolution begrüßt hatte. Sechs Jahre später – unter der Herrschaft Napoleons begann sich in Deutschland ein Nationalismus auszubilden – schien die Zeit gekommen, mit den Revolutionären abzurechnen.

Dabei hatte Fichte selbst seine Position inzwischen drastisch fortentwickelt oder vielmehr umgedeutet. 1804/05 legte er in Berlin in seinen Vorlesungen "Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters" eine Geschichtsphilosophie vor – für Deutschland begründete Fichte mit diesen Vorlesungen eine bislang unbekannte philosophische Disziplin; die traditionelle Auffassung war, die Geschichte mit all ihren Zufälligkeiten sei eine durch und durch unphilosophische Materie. Und 1807/08 zog Fichte, wiederum in Berlin, in den "Reden an die deutsche Nation" aus seiner Sicht der Geschichte die politische Nutzanwendung, entwickelte unter den misstrauischen Augen der französischen Besatzungsbehörden das Konzept einer "Nationalerziehung der Deutschen".

Der ehemalige Revolutionär hatte sich in den Augen der akademischen Öffentlichkeit Deutschlands rehabilitiert; 1810 leitete er für kurze Zeit als erster gewählter Rektor die neu gegründete Berliner Universität. Heute können wir diese Zeit der "Befreiungskriege" nüchterner betrachten, und da zeigt sich: Die "Reden" gehören zu den zwiespältigsten Dokumenten, die jemals der Feder eines Philosophen entflossen sind. Fichte war den Idealen der Aufklärung treu geblieben; seine Utopie ging auf eine Entwicklung der Menschheit von der Unfreiheit zur Freiheit. Aber er versuchte, aus dem Mannigfaltigen der Geschichte so etwas wie ein ewiges deutschen Wesen herauszudestillieren, und da finden sich dann so haarsträubende Sätze wie: "Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend."

Karikatur: Fichte als Freischär-
ler im Kampf gegen Napoleon
Bild: Wikipedia

Ja, das stammt von einem der großen deutschen Philosophen. Vielleicht noch erschreckender: Im "Rechnen auf einen freien Willen des Zöglings" liege "der erste Irrtum der bisherigen Erziehung", die "neue Erziehung" müsse gerade darin bestehen, "dass sie die Freiheit des Willens gänzlich vernichtete". Für den wirklich Erzogenen sei "die Freiheit des Willens vernichtet und aufgegangen in der Notwendigkeit". Die idealistische Philosophie der Freiheit war eben auch einer ganz und gar antiindividualistischen Auslegung fähig. Im 20. Jahrhundert hat es dann tatsächlich Ansätze zu einem "völkischen" Neo-Fichteanismus gegeben. So bescheinigte während der Weimarer Republik der Philosoph Wilhelm Stapel seinem Kollegen aus der Zeit des "Deutschen Idealismus", er habe eine Art Demokratie entworfen, "die sich bis in die innerste Gesinnung von dem unterscheidet, was heute als Demokratie bei uns eingeführt ist".

Die "Reden" haben jedoch noch in anderer Hinsicht für die folgenden beiden Jahrhunderte die Richtung vorgegeben: Vielleicht erstmals in Deutschland wurde der Gedanke ausgesprochen, dass die Geschichte von Menschen "gemacht" werden könne. Ob Fichte heute, im historischen Rückblick, die Hoffnungen erfüllt sehen würde, die er damit verknüpft hatte, ist eine ganz andere Frage. Vielleicht würde er sich an jene eingeschlagenen Fensterscheiben in Jena erinnern und zu dem schmerzlichen Schluss kommen: Leider sind es doch die "Nicht-Iche", die die Geschichte machen.


Mehr im Internet:
Johann Gottlieb Fichte - Wikipedia     
scienzz artikel Kant und der Ideailismus   



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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