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29. 05.2020 - KULTURGESCHICHTE

Liebesvogel und Friedenssymbol

Aus der Kultur- und Symbolgeschichte der Taube

von Josef Tutsch

 
 

Picassos Friedenstaube, von einer
sowjetischen Briefmarke, 1981
Bild: Wikipedia

Friedlich wie die Tauben? Das muss nicht so sein, versichern uns die Verhaltensforscher. Gerade Tauben seien untereinander oft sehr angriffslustig, im Unterschied übrigens zu den als aggressiv verschrienen Falken. Durch biologische Fakten zwingend vorgegeben ist das Friedenssymbol der Taube, wie es uns heute so selbstverständlich erscheint, eben keineswegs. Völlig willkürlich aber wohl auch nicht. Vom Standpunkt des Beobachters her können Tauben sehr wohl als besonders "friedlich“ erscheinen: Sie ernähren sich in der Hauptsache vegetarisch, sind keine "Raubvögel“; ihr Schnabel ist nicht vom Blut anderer Tiere befleckt.

Die Symbolgeschichte, die 1949 mit Pablo Picassos Lithographie der Friedenstaube für den Pariser Weltfriedenskongress ihren Höhepunkt fand, beginnt mit der biblischen Sintfluterzählung. Von "Frieden“, in einem politischen Sinn, ist darin freilich nicht die Rede, eher von Sicherheit, nämlich von Sicherheit gegen eine Natur, die als Gottes Strafinstrument aufgefasst wird. Noah "ließ eine Taube fliegen aus der Arche. Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug es in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hätten auf der Erde.“ Grund für die Strafe war Gottes Feststellung gewesen, die Erde sei "voller Frevel“. Oder voller "Gewalt“, wie auch übersetzt wird – darin spiegelt sich, darf man vermuten, die Lebenserfahrung ackerbauender Völker im Alten Orient, die von ihren "räuberischen“ Nachbarn immer wieder überfallen und ausgeplündert wurden. Auch Noah war dem biblischen Bericht zufolge ein Ackerbauer.

Die Taube, die trockenes Land und einen Olivenbaum gefunden hatte, signalisierte das Ende der Flut – sozusagen, wie die Exegeten es später ausgedrückt haben, den Friedensschluss Gottes mit der Menschheit: "Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.“ Allen Hoffnungen, diesen göttlichen Frieden auch zwischenmenschlich umsetzen und der Gewalt auf Erden ein Ende bereiten zu können, wird im Bibeltext dann allerdings ein kräftige Dämpfer aufgesetzt: "Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“

Eine Erzählung, aus der sich die spätere Karriere der Taube zum Symbol des Weltfriedens kaum erahnen lässt. Beim Olivenzweig führt die Geschichte viel geradliniger auf die Symbolbedeutung von heute. Der Ölbaum war im gesamten Altertum der Inbegriff der "Kultur“ – einer Kultur, die sowohl durch Naturkatastrophen als auch durch feindliche Nachbarn immer wieder bedroht war. Bei den Olympischen Spielen in Griechenland war ein Olivenkranz nicht nur der Siegespreis, er symbolisierte auch den Frieden, der wenigstens für einige Wochen zwischen den verfeindeten Staaten gelten sollte. Bei Griechen und Römern war es üblich, dass Besiegte, die um Frieden baten, Ölzweige in den Händen hielten. Die UNO hat den Ölzweig 1947 in ihr Wappen aufgenommen.

Zurück zur Taube. Da dachten die alten Griechen in etwas anderen Bahnen als die Verfasser des Alten Testaments. "Die Taube ist der Aphrodite heilig wegen ihrer Wolllust“, vermerkte im 2. Jahrhundert vor Christus der Schriftsteller Apollodoros von Athen, "es wird nämlich gesagt, dass sie am meisten Sex habe.“ Aphrodisiaka wurden gern in Gefäßen aufbewahrt, die als Taube geformt waren. Im Alten Testament dagegen spielen erotische Assoziationen zur Taube nur in einem einzigen Buch eine Rolle, im Hohen Lied: "Schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen ...“

Venus mit der Taube,
von Léon Basile Perrault
(1832-1908)
Bild: Wikipedia

Von den christlichen Autoren der Spätantike wurde die sexuelle Aktivität der Tauben moralisch umgedeutet: als Vorbilder für die Monogamie. Die Taube als Inbegriff eines moralischen Lebenswandels – aber sie konnte auch für Einfalt stehen; eine Stelle bei dem Propheten Hosea sprach von einer "törichten Taube, die sich leicht locken lässt“. Andererseits nahm Jesaja den schnellen und sicheren Flug der Tauben zu ihrem Schlag als Bild für die erwartete Unterwerfung der Heidenvölker unter den Gott Israels: "Wer sind die, die da fliegen wie die Wolken und wie die Tauben zu ihren Schlägen?“ In anderen Weltkulturen ist die Bedeutungsvielfalt kaum weniger umfangreich. In Indien zum Beispiel tritt die Taube als Unglücks- und Todesbote auf. Und bis in die populäre Musik von heute ist die Taube das Sinnbild der Seele, die dem Sterbenden entflohen ist. Wenn er einst auf See bleiben müsse, werde eine weiße Taube zur Geliebten fliegen, heißt es in einer Fassung des Welthits "La Paloma“: "Mit ihr wird meine Seele dann bei dir sein."

Der Symbolgeschichte stehen sehr nützliche Verwendungen des Vogels zur Seite. Seit jeher hat die Taube in der Küche ihren Platz; im alten Rom wurde sie in großen Taubenschlägen gemästet, wie der Schriftsteller Plinius der Ältere berichtet. Und ebenso spielt die Taube in Apotheke und Magie eine Rolle: Taubenblut soll gegen Augenleiden und Schlaganfälle helfen; gibt man der Angebeteten das Herz einer Turteltaube zu essen, erringt man deren Liebe. Antike Mediziner hatten solchen Annahmen eine quasi-wissenschaftliche Grundlage gegeben: Man glaubte, Tauben besäßen keine "gelbe Galle“, die als Sitz des Bösen im Körper galt. Im alten Israel waren Tauben beliebte Opfertiere, während alle anderen Vögel als unrein galten. Es war also nur konsequent, dass im Tempelvorhof Taubenhändler ihre Stände aufgeschlagen hatten.

Der Weg der Taube zum universalen Friedenssymbol war so weit wie verschlungen. Auch an jener Stelle im Neuen Testament, die den Taubenvogel zu einem zentralen Symbol der christlichen Kunst gemacht hat, bei der Taufe Jesu im Markusevangelium, ist von Politik mit keinem Wort die Rede. Als Jesus "aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und da erscholl eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Ob der Verfasser mit dem Wort "wie eine Taube“ auf die Sintfluterzählung anspielen wollte? Die Frage muss offen bleiben. Sicher ist: Für den Evangelisten war die Taube das geeignete Bild, die Proklamation Jesu zum Messias – und damit den endzeitlichen Eingriff Gottes in das Weltgeschehen – zu signalisieren.

Die christliche Kunst hat das Bild der Taube dann auch in das Pfingstgeschehen hineingetragen – im Text der Apostelgeschichte ist nur von einem "Brausen vom Himmel“ und von "Zungen wie von Feuer“ die Rede. Spätestens seit dem Maler des Rabula-Evangeliars in Syrien im 7. Jahrhundert gehören das Pfingstfest und die Taube, damit auch die Taube und der Heilige Geist als dritte Person der Trinität, fest zusammen. Auf Bildern der göttlichen Dreifaltigkeit schwebt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube zwischen den Köpfen des Vaters und des Sohnes. Und in Darstellungen der Verkündigung schwebt der Geist als Taube auf Maria hernieder: "Der Heilige Geist wird über dich kommen.“

Im Volksbrauch haben sich die Gläubigen diese Vorstellung sehr handfest vor Augen geführt. In manchen Kirchen wurde früher zu Pfingsten aus einer Öffnung in der Decke – dem sogenannten "Heilig-Geist-Loch“ – eine holzgeschnitzte Taube auf die Gemeinde herabgelassen. In der Pfarrkirche von Grafing bei München hat sich ein solchen Schnitzwerk (mitsamt Gloriole fast zwei Meter Durchmesser) erhalten; der alte Brauch, der seit der Aufklärung als grob sinnlich verpönt war, wurde inzwischen wieder belebt. Richard Wagner hat in seinen Opern etwas Ähnliches auf die Bühne gebracht. "Alljährlich naht vom Himmel eine Taube, um neu zu stärken seine Wunderkraft“, berichtet im "Lohengrin“ der Titelheld vom Gral, und der "Parsifal“ paraphrasiert die christliche Vorstellung vom Heiligen Geist: "Der Glaube lebt, die Taube schwebt, des Heilands holder Bote.“

Taufe Jesu, aus dem Hitda-
Codes, um 1000 (Universitäts-
und Landesbibl. Darmstadt)
Bild: Wikipedia

Aber wann taucht zum ersten Mal die Taube als Friedenssymbol auf – "Frieden“ in einem zwischenmenschlichen, politischen Sinn verstanden? Der Mediävist Friedrich Ohly hat eine Stelle bei dem französischen Kleriker Hugo de Fouilloy, aus dem 12. Jahrhundert, entdeckt. Hugo stellte zwei Lebenshaltungen gegeneinander, die friedfertige des Geistlichen und die kampfbereite des Ritters. Die eine ordnete er der Taube, die andere dem Falken zu, und er verknüpfte die Beobachtung des "friedlichen“ – gemeint war wohl: vegetarischen – Verhaltens der Tauben mit der biblischen Symbolgeschichte: Durch die Taube werde "die Gnade des Heiligen Geistes dem Reuigen stets bereit“ sein.

Es scheint erst im späten 17. Jahrhundert gewesen zu sein, dass die Taube als Friedenssymbol propagiert wurde. Zunächst als Symbol des inneren Friedens, wohlgemerkt: Es war die Zeit, als die Glaubenskämpfe ihr Ende fanden. Die Fürsten, die in ihren Territorien den Frieden zwischen den Konfessionen sichern wollten, prägten Münzen, auf denen die biblische Taube mit dem Ölzweig abgebildet war. Und in den Märchen wurde es ein beliebtes Motiv, die Taube als den friedlichen Vogel par excellence einen Krieg zwischen den Tieren schlichten zu lassen. Neben dem Friedenssymbol blieb bei den Dichtern die Taube als Vogel der Liebesgöttin lebendig. Im 18. Jahrhundert konfrontierte Johann Wilhelm Ludwig Gleim sie in einer Fabel der Eule, dem Vogel der Weisheit.

Heute ist uns die Assoziation zwischen Taube und Frieden selbstverständlich geworden – beinahe als wäre sie durch das Verhalten des Vogels "von Natur aus“ vorgegeben. Keine Demonstration zu einem weltpolitischen Thema, die ohne das Bild der Friedenstaube auf Plakaten und Transparenten auskäme. Darüber wird gern vergessen, dass Tauben über viele Jahrhunderte zu viel weniger friedlichen Zwecken genutzt wurden. Bereits im Alten Orient dienten sie aufgrund ihrer Fähigkeit, über weite Entfernungen zum Schlag zurückzufinden, der Nachrichtenübermittlung – im Frieden und eben auch im Krieg. Noch in den Weltkriegen wurden auf allen Seiten Hunderttausende von Tauben mobilisiert. Im August 1939 wurde in Berlin-Spandau sogar ein Denkmal für diese "Helden“ eingeweiht: Auf einem Steinblock, fast vier Meter hoch, saßen 25 auffliegende Tauben.

Die Brieftaube – auch dieses Motiv bildet einen Strang der Symbol- und Kulturgeschichte. Heutzutage handelt es sich eher um einen Sport; vor allem im Ruhrgebiet galt die Brieftaube Jahrzehnte lang als das "Rennpferd des kleinen Mannes“. Viele Tierschützer freilich klagen an, sehen in diesem friedlichen Sport eine Art von Krieg gegen die Tierwelt: Bei vielen Wettkämpfen würde gerade einmal die Hälfte der Vögel zurück zum Schlag finden, die übrigen gingen verloren – vor Erschöpfung oder wie auch immer.

Alltäglich sind uns die Tauben nicht zuletzt dadurch vertraut, dass sie in großer Zahl unsere Innenstädte bevölkern – geliebt und gefüttert von den einen, als "Ratten der Lüfte“ gehasst von den anderen, von den Stadtverwaltungen oft mit Gift verfolgt. Denkt jemand an das Friedenssymbol oder gar an den Heiligen Geist, wenn er über einen von Tauben verunreinigten Platz geht? Wenn wir nicht den Argwohn hätten, dass die Vögel allerlei Krankheiten übertragen, würden wir womöglich etwas ganz Anderes assoziieren: Seit dem späten Mittelalter sind gebratene Tauben, die dem Hungrigen von selbst in den Mund fliegen, der Inbegriff des Schlaraffenlandes, der Sehnsucht, ohne die Mühen der Arbeit leben zu können.

Eine Utopie des ewigen Friedens und des immerwährenden Wohlstands? Nicht doch, den Schriftstellern und Predigern dienten die gebratenen Tauben viel eher als Mahnung, dass es ein solches Leben "ohne Arbeit und Fleiß“ nicht geben könne, als Warnung vor dem Müßiggang. "Keine gebratene Taube kommt einem in den Mund geflogen“, heißt es in Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Roman "Simplicissimus“, 1668, "man muss danach gehen und sie zuvor fangen.“


Mehr im Internet:
Friedenstaube - Wikipedia
scienzz artikel Die Welt der Tiere
scienzz artikel Rund um das Pfingstfest

 

 

 

 

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