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Kultur

23.05.2021 - KULTURGESCHICHTE

Von der Sintfluterzaehlung zum Zeichen des Weltfriedens

Aus der Kultur- und Symbolgeschichte der Taube

von Josef Tutsch

 
 

Picassos Friedenstaube, von einer
sowjetischen Briefmarke, 1981
Bild: Wikipedia

Friedlich wie die Tauben? Durch biologische Fakten zwingend vorgegeben ist das Friedenssymbol der Taube, wie es uns heute so selbstverständlich erscheint, keineswegs. Gerade Tauben seien untereinander oft sehr angriffslustig, versichern die Verhaltensforscher, im Unterschied zu den als aggressiv verschrienen Falken. Wenn Tauben sich nicht gerade streiten, können sie beim Beobachter aber durchaus einen „friedlichen“ Eindruck erwecken: Sie ernähren sich überwiegend von Pflanzen, sind keine „Raubvögel“. Ihr Schnabel ist nicht vom Blut anderer Tiere befleckt.

Die Symbolgeschichte, die 1949 mit Pablo Picassos Lithographie der Friedenstaube für den Pariser Weltfriedenskongress ihren Höhepunkt fand, begann mit der biblischen Sintfluterzählung. Von „Frieden“, in einem politischen Sinn, ist darin zwar nicht die Rede, eher von Sicherheit gegenüber der Natur. Noah „ließ eine Taube fliegen aus der Arche. Gegen Abend kam die Taube zu ihm zurück, und siehe da: In ihrem Schnabel hatte sie einen frischen Olivenzweig.“ Noah „wartete weitere sieben Tage und ließ die Taube noch einmal hinaus. Nun kehrte sie nicht mehr zu ihm zurück.“'
Gott hatte die Sintflut als Strafe über die Menschheit verhängt. Denn die Erde war, wie es in der Bibel heißt, „voller Frevel“. Oder „voller Gewalt“, wie die Stelle auch übersetzt werden kann. Darin spiegelt sich, darf man vermuten, die Lebenserfahrung ackerbauender Völker im Alten Orient, die von ihren „räuberischen“  Nachbarn immer wieder überfallen und ausgeplündert wurden. Auch Noah war dem biblischen Bericht zufolge ein Ackerbauer.

Die Taube, die trockenes Land und einen Olivenbaum gefunden hatte, signalisierte das Ende der Flut – den Friedensschluss Gottes mit der Menschheit: „Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen.“ Beim Ölbaum führt die Geschichte sogar recht geradlinig auf die Symbolik von heute. Er war im gesamten Altertum der Inbegriff der „Kultur“ – einer Kultur, die sowohl durch Naturkatastrophen als auch durch feindliche Nachbarn immer wieder bedroht war. Bei den Olympischen Spielen in Griechenland war ein Olivenkranz nicht nur der Siegespreis, er symbolisierte auch den Frieden, der wenigstens für einige Wochen zwischen den verfeindeten Staaten gelten sollte. Bei Griechen und Römern war es üblich, dass Besiegte, die um Frieden baten, Ölzweige in den Händen hielten. Die UNO hat den Zweig 1947 in ihr Wappen aufgenommen.

Zurück zur Taube. Als Jesus, erzählt das Markusevangelium, „aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ Für den Evangelisten war der Vogel, der das Ende der Sintflut angezeigt hatte, das geeignete Bild, die Proklamation Jesu zum Messias – und damit den endzeitlichen Eingriff Gottes in das Weltgeschehen – zu signalisieren. Wahrscheinlich dachte er auch an eine Stelle beim Propheten Jesaja, an die Unterwerfung der Heidenvölker unter den Gott Israels, die für das Ende der Zeiten erwartet wurde: „Wer sind die, die heranfliegen wie die Wolken, wie Tauben zu ihrem Schlag?“

Venus mit der Taube,
von Léon Basile Perrault
(1832-1908)
Bild: Wikipedia

Auch in den Bildern vom Pfingstwunder ist immer wieder zu sehen, wie eine Taube auf die Apostel niederschwebt. Dabei ist im Bericht der Apostelgeschichte von einer Taube mit keinem Wort die Rede. Dort heißt es vielmehr, dass ein „Brausen“ vom Himmel her kam, „und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer“, „auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder“. Die Taube haben erst spätere Theologen und Künstler aus der Erzählung von der Taufe Jesu in die Pfingstgeschichte hinüber getragen.

In der christlichen Kunst wurde die Taube zur üblichen Darstellungsform des Heiligen Geistes. Gemälde von der Verkündigung Jesu an die Gottesmutter zeigen oft, wie eine Taube sich auf Maria herabsenkt: „Der Heilige Geist wird über dich kommen.“ Auf Bildern der göttlichen Dreifaltigkeit schwebt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube zwischen Vater und Sohn, die Menschengestalt haben. In vielen Kirchen wurde früher zum Pfingstfest aus einer Öffnung in der Decke, dem sogenannten "Heilig-Geist-Loch“, eine holzgeschnitzte Taube auf die Gemeinde herabgelassen. In der Pfarrkirche von Grafing bei München hat sich ein solchen Schnitzwerk, mitsamt Gloriole fast zwei Meter Durchmesser, erhalten.

Natürlich hat die religiöse „Symbologie“ rund um die Taube nicht daran gehindert, dass sie auch mit sehr weltlichen Assoziationen verbunden wurde. Sie sei „der Aphrodite heilig wegen ihrer Wolllust“, vermerkte im 2. Jahrhundert vor Christus der Schriftsteller Apollodoros von Athen, „es wird nämlich gesagt, dass sie am meisten Sex habe.“ Aphrodisiaka wurden gern in Gefäßen aufbewahrt, die als Taube geformt waren. Im Alten Testament spielen erotische Assoziationen zur Taube dagegen nur an einer einzigen Stelle eine Rolle, im Hohen Lied: „Schön bist du, meine Freundin, ja, du bist schön, zwei Tauben sind deine Augen.“

In der antiken Magie galt das Herz der Taube als zauberträchtig: Gab man es der Angebeteten zu essen, errang man deren Liebe. Die Mediziner gaben solchen Annahmen eine quasi-wissenschaftliche Grundlage: Man glaubte, Tauben besäßen keine „gelbe Galle“, die als Sitz des Bösen im Körper galt. Von den christlichen Autoren der Spätantike wurde die sexuelle Aktivität der Taube auch moralisch umgedeutet: als Vorbild für die Monogamie. In der Kunst konnten zwei Tauben deshalb als Symbol für ein einträchtiges Miteinander stehen. Wahrscheinlich geht es auf diese Tradition zurück, dass bei Hochzeiten gern „Tauben“ in großer Zahl „aufgelassen“ werden: Sie sollen auf eine glückliche Ehe vorausdeuten.

Taubenblut sollte gegen Augenleiden und Schlaganfälle helfen. Anderseits konnte die Taube aber auch die Einfalt bezeichnen; eine Stelle bei dem Propheten Hosea spricht von einer „törichten Taube, die sich leicht locken lässt“. Und bis in die populäre Musik von heute gilt die Taube als Sinnbild der Seele, die dem Körper im Augenblick des Todes entflieht und damit vielleicht auch eine neue Freiheit gewinnt. Wenn er einst auf See bleiben müsse, werde eine weiße Taube zur Geliebten fliegen, heißt es in einer Fassung des Welthits „La Paloma“: „Mit ihr wird meine Seele dann bei dir sein.“

Ganz und gar makaber kommt uns heute der „Sport“ des Taubenschießens vor, der in manchen Ländern gelegentlich noch praktiziert wird. Die Schützen sollen ihre Geschicklichkeit beim Treffen lebender, in ihrer Bewegung unberechenbarer Ziele beweisen. Inzwischen sind die lebenden Tauben in der Regel durch Wurfscheiben ersetzt. Das Wort „Tontauben“ verweist aber noch auf die blutige Vorgeschichte. 

Taufe Jesu, aus dem Hitda-
Codes, um 1000 (Universitäts-   
und Landesbibl. Darmstadt)
Bild: Wikipedia

Bereits im Alten Orient dienten die Taube aufgrund ihrer Fähigkeit, über weite Entfernungen zum Schlag zurückzufinden, der Nachrichtenübermittlung – zu Zwecken des Handels, der Liebe und des Krieges. Die Agentur Reuters begann 1849 mit Brieftauben, die über Aktienkurse informierten. Noch in den Weltkriegen wurden auf allen Seiten Hunderttausende von Tauben für diese Vorform der Telegraphie und Telefonie mobilisiert. Im August 1939 wurde in Berlin-Spandau sogar ein Denkmal für die „Helden“ eingeweiht: Auf einem Steinblock, fast vier Meter hoch, saßen 25 auffliegende Tauben. Die Schweizer Armee stellte ihren Brieftaubendienst erst 1996 ein.

Außerhalb des Militärs wurden die Brieftauben zur beliebten Freizeitunterhaltung. Vor allem im Ruhrgebiet galten sie lange als die „Rennpferde des kleinen Mannes“. Tierschützer freilich sehen in diesem vermeintlich friedlichen Sport eine Art von Krieg gegen die Tierwelt: Bei vielen Wettkämpfen würde gerade einmal die Hälfte der Vögel zurück zum Schlag finden, die übrigen gingen verloren – vor Erschöpfung oder wie auch immer. Bei der Aufzucht würden schwächere Tiere, weil sie die Erwartungen nicht erfüllen, ganz einfach „aussortiert“.

Und dann die Massen von Tauben in unseren Innenstädten … Die einen lieben und füttern sie, die anderen hassen sie und würden ihnen gern den Garaus machen. Vielen Plätzen verleihen sie ihr pittoreskes Flair, zugleich jedoch verursachen die „Ratten der Lüfte“ Dreck und stehen im Ruf, Krankheiten zu verbreiten. Vor einigen Jahren gelang es der Stadtverwaltung in Venedig, durch ein rigoroses Fütterungsverbot die Zahl der Tauben rund um den Markusplatz drastisch zu reduzieren, angeblich von 20.000 auf nur noch 1.000. Aber sie bilden eben auch einen Touristenmagneten – kann sich jemand diesen Platz ohne die Tauben vorstellen?

Auch in unserer Vorstellung vom Schlaraffenland sind Tauben immer präsent. Bereits bei antiken Dichtern ist die Phantasie belegt, dass in einem paradiesischen Land, in dem die Menschen nicht mehr arbeiten müssten, ihnen gebratene Vögel in den Mund fliegen würden. Im 17. Jahrhundert war das Märchen vom Schlaraffenland derart populär, dass Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen es in seinem Roman „Simplicissimus“, für angebracht hielt, zu Realismus zu mahnen: „Keine gebratene Taube kommt einem in den Mund geflogen, man muss danach gehen und sie zuvor fangen.“

Oder sie sich, wie Grimmelshausen, der im Dreißigjährigen Krieg lange Jahre als Soldat gedient hatte, sehr genau wusste, räuberisch aneignen. Also nach Art der Falken. Im 12. Jahrhundert hatte der französische Kleriker Hugo de Fouilloy zwei Lebenshaltungen einander gegenüber gestellt, die friedfertige der Geistlichen oder „Tauben“ und die kriegerische der Ritter oder „Falken“.

Ob Pablo Picasso, als er 1949 für den Weltfriedenskongress in Paris seine Friedenstaube schuf, solche Reflexionen bekannt waren? Wahrscheinlich dachte er vielmehr an seine Kindheit auf den Plätzen seiner Heimatstadt Málaga zurück. Bereits 1901 hatte er sein „Kind mit der Taube“ gemalt, eine friedvolle Gegenwelt zum Stierkampf, von dem er andererseits doch so fasziniert war. Heute sitzt auf einer Bank der Plaza de la Merced in Málaga eine Bronzestatue des Malers, eines der beliebtesten Fotomotive jeder Rundreise durch Andalusien. Die Tauben umflattern sein Haupt.

Die Lithographie zum Kongress wurde zu einem der meistreproduzierten Kunstwerke aller Zeiten. Keine Demonstration heute zu irgendeinem weltpolitischen Thema, die ohne Picassos Friedenstaube auf Plakaten und Transparenten auskäme. Auf Münzen und Briefmarken bekunden die Staaten mit Picassos Taube gern, dass sie sich der Idee des Friedens verpflichtet fühlen. Dass es damit in der Realität nicht immer so weit her ist, wusste aber bereits der Verfasser der Sintfluterzählung.  „Das Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf“, begründet Gott sein Versprechen, „künftig nicht mehr alles Lebendige zu vernichten“.


Mehr im Internet:
Friedenstaube - Wikipedia
scienzz artikel Die Welt der Tiere
scienzz artikel Rund um das Pfingstfest

 

 

 

 

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