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30.05.2012 - KULTURGESCHICHTE
Die Prinzessin mochte kein Warmbier
Wie der Tee zum englischen Nationalgetränk wurde
von Josef Tutsch
 | | Katharina Henrietta von Braganza,
Infantin von Portugal - Bild: Wikipedia
| | | König Karl II. von England war irritiert, als die portugiesische Prinzessin, seine zukünftige Braut, ihm entgegentrat. Schon die Haarmode ... Von seinen Maitressen her war er anderes gewöhnt. "Mein Gott, sie haben mir eine Fledermaus geschickt statt einer Frau", soll er zu seinen Vertrauten gesagt haben. Und dann der erste Wunsch, den die portugiesische Prinzessin äußerte: Sie bat um eine Tasse Tee ... Wollte sie womöglich demonstrieren, dass das aufstrebende London im Vergleich mit der alten Weltstadt Lissabon doch nur tiefste Provinz sei? Der König gab sich in seiner Antwort selbstbewusst: "In England trinken wir keinen Tee, würde vielleicht ein Bier reichen?" Warmbier – das war damals das englische Nationalgetränk.
Katharina von Braganza, die am 31. Mai 1662, vor 350 Jahren, den englischen König heiratete, wurde in ihrer neuen Heimat niemals recht heimisch. Als Katholikin durfte sie nicht zur Königin gekrönt werden und da sie keine Kinder gebar, konnte sie ihrer Aufgabe, die Thronfolge zu sichern, nicht nachkommen. Aber in dem Vierteljahrhundert, das sie bis zum Sturz ihres Schwagers Jakob II. 1688 in England verbrachte, bekehrte sie die englische High Society zu dem exotischen Getränk. Es dauerte gerade mal zwei oder drei Generationen, bis der Teekonsum auch in der breiten Bevölkerung üblich war. Bei der Ausbesserung von Straßen würden die Arbeiter Tee trinken, vermerkte 1757 ein gewisser Jonas Hanway, sogar in der Landwirtschaft werde an die Heuwender Tee ausgeschenkt.
Mitte des 17. Jahrhunderts war Tee in England noch so gut wie unbekannt gewesen.. Im September 1660 notierte der königliche Beamte Samuel Pepys in sein Tagebuch, er habe in einer Taverne erstmals ein "chinesisches Getränk" zu sich genommen. Im selben Jahr schenkte die East India Company dem König zwei Pfund; ob er davon probierte, ist nicht überliefert. Als sechs Jahre später gleich 23 Pfund als Geschenk an den königlichen Hof gelangten, wird Katharina darauf geachtet haben, dass die Blätter nicht irgendwo verloren gingen.
Bald wurden große Mengen Tee importiert, um den Bedarf bei Hofe und in der besseren Gesellschaft zu befriedigen. Und dabei kam dem englischen Handel die wahrhaft fürstliche Mitgift zupass, die König Alfons VI. von Portugal seiner Schwester gestiftet hatte: Die portugiesische Kolonie Bombay wurde der englischen Krone übereignet – Bombay war der Hauptumschlagplatz in Indien für chinesischen Tee. Von diesem Geschäft konnten sich beide Seiten einen Nutzen versprechen: England legte den Grundstein für sein anglo-indisches Imperium, Portugal, das nach langen Jahrzehnten erzwungener Vereinigung mit dem spanischen Nachbarn zu geschwächt war, um all seine überseeischen Besitzungen halten zu können, gewann einen verlässlichen Verbündeten in Europa.
Unter den Historikern hat es langwierige Diskussionen gegeben, warum England damals zu einer Nation von Teetrinkern wurde, während sich die kontinentaleuropäischen Länder eher dem Kaffee zuwandten. Das Vorbild der portugiesischen Prinzessin allein wird es wohl nicht gewesen sein. Aber auch mit den Finanzen lässt sich nicht alles erklären. Kaffee musste aus den arabischen Ländern bezogen werden, Tee aus China – das eine wie das andere der modisch gewordenen Getränke aus Asien brachte für die europäischen Nationen ein Devisenproblem mit sich.
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Mary Cassatt: A Cup of Tea (MUseum of Fine Arts, Boston) - Bild: Wikipedia
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Der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch hat die These aufgestellt, die unterschiedliche Behandlung der beiden Luxusgüter durch die englische Krone könnte sich ausgewirkt haben: Der Teehandel war im 17. und 18. Jahrhundert ein Monopol der Ostindischen Gesellschaft, der Kaffeehandel dagegen wurde von unabhängigen Kaufleuten betrieben. Wahrscheinlich waren sie der übermächtigen Konkurrenz am Ende nicht gewachsen. Eine Rolle spielte wohl auch, dass die Kaffeehäuser in London Mitte des 17. Jahrhunderts als Bordelle verrufen waren, anständigen Frauen war der Zutritt deshalb verwehrt. Als etwa ein Jahrhundert später die Teegärten aufkamen, standen sie allen offen.
Wie auch immer – die riesige Nachfrage rückte den Tee ins Zentrum des Welthandels. Kein Wunder, dass 1773 Aktivisten der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung es für das wirksamste Zeichen gegen die Machtansprüche der britischen Krone hielten, im Hafen von Boston 342 Kisten Tee von Handelsschiffen der East India Company ins Wasser zu werfen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich Großbritannien vom Import aus China unabhängig, indem es in Assam und auf Ceylon riesige Teeplantagen anlegte. Damals erst lernte Indien, heute das größte Erzeugerland, das Teetrinken von den britischen Kolonialherren.
Dabei schrieb die buddhistische Legende den Ursprung des Tees doch einem indischen Mönch zu: In frommem Eifer habe er das Gelübde abgelegt, sich des Schlafes zu enthalten. Da er trotzdem einnickte, schnitt er sich zur Sühne die Augenlider ab und warf sie auf die Erde, aus ihnen erwuchs die den Schlaf verscheuchende Teestaude. Die europäischen Mediziner nahmen sehr rasch wahr, dass Tee – ganz ähnlich wie Kaffee – das Nervensystem zu stimulieren vermochte. Tee mache den Körper "aktiv und munter", hieß es in einer englischen Werbeschrift von 1660, also zwei Jahre, bevor Prinzessin Katharina in London eintraf, es helfe gegen Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Müdigkeit, Alpträume, verbessere die Verdauung ebenso wie das Gedächtnis.
"Mit dem Tee gelangte ein Stück chinesischer und japanischer Kultur nach Europa", hat der Historiker Daniel Furrer festgestellt – schließlich wurden nicht nur die Blätter importiert, sondern auch die Teekannen und Porzellantassen und dann nicht zuletzt der Geschmack an dem Getränk aus dem Fernen Osten. Der Tee initiierte eine ganze chinesische Mode, die Chinoiserien in Architektur und Design. Nicht zuletzt in England entwarfen die Künstler Pavillons und Interieurs, Möbel und Tapeten im chinesischen Stil, die das Gefühl vermitteln konnten, sich fernab von den Zwängen europäischer Konvention zu bewegen. Denn gleichzeitig ergingen sich die Philosophen in Phantasien von China als einem blühenden und vorbildlichen Reich der Vernunft.
Sogar die japanische Teezeremonie, die auf der Grundlage des Zen-Buddhismus die Aufmerksamkeit der Gäste auf die vermeintlich kleinen, unscheinbaren Dinge lenken will, fand im englischen "Five-o’Clock-Tea" einen Abglanz – ob es da tatsächlich historische Bezüge gibt oder in England eine völlig eigenständige Entwicklung einsetzte, muss offen bleiben. Ein Problem war allerdings lange Zeit das Geschirr. Denn natürlich wollte die High Society das neue Getränk nur in dem erlesenen Porzellan servieren. Es dauerte noch ein halbes Jahrhundert, bis in Sachsen, mehr zufällig, das Geheimnis der Porzellanherstellung aufgedeckt wurde. Erst 1751 wurde in Worcester die erste englische Porzellanmanufaktur eröffnet. Auffälligster Unterschied ihrer Produkte zu den chinesischen Originalen: Die Teetassen hatten Henkel – in China hatte man sie nur gelegentlich, eben für den Export nach Europa, angebracht.
Wahrscheinlich, vermuten die Historiker, geht auch der Glaubensstreit, der heute die englische Teekultur in zwei verfeindete Richtungen zerteilt, auf diese Zeit zurück, als die Tassen noch sehr empfindlich waren und leicht zerspringen konnten: Was ist zuerst einzugießen, der heiße Tee oder die kühle Milch? Eine Streitfrage, die nur im Westen aufkommen konnte; im Fernen Osten gilt es als barbarisch, den Tee mit Milch zu mischen. Vielleicht war es aber gerade diese Gewohnheit, durch die sich der Tee bei der arbeitenden Bevölkerung in England durchsetzen konnte: Mit der Milch wurde neben der Stimulation auch gleich noch Energie zugeführt.
Mehr im Internet: Teekultur - Wikipedia scienzz artikel Essen und Trinken
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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