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07.06.2012 - SPORT

Autonomie durch Herrschaft des Reglements

Sport und Politik - von den Pharaonen bis heute

von Josef Tutsch

 
 

Olympiasieger durch Beste-
chung: Kaiser Nero ( in der
Glyptothek, München)
Bild: Saint-Pol/Wikipedia

"Deutschland hatte das ausgegraben, was vom alten Olympia noch vorhanden war", schrieb Pierre de Coubertin 1908, zwölf Jahre nach den ersten "Olympischen Spielen der Neuzeit". "Sollte Frankreich nicht die alte Herrlichkeit wiederherstellen?"

Da sage noch einer, Sport und Politik hätten miteinander nichts zu tun! Die Wiederbelebung der Olympischen Spiele zu Ende des 19. Jahrhunderts war – nicht nur, aber eben auch – Frucht eines Wettstreits der europäischen Nationen um das Prestige, das sich aus dem Bezug zum klassischen Altertum ziehen ließ. Der Soziologe Max Weber wusste die Implikationen "nationaler" Politik klar einzuschätzen: "Die Idee der Nation steht bei ihren Trägern in sehr intimen Beziehungen zu Prestige-Interessen."

Den Grund, warum sich gerade der Sport hierfür eignet, hatte bereits Ludwig XIV. erkannt, als er in seinen Memoiren schrieb: "Unsere Untertanen haben es im allgemeinen gern, wenn wir dasselbe lieben wie sie, die Dinge, die ihnen am meisten am Herzen liegen." Der Sonnenkönig dachte an das Theater; aber für den Sport gilt dieser Mechanismus ebenso sehr: "Dadurch haben wir Macht über ihren Geist und ihr Herz, oft vielleicht mehr als durch Belehrungen und Wohltaten."

Sport und Politik ... Wenn wir heute von den Olympischen Spielen 1936 in Berlin lesen, kommen wir beinahe zu dem Eindruck, für das nationalsozialistische Regime wäre das sportliche Großereignis nur die Fortsetzung seiner Politik mit anderen Mitteln gewesen. War es der Absicht nach wohl auch. Merkwürdig nur: Von vielen Zeitgenossen damals wurden die Spiele als ganz und gar unpolitisch empfunden. Der Sportfunktionär Carl Diem hat diese Sicht noch in den Nachkriegsauflagen seiner vielgelesenen "Weltgeschichte des Sports" mit Nachdruck verteidigt: Erst nach dem Zusammenbruch hätten sich "deutsche Kritiker und auch einige Ausländer gefunden, die das Fest als eine unerlaubte politische Propaganda brandmarkten".

Ein Erfolg gerade dieser Propaganda? Offenbar trennte das Berliner Publikum noch viel gründlicher zwischen Sport und Politik, als es dem Regime lieb sein konnte. Dieselben Zuschauer, die bei anderer Gelegenheit Hitler und Goebbels bei ihren Tiraden über die germanische "Rasse" zujubelten, feierten den farbigen amerikanischen Sportler Jesse Owens wie einen Halbgott. Und tatsächlich liefen die Spiele in einem zentralen Punkt ebenso "unpolitisch" ab wie sonst auch: Über die Siege und die Medaillen entschieden nicht irgendwelche politischen Kriterien, sondern das "Schneller, Höher, Weiter".

Insoweit liegt in der Aussage, Sport haben eben nichts mit Politik zu tun, sogar ein Körnchen Wahrheit: Es gehört zur Definition eines sportlichen Wettbewerbs, dass der Ausgang nicht vorgegeben sein darf, durch welche lebenswichtigen Interessen auch immer. Sonst würde der Wettbewerb für das Publikum ja auch sofort jede Spannung verlieren. Coubertin formulierte es ebenso pathetisch wie paradox, als er schrieb, "Adel und Auslese" müssten bei "seinen" Olympischen Spielen zugleich "vollkommene Gleichheit" bedeuten.

Pierre de Coubertin
Bild: Wikipedia

Nüchterner gesagt: Das soziale System des Sports muss wenigstens insoweit autonom sein, sozusagen unpolitisch, dass alle sonst geltenden Ungleichheiten für einen Augenblick ausgesetzt werden – es zählt einzig und allein die Überlegenheit des einzelnen nach dem vorgegebenen Regelwerk. Bereits in dem Lehrbuch, das 1580 ein gewisser Giovanni Bardi in Florenz für den "calcio", eine Art Fußball, schrieb, hieß es ausdrücklich, alle Herrschaftsverhältnisse aus der realen Welt müssten auf dem Spielfeld ruhen.

Die Herrschaft des Reglements: Darin liegt die Autonomie des Sports. Bereits die Teilnehmer an den antiken Wettbewerben hatten schwören müssen, in keinem Punkt gegen die Regeln zu verstoßen. Dass sich nicht alle daran gehalten haben – nun ja. Als im 2. Jahrhundert nach Christus der Reiseschriftsteller Pausanias nach Olympia kam, fand er 16 Bronzestandbilder des Zeus vor, die aus Bußgeldern finanziert waren, vor allem wegen Bestechung der Richter.

Der drastischste Fall von Bestechung in der Geschichte der antiken Olympischen Spiele war hochpolitisch motiviert. Der Historiker Sueton hat uns überliefert, wie Kaiser Nero zum Olympiasieger wurde: "Als Nero aus dem Wagen geworfen wurde, hob man ihn zwar wieder hinein; er konnte aber nicht durchhalten, sondern musste vor Beendigung des Laufes aufgeben; nichtsdestoweniger wurde er mit dem Siegeskranz ausgezeichnet."

Der Ehrgeiz des Kaisers wird nachvollziehbar, wenn man das Verhalten anderer Herrscher daneben stellt. Auf einer Stele in Gizeh ließ sich Pharao Amenophis II. im 15. Jahrhundert vor Christus als großer Athlet präsentieren: "Niemand konnte ihn im Laufen erreichen, stark waren seine beiden Arme, ohne dass er ermüdete ..." Ob Amenophis tatsächlich sportliche Höchstleistungen erbrachte, lässt sich heute nicht mehr beurteilen. Der Pharao war von Amts wegen unbesiegbar; das brauchte er nicht durch Wettbewerbe unter Beweis zu stellen.

Als Nero diese Stellung zu erneuern versuchte, wurde es zur Posse – inzwischen waren Spiele üblich geworden, in denen der Ausgang bis zum Schluss offen blieb. Inzwischen, das heißt durch die Griechen. Die Aussage des Basler Historikers Jacob Burckhardt, die griechische Kultur sei durch den Gedanken des Wettstreit zu ihrer Blüte gebracht worden, hat in den letzten Jahrzehnten viel Widerspruch hervorgerufen. "Stets sich als bester bewähren und trefflicher sein als die andern" – dieser Homervers kann heute nicht mehr mit derselben Antikenbegeisterung rezitiert werden wie noch vor wenigen Jahrzehnten.

Jesse Owens bei den Olympi-
schen Spielen in Berlin 1936
Bild: Wikipedia

Aber Burckhardt Aussage enthält doch einen wahren Kern. Indem die griechischen Stadtstaaten, ob nun demokratisch oder aristokratisch verfasst, politisch ohne einen Monarchen auskamen, war auch im Sport nicht von vornherein ausgemacht, wer "der beste" sein würde. Und umgekehrt führte ein Sieg im Sport nicht automatisch dazu, dass diese "Besten" auch mit einer politischen Karriere Erfolg hatten. Dabei erhielten die Sieger in ihrer Heimatstadt hohe Ehren und Vergünstigungen, zum Beispiel eine Staatspension auf Lebenszeit. Für die Jugend war das natürlich ein Ansporn, es ihnen gleichzutun – schon zwecks Stärkung der militärischen Schlagkraft ein sehr erwünschter Effekt. 

Vereinzelt gab es allerdings auch Stimmen, die den politischen Wert solcher sportlichen Wettbewerbe bezweifelten. Um 500 vor Christus provozierte der Philosoph Xenophanes seine Mitbürger mit dem Satz, Weisheit sei höher zu schätzen "als alle Kraft der Männer und der Rosse". "Was nützt einer Stadt ein Wettsieg ihrer Söhne?" Vor einigen Jahren griff der Satiriker Klaus Staeck dieses Argument sarkastisch wieder auf: "Ein Volk, das solche Boxer, Fußballer, Tennisspieler und Rennfahrer hat, kann auf seine Universitäten ruhig verzichten."

Intellektuellenträume ... Die Staats- und Parteiführung der DDR wusste den Wert des Sportes für die Politik zu schätzen, als sie begabte junge Sportler in großer Zahl von sonstigen Arbeitsverpflichtungen freistellte; während die Bundesrepublik sich im Glanz des Wirtschaftswunders sonnte, stieg der Arbeiter- und Bauernstaat zu einer olympischen Weltmacht auf. Aber auch in der Bundesrepublik hatte der Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern dabei geholfen, die Identität des jungen Staates zu stärken: "Wir sind wieder wer!"

Außenpolitisch ist es wohl in der Tat so, dass Vorzeigeathleten für das Ansehen ihres Landes ebenso wichtig sein können wie Wirtschaft und Diplomatie. Und innenpolitisch profitieren die Repräsentanten demokratischer, wie nicht-demokratischer Systeme nur allzu gern von sportlichen Großereignissen in ihrem Land und von der Nähe zu den Siegern. Ob es bereits in der Antike üblich war, dass Politiker nach dem Wettkampf die verschwitzten Sportler mit Besuchen behelligten? Da üben die allgegenwärtigen Fernsehkameras heutzutage wohl einen Druck aus, den frühere Zeiten so nicht kannten.

Außerhalb seines Reglements ist der Sport eben keineswegs autonom und kann es auch gar nicht sein. Schon bei nationalen, erst recht bei internationalen Wettbewerben ist ein immenser Apparat vonnöten; da spielen unvermeidlich allerlei Interessen hinein. So war es bereits im alten Hellas. Dass die Olympischen Spiele alle vier Jahre stattfanden, beruhte auf einem Konsens der ansonsten verfeindeten Stadtstaaten. Für einige Wochen herrschte Waffenstillstand; wer ihn verletzte, musste ein empfindliches Bußgeld zahlen.

In der Regel haben sich die Staaten daran sogar gehalten. Coubertin orientierte sich daran, als er forderte, "für jedes ausschließlich nationale Empfinden" müsse während seiner neuen olympischen Spiele "Burgfrieden" herrschen. Anders als manche seiner Nachfolger war er aber realistisch genug, von "seinen" Spielen keinen ewigen Frieden zu erwarten: Ein Empfinden, das sich einseitig auf das Nationale beschränke, müsse "vorübergehend auf Urlaub geschickt werden." Vorübergehend ...

Werbung über und über
Bild: Giovanni Bertizzolo/Wikipedia

Inzwischen allerdings hat sich so etwas wie eine "Welt-Innenpolitik" entwickelt: Wir beurteilen die Regierungen anderer Staaten nicht nur nach unseren eigenen außenpolitischen Interessen, sondern ebenso nach unseren Wertmaßstäben. Und gerade auf fragwürdige Regime übt der Sport eine besondere Attraktion aus; sie dürfen hoffen, von dort her ein Prestige zu beziehen, das ihnen sonst verwehrt bleiben müsste. Funktionieren kann eine solche Indienstnahme des Sports für die Politik freilich nur unter einer höchst paradoxen Bedingung, wie der Politikwissenschaftler Christian von Krockow einmal festgestellt hat: "Der große Wettkampfsport wird gerade darum politisch interessant, weil er unpolitisch ist und solange er es ist."

Anders ausgedrückt: Unter der Voraussetzung, dass die Wettkämpfe selbst nach ihrem eigenen Reglement, nicht nach irgendwelchen Interessen von außen ablaufen. Wenn einzelne Nationen die Chancen ihrer Sportler durch Doping zu erhöhen versuchen, dürfen sie sich also nicht erwischen lassen; sonst ist das gewonnene Prestige gleich wieder dahin.

Eine Differenzierung der sozialen Systeme, die sich von der klassischen Antike bis heute bemerkenswert konstant gehalten hat – Politikerehrgeiz hin, nationales Prestige her. Vielleicht wird diese Differenzierung ja auch den Wandel überstehen, der sich in der Jugendkultur von heute beobachten lässt: Neben die Identifizierung nach Nationen treten mehr und mehr die "Marken", also die Firmen, die Sportkleidung und -schuhe produzieren. Aber sicherlich lauern da neue Versuchungen, den Ausgang der Wettbewerbe mit "unsportlichen" Mitteln steuern zu wollen.


Mehr im Internet:
scienzz artikel Sport   
scienzz artikel Fußball  


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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