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04.06.2012 - PHILOSOPHIE

Wie der Glaube seine Selbstverständlichkeit verlor

Der kanadische Philosoph Charles Taylor über die Geschichte der Säkularisierung

von Josef Tutsch

 
 

Charels Taylor (* 1931)
Bild: Wikipedia

"Kunstdünger schafft Atheisten", sagt ein holländisches Sprichwort. Anders ausgedrückt: Der wissenschaftliche und technische Fortschritt hat für einige Fragen, die wir an die Natur stellen, plausible Antworten gefunden. Und damit, meint das Sprichwort, hätte sich das Geflecht der Antworten, mit dem frühere Generationen auskommen mussten – pauschal gesagt: "die Religion" –, erübrigt.

Mehr oder weniger differenziert ist das der Kern dessen, was man die "Säkularisierungstheorie" nennt. "Ein Tag wird kommen, da die Menschheit nicht mehr glauben, sondern wissen wird", schrieb bereits im 19. Jahrhundert der französische Schriftsteller Ernest Renan. Ob der Anklang an die Heilsverheißungen des Christentums beabsichtigt war? "Das Reich Gottes ist nahe" – nur dass Renan eben das "Reich" der Wissenschaft meinte. Auch eine "Heilsverheißung" ... Das holländische Sprichwort lässt ahnen, dass die Annahme, die Religion sei gerade im Absterben, zumindest in den "westlichen" Ländern längst nicht mehr die Haltung nur einer intellektuellen Elite ist.

Aber gerade der Erfolg dieses Deutungsmusters gibt guten Grund, misstrauisch zu werden. Der kanadische Philosoph Charles Taylor hat 1999 in Edinburgh in einer Vorlesungsreihe eine Geschichte der Säkularisierung vorgetragen – oder vielmehr die gängigen Erklärungsversuche dieses Phänomens kritisch unter die Lupe genommen. Die deutsche Übersetzung ist jetzt als Taschenbuch erschienen.

Das Ergebnis vorweg: Taylor will das Konzept "Säkularisierung" nicht etwa für sinnlos erklären; aber er bringt doch allerlei Fragezeichen an. Vor allem zu den Faktoren der Entwicklung: "Meines Erachtens hatte der Wandel der Weltanschauungen mehr mit ethischen Überlegungen zu tun". Fragezeichen setzt Taylor aber auch zum Ergebnis dieses Prozesses: Die Gegenwart sei weniger durch einen "Niedergang" der Religion geprägt als durch eine "neue Plazierung des Heiligen oder Spirituellen im Verhältnis zum individuellen und sozialen Leben".

Aber was ist das eigentlich: "Säkularisierung"? Taylor vergleicht die Zeit um 1500 und unsere Gegenwart. Der Wandel führte "von einer Gesellschaft, in der es praktisch unmöglich war, nicht an Gott zu glauben, zu einer Gesellschaft, in der dieser Glaube auch für besonders religiöse Menschen nur eine Möglichkeit neben anderen ist". Und für manche als Möglichkeit nicht einmal ernsthaft in Frage kommt. Taylor greift zu einem Bild aus der Astronomie: "Unsere Situation liegt auf einer Umlaufbahn, die sich immer weiter von einem Stern entfernt, der aber nach wie vor der entscheidende Bezugspunkt ist."

Verwissenschaftlichung unserer
Welt: Karikatur auf Charles Darwins
Evolutionstheorie, 1871
Bild: Wikipedia

Die Vorgeschichte dieser Entwicklung lässt sich mindestens bis ins hohe Mittelalter zurückverfolgen. Damals machte sich die katholische Kirche daran, in ihrer Dogmatik das "Natürliche" vom "Übernatürlichen" begrifflich zu unterscheiden, in einer Schärfe, wie es dies in anderen Weltkulturen nicht gegeben hat. Hintergrund war die Lehre von den kirchlichen Sakramenten, wie sie in  jener Zeit formuliert wurde. Langfristig führte diese Scheidung nicht etwa zu einer Abwertung des "bloß" Natürlichen; vielmehr war damit der Weg für die empirische Naturforschung freigegeben.

Die Reformation des 16. Jahrhunderts setzte diesen Gedanken fort: Sie hatte, so Taylor, "die Tendenz, das Heilige aus den erschaffenen Dingen zu verstoßen, weil es eine Form von Götzenanbetung sei, solchen Dingen Heiligkeit zuzusprechen." Den Reformatoren ging es jedoch keineswegs um so etwas wie "Säkularisierung". Ziel war gerade eine Intensivierung des religiösen Glaubens, eine besonders persönliche und engagierte eifrige und bewusste Hingabe an Gott; die Religiosität sollte in das alltägliche Handeln aufgenommen werden. Und mit dieser Verinnerlichung trat die Begegnung mit dem Übernatürlichen in der Außenwelt mehr und mehr zurück.

Das ist die "Entzauberung", von der Säkularisierungstheoretiker seit zweieinhalb Jahrhunderten gesprochen haben. Die Religion verlagerte sich von der Dogmatik, dem theoretischen Für-wahr-halten, mehr und mehr auf das Gefühl, das Erleben. Vielleicht meint die gängige Rede vom Absterben der Religion in der Moderne ja lediglich, dass die Weltdeutung im Sinne traditioneller Metaphysik durch die empirische Wissenschaft unnötig und damit uninteressant geworden wäre? Und die emotionale Seite der Religion wäre von dieser "Säkularisierung" weitgehend unberührt geblieben?

Ob man darin ein "Absterben" sehen will, hängt natürlich auch davon ab, wie man "Religion" definiert. Und da fließen dann leicht persönliche Überzeugungen in die Argumentation ein. Taylor selbst bekennt sich zum katholischen Christentum, geht jedoch auf eine nahe liegende Frage nicht ein: Gerade die katholische Theologie hat auf die Möglichkeit einer rationalen Gotteserkenntnis, vor aller Offenbarung, immer großen Wert gelegt. Von dieser Position her müsste die Verlagerung des Religiösen ins "Gefühl" recht problematisch erscheinen

Sehr begründet ist zweifellos Taylors Misstrauen gegen das, was man den Faktenfetischismus von Wissenschaftlern heute nennen könnte, die aus ihren empirischen Forschungen, in denen Transzendentes nun einmal nicht zu finden ist, ohne Umstände dessen Nicht-Existenz folgern. Taylor zuckt die Achseln: Tatsachen sind in unserem Denken immer schon interpretiert; unser Blick auf die Welt ist durch philosophische Vorentscheidungen geprägt.

Religiosität heute: Lichterfeier in Taizé,
2004 - Bild: Nicolai Schäfer/Wikipedia
Das gilt natürlich auch für die Frage nach den eigentlich bewegenden Momenten in der Geschichte. Entscheidend sind in Taylors Augen weder theoretische Ideen noch materielle Faktoren, sondern etwas auf der Grenze zwischen beidem: die auf Sinn ausgerichteten menschlichen Praktiken, in denen sich die Ideen sozusagen "verpackt" finden. Vielleicht hat der heroische Anschein, den sich das reine Immanenzdenken gern gibt, ja mehr für die Durchsetzung religionsferner Einstellungen getan als alle rationalen Argumente. Religion als "das Ergebnis eines kindischen Mangels an Mut"? , Auch das Ideal, wir müssten "Manns genug sein, um der Realität ins Auge zu schauen", ist eine Form der Tröstung, es schmeichelt unserem Selbstwertgefühl.

Taylors Buch will sozusagen der Selbstaufklärung der Aufklärer dienen, Misstrauen lehren auch gegen die Ergebnisse eines Jahrhunderte langen Prozesses wachsenden Misstrauens. Der Forscher warnt davor, den Prozess der Säkularisierung ideologisch einseitig als "Fortschritt" aufzufassen, als scheinbar unproblematischen Bruch mit einer Vergangenheit, die wir – Gott sei Dank – hinter uns gelassen hätten. Religiös geprägte Rituale stehen ja auch heute noch im Zentrum des öffentlichen Lebens, so in Großbritannien die Zeremonien des Königshauses. Oder in Frankreich die Feiern zum 1500. Jahrestag der Taufe des Frankenkönigs Chlodwig – eine Nation, die sich als laizistisch versteht, suchte in einem kirchlichen Akt ihren eigenen Ursprung. Oder weltweit die großen Events um die Päpste – attraktiv offenbar auch für viele Nichtkatholiken und Ungläubige. Oder schließlich in den USA die Veranstaltungen zum Gedenken an "Nine-eleven".

Dieses Beispiel zeigt aber auch, dass sich gerade in den letzten Jahrzehnten einiges geändert hat. In New York gedenken die Vertreter aller großen Glaubensrichtungen bei solchen Zeremonien in großer Harmonie miteinander – das steht in krassem Gegensatz gegen die Tradition, in der sich alle Religionen und Konfessionen mindestens darin einig waren, dass die jeweils anderen Unrecht haben. Ein Zusammenrücken angesichts der "Säkularisierung"?

Ein messbares Kriterium des Wandels ist die wachsende Zahl von Kirchenaustritten in vielen Ländern und die sinkende Teilnahme an Gottesdiensten, jedenfalls abseits großer Feiertage. Vielleicht noch frappanter: Große Teile der Jugend, die sich bei kirchlichen Events doch so engagiert zeigen, nehmen die kirchlich gepredigte Sexualmoral anscheinend gar nicht erst zur Kenntnis.

"Expressivismus" nennt Taylor die Geistesströmung, die sich in der westlichen Welt seit dem späten 18. Jahrhundert durch alle Konfessionen und sozialen Milieus hindurchzieht. Inzwischen – darin dürfte die große Wende der 1960er Jahre liegen – ist sie zu einem Massenphänomen geworden. Ob man das "Indivualisierung" nennen darf – dahinter setzt Taylor allerdings ein Fragezeichen. In der Konsumkultur werde doch alles wieder kollektiv stilisiert: "Ich bringe meine Individualität zum Ausdruck, indem ich mich wie Millionen andere mit Stars identifiziere, die wiederum mit bestimmten ‚Marken’ zusammenhängen."

Religion als Megaevent: Weltjugendtag in
Sidney 2008 - Bild: Socrates 2008

Taylor zusammenfassend: "Die Generationen, die durch die Kulturrevolution der 1960er Jahre geprägt wurden, sind dem traditionellen Modell des christlichen Glaubens im Abendland in mancher Hinsicht völlig entfremdet." Hinter dieser allgemeinen Formel verbergen sich allerdings sehr verschiedene Wirklichkeiten: eine zunehmende Anzahl von Atheisten oder Agnostikern oder Religionslosen, aber vielleicht noch mehr Menschen, die das offizielle Dogma ihrer Religionsgemeinschaft mehr oder weniger frei interpretieren oder mit Elementen aus anderen Traditionen verbinden; etwa der persönliche Gott wird dann gern als eine unpersönliche Lebenskraft gedeutet.

In der christlichen oder ‚postchristlichen’ Gesellschaft, stellt Taylor fest, sei der Glaube nur eine "Option", eine unter mehreren. Kann sich eine ähnliche Säkularisierung – mitsamt allseitiger Toleranz und sozusagen "Ökumene" – auch im Islam durchsetzen? Taylor wagt keine Antwort; statt auf dem Islam "rumzuprügeln", meint er, sollte man ihm "ihm jenen Raum zur Selbstverständigung einräumen, den auch die katholische Kirche für sich in Anspruch nimmt, wenn sie ihre Tradition ins Verhältnis zu den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils setzt". Eine Gelassenheit, mit der die politischen Probleme der Gegenwart freilich nicht gelöst sind: Menschenrechte wie die Religionsfreiheit sind jetzt einzufordern – nicht erst in ferner Zukunft, wenn die muslimische Theologie zu einer "Selbstverständigung" gekommen sein wird.

Dass die Religion absterben würde, hält Taylor für ganz und gar unwahrscheinlich. Auf der rationalen Ebene sei der Atheismus ebenso erklärungsbedürftig wie der Theismus. Ist die "religiöse Motivation" vielleicht doch eine anthropologische Konstante, nur aufgrund kultureller Entwicklungen mal mehr, mal weniger ausgeprägt, ähnlich etwa dem Sinn für Musik? Man müsse nicht gläubig sein, schreibt Taylor, um an die fortwährende Bedeutung religiöser Motivation zu glauben. Es könnte ja auch sein, dass die Evolution der Menschheit einen grausamen Streich gespielt habe, indem sie sie "mit einem unstillbaren Hunger ausgestattet habe, dem keine objektive Möglichkeit entspricht".


Neu auf dem Büchermarkt:
Charles Taylor: Ein säkulares Zeitalter,
aus dem Englischen von Joachim Schulte
gebundene Ausgabe:
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-58534-4, 68,- €
Taschenbuchausgabe:
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-518-58580-1, 39,95 €


Mehr im Internet:
Charels Taylor - Wikipedia
scienzz artikel Philosophie des 20. Jahrhunderts
scienzz artikel Philosophie der Religion


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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