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14.06.2012 - KUNSTTHEORIE

"Sie werden von keiner Kamera überwacht ..."

Subversion als Kunst und die Kunst der Subversion

von Josef Tutsch

 
 

Revolutionsfolklore in Me-
xiko: Wandbild mit dem
Portrait von Präsident Be-
nito Juárez
Bild: LyricMac/Wikipedia

1996 reichte der amerikanische Physiker Alan Sokal bei einer sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift einen Text ein, Überschrift: "Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation". Der Artikel wurde unverändert abgedruckt. Im Nachhinein deckte Sokal die sachlichen und logischen Unsinnigkeiten auf, mit denen er seinen Aufsatz gespickt hatte. Die Redaktion hatte nichts bemerkt.

Das nennt man "Subversion". Sokal war es gelungen, die Mängel der Qualitätskontrolle in solchen Publikationen zu entlarven, durch eine Art von Unterwanderung, die natürlich nur funktionieren konnte, weil er sich als Wissenschaftler bereits Renommee erworben hatte. Subversive Strategien – als Alternative zu offener Konfrontation – sind wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst, sie lassen sich in allen sozialen Zusammenhängen einsetzen, gegen jedes beliebige Ordnungssystem und zu jedem beliebigen Zweck. Bekanntes Beispiel: die Narren an den Fürstenhöfen des Orients und des Okzidents, die ihre Spaßmacherfunktion oft zu nutzen wussten, um unbequeme Wahrheiten an den Mann zu bringen. "Jeder Witz ist eine kleine Subversion", hat George Orwell gesagt.

Als Linz in Oberösterreich 2009 zusammen mit dem litauischen Vilnius europäische Kulturhauptstadt war, gehörte eine "Subversivmesse" zum Programm, die weltweit erste "Fachmesse für Gegenkultur und Widerstandstechnologien", wie der Veranstalter, der Verein "Social Impact", etwas vollmundig verkündete. Oder eigentlich keine Messe, keine Verkaufsveranstaltung, sondern eine Kunstausstellung: 50 Künstler und Künstlergruppen aus 22 Nationen präsentierten ihre Projekte.

Drei Jahre nach dem Event ist jetzt ein Sammelband mit einem Rückblick auf die "Messe" erschienen: Kunst und Subversion, Politik und Ästhetik. Im Grunde sind es sogar zwei Bände in einem: Erstens eine Selbstdarstellung der Projekte, die in ihrer Summe dem Leser einen Einblick gestattet in das, was man heute "Gegenkultur" oder "Protestkultur" nennt – von der Kritik an der aktuellen Wirtschafts- und Sozialpolitik in Europa über den Protest gegen polizeiliche Sicherheitsmaßnahmen bis zum Umweltschutz; zweitens einige Aufsätze mit sozial- und kulturwissenschaftlichen Analysen zum Begriff "Subversion".

Auf der Veranstaltung in Linz wollten zwei der Künstler, sozusagen als Maskottchen, eine lebende Skulptur präsentieren, einen Papagei im Käfig – die Besucher sollten zu allerlei Reflexionen über ihr Unbehagen in der modernen Gesellschaft und Kultur angeregt werden. Die Realität unterlief das Projekt quasi-subversiv, der Papagei starb vor der Ausstellung und wurde nun halb ausgestopft präsentiert. Gleich neben dem Eingang war ein Geldautomat aufgestellt; wer ihn zu benutzen versuchte, erhielt allerdings kein Geld, sondern bekam einen Bildschirmtext zu lesen: "Wir haben uns entschlossen, ihre Karte für einige Minuten einzubehalten. Danach erhalten Sie sie vollständig und unbeschädigt zurück. Wir stehlen Ihnen kein Geld und keine persönlichen Daten ... Sie werden von keiner Kamera überwacht ..." Ein drittes Projekt stellte ein "Infrarotlichtgerät zum Abschirmen von Infrarotüberwachungskameras" vor: "Das Gesicht der überwachten Person wird einem Lichtball überdeckt." Ein viertes Projekt präsentierte mehr oder weniger phantasievoll formulierte Möglichkeiten, eine von den Arbeitsagenturen vorgeschlagene oder aufgedrängte Arbeitsstelle abzulehnen. Usw. usf.
 

George Orwell: "Jeder Witz ist
eine kleine Subversion"
Bild: Wikipedia
Im einen oder anderen Fall kokettierte die Messe mit den Grenzen der Legalität, zum Beispiel "Illustrationen von einfachen Baukästen für die Herstellung von Nitroglycerin". "Rein visuelle und rhetorische Widerstandsästhetik", wie der Beitrag im Sammelband beruhigend hinzufügt.  "Der Eiertanz der Organisatoren zwischen politischem Anspruch und den Zwängen eines geförderten Kulturhauptstadtprojekts ging nicht immer gut", schreibt der Wiener Politikwissenschaftler Christian Diabl im Rückblick. Einen Höhepunkt der Aufregung gab es, als einer der Teilnehmer seinen Plan in die Öffentlichkeit lancierte, an einem Samstag alle drei Donaubrücken zu blockieren und auf diese Weise den Umsatz der Geschäfte zu behindern. Angeblich observierte sogar der militärische Nachrichtendienst vor Ort – sofern dieses Gerücht nicht von den Veranstaltern selbst aufgebracht wurde.

Subversion auf österreichisch: "Der Begriff Subversion erhielt auch außerhalb einschlägiger Kreise einen gewissen Charme", schriebt Diabl. Umgekehrt ist natürlich zu unterstellen, dass die gegenkulturell inspirierten Veranstalter sich dem "Charme" öffentlicher Gelder bei diesem Event "Kulturhauptstadt" nicht entziehen konnten. Man kann durchaus fragen, wer hier wen erfolgreicher und nachhaltiger unterwandert hat: die "Subversiven" das "System" oder vielmehr umgekehrt. Wahrscheinlich bieten solche Veranstaltungen Akteuren wie Besuchern ein Ventil für Erregungen, die sich sonst viel destruktiver Ausdruck verschaffen könnten.

Wie vieldeutig der Begriff "Subversion" sein kann, macht – halb und halb vermutlich ungewollt – eine Bemerkung in einem der Beiträge deutlich: "Nazismus und Faschismus waren in ihren Anfängen subversiv"; der Nachsatz stellt dann allerdings klar, dass damit keine politische Inhalte gemeint sind: "Ihre Kraft baute auf den Mythos des tapferen Menschen, der zur Tat schreitet". Eine Aussage, die sich nicht nur in der oberösterreichischen Metropole, die einst als "des Führers Lieblingsstadt" galt, unheimlich liest. Aber eine solch rein formale Kategorie wie Subversion muss eben auch anwendbar sein, wenn einem die Richtung ganz und gar nicht passt: "Die Subversion ist keiner bestimmten Ideologie verpflichtet, vielmehr ist ihr die Richtungsänderung eigen."

Der Wiener Soziologe und Kunsthistoriker Jens Kastner illustriert das in seinem Aufsatz zur Graffiti-Kultur in Mexiko. Wandmalereien im öffentlichen Raum ("muralismo") gehören seit den 1920er Jahren zur mexikanischen Nationalkultur; die Regierung wollte der großenteils analphabetischen Bevölkerung die Geschichte des Landes und die politischen Ziele der erfolgreichen Revolution von 1910 nahe bringen. Also nichts mit subversiver Kunst, eher so etwas wie Revolutionsfolklore. Andererseits sind auch oppositionelle Bewegungen heute bemüht, den öffentlichen Raum durch ihre Graffiti zu besetzen; Stil und Ikonographie lehnen sich dabei eng an das mexikanische Erbe an – für Touristen wird es gar nicht so einfach sein, zwischen Subversion und Folklore zu unterscheiden. Einer "Folklore", wohlgemerkt, die selbst aus einer früher subversiven Bewegung hervorgegangen ist. Zum Beispiel das Konterfei des Revolutionshelden Emiliano Zapata: Es ziert Tourismus-Merchandise-Artikel und hat als T-Shirt-Aufdruck auch den Weg nach Mitteleuropa gefunden, kann aber in aktuellen politischen Auseinandersetzungen auch als Verweis auf die uneingelösten Versprechen der Revolution vor einem Jahrhundert eingesetzt werden.

Ein hübsches Beispiel für subversive Kunst in einer "reglementierten" Gesellschaft bietet die mazedonische Kulturtheoretikerin Suzana Milevska. 1987 erhielt in Jugoslawien ein Plakat zum staatlichen "Tag der Jugend" am 25. Mai bei einem nationalen Wettbewerb den ersten Preis. Dann jedoch ließen die Behörden die bereits ausgehängten Plakate wieder einziehen. Inzwischen war aufgefallen, dass der Künstler ein deutsches Plakat aus den 1930er Jahren imitiert hatte – ein unmissverständlicher Hinweis auf die Nähe nicht nur zwischen dem "sozialistischen Realismus" und der Nazi-Kunst, sondern auch auf eine politische Verwandtschaft beider Systeme. 

"Teorema" von Pier Paolo Pasolini
Bild: pakdooik/Wikipedia
Übrigens war auch das kommunistische Nachkriegs-Jugoslawien aus einem Widerstand hervorgegangen, dem gegen die deutsche Besatzung. Milevska erinnert daran, dass die neuen Machthaber versuchten, ihre Partisanentätigkeit im Weltkrieg zum Zwang für jedermann zu machen, im Sinne der revolutionären Partei, versteht sich. "Allgemeine Volksverteidigung" war ebenso wie Marxismus ein verpflichtender Kurs für die Studienanfänger. Es waren "die am meisten verschmähten Kurse in Ex-Jugoslawien", seufzt die Autorin. Und wahrscheinlich waren sie, was die Sympathie der Bevölkerung mit dem Regime angeht, höchst kontraproduktiv, sozusagen eine ungewollte Subversion des Systems gegen sich selbst. Subversion sei oft die einzige Strategie, die künstlerisch gegen autoritäre Herrschaft überhaupt möglich sei, schreibt Milevska. Inwieweit eine derart symbolische Verschlüsselung wie dieses Plakat in der politischen Realität irgendetwas ausrichten kann, bleibt eine andere Frage.

Kunst könne in keine Weise einer strategischen Logik untergeordnet werden, hat der französische Philosoph Jacques Rancière festgestellt, der im Sammelband mit einem Interview vertreten ist. Bei näherer Betrachtung  stellt sich Rancières Aussage als höchst doppelbödig heraus: Kunst widersetzt sich nicht nur ihrer durch das herrschende System, sondern unter Umständen ebenso ihrer Nutzung durch die widerständige Gruppierungen selbst – ganz davon abgesehen, dass auch gegenkulturelle Einstellungen in manchen gesellschaftlichen Subsystemen durchaus Herrschaft ausüben.
 
Subversion und Kunst ... Einer der Aufsätze im Sammelband widmet sich einem großen Kunstwerk, dem Film "Teorema" von Pier Paolo Pasolini. Der namenlose Gast, der ebenso plötzlich auftaucht, wie er wieder verschwindet, ist die fleischgewordene Subversion; er unterminiert bei allen Mitgliedern seiner Gastfamilie ihre festgefügten Konzepte von sich selbst und von ihrem Leben und vielleicht auch beim Zuschauer seine hergebrachten Denkgewohnheiten. Ob Pasolini, fragt die Giessener Soziologin Anna Schober, über die Subversion hinaus ein positives Gegenmodell, so etwas wie eine Utopie. liefern wollte? "Ein erlöster Bürger", hatte er einige Jahre zuvor geschrieben "muss auf all seine Rechte verzichten und aus seiner Seele ein für alle Mal die Idee der Macht verbannen." Franz von Assisi als Lebenskonzept – der Familienvater Paolo, vor der Begegnung mit dem Unbekannten ein erfolgreicher Unternehmer, zieht diese Konsequenz. Aber sie findet keinerlei Resonanz, "verpufft" sozusagen ins Leere; es bleibt zweifelhaft, ob sich das neue Leben wirklich leben lässt. Vielleicht war der Künstler Pasolini ja gegen seine eigenen Ideale subversiver, als es der politische Propagandist sein wollte.
 

Neu auf dem Büchermarkt:
Kunst, Krise, Subversion. Zur Politik der Ästhetik,
herausgegeben von Nina Bandi, Michael G. Kraft, Sebastian Lasinger,
transcript Verlag, Bielefeld 2012, 29,80 €


Mehr im Internet:
Subversion - Wikipedia    
scienzz artikel Kunsttheorie    


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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