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19.06.2012 - SPORT

"Sport ist, was Spaß macht"

Eine neue Kulturgeschichte des Sports

von Josef Tutsch

 
 

Rafael Nadal beim Finale der French Open
2007 in Paris - Bild: urtea/Wikipedia

"Mens sana in corpore sano", "in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist", sagten Sportlehrer früher gern, um jene Schüler zu animieren, die eher den wissenschaftlichen oder musischen Fächern zugetan waren. Schließlich wussten doch schon die alten Römer, dass ganz ohne körperliche Gesundheit auch geistig nur schwer etwas zu leisten ist. Aber mit geflügelten Worten ist das so eine Sache ... "Beten sollte man darum, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sei", lautet der Vers des Schriftstellers Juvenal Anfang des 2. Jahrhunderts nach Christus vollständig. Juvenal wollte keineswegs den Sportabstinenten eine Lektion erteilen; er machte sich über die körperlich perfekt gestählten, aber oft hirnlosen Athleten in den Arenen seiner Zeit lustig.

Der Sport und die Intellektuellen ... Im Geschichtsunterricht und dann auch im Geschichtsstudium an der Universität kam das Stichwort "Sport" früher gar nicht erst vor, stellt der Historiker Wolfgang Behringer von der Universität des Saarlandes fest. Nicht dass die Größen der politischen und der Geistesgeschichte allesamt Sportmuffel gewesen wären – im Gegenteil, der Philosoph Platon war ein preisgekrönter Ringer, Kaiser Karl V. ein begeisterter Tennisspieler, der Physiker Isaac Newton ein erfolgreicher Boxer. Aber in den Augen moderner Historiker konnte dergleichen nur müßiges Beiwerk zu ihren ernsthaften Leistungen sein.

Da hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Wandel vollzogen. Unter dem Schlagwort "Kulturgeschichte" versuchen die Historiker heute, die verschiedensten Phänomene der Vergangenheit in ihrem Zusammenhang zu betrachten. Für einen anderen Bereich hat Behringer selbst das vor einigen Jahren in seiner "Kulturgeschichte des Klimas" vorgeführt. Rechtzeitig vor den Fußball-Europameisterschaften in Polen und in der Ukraine und vor den Olympischen Spielen in London, hat der Forscher nun eine "Kulturgeschichte des Sports" herausgebracht, von den kultischen Zeremonien im alten Ägypten, mit denen der Pharao seine übermenschliche Kraft und damit seinen Herrschaftsanspruch demonstrierte, bis zu Homer Simpson.

Homer Simpson? Ja, auch dieser TV-Charakter, der eigentlich eine Personifikation der Trägheit ist, den Sport aber immerhin als Fernsehunterhaltung zu schätzen weiß, gehört in eine solche Kulturgeschichte des Sports. Aber was ist das eigentlich – Sport? Behringer verdeutlicht das Problem an der Aufzählung einiger Disziplinen, die früher bei den Olympischen Spielen gepflegt wurden oder heute noch vom Internationalen Olympischen Komitee als prinzipiell olympiawürdig anerkannt werden: Tauziehen, Sackhüpfen, Ballonfahren, Drachenfliegen, Angeln, Tontaubenschießen, Bridge, Schach, Billard ...

Und seit wann gibt es Sport? Behringer verweist auf die sogenannten Naturvölker, bei denen im Grunde dieselben Übungen abgehalten wurden wie heutzutage auch: Laufen, Springen, Werfen, Schießen, Schwimmen sowie alle möglichen Formen von Ballspiel. Und auch das Bestreben, sich in diesem Spiel mit anderen zu vergleichen, ist vermutlich so alt wie die menschliche Kultur selbst. Dass wir über Europa und seine antike Vorgängerkultur so unverhältnismäßig viel mehr wissen als über den Rest der Welt, darf uns nicht dazu verführen, im Sport eine rein europäische Angelegenheit zu sehen. Aber Vorsicht, Missdeutungen liegen nahe. In der Grabanlage des Pharaos Djoser, etwa 2.700 Jahre vor Christus, wurde eine Laufbahn mit zwei Wendemarken gefunden. Die älteste Sportanlage der Welt? Streng genommen, so Behringer, handelt es sich um die Nachbildung einer Sportanlage: Der tote Pharao sollte bis in alle Ewigkeit seine Runden drehen können.

Mädchen beim Ballspiel, Mosaik in der Vil-
la Romana del Casale, Piazza Armerina
(Sizilien), 4. Jh. - Bild: Wikipedia

Mit den Griechen, da hat das humanistische Vorurteil vielleicht nicht ganz Unrecht, scheint auch in der Geschichte des Sports etwas Neues eingesetzt zu haben. Die vier Panhellenischen Spiele, voran Olympia, waren für die griechischen Stadtstaaten, die politisch miteinander verfeindet waren, das wichtigste Forum, ihre gemeinsame Kultur aufrechtzuerhalten. Welche Stellung der sportliche Wettkampf im antiken Griechenland einnahm, zeigt bereits die Schilderung einer Totenfeier in der "Ilias". Natürlich waren es die großen Helden des Trojanischen Krieges, die auch hier den Preis davontrugen; aber untereinander waren sie gleichberechtigt, der Ausgang des Wettkampfes war offen.

Genau dieser Punkt war noch mehr als zwei Jahrtausende später in der frühen Neuzeit ein Problem. 1520 erschien der englische König Heinrich VIII. zu einem Staatsbesuch beim französischen König Franz I. Es wurden allerlei Sportwettkämpfe geboten, und die Diplomaten setzten viel Kunst daran, eine direkte Konfrontation zwischen den beiden Herrschern zu vermeiden. Aber dann forderte Heinrich seinen Kollegen Franz zu einem Kräftemessen im Ringkampf heraus. Als er unterlag, hieß es bereits "Krieg in Sicht"; zum Glück konnte Heinrich seine Scharte im Bogenschießen auswetzen.

Was trieb die Fürsten zu ihren Sportübungen?, fragt Behringer. Spaß an der Sache und Freude am Wettbewerb, sicherlich. Auch Repräsentation vor der Öffentlichkeit – ein Faktor, der im Zeitalter der Massenmedien noch wichtiger geworden ist; nicht nur die Potentaten totalitärer Regime wie Mussolini oder Mao Tse-Tung präsentieren gern ihre körperlichen Kräfte. Von Elisabeth I. von England ist belegt, dass sie noch in hohem Alter tanzte und ausritt – nach eigenem Eingeständnis, um zu beweisen, sie sei noch keineswegs so alt, wie manche es gern hätten.

Behringers These: In der frühen Neuzeit, also etwa zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert, vollzog sich ein Prozess der "Sportifizierung", als Herausbildung eines quasi autonomen sozialen Sektors "Sport". Damals wurden die sportlichen Übungen, die es sicherlich immer und überall gegeben hat, institutionalisiert und professionalisiert und natürlich auch kommerzialisiert. Es wurden Bauten errichtet, die keinem anderen Zweck dienten als dem Sport, vor allem Ballspielsäle und Reithallen. Es bildeten sich neue Berufszweige heraus, nicht nur Sportprofis, sondern auch etwa Tanz- und Fechtmeister. Und da gerade die beliebten Spiele mit dem Ball oft in  Streit und Tumult ausarteten, rückte immer öfter ein Schiedsrichter in den Mittelpunkt der Veranstaltung.

Die Frühe Neuzeit ist Behringers Spezialgebiet; vor einigen Jahren hatte er in seiner "Kulturgeschichte des Klimas" mit einer Fülle von Detailbeobachtungen die These zu untermauern versucht, die Hexenverfolgung damals sei eine Antwort auf die Ängste während der "Kleinen Eiszeit". Dass Europa dann im 18. Jahrhundert seine industrielle Revolution erlebte, könnte tatsächlich eine zweite, erfolgreichere Antwort auf diese Herausforderung gewesen sein. Da liegt die Frage nahe, ob womöglich auch die Sportifizierung durch diese klimatische Abkühlung bedingt war.

Der Sumoringer Mutsogamine
Iwanosuke, Holzschnitt von
Kuniyoshi, 1853
Bild: Wikipedia

Vielleicht enttäuschend für Leser, die in der Klimageschichte so etwas wie neue historische Leitdisziplin entdeckt zu haben glaubten: Behringer gibt keine Antwort. Dass gerade in dieser Zeit an den Fürstenhöfen "die Vorführung brutaler Kraft verdrängt wurde durch Demonstrationen des Könnens und der Eleganz", führt er in der Hauptsache auf eine "veränderte Einstellung zu den physischen Übungen und ihrem Instrument, dem menschlichen Körper" zurück.

Und natürlich wollte die Renaissance auch im Sport an antike Traditionen wiederanknüpfen. Mit Modifizierungen freilich: Vor der griechischen Gewohnheit, die Athleten nackt auftreten zu lassen, schreckte man im christlichen Abendland denn doch zurück. Und immer wieder wurde diskutiert, welche Sportarten eines jungen Adligen überhaupt würdig seien. Eine allzu große Wucht beim Schlagen und ein Übermaß an Schweißausbruch sollten Personen von Stand vermeiden, schrieb 1489 der päpstliche Bibliothekar Paolo Cortese und empfahl, statt des allseits beliebten großen Balls lieber einen kleinen, mit Wollpflaum gestopften zu nehmen.

Frauensport? In der Antike waren Frauen zumindest bei den großen Spielen nicht zugelassen, auch nicht als Zuschauerinnen; bei mittelalterlichen Turnieren scheinen Frauen, wenn man zeitgenössischen Bildern glauben will, dagegen einen Großteil des Publikums ausgemacht zu haben. In Renaissance und Barock ist immer häufiger davon die Rede, dass Frauen sich bei Wettrennen oder Ruderregatten oder Ballspielen hervortaten. In Turnierform kam allerdings Frauenfußball bekanntlich erst im späten 19. Jahrhundert auf, Teil des olympischen Programms wurde er erst 1996.

Immer wieder umstritten waren die "blood sports", wie sie uns heute vor allem durch den spanischen Stierkampf geläufig sind. Noch bis ins 18. Jahrhundert ergötzten sich weltliche wie geistliche Obrigkeiten fast ausnahmslos daran, allerlei Tiere im Kampf gegeneinander antreten zu lassen. Dass Papst Pius V. 1567 den Stierkampf verbot (mit der Begründung, er gefährde das Seelenheil der Zuschauer), blieb eine Ausnahme. Seit der späten Aufklärung wurden die Tierhetzen allgemein zurückgedrängt – außer bei der Jagd; Fuchsjagd mit Hundemeuten war in England bis zum Verbot 2005 ein beliebtes Vergnügen.

Breiten Raum widmet Behringer der Wiederbelebung der antiken Olympischen Spiele in der Neuzeit. Pierre de Coubertin war keineswegs der erste. 1612 zum Beispiel begründete ein Robert Dover die "Olympic Games upon Cotwold Hills" in Gloucestershire. 1856 unterbreitete der Kaufmann Evangelos Zappas dem König des jungen griechischen Nationalstaates, Otto, den Plan, in Griechenland selbst die Spiele wieder zu erneuern. Nachhaltigen Erfolge – und zwar international – hatte dann erst Coubertin. Dabei spielte, nicht anders als Jahrzehnte zuvor bei dem preußischen "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn, ein nationalistisches Motiv eine Rolle: Vom Sport erwartete Coubertin eben auch eine verbesserte Kondition der französischen Soldaten, damit sich die Niederlage von 1871 nicht wiederholen könne.

Turnierwaffen, Dresdner Zwingermuseum
Bild: Ingersoll/Wikipedia

Sport und Politik -  auch ein Thema, das in Behringers Darstellung immer wieder aufscheint. Bereits Juvenal hatte seufzend konstatiert, das römische Volk habe für "Brot und Zirkusspiele" seine Souveränität an den Kaiser und seine Beamtenschaft abgegeben; durch die TV-Figur des Homer Simpson sähe er sich in seiner Einschätzung zweifellos bestätigt. Wenn man so will, schreibt Behringer, ist Sport heute dort wieder angekommen, "wo wir in der römischen Antike schon waren: im Showgeschäft". "Sport ist, was Spaß macht", resümiert der Forscher, und das kann eben alles Mögliche sein – vom Straßenfußball, bei dem Coladosen gegen Schrottautos gekickt werden, über die aktuelle Fitnesswelle bis zu Extremleistungen mittels Doping, zumal, wenn dafür Geld winkt. Und notfalls wohl, ganz nach Art eines Homer Simpson, auch das Zusehen, wie andere Sport machen, auf dem Bildschirm.


Neu auf dem Büchermarkt:
Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Sport. Vom antiken Olympia bis zur Gegenwart,
Verlag C. H. Beck, München 2012, ISBN 978 3 406 63205 1, 24,95 €


Mehr im Internet:
scienzz artikel Sport    
scienzz artikel Fußball    


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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