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26.06.2012 - KULTURGESCHICHTE

30 Silberlinge und die Legitimität der Ordnung

Das Phänomen Denunziation - von Judas bis zur Stasi

von Josef Tutsch

 
 

"Löwenmaul" am Dogenpalast in Venedig,
zum Einwerfen anonymer Anzeigen
Bild: Berthold Werner/Wikipedia

Ohne Google würde man den Urheber dieses Zitats wohl schwer enträtseln können: Wir leben "zur Zeit in einem Meer von Denunziation und menschlicher Gemeinheit", es ist "keine Seltenheit, dass jemand einen anderen denunziert und sich selber gleichzeitig als Nachfolger empfiehlt". Es war Adolf Hitler, der mit diesen Worten im Mai 1933 gegenüber Reichsjustizminister Franz Gürtner seinen Unmut äußerte – über eine Atmosphäre, die er doch selbst mitgeschaffen hatte.

Offenbar ist der Abscheu vor Denunziation so tief in uns verwurzelt, dass auch Hitler sich dem nicht entziehen konnte. "Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen", berichtet der polnische Philosoph und Literaturwissenschaftler Karol Sauerland in seiner Studie über das Phänomen Denunziation, "waren sie über den Umfang der Denunziationsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung überrascht." Und sie machten sich nicht die Illusion, die große Masse der Anzeigen wäre durch ideologische Linientreue motiviert gewesen. Der eine oder andere Denunziant versprach sich einen materiellen Vorteil, mancher suchte einen Scheidungsgrund, weil er seinen Ehepartner auf andere Weise nicht los werden konnte, oder wollte sich an einem überlegenen Geschäftspartner rächen. Usw. usf. Die politische Situation wurde genutzt, um persönliche Probleme auf neue Art lösen zu können.

Sauerland hat eine Fülle von Akten durchgesehen und ist zu dem Schluss gelangt, dass in vielen, vielleicht sogar den meisten Fällen noch ein anderes Motiv ausschlaggebend war. Der Fall Helene Schwärzel könnte typisch gewesen sein. Am 12. August 1944 kehrte ein Fremder im westpreußischen Conradswalde in eine Gastwirtschaft ein. Die Angestellte Schwärzel erkannte ihn, es war der ehemalige Zweite Bürgermeister von Königsberg und Oberbürgermeister von Leipzig, Carl Goerdeler. Im Grunde war er ihr sogar sympathisch, sie erinnerte sich gern daran, wie höflich er beim Spaziergang auf der Strandpromenade in Königsberg immer den Hut gezogen hat. "Da draußen sitzt unser Goerdeler", sagte Schwärzel aufgeregt zu ihrer Kollegin.

Das hielt sie aber nicht davon ab, die Nachricht an die Geheime Staatspolizei zu geben. War es bloß die Aussicht auf die ausgesetzte Belohnung? In der Hauptsache, unterstellt Sauerland, war es die Überzeugung, sich nach den Vorschriften richten zu müssen. Anders ausgedrückt: Die Nazi-Herrschaft wurde als legitim angesehen; wenn es nicht ganz und gar unzumutbar wurde, hatte man ihr zu dienen. Denunziation galt sozusagen als staatsbürgerlicher Pflicht, gelebte Sittlichkeit. Die Denunziation "geschah um der vermeintlichen Ordnung willen, und zwar in einem Augenblick, in dem der Zusammenbruch dieser Ordnung bereits absehbar war".

Der Judaskuss, von Giotto di Bon-
done, in der Arenakapelle in Padua,
um 1305 - Bild: Wikipedia

Das Regime nutzte diese Bereitschaft, um seine Herrschaft zu stabilisieren. Geliebt wurde dieses Instrument aber keineswegs. "Denunziantentum" war ein Schimpfwort, verband sich auch im Mund von Nazi-Repräsentanten gern mit dem Adjektiv "widerlich". Wenigstens insoweit blieb das Dritte Reich in gewohnten Bahnen. "Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant", hatte Hoffmann von Fallersleben 1843 gereimt und damit die Polizeispitzel der Metternich-Zeit gemeint.

Sauerland hat seine Studie über die Blütezeit der Denunziation in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts durch einen Blick auf die ältere Geschichte ergänzt. Für das Abendland ist die Figur des Judas aus dem Evangelium der Denunziant par excellence geworden, jener Jünger, der Jesus für 30 Silberlinge verriet, entsprechend dem Psalmvers "Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, tritt mich mit Füßen." Ein Satz Jesu gegenüber dem Statthalter Pilatus, der doch für das Urteil die formelle Verantwortung trägt, drückt den traditionellen Abscheu vor Denunziation aus: "Der mich überantwortet hat, der hat größere Sünde."

Da wird leicht übersehen, dass im Neuen Testament noch an anderer Stelle von Denunziation die Rede ist. Ein Satz im Matthäusevangelium begründet die Pflicht, die Sünden einzelner Gläubiger zu offenbaren: Wolle der sündige Bruder auf Mahnungen nicht hören, "so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so sei er dir wie ein Heide und Zöllner." Der Kirchenvater Augustinus hat diese Sätze theologisch begründet: "Haltet Anzeigen nicht für lieblos; denn andernfalls seid ihr ja nicht frei von Schuld, wenn ihr eure Mitbrüder, die ihr durch Anzeigen bessern könnt, durch Stillschweigen zugrunde gehen lasst." In den Ordensregeln des Mittelalters wurde die Denunziationspflicht formalisiert: "Jede Sünde muss dem Vorgesetzten angezeigt werden." 

Im Idealfall sollte die Anzeige freilich eine Selbstanzeige sen, im Sakrament der Beichte geheiligt; die Kommunisten des 20. Jahrhunderts haben diese Praxis als öffentliche Selbstkritik, Selbstdenunziation, wenn man so will, säkularisiert. Als Ersatz bediente man sich der Anzeige durch andere.Um 1200 billigte es Papst Innozenz III., gegen Kleriker bloß aufgrund eines Gerüchts Disziplinarverfahren aufzunehmen; bis dahin war es nötig gewesen, dass ein Ankläger sich in die Öffentlichkeit wagte. Ähnlich wurde es im 14. Jahrhundert in Venedig und Florenz Brauch, anonyme Anzeigen nicht mehr zu ignorieren.
 
Das wird die Kehrseite eines Prozesses sein, in dem in den aufstrebenden Städten das Privatleben größeren Raum gewann. Gerade in dieser Zeit begannen geistliche wie weltliche Obrigkeiten damit, das Sexualleben ihrer Untertanen schärfer zu reglementieren: Alle Sexualpraktiken, die nicht der Fortpflanzung dienten, sollten unterbunden werden. Ohne Denunzianten war dabei natürlich nicht auszukommen. "Man kann sich vorstellen", schreibt Sauerland, "wie vergiftet die Atmosphäre war, wenn jeder jeden anonym anzeigen konnte". Andererseits: "Die Beachtung der anonymen Anzeige bedeutet eine Nivellierung sozialer Schranken. Es gab nicht mehr die Denunziationswürden (aufgrund hohen Ansehens, eines guten Leumunds etc.) und diejenigen, auf die aus diesen oder jenen Gründen nicht gehört wurde."

Martin Heidegger, Pinselzeichung
von Herbert Wetterauer
Bild: Wikipedia

Bemerkenswert aber, mit welcher Hartnäckigkeit sich jene Haltung durch die Jahrhunderte hindurch zieht, die Caesar einmal in die Worte gefasst haben soll "Ich liebe den Verrat, aber die Verräter kann ich nicht loben." So klagt eine Verordnung des Kurfürstentums Köln 1686, niemand wolle  in den Städten und Dörfern den Spitzeldienst übernehmen: Wenn die amtlich bestellten Denunzianten in der Gemeinde bekannt würden, hätten sie allerlei Drangsalierung zu befürchten. Mit der Französischen Revolution fand das Spitzelwesen keineswegs ein Ende, zunächst eher im Gegenteil: Es wurde zur patriotischen Pflicht, Konterrevolutionäre anzuzeigen.

In den modernen Demokratien ist diese Praxis weitgehend zurückgedrängt. Wenn jemand der Polizei, und sei es anonym, einen geplanten Mord anzeigt, wird vermutlich niemand von "Denunziation" sprechen. Aber es gibt Grenzfälle, wo wir uns vielleicht nicht so ganz sicher sind. 1998 ging die Meldung durch die Presse, das sächsische Finanzministerium habe ein Sondertelefon eingerichtet, wo jedermann Hinweise auf steuerliche Unregelmäßigkeiten abgeben konnte.

Zurück zur Blüte der Denunziation in den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts. Sauerland hat hier Unterschiede zwischen dem Nationalsozialismus einerseits, den kommunistischen Systemen andererseits herausgearbeitet. In den kommunistischen Parteien wurde ein System allseitiger Denunziation aufgebaut, jeder gegen jeden, das immer wieder zu massenhaften Ausschlüssen – "Reinigungen" – genutzt wurde; in der NSDAP, die niemals eine Partei der Beratungen war, gab es das nicht. Auf der anderen Seite konnten die kommunistischen Parteien in der breiten Bevölkerungen niemals auf eine derartige Denunziationsbereitschaft zählen wie die Nationalsozialisten. Die "Informellen Mitarbeiter", wie man das in der DDR nannte, mussten eigens angeworben werden.

Und zwar in einem sogenannten "Wälzungsprozess": Regelmäßig sollte ein Teil der Mitarbeiter ausgetauscht werden. Das diente, wie Sauerland feststellt, nicht bloß der Effizienzsteigerung, sondern sollte vor allem einen möglichst großen Teil der Bevölkerung in das System involvieren, also möglichst viele Menschen kompromittieren. Allem Anschein nach wurde die Mitarbeit im Sicherheitsapparat nämlich selbst intern niemals als etwas besonders Ehrenvolles angesehen. Für die politische Führung ein willkommener Effekt: Wollte jemand abspringen, konnte man damit drohen, seine Tätigkeit publik zu machen.

"Ich habe niemandem geschadet", lautet die stereotype Selbstrechtfertigung von Denunzianten heute. Nun ja, dieser Anschein liegt im Mechanismus der Denunziation; nach der Anzeige wird alles Weitere den zuständigen Organen überlassen. Der Wille zu schaden kommt in den Akten manchmal aber deutlich zum Ausdruck. Ein Fall aus der DDR-Geschichte: der Schriftsteller Hermann Kant alias IM "Martin". Kant versuchte, den Sicherheitsapparat zu nutzen, um unliebsame Kollegen mundtot zu machen. Noch ein prominentes Beispiel, 1949 schwärzte der Philosoph Ernst Bloch beim Minister für Volksbildung und Hochschulwesen einen Kollegen an: Bei seiner "eindeutig reaktionären politisch-weltanschaulichen Einstellung besteht im neuen Deutschland keinerlei sachliches Interesse an einer philosophischen Tätigkeit seinerseits".

Hermann Kant alias "IM Martin"
Bild: Rainer Mittelstädt/Wikipedia

Und gleich noch eine Parallele aus dem Dritten Reich, Martin Heidegger über den Philosophen Richard Hönigswald, der wegen seiner jüdischen Abstammung zwangsweise pensioniert werden sollte: "Hönigswald kommt aus der Schule des Neukantianismus, der eine Philosophie vertreten hat, die dem Liberalismus auf den Leib zugeschnitten ist ... Ich muss auch heute noch die Berufung dieses Mannes an die Universität München als einen Skandal bezeichnen. Heil Hitler!" Und – ein Fall in der Bundesrepublik Deutschland, den Sauerland nicht aufführt – Ende der 1950er Jahre hintertrieben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die Berufung von Golo Mann an die Universität Frankfurt unter anderem mit dem Argument, ein Homosexueller sei als Lehrer der akademischen Jugend nicht geeignet.

"Ich habe niemandem geschadet ..." Wie die Prozesse um die Tätigkeit der DDR-Staatssicherheit gezeigt haben, entzieht sich das Phänomen Denunziation weitgehend einer juristischen Einordnung, selbst dann, wenn die Anzeige zu langjährigen Zuchthausstrafen oder zum Tod geführt hat. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wollte es der Alliierte Kontrollrat zunächst anders. 1946 wurde jene Helene Schwärzel wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Rechtsstaatlich betrachtet, ein sehr fragwürdiges Urteil – die Frau hatte gegen kein zum Zeitpunkt der Tat geltendes Gesetz verstoßen. Es wurde vorausgesetzt, jeder Zeitgenosse hätte sich des Unrechtssystems bewusst sein können und hätte – mindestens durch Unterlassen – Widerstand leisten müssen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Karol Sauerland: Dreißig Silberlinge. Das Phänomen Denunziation,
Peter Lang, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-631-63503-2,
54,80 €


Mehr im Internet:
Denunziation - Wikipedia   
scienzz artikel Mechanismen der Politik



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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