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26.07.2012 - SPORT

Coubertin war nicht der erste

Zur Vorgeschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Pierre de Frédy, Baron de Cou-
bertin - Bild: Wikipedia

"Ich erkläre die Spiele der XXX. Olympiade für eröffnet", wird Queen Elizabeth am 27. Juli in London sagen, und über die Fernsehschirme werden mehr als eine Milliarde Menschen live dabei sein. Wann eigentlich fanden die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit statt? Dumme Frage, 1896 in Athen, wie alle Welt weiß; Jahre lang hatte der französische Pädagoge und Historiker Pierre de Coubertin daran gearbeitet, die Spiele der Antike wiederzubeleben.

Aber so ganz einfach und eindeutig ist es eben doch nicht. Coubertin war längst nicht der erste. 1612 bereits ließ der englische Gentleman Robert Dover auf der Wiese von Cotwold Hills in Gloustershire "Olimpick Games" abhalten. Geboten wurden unter anderem Wettspringen und Wettlaufen, Ringen und Boxen, Kegeln und Schach, ein Ballspiel sowie die für uns ziemlich ungewohnte Disziplin Schienbeintreten – man darf sich das wohl als Boxen mit den Füßen vorstellen.

Dovers Spiele gehörten in das politische Programm, mit dem König Jakob I. damals den, wenn man so will, kulturrevolutionären Eifer der Puritaner zu bremsen versuchte. Radikale Frömmler werden schon den Namen "olympisch" als Provokation empfunden haben. 393 nach Christus hatte der römische Kaiser Theodosius die antiken Spiele von Olympia verboten – für die christliche Kirche waren sie ein unerträgliches Überbleibsel des alten Heidentums. Nicht dass König Jakob sich vom Christentum hätte abwenden wollen; aber er trug keine Bedenken, sich auch auf Traditionen aus der heidnischen Antike zu beziehen. Kein Wunder, dass Dovers Spiele während der puritanischen Herrschaft Mitte des 17. Jahrhunderts ausfallen mussten. Ansonsten freilich hielten sie sich bis 1852. Und sie standen nicht allein. 1679 zum Beispiel hielt König Karl II. vor Tausenden von Zuschauern bei London "Hampton Court Olympic Games" ab.

Vielleicht, vermutet der Saarbrücker Historiker Wolfgang Behringer in seiner jetzt erschienen "Kulturgeschichte des Sports", war es Fürstin Luise von Anhalt-Dessau, die das Projekt "Olympische Spiele" von ihrer Englandreise auf den europäischen Kontinent brachte. Von 1776 bis 1799 wurde Jahr für Jahr bei Wörlitz der "Dessauer Pentathlon" abgehalten. "Es ist ein herrlicher Anblick, einen großen Teil der Landeskinder herbeiströmen und die olympischen Spiele gleichsam wieder aufleben zu lassen", heißt es ein einem zeitgenössischen Bericht.

Ob Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau und seine Gemahlin dabei auch militärische Ziele im Sinn hatten? In den USA schlug kurz nach der Unabhängigkeitserklärung 1776 William Henry Drayton, Mitglied des Kontinentalkongresses, vor, mit solchen Spielen die Kampfkraft der jungen Amerikaner zu stärken. Und 1790 brachte im revolutionären Frankreich der Philosoph Marquis de Condorcet das Projekt neuer Olympischer Spiele auf, die zugleich Sportwettbewerbe und Militärübungen sein sollten.

Titelblatt einer Publikation zu den
"Olimpick Games" von Robert Do-
ver, 1636 - Bild: Wikipedia

Es war in ganz Europa die Zeit der Antikenbegeisterung. 1755 hatte Johann Joachim Winckelmann mit seinen "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke" eine Revolution des künstlerischen Geschmacks eingeläutet; 1821 gab der Aufstand der Griechen gegen die türkische Herrschaft der Euphorie neuen Auftrieb: Man glaubte, im modernen Griechenland sozusagen eine Wiederauferstehung der Antike sehen zu dürfen.

Ein Missverständnis – während in Griechenland selbst die nationale Wiedergeburt sich viel eher auf das christliche Reich von Byzanz bezog, dachte man im westlichen Europa an die "klassische" Zeit vor dem Christentum. Und dabei nicht zuletzt an die Spiele von Olympia, denen der christliche Kaiser Theodosius das Ende bereitet hatte. In den Jahren um 1830 häuften sich die Initiativen, diese Spiele wieder zu beleben. In Schweden gründete der Politiker Graf Bogislaus von Schwerin einen "Olympischen Verein"; mehrmals wurden tatsächlich "Olympische Spiele" abgehalten, in Helsingborg erinnert daran heute noch der Stadtteil Olympia. Ähnliche Veranstaltungen gab es zum Beispiel auch im preußischen Posen und im kanadischen Montreal.

Und in München – das Königreich Bayern war besonders eng mit Griechenland verbunden, nachdem die griechische Nationalversammlung 1832 den Wittelsbacherprinzen Otto zum König ausgerufen hatte. Von 1832 bis 1850 trugen die sportlichen Veranstaltungen auf dem Münchner Oktoberfest den Namen "Olympische Spiele". Olympia auf der Theresienwiese ... Vielleicht weckten erst diese Münchner Spiele in Griechenland den Ehrgeiz, die antiken Spiele wiederzubeleben. 1856 unterbreitete der Kaufmann Evangelos Zappas König Otto den Vorschlag, alle vier Jahre neue "Olympien" abzuhalten.

Tatsächlich fanden zwischen 1859 und 1889 vier solcher Olympien statt – die Sportveranstaltungen wurden mit Landwirtschafts- und Industrieausstellungen, wissenschaftlichen Präsentationen und Theater kombiniert; der junge griechische Staat wollte seine Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten demonstrieren. 1896 war ein weiterer Termin geplant. Aber inzwischen war es Pierre de Coubertin gelungen, für sein Projekt internationaler "olympischer" Sportwettbewerbe Anhänger zu gewinnen.

Eigenem Eingeständnis zufolge hatte sich der französische Aristokrat durch die Archäologie inspirieren lassen: "Deutschland hat die Ruinen des alten Olympia ausgegraben, warum sollte nicht Frankreich den alten Glanz wiederherstellen?" Bereits 1829 hatte eine französische Expedition den Zeustempel von Olympia freigelegt; 1875 begann der deutsche Archäologe Ernst Curtius mit der systematischen Erforschung des Sportgeländes, das der europäischen Öffentlichkeit bis dahin nur durch den Reisebericht des antiken Schriftstellers Pausanias aus dem 2. Jahrhundert nach Christus bekannt gewesen war.

Medaille zu Evangelos Zappas "Olympien"
1875 - Bild: Wikipedia

Coubertin verfolgte freilich nicht nur "humanistische" Ziele. Im Hintergrund seiner Bemühungen stand die Niederlage Frankreichs gegen Preußen 1870/71 – diese Katastrophe durfte sich nicht wiederholen; die Leibesübungen sollten eben auch der militärischen Ertüchtigung dienen. Ähnlich hatte zwei Generationen zuvor der "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn in Preußens die Leibesübungen in den Dienst des Kampfes gegen Napoleon stellen wollen. Coubertin war überzeugt, die Weltmachtstellung des British Empire sei in der Hauptsache auf die Sporterziehung in den englischen Schulen zurückzuführen.

Und tatsächlich wäre Coubertin auch beinahe ein Engländer zuvor gekommen. Seit 1859 hielt der Arzt William Penny Brookes in seinem Heimatort Much Wenlock an der Grenze zu Wales "Wenlock Olympian Games" ab; zum Programm gehörten neben den "klassischen" Disziplinen auch Sackhüpfen und Schubkarrenfahren. 1861 wurde unter Mitwirkung von Brookes in London eine "National Olympian Association" gegründet. Für 1881 plante Brookes ein "Internationales Olympisches Festival" in Athen. Aber der Plan zerschlug sich. Als 1894 in Paris endlich der Gründungskongress des Internationalen Olympischen Komitees zustande kam, konnte Brookes wegen Altersschwäche nicht teilnehmen. Coubertin hat seine Vorarbeit anerkannt: "Wenn die Olympischen Spiele, die das moderne Griechenland noch nicht wiederbeleben konnte, weiterleben, dann ist dies keinem Griechen zu verdanken, sondern William Penny Brookes."

Der Kongress von 1894, stellt Behringer fest, war recht einseitig nach Coubertins nationalen Präferenzen besetzt; zwei Drittel der Delegierten stammten aus Frankreich. Und in der Zusammensetzung des ersten IOC bildete sich ebenso einseitig Coubertins soziales "Netzwerk" ab; fünf der fünfzehn Mitglieder gehörten dem europäischen Hochadel an. Verbissen verteidigte Coubertin seine Idee, mindestens diese ersten Spiele in Paris stattfinden zu lassen, beugte sich dann aber doch dem Argument, mit dem Austragungsort Athen werde die Anknüpfung an die antike Tradition besser versinnbildlicht. Zum Glück war in Athen ein antikes Stadion halbwegs gut erhalten. Für die neuen Spiele wurde es wiederhergerichtet.

Das Konzept der Nationalmannschaften spielte in Athen noch keine Rolle; alle traten als Einzelkämpfer an. Sonst hätten Sportler aus dem Deutschen Kaiserreich auch gar nicht teilnehmen können; denn in Deutschland fühlte man sich brüskiert: Coubertin hatte zu dem Pariser Kongress von vornherein keine Vertreter aus Deutschland eingeladen. So galt das Projekt in Deutschland nicht als international, sondern als französisch-griechische Kooperation, der deutsche Turnerbund wollte seinen Mitgliedern eine Teilnahme untersagen.

Coubertin selbst war bei diesen, bei "seinen" Spielen übrigens nur als "Journalist" präsent. Das griechische Nationale Olympische Komitee unter Kronprinz Konstantin hatte die Organisation in eigene Hände genommen. Vier Jahre später wurde Coubertins Traum von Olympischen Spielen in Paris dann doch noch Wirklichkeit. Zu seinem Ärger fanden sie jedoch als eine Art Beiprogramm zur Weltausstellung statt. Unter den Disziplinen fanden sich so nützliche Dinge wie Lebensrettung und Feuerbekämpfung; in diesen Sportarten durften sogar Profis antreten – für Coubertin zweifellos ein Ärgernis. Und noch etwas erregte seinen Unwillen: In Paris erhielt nun auch de Frauensport olympischen Rang; von den 1637 Athleten waren 20 Frauen.

Eröffnungsfeier der I. Olympischen Spiele
der Neuzeit 1896, Athen - Bild: Wikipedia

Niemals seit der Antike sei der Sport so "verehrt" worden wie in diesem Jahr, schrieb nach den Pariser Spielen ein Journalist in der Zeitschrift "L’Auto-Vélo", "niemals hat er solche Menschenmengen zusammen geführt ... Sport ist definitiv zu einer neuen Religion geworden". So wird es auch Coubertin empfunden haben – "seine" Spiele sollten ebenso feierlich ablaufen, wie er sich die Olympischen Spiele der Antike vorstellte. So entstanden die olympische Fahne mit den fünf Ringen und das Zeremoniell mit dem prozessionsartigen Einzug ins Stadion und den Siegerehrungen. 1936 wurde als Vorspiel der Fackellauf rund um die Welt, ausgehend vom griechischen Olympia, hinzugefügt.

Unnötig zu sagen, dass solches Zeremoniell ganz nebenbei auch den Ideologien aller Richtungen ihre Bühne geboten hat. Und natürlich sind die Spiele zu einem gigantischen Wirtschaftsfaktor geworden. "The greatest show on earth", nannten sie die Sporthistoriker Kevin B. Wamsley und Kevin Young. Dabei hatte es 1896, bei den ersten "wirklichen” Olympischen Spielen der Neuzeit, doch so beschaulich angefangen. Manche der Sieger damals, erzählt Behringer in seiner "Kulturgeschichte des Sports", kamen zu ihrer Medaille wie die Jungfrau zum Kinde. Der eine oder andere sportbegeisterte Student oder Botschaftsangehörige, der sich zufällig in Athen aufhielt, nahm ganz spontan an den Wettbewerben teil. Goldmedaillen gab es noch nicht, sie wurden erst 1904 in St. Louis eingeführt; die Sieger erhielten eine Silbermedaille und, nach antikem Vorbild, einen Olivenzweig.


Neu auf dem Büchermarkt:
Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Sport. Vom antiken Olympia bis zur Gegenwart,
Verlag C. H. Beck, München 2012, ISBN 978 3 406 63205 1, 24,95 €



Mehr im Internet:
Olympische Spiele - Wikipedia 
scienzz artikel Sport


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

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